12.02.2019
Kategorie: MM Zielgruppe, PG ETHIK
Insa Lüdtke

Das letzte Bild - Fotografie und Tod

Zu Besuch in der Ausstellung im C/O Berlin Ausstellungshaus für Fotografie

 

Leben und sterben, lieben und loslassen – Bilder, Filme, Bücher oder Musik, die sich mit dem Tod beschäftigen, rühren an unseren größten Ängsten angesichts der Endlichkeit des Seins und der eigenen Vergänglichkeit. Die Fotografie ist nicht das erste Medium, das eingesetzt wurde, um den Tod zu bannen, ihn abzuwehren und auszuhalten. Aber kein anderes Medium hat seit seiner Erfindung um 1839 eine vergleichbare Auseinandersetzung in solcher Vielfalt an Anwendungen, Bildstrategien und Techniken hervorgebracht. Viele davon haben mit den spezifischen Eigenschaften der Fotografie zu tun: Einerseits wird ihr zugeschrieben, dass sie einen Schnitt durch Raum und Zeit lege und einen Moment festhalte, zum anderen werden die Bilder als unmittelbare Abbilder der Wirklichkeit wahrgenommen. Fotografen zeigen einerseits die Dramen des Tötens, des Sterbens und des Todes in solch einer Intensität und Vielschichtigkeit, dass die Toten noch zu leben scheinen. Und manche der Bilder sind so eindringlich, dass wir unserer eigenen Sterblichkeit ins Auge schauen.


Für medizinische oder forensische Zwecke werden jedoch distanzierte und leidenschaftslose Dokumente produziert, in denen der tote Körper nunmehr als ein Ding anmutet. Umgekehrt setzen sie auch Artefakte als Allegorien des Todes in den Fokus, in denen vom Tod selbst nichts zu sehen ist oder fast unerträglich viel wie etwa das Foto „Junior Suite“. Man sieht einen gedeckten Tisch, an dem Whitney Houston in einem Hotel in L. A. zuletzt zu Abend aß, bevor sie starb – basierend auf einem Pressefoto hat es der Fotokünstler Thomas Demand aus Papier nachgebaut und fotografiert. So zeigt die Schau auch die Installation eines in seine Einzelteile zerlegten Fiat 500 sowie deren fotografische Dokumentation. Der Vater des Künstlers Erik Kessels erlitt 2014 einen Schlaganfall – vorher war er sehr aktiv etwa im Restaurieren von alten Autos. Der Sohn hat sich schließlich im Rahmen seines Werkes „Unfinished Father“ um Restauration und Dokumentation eines alten Fiat 500 gekümmert. Genau darum geht es ihm: Dass das Leben mit dem Tod oftmals nicht als „Happy End“ und nicht geordnet oder abgeschlossen ist, sondern meist ganz abrupt endet. Kessels Arbeit zeigt auch, dass der Mensch selbst, der verstorben ist, für seine Hinterbliebenen kaum ein ganzes Bild abgibt, sondern so manche Leerstelle hinterlässt.

 

Die Ausstellung, kuratiert von Felix Hoffmann, Hauptkurator vom C/O Berlin, präsentiert mit über 400 Exponaten ein in Umfang und Vielfalt bislang noch nie dagewesenes Spektrum an fotografischen Bildern vom Tod, die von den Anfängen der Fotografie bis in die Gegenwart reichen. Erstmalig werden einer großen Auswahl an künstlerischen Arbeiten eine Vielzahl von Beispielen aus der privaten, journalistischen, wissenschaftlichen Fotografie sowie der Studiofotografie gegenübergestellt. In der Ausstellung werden Arbeiten gezeigt von Christian Boltanski, Bertolt Brecht, Broomberg/Chanarin, Larry Clark, Tacita Dean, Thomas Demand, Hans-Peter Feld- mann, Jochen Gerz, Nan Goldin, Douglas Gordon, Peter Hendricks, Thomas Hirschhorn, Damien Hirst, Peter Hujar, Spring Hurlbut, Erik Kessels, Adolf Laazi, Brigitte Maria Mayer/Heiner Müller, Arwed Messmer, Duane Michals, Lee Miller, Mark Morrisroe, Nadar, Arnold Odermatt, Arnulf Rainer, Timm Rautert, Dirk Reinartz, Gerhard Richter, Walter Schels/Beate Lakotta, Andres Serrano, Andy Warhol und Weegee. Vielleicht liegt in dieser Bilderflut und der Vielzahl der unterschiedlichen Perspektiven auf den Tod („Sterben“, „Töten“, „Überleben“) aber auch eine grundsätzliche Überforderung. Sicherlich ist der Tod für den Menschen das große Thema – gerade hierfür hätte man sich vielleicht mehr Reduktion, Ruhe und Raum im Sinne von Leerstellen gewünscht.

 

Die Schau läuft noch verlängert bis zum 09. März 2019. Zur Ausstellung finden im Rahmen des Begleitprogramms verschiedene Podiumsgespräche statt, und es erscheint eine Publikation mit Texten von Aleida und Jan Assmann, Hartmut Böhme, Ole Frahm, Felix Hoffmann, Georges Didi-Huberman, Linda Hent- schel, Thomas Macho, Christoph Ribbat, Katharina Sykora und Friedrich Tietjen bei Spector Books, Leipzig.

 

FOTOCREDITS: Thomas Demand, Junior Suite, 2012 . C-Print, Diasec © Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bonn 2018


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