CareTRIALOG: Sven Voss, Sportmoderator: „Für mich gibt es den Satz nicht: Das ist so, und das bleibt so!“
25.01.2018
Kategorie: MM Zielgruppe, PA Interviews, WP Bewegung, PG Gesellschaft
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Sven Voss, Sportmoderator: „Für mich gibt es den Satz nicht: Das ist so, und das bleibt so!“

Die neue Doku-Reihe „Nicht zu stoppen“ begleitet sechs jugendliche Topathleten verschiedener sportlicher Disziplinen auf dem Weg zu ihrem großen gemeinsamen Traum: die Teilnahme an den Paralympischen Spielen 2020. Beachvolleyball-Olympiasieger Julius Brink gibt den Jugendlichen Tipps für ihr persönliches Weiterkommen, ZDF-Sportmoderator Sven Voss coacht sie in Sachen Kommunikation und Selbstpräsentation. Einen überraschenden Gastauftritt hat außerdem Basketballsuperstar Dirk Nowitzki.


Diese sechs Athleten sind "Nicht zu stoppen": hinten von links nach rechts: Adam (Schwimmen), Leonie (Leichtathletik), Veronika (Ski Alpin) vorne von links nach rechts: Alexander (Basketball), Daniel (Judo), Sven Voss (ZDF Sportmoderator), Nalani (Tennis)

Im KiKA-Fernsehen ist die Serie am Montag, den 22. Januar 2018 gestartet.

Der CareTRIALOG sprach mit Sven Voss über seine Erfahrungen während der Zusammenarbeit mit den jugendlichen Sportlern, über Behinderung im Sport allgemein und die Bedeutung von Inklusion.

 

Wie wichtig ist Sport aus Ihrer Sicht für die Selbstständigkeit der Jugendlichen und ihre Entwicklung?

Sven Voss: Was mir während der Arbeit mit den Sportlerinnen und Sportlern sofort auffiel: Die sechs Jugendlichen traten als sehr selbstbewusste Menschen auf, die sowohl im Umgang untereinander als auch mit anderen Personen ihre ganz unterschiedlich gearteten Behinderungen nicht in den Mittelpunkt gestellt haben. Zudem wollten sie zuallererst nicht als Menschen mit Behinderung wahrgenommen werden, sondern als Sportler mit ganz bestimmten Zielen; als Sportler, die ihre Leistungen einschätzen können und daran arbeiten, sich stetig zu steigern, um voranzukommen. Da spürte ich, dass sie in Bezug auf ihre Denkweise allesamt bereits Profis sind. Täglich nehmen sie ihre Körper so, wie sie sind und kämpfen, um besser zu werden. Es braucht dieses Selbstbewusstsein bzw. Selbstverstrauen, um einem persönlichen Ziel näherzukommen, und dabei ist der Sport sicher auch eine Triebfeder.

 

Wie schätzen Sie die Wahrnehmung behinderter Sportler in unserer Gesellschaft ein?

Sven Voss: Aus meiner Beobachtung heraus, hat sich in den letzten zehn Jahren hier sehr viel getan. 2006 war ich für das ZDF zum ersten Mal bei den Winter-Paralympics in Turin dabei und hatte vorher mit dem Thema „Sport & Behinderung“ nicht wirklich etwas zu tun. Während der Vorbereitungen und später vor Ort in Turin war ich dann von den Athleten und Leistungen sehr beeindruckt. Ich stellte mir damals die Frage, warum das in unserer Gesellschaft (noch) nicht so wahrgenommen wird – weder im TV, noch bei den Wettkämpfen selbst. Mein damaliger Eindruck war, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben, und ich war dankbar, dass ich die Paralympics begleiten durfte.

Betrachte ich die heutige Situation, schließt sich der Kreis, da wir mittlerweile viele, viele Stunden live übertragen. So beispielsweise auch wieder bei den kommenden Paralympics in Südkorea. Es ist kein Vergleich mehr zu 2006, da hat sich unglaublich viel getan. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es immer noch nicht Dasselbe ist, wenn ein Sportler mit einem amputierten Unterschenkel auf seinem Mono-Ski den Berg hinunterfährt, oder ob das ein Felix Neureuther ist, der mit zwei gesunden Beinen Höchstleistungen bringt. Und das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben. 

Wichtig wäre mir daher, dass man sich der Sportarten und Sportler bzw. der Menschen annimmt. Es ist beeindruckend und manchmal schier unglaublich, was die behinderten Sportler auf ihrem Niveau imstande sind, zu leisten.

 

Müssen Sportler mit Behinderung mehr kämpfen?

Sven Voss: Ja, denn sie kämpfen täglich dagegen an, nicht als Menschen mit Behinderung abgestempelt zu werden, die vermeintlich weniger erreichen können, als Menschen ohne Einschränkungen. Dabei ist das so nicht richtig. Ich denke zum Beispiel an Alexander, den Basketballer im Rollstuhl, aus „Nicht zu stoppen“. Würde man als nicht-behinderter Mensch gegen ihn im Rollstuhl – und damit auf Augenhöhe/auf einer Ebene – antreten, hätte man absolut keine Chance. Denn aufgrund seiner Spezialisierung wegen seiner Einschränkung besitzt Alex ganz ausgeprägte Fähigkeiten, die ich als „normaler Fußgänger“ nicht habe. Ich spiele selbst Basketball, aber würde ich im Rollstuhl gegen Alex spielen, ich hätte keinerlei Aussicht auf Erfolg, mit ihm mitzuhalten.

Also, ja, die Sportler mit Behinderung müssen mehr kämpfen. Aber vor allem um Aufmerksamkeit und die Anerkennung! Dass sie das Maximum aus ihrem Sport herausholen ist das eine. Aber das reicht nicht, um den Menschen zu beweisen, dass sie zum Teil in ihrer Sportart besser sind, als Menschen ohne Behinderung. Das ist noch ein sehr langer Weg, den jeder individuell gehen muss. Klar, es gibt eine paralympische Bewegung, und die sechs Protagonisten aus der Doku-Reihe sind mustergültig auf ihrem Weg zum Ziel, in der Außenwirkung und damit als Vorbilder für andere Sportler mit Behinderung. Aber es ist auch immer ein individueller Kampf eines jeden Einzelnen, andere Menschen in diesem Sinne zu überzeugen: „Wow, ich hätte niemals gedacht, dass du das schaffst! Das ist wirklich außerordentlich!“

 

Was hat Sie an den jugendlichen Sportlern am meisten beeindruckt/berührt?

Sven Voss: Oh ja. Und zwar im Zuge meines Coachings der Jungs und Mädels. Wir wollten trainieren, wie man Interviewsituationen gut meistert. Zwei der sechs Sportler sind auf einen Rollstuhl angewiesen. So gab ich den betroffenen Jugendlichen, Alex (Basketball) und Nalani (Tennis), an die Hand, dass sie ruhig genügend Selbstvertrauen haben können, um einen Reporter zu bitten, auf einem Level (zum Beispiel ebenfalls sitzend) mit ihnen zu sprechen. Es sollte nicht sein, dass ein Reporter das Mikro sozusagen von oben nach unten reicht. Ich war sehr berührt, wie dankbar die Jungs und Mädels für diese kleinen, praktischen Tipps waren und sie für sich annahmen. Es war schön und für mich ein echter Klick-Moment, den Jugendlichen mitzugeben: „Habt ruhig genügend Selbstvertrauen, Dinge, die euch auffallen, die ihr anders haben wollt – auch über das Sportlerleben hinaus – anzusprechen und einzufordern, denn ihr seid es, um die es geht!“

Es war eine tolle Sache, sich einfach ganz normal mit jedem einzelnen der jugendlichen Sportler auszutauschen – über die verschiedenen Sportarten und ganz persönlichen Ziele. Genauso und völlig selbstverständlich, wie man es mit anderen Profisportlern tut.

 

Gibt es etwas, was Sie für sich ganz persönlich aus den Begegnungen „gelernt“ haben?

Sven Voss: Es gibt nicht den Satz: Das ist so, und das bleibt so! Auch, wenn es sich ein bisschen nach einer Binsenweisheit anhört, aber man darf sich mit bestimmten Dingen nicht abfinden. Wir alle kennen solche Situationen aus eigener Erfahrung. Der eine sagt: „Ich konnte noch nie frei vor anderen Menschen sprechen.“ Der andere hadert mit: „Ich konnte noch nie besonders schnell laufen.“ Bei den behinderten Kindern und Jugendlichen gibt es diese Grenzen nicht, darf es diese Grenzen nicht geben. Denn sie setzen sich täglich über so vieles hinweg. Nehmen wir Nalani, unsere Tennisspielerin im Rollstuhl. Wir neigen schnell dazu zu bewerten, dass Tennisspielen ohne gesunde Beine doch gar nicht möglich sei. Die jugendlichen Sportler beweisen 1000 Mal am Tag das Gegenteil. Das hat mich sehr beeindruckt. Und aus diesem Grund haben für mich – spätestens nach der Begegnung mit den behinderten Jugendlichen – die Aussagen „Das geht nicht, das ist so, das bleibt so.“ keine Bedeutung mehr.

 

Inwiefern verbindet Sport behinderte und nicht-behinderte Sportler?

Sven Voss: Es ist völlig unerheblich, ob wir von behinderten oder nicht-behinderten Sportlern reden. Sport ist immer eine Brücke zwischen Menschen und hat immer auch eine Vorbildfunktion. Denn jeder kann etwas aus seinem Körper machen und bekommt dadurch Anerkennung. Sport bietet die Möglichkeit, sich Ziele zu setzen, sich mit anderen zu messen, sich selbst besser einzuschätzen, an sich zu arbeiten und sich stetig zu verbessern. Dahingehend sind Sportler Leitfiguren, die andere Menschen/andere Sportler nachhaltig motivieren können.

 

Was halten Sie eigentlich vom Begriff Inklusion? Hat dies für Sie eine echte Bedeutung oder ist dies nur ein „Wünsch-dir-was“ von Weltverbesserern?

Sven Voss: Erstmal bedeutet Inklusion die Motivation der Politik bzw. der Gesellschaft hier etwas zu tun, sodass Kinder, Jugendliche, Erwachsene mit Behinderung ganz selbstverständlich den Kindergarten, die Schule, die Uni, den Ausbildungsplatz gemeinsam mit Nichtbehinderten besuchen können. Es wird trotzdem nie Dasselbe sein. Denn ein Kind im Rollstuhl in einer Schulklasse ist eben anders, als ein Kind ohne Rollstuhl. Doch die Wahrnehmung ist heute eine andere als zu meiner Schulzeit. Meine Tochter geht ins vierte Schuljahr. Gemeinsam mit ihr besucht ein Mädchen mit einer Behinderung am Arm die Klasse. Durch die Behinderung fällt ihr das Schreiben schwerer, und sie kann nicht am Sportunterricht teilnehmen. Trotz allem ist sie dabei, und sie ist ein ganz normaler Teil der Klasse. Das war in meiner eigenen Kindheit auf dem Land noch eine andere Geschichte. Damals bedeutete eine Behinderung gleichzeitig auch eine Art von „Ausgesetzt-sein“. Heute leben Behinderte und Nicht-Behinderte mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit zusammen. Der Begriff Inklusion klingt manchmal vielleicht etwas gewollt und nach: „Nun vertragt euch doch mal. Nun seid doch mal gleich!“ Daher hoffe ich, dass man diesen Begriff irgendwann gar nicht mehr gebrauchen muss, da gelebte Inklusion alltäglich und üblich geworden ist.

 

Was können Sie persönlich den behinderten Sportlern mit auf den Weg geben? Was ist Ihnen hier besonders wichtig?

Sven Voss: Es ist besonders wichtig, dass sich die behinderten, jugendlichen Sportler nicht mit nicht-behinderten Sportlern vergleichen. Es ist einfach ungerecht, einem laufbehinderten Sportler vorzuhalten, dass Usain Bolt die 100 Meter unter zehn Sekunden läuft und er höchstwahrscheinlich nie dorthin gelangen wird. Denn es bedeutet nicht, dass die Leistungen der Kinder und Jugendlichen auf ihrem Niveau und in ihrer jeweiligen Sportart nicht genauso herausragend sind, wie von einem nicht-behinderten Topathleten. Es ist eine Bewusstseinssache. Die behinderten Sportler müssen sich immer wieder daran erinnern, dass ihr Sport und ihre Leistungen außergewöhnlich sind. Ein gerechter Vergleich und sportliches Messen funktioniert nur, wenn die Voraussetzungen identisch bzw. ähnlich sind

 

Herzlichen Dank für das angenehme Gespräch!

 

Foto: © ZDF/Tom Trambow 

 


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