06.02.2018
Kategorie: MM Zielgruppe, PA Interviews, PG Gesellschaft
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Segler Heiko Kröger: „Außerhalb des Segelsports ist das Thema Inklusion noch lange nicht in den Köpfen der Bevölkerung angekommen.“

Heiko Kröger, geboren 1966 in Waldbröl, gelernter Diplom-Kaufmann und im Sportmarketing und der Beratung aktiv, ist seit Kindertagen ein passionierter Parasegler, der in seiner Profi-Seglerlaufbahn schon sehr viele nationale und internationale Erfolge bei Weltmeisterschaften und den Paralympischen Spielen für sich verbuchen konnte.

Zudem gilt sein Engagement Inklusionsprojekten im Segelsport.

 

Zum Thema „Segeln und Inklusion“ gab Herr Kröger dem CareTRIALOG spannende Einblicke.


Sie haben in Ihrer Karriere seit 1998 unter anderem 10 WM-Titel im ParaSailing-Bereich gewonnen. Wie sind Sie zum Segeln gekommen und was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?

Heiko Kröger: Ich bin als Kind mit meinen Eltern auf dem Biggesee im Sauerland mitgesegelt. Mit sieben Jahren bin ich dann zum ersten Mal allein im Optimist (Kinderjolle) gesegelt. Mit 13 Jahren bin ich in die Laser-Jolle umgestiegen, die bis heute noch eine olympische Bootsklasse ist. Im Laser konnte ich meine ersten Regattaerfolge ersegeln. Das war etwas ungewöhnlich, da das Boot sehr physisch ist und eigentlich zwei Hände nötig sind, um es zu beherrschen. (Anm. d. Red.: Herrn Kröger fehlt der linke Unterarm.) Ich konnte aber bis in die Top 20 der europäischen Segler aufsteigen.


Wie hat der Segelsport ihr Leben geprägt?

Heiko Kröger: In meinem Leben hat der bis heute eine große Rolle gespielt. Ich bin an Wochenenden und in den Ferien fast immer auf dem Wasser gewesen, bin zum Studium und Segeln nach Kiel gezogen und war bis ins letzte Jahr Halbprofi im Segelsport. Darüber hinaus habe ich in den letzten acht Jahren Inklusionsprojekte im Segelsport als Projektleiter initiiert und begleitet.


Was fasziniert Sie am Segelsport besonders?

Heiko Kröger: Das Gefühl, auf dem Wasser zu sein, ist allein schon besonders. Regattasegeln ist einer der komplexesten Sportarten überhaupt. Es kommt auf Bootsbeherrschung, körperliche Fitness, mentale Stärke, Technik, Technologie, Taktik und Strategie an. Das bedeutet, dass man auch nach Jahrzehnten immer wieder Neues lernt und umsetzen muss, um vorne zu sein. Darüber hinaus, ist das Miteinander unter der Segelgemeinde sehr besonders.


Im Jahr 2001 wurden Sie Weltmeister Over-all. Dies bedeutet, dass Sie auf einer Regattabahn, bei der Behinderte und Nichtbehinderte miteinander konkurrierten, den Weltmeistertitel gewannen. Ist Segeln eine Sportart, in der Inklusion gut funktioniert? Und warum?

Heiko Kröger: Segeln ist wahrscheinlich die inklusivste Sportart überhaupt. In meiner Bootsklasse spielt die körperliche Voraussetzung keine Rolle. Das heißt auch Segler mit schweren Behinderungen, können chancengleich auf Augenhöhe gegen Segler ohne Behinderungen antreten. Darüber hinaus starten wir auch bei internationalen Großevents, wie der Kieler Woche, in gemischten inklusiven Wettfahrten. Segler mit Behinderungen bekommen keine Vergütung! Das ist in keiner anderen Sportart der Fall. Es wäre undenkbar, dass ein Tennisspieler mit Behinderung bei einem Grand-Slam-Turnier überhaupt starten könnte, und selbst wenn, könnte er nie gewinnen.


Was halten Sie eigentlich vom Begriff Inklusion? Hat dies für Sie eine echte Bedeutung oder ist dies nur ein ‚wünsch dir was‘ von Weltverbesserern?

Heiko Kröger: Im Segelsport wird die Inklusion seit über 20 Jahren gelebt (siehe meine vorhergehende Antwort), aber eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen ist in den Köpfen der Segler trotzdem mehr wert, als eine paralympische.
Außerhalb des Segelsports ist das Thema Inklusion noch lange nicht in den Köpfen der Bevölkerung angekommen. Die „Gesagt-Getan-Rate“ ist immer noch unterirdisch.


Seit 2017 ist Segeln nicht mehr paralympisch. Warum ist es dazu aus Ihrer Sicht gekommen?

Heiko Kröger: Das IPC schreibt eine Mindestzahl von Nationen vor, die den Sport intensiv betreiben. Der Segelsport hatte statt der geforderten 32 nur 27 Nationen vorzuweisen. Obwohl Segeln der inklusivste Sport ist, wurde er aus dem Programm geworfen. Quantität vor Qualität.


Der Segelsport hat sich in den letzten Jahren im wahrsten Sinne des Wortes ‚rasant‘ entwickelt. Immer schnellere Boote bestimmen die Wettbewerbe. Was ist für Sie dabei die wichtigste Entwicklung? Trennt oder verbindet dies behinderte und nicht-behinderte Sportler in der Zukunft?

Heiko Kröger: Bestimmte Bootsklassen werden in der Tat immer schneller und radikaler. Die wohl spannendste Entwicklung, ist das Segeln/Fliegen auf Tragflächen, den sogenannten Foils. Diese Entwicklung muss nicht zwangsläufig dazu führen, dass Segler mit Behinderungen solche Boote nicht oder nur eingeschränkt segeln können. Da die Bandbreite der Bootsklassen immer noch sehr hoch ist und wohl auch bleibt, wird es immer Möglichkeiten geben.


Sie bleiben dem Segeln weiterhin treu. Was sind Ihre nächsten Ziele?

Heiko Kröger: In der Tat ist der Segelsport ein wichtiger Teil meines Lebens, und ich werde auch weiterhin an nationalen und internationalen Regatten und Meisterschaften teilnehmen. Der Radius ist nur etwas geringer geworden, da für internationale Events das Budget fehlt. 

 

Herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen!

 

Foto: © CC BY-SA 2.0 DE/mef-presseservice/Manfred E. Fritsche


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