01.11.2013
Kategorie: MM Demografie, PG Ministerien, PG Gesellschaft, CK Führung
Carolina Heske

Studie „Produktiv im Alter“ fordert von Politik und Unternehmen bessere Rahmenbedingungen für die Erwerbstätigkeit im Alter

Eine gemeinsame Studie des Berlin-Instituts, der Körber-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung beleuchtet, wie sich die Erwerbstätigkeit unter älteren Menschen erhöhen lässt. „Produktiv im Alter“ – so der Titel der Publikation – wurde diese Woche in der Hauptstadt vorgestellt und beinhaltet wichtige Nachrichten zum Thema Arbeitsmarkt für die laufenden Koalitionsverhandlungen. Zu den Hauptforderungen der Studie, die sich u.a. am europäischen Ausland orientiert, gehören: Politik und Unternehmen müssen bessere Rahmenbedingungen für eine höhere Erwerbstätigkeit Älterer schaffen, und das Renteneintrittsalter sollte künftig an die Entwicklung der Lebenserwartung angepasst werden.


Der demografische Wandel wird in den kommenden Jahren überproportional die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter betreffen. Dies hat Folgen für unseren Wohlstand und unsere Sozialsysteme. Denn weil die Zahl der Arbeitskräfte schneller zurückgeht als die der Gesamtbevölkerung, würde bei gleicher Leistung der Erwerbstätigen weniger für jeden Einzelnen übrig bleiben – und die Sozialkassen würden stärker belastet.

Richtigerweise verfolgt die deutsche Politik seit geraumer Zeit verschiedene Anpassungsstrategien, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Eine davon besteht darin, ältere Menschen stärker als bislang in das Erwerbsleben einzubinden. Dazu gehören einerseits die Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters und andererseits Anreize für Menschen im höheren Erwerbsalter, die in der Vergangenheit relativ selten eine Beschäftigung gesucht haben. Erste Erfolge dieser Politik haben sich bereits eingestellt. So ist die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen zwischen 2002 und 2012 von 38,6 auf 61,5 Prozent gestiegen – vor allem den Frauen sei Dank. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit im vorderen Mittelfeld. In anderen Bereichen bleibt Deutschland dagegen weiter zurück. So arbeiten hochqualifizierte Ältere deutlich häufiger als Menschen mit geringer Qualifikation, zudem sind die Chancen auf Wiederbeschäftigung für ältere Arbeitslose eher gering.

Abstand zur Spitzengruppe trotz Aufholjagd

In Deutschland sind knapp 62 Prozent der 55- bis 64-Jährigen beschäftigt. Seit 2002 ist die Erwerbstätigenquote in dieser Altersgruppe deutlich – um rund 59 Prozent – gestiegen. Unter den OECD-Ländern hat lediglich die Slowakei mit 88 Prozent einen stärkeren Zuwachs erfahren, allerdings ausgehend von der niedrigsten Quote im Jahr 2002 (23 Prozent). Deutlich häufiger als in Deutschland gehen Ältere etwa in Island, Schweden und Norwegen einer Beschäftigung nach.

Was kann die Politik beitragen?

Die Erwerbstätigkeit älterer Menschen weiter zu erhöhen, ist zwar eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eine besonders wichtige Rolle fällt jedoch der Politik zu. Und zwar insbesondere während der laufenden Koalitionsverhandlungen, in denen die Weichen für eine längerfristige Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik gestellt werden. Die Politik kann die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass mehr Ältere dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, und dass die Betriebe die Arbeitskraft der Älteren stärker nachfragen.

Um Ersteres zu erreichen, sollte der Staat vor allem die verbleibenden Anreize zur Frühverrentung tilgen und darüber hinaus an der Rente mit 67 festhalten. Langfristig sollten sich weitere Steigerungen bei der Lebenserwartung 65-Jähriger automatisch in einem höheren Renteneintrittsalter niederschlagen. Um das Verhältnis von Erwerbsleben zu Ruhestand konstant bei 2 zu 1 zu halten, bietet es sich an, von jedem zusätzlich gewonnenen Lebensjahr acht Monate dem Berufsleben zuzuteilen und vier Monate der Ruhestandsphase.

Eine höhere Zahl an älteren Arbeitskräften ließe sich auch erreichen, indem flexible Möglichkeiten des Übergangs in den Ruhestand ausgebaut werden. So könnte die Politik mit den richtigen Anreizen dazu beitragen, dass mehr Ältere ihren Wunsch nach einem schrittweisen Austritt aus dem Berufsleben in die Tat umsetzen und dem Arbeitsmarkt als Teilzeitkräfte länger erhalten bleiben. Hierzu sollte sie vor allem das bislang wenig genutzte Instrument der Teilrente attraktiver gestalten. Gerade die starren Hinzuverdienstgrenzen sollten gelockert werden.

Wie aber ließe sich die Nachfrage nach älteren Arbeitskräften steigern? Hierzu bietet es sich einerseits an, mit Info-Kampagnen dem in den meisten Fällen unbegründeten Vorurteil entgegenzuwirken, dass Ältere weniger leistungsfähig sind. Allein mit Aufklärungsarbeit wird sich die gerade unter Älteren verbreitete Langzeitarbeitslosigkeit aber nicht bekämpfen lassen. Hier ist die aktive Arbeitsmarktpolitik gefragt. Sie verfügt in Deutschland über einige vielversprechende Instrumente, um Arbeitslosen den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu erleichtern. So können befristete Lohnsubventionen den Wiedereinstieg ins Berufsleben fördern, indem sie es Arbeitgebern ermöglichen, bei vergleichsweise geringem Risiko neue Arbeitskräfte einzustellen. Auch Weiterbildungsmaßnahmen können Erfolg zeigen, wenn sie berufs- und praxisnah gestaltet werden.

Weiterbildung sollte nach Möglichkeit allerdings nicht erst geschehen, wenn Personen arbeitslos geworden sind. Vielmehr müssen Beschäftigte sich im Sinne des lebenslangen Lernens kontinuierlich fort- und weiterbilden. Dies kann der Staat über finanzielle Anreize unterstützen, die speziell jene Gruppen ansprechen, die bislang selten an Weiterbildung teilnehmen. Hierzu zählen vor allem Geringqualifizierte und Beschäftigte in Kleinunternehmen.

Um die Chancen Älterer auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, sollte der Staat einerseits die Wiedereingliederung Arbeitsloser erleichtern, andererseits aber auch den Präventionsgedanken in Unternehmen stärken, damit die Beschäftigten so lange wie möglich leistungsfähig bleiben. Parallel dazu sollte er durch Aufklärung die auch nach Inkrafttreten des Anti-Diskriminierungsgesetzes noch existierende Altersdiskriminierung bekämpfen. In vielen der genannten Bereiche ist die deutsche Politik bereits tätig, die Effektivität vieler Maßnahmen krankt jedoch an dem geringen Bekanntheitsgrad.

 

„Ein längeres Erwerbsleben muss kein Schreckgespenst sein. Die Menschen in Deutschland werden nicht nur immer älter, sondern altern auch gesünder als früher. Viele Menschen möchten diesen Lebensabschnitt aktiv und sinnvoll gestalten“, sagte Birgit Rößle, Gruppenleiterin „Leben im Alter“ in der Robert Bosch Stiftung, im Rahmen der Studienpräsentation in Berlin. „Ältere können vor allem dann einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten, wenn das produktive Altern nicht auf Erwerbsarbeit begrenzt, sondern auch zivilgesellschaftliches Engagement unter Älteren gefördert wird“, ergänzte Karin Haist von der Körber-Stiftung.

Für die Studie befragte das Berlin-Institut auch Personalverantwortliche aus verschiedenen Unternehmen in Deutschland, wie ein längeres Erwerbsleben praktisch gelingen kann. Ein Ergebnis der Interviews: Größere Unternehmen wie die Deutsche Bahn oder BMW verfügen bereits über vielfältige Instrumente, um die Leistungsfähigkeit im Alter zu sichern – etwa betriebliche Gesundheitsprogramme oder regelmäßige Fortbildungen. Kleinere Betriebe haben diese Möglichkeiten bislang häufig nicht. „Die größte Herausforderung sehen die Praktiker darin, altersgerechte Arbeitsplätze zu schaffen und durch Prävention und Weiterbildung schon frühzeitig die Weichen für ein langes Berufsleben zu stellen“, formulierte Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts. „Ein Arbeitsplatz ist nur dann altersgerecht, wenn es flexible Arbeitszeiten, eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung und auch Tätigkeitswechsel im Alter gibt.“

 

Die 64-seitige Studie steht auf der Homepage des Berlin-Instituts kostenlos als PDF-Download zur Verfügung.

 

GRAFIK: Berlin-Institut


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