27.05.2014
Kategorie: MM Demografie, PG Gesellschaft, PG Ministerien
Carolina Heske

Generationengerechtigkeit beim demografischen Wandel?

Die Alterung der Gesellschaft stellt den Generationenvertrag vor eine historische Herausforderung. In seinem neuen Discussion Paper untersucht das Berlin-Institut, wie sich die Kosten dieses Wandels gerechter zwischen und innerhalb der Generationen verteilen lassen. Und: Die Kritik an Deutschland wächst, was die Pläne zur Rente mit 63 betrifft. Eine neue Studie der Weltbank zeigt, wie falsch dieses Signal für ein Land mit einer stark alternden Bevölkerung ist.


Trotz vieler sozialer Probleme ist der Wohlstand in Deutschland über alle Altersstufen hinweg einigermaßen gleich verteilt. Das ist nicht selbstverständlich, denn für den Wohlstand sorgen vor allem die Erwerbstätigen. Sie kommen zudem für die noch nicht berufstätigen Kinder und die nicht mehr arbeitenden Ruheständler auf. Das garantieren die Sozialsysteme, allen voran die gesetzliche Rentenversicherung. Die Umlagefinanzierung, bei der die Rentenbeiträge der Versicherten nicht angespart, sondern direkt an die Rentenempfänger weitergereicht werden, funktioniert derzeit noch gut. Doch während das Verhältnis zwischen Netto-Zahlern und Nutznießern in Deutschland lange einigermaßen ausgewogen war, gerät es schon bald in eine Schieflage. Seit Jahrzehnten sinkende Geburtenzahlen und die steigende Lebenserwartung sorgen dafür, dass sich die Alterszusammensetzung unserer Gesellschaft massiv wandelt. Der Bevölkerungsanteil der über 65-Jährigen wächst, jener der 15- bis 64-Jährigen schrumpft. Damit sinkt auch die Zahl der potenziell Erwerbstätigen, also jener Gruppe, die am stärksten wirtschaftlich aktiv ist und im Wesentlichen unseren Wohlstand erwirtschaftet. Sie müssen darüber hinaus eine wachsende Zahl von Rentnern und Pensionären versorgen. Denn mit Beginn des nächsten Jahrzehnts wird es zu einer beachtlichen Verrentungswelle kommen. Die ersten stark besetzten Jahrgänge der Babyboomer erreichen dann das gesetzliche Renteneintrittsalter.

Absehbare Finanzierungslücken

Trotz einer Reihe verschiedener Reformen, wie der Einführung eines „Nachhaltigkeitsfaktors“ im Jahr 2004 oder der schrittweise von 2012 bis 2029 greifenden „Rente mit 67“, dürfte es zu steigenden Beitragssätzen und sinkendem Rentenniveau kommen. Wie hoch der Beitragssatz in den nächsten Jahrzehnten sein wird oder mit welcher Rente Ruheständler in Zukunft rechnen können, lässt sich nicht genau vorhersagen. Zu groß sind die Unsicherheiten, was die Entwicklung der Erwerbsbeteiligung und Arbeitslosenzahlen, des Qualifikationsniveaus der Beschäftigten oder der Zuwanderungszahlen angeht. Dennoch zeigen verschiedene Szenarien in die gleiche Richtung: Je später das Geburtsjahr des Versicherten, desto weniger dürfte sich die Mitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung auszahlen.

Das gefährdet jedoch die Tragfähigkeit der Sozialsysteme. Denn ist das Vertrauen darauf, dass sie selbst einmal ausreichend versorgt werden, erst einmal erschüttert, sinkt die Bereitschaft der jeweiligen Netto-Einzahler zur intergenerationellen Solidarität.

Finanzierung der Vergangenheit oder Investitionen in die Zukunft?

Es ist aus Sicht der Politik bisweilen verführerisch, finanzielle Lasten auf künftige Generationen zu verschieben, etwa über Staatsschulden oder über Leistungsversprechen, die der Staat heute den Bürgern gibt und erst in Zukunft einlösen muss. Politische Entscheidungsträger neigen dazu, stärker die gegenwärtigen als die künftigen Auswirkungen ihres Handelns zu berücksichtigen und die Interessen der aktuellen Wählerschaft in den Mittelpunkt zu stellen. Im Hinblick auf die langfristige Generationengerechtigkeit ist das fatal, denn je länger notwendige Maßnahmen hinausgeschoben werden, desto mehr Lasten häufen sich an.

Maßnahmen für mehr Gerechtigkeit innerhalb und zwischen Generationen sollten vielmehr darauf abzielen, einerseits die Lasten für künftige Erwerbstätige im Rahmen zu halten und diese andererseits mit möglichst viel Kapital auszustatten, damit sie die wachsenden Herausforderungen stemmen können. Zu den entscheidenden Stellschrauben bei der Bewältigung der Gerechtigkeitsprobleme zählen:

- Länger arbeiten

Wenn ältere Arbeitnehmer länger im Beruf bleiben, hat das gleich zwei positive Effekte auf die Rentenversicherung: Sie zahlen länger Beiträge in die Kasse ein und ihre Ruhestandszeit verkürzt sich. In den letzten Jahrzehnten wurde die Lebenszeit, die Menschen durch die steigende Lebenserwartung hinzugewonnen haben, ausschließlich der Rentenzeit zugeschlagen. Auch wenn diese Entwicklung für den Einzelnen höchst erfreulich war, ruiniert sie in der Summe die Rentenkasse.

Eine dynamische Anpassung des gesetzlichen Rentenalters an die Lebenserwartung würde dagegen die gewonnene Lebenszeit nach einem festen Schlüssel auf Erwerbsleben und Ruhestand verteilen. Beispielsweise müssten wir für jedes zusätzliche Lebensjahr acht Monate länger arbeiten. Damit würden die Kosten eines längeren Lebens gerecht zwischen den Generationen ausbalanciert und weiteren Diskussionen um das gesetzliche Rentenalter Einhalt geboten werden.

- Familien entlasten

Dass genügend Menschen Kinder bekommen und so in die nächste Generation investieren, ist eine Voraussetzung für den Fortbestand des Generationenvertrages. Von Kindern als späteren Beitragszahlern profitieren alle, nicht nur die Eltern. Diese aber tragen die direkten und indirekten Kosten des Erziehungsaufwands zu einem erheblichen Teil selbst. Es liegt im Interesse des Gemeinwesens, Menschen mit Kindern zu entlasten und ihre Erziehungskosten zu senken. Der Ausbau einer kostengünstigen, hochwertigen Betreuungsinfrastruktur von der Kinderkrippe bis zur Ganztagsschule trägt viel dazu bei. Ein umfangreiches Betreuungsangebot hat zudem positive Nebeneffekte: Weil sich dadurch Beruf und Familienarbeit besser vereinbaren lassen, entscheiden sich mehr Mütter für eine Erwerbstätigkeit, zahlen mehr Steuern und finanzieren den Mehraufwand im Betreuungssystem dadurch zu einem großen Teil selbst. Hochwertige Kitas oder Nachmittagsbetreuungen sorgen außerdem für spätere Bildungserfolge der Kinder.

- In die Zukunft investieren

Ein hohes Bildungsniveau der Bevölkerung ist eine entscheidende Voraussetzung für ein langfristig tragfähiges Sozialsystem. Die Versorgungsansprüche aus dem Generationenvertrag sind beim Umlageverfahren nicht durch einen Kapitalstock gedeckt, sondern werden laufend von den jeweiligen Erwerbstätigen finanziert. Je mehr sie erwirtschaften können, desto mehr kann umverteilt werden. Gerade in einer älter werdenden Gesellschaft mit schrumpfender Erwerbstätigenzahl spielt Bildung eine entscheidende Rolle. Das Altern und Schrumpfen der Bevölkerung wird unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen stellen und ein „weiter so“ ist besonders bei den sozialen Sicherungssystemen kaum denkbar. Die wachsende Zahl an Rentnern und der steigende Bedarf an ambulanter und stationärer Pflege sowie an medizinischen Leistungen werden die Kosten in den sozialen Sicherungssystemen weiter anschwellen lassen.

Ob es dabei zu Konflikten zwischen oder innerhalb der Generationen kommt, wird maßgeblich davon abhängen, als wie gerecht die Lastenverteilung empfunden wird. Je mehr Menschen sich an der Finanzierung beteiligen, je leistungsfähiger sie sind und je stärker auch die Kindererziehung als unverzichtbarer Beitrag zum Fortbestand des Generationenvertrages gewürdigt wird, desto geringer dürfte das Konfliktpotenzial sein und desto eher werden kommende Erwerbsgenerationen in der Lage und auch bereit sein, die finanziellen Lasten zu tragen.

Das vollständige Discussion Paper finden Sie hier.

 

Nicht nur Deutschland betroffen

Deutschland erfährt auch aus dem Ausland viel Kritik für seine Pläne einer Rente mit 63, denn diese setzt ein falsches Signal für ein Land mit einer stark alternden Bevölkerung. Wie wichtig Anpassungen des Sozialsystems an den bevorstehenden demografischen Wandel sind, zeigt jetzt auch eine neue Studie der Weltbank.

Laut den Studienergebnissen stellt sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas sowie Zentralasiens die Frage, wie sie einen Schwund der Erwerbsbevölkerung bei gleichzeitig starkem Anstieg der Zahlen an Rentnern und Pensionären verkraften können. Die Weltbank empfiehlt diesen Ländern, das Rentenalter anzuheben, ältere Arbeitnehmer etwa durch Weiterbildungsprogramme länger produktiv zu halten und Zuwanderung stärker zu fördern.

Die Studie der Weltbank erreichen Sie hier.

 

QUELLE: Berlin-Institut


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