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06.03.2019
Kategorie: MM Marktentwicklung, MM Zielgruppe, WP Wohnformen, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

„Unsere Vision ist die Überwindung der Sektorengrenzen, nicht allein aus Kostendämpfungsgesichtspunkten, sondern auch und vor allem zur Verbesserung der Versorgungsqualität der Versicherten."

Christoph Jaschke, Jahrgang 1970, studierte an den Hochschulen München, Mainz und Weihenstephan. Er ist staatl. geprüfter Krankenpfleger und leistete Pflegetätigkeiten im Klinikum München-Harlaching. 1998 gründete er (gemeinsam mit Jörg Brambring) einen ambulanten Intensivpflegedienstes unter dem Motto: „Gepflegt Durchatmen“. Von 2001 bis 2018 war er einer der beiden Geschäftsführer der „Heimbeatmungsservice Brambring Jaschke GmbH“ mit Niederlassungen in Nord- und Südbayern, Baden-Württemberg sowie Nordrhein-Westfalen. Von 2007 bis 2018 bekleidete er den Geschäftsführerposten bei der IHCC Intensive Home Care Consulting GmbH mit unternehmenseigener IHCC-Akademie und Beratertätigkeit. Christoph Jaschke ist Mitbegründer (2008) und seitdem einer der beiden Kongresspräsidenten des jährlich stattfindenden MAIK Münchner Außerklinischer Intensiv Kongress, der am 25. und 26. Oktober 2019 zum 12. Mal stattfindet (mehr unter www.maik-online.org). Seit Mai 2018 arbeitet er als Marketingmanager & Pressesprecher bei der DFG (DEUTSCHE FACHPFLEGE GRUPPE). Unter dem Dach der Deutschen Fachpflege Gruppe arbeiten bundesweit 23 Pflegedienste und drei stationäre Einrichtungen, die auf die außerklinische Intensivpflege spezialisiert sind. Ihre Pflegekräfte sind Tag und Nacht im Einsatz (mehr unter www.deutschefachpflege.de).  


Wie hat sich das Pflegebranchensegment „Außerklinische Intensivpflege“ in den vergangenen Jahren verändert/entwickelt?

 

Christoph Jaschke: Es gibt zwei völlig gegenläufige Bewegungen. Einerseits gibt es immer mehr neue, oft sehr kleine Dienste in Form von Ausgründungen aus bestehenden Pflegediensten, andererseits findet ein nie dagewesener Konzentrationsprozess statt.

Noch immer machen sich Pflegekräfte selbständig und versorgen nur einen oder zwei Klienten. In den Kliniken, so wurde mir berichtet, stellen sich wöchentlich drei bis vier neue Pflegedienste vor. Da ich über viele Jahre auch in der Beratung tätig war, habe ich erlebt, dass dies schnell schiefgehen kann, wenn das betriebswirtschaftliche Know-how fehlt. Es reicht nicht, eine hervorragende Pflegekraft zu sein. Einen Pflegedienst zu führen, ist eine Herausforderung auf vielen Ebenen. Kleine Pflegedienste sind sehr verwundbar. So sind sie in ihrer Existenz gefährdet, wenn die Versorgung nur eines einzigen Klienten wegbricht. Und sobald mit den Krankenkassen im Rahmen einer Einzelverhandlung ein zu geringer Preis ausgehandelt wurde, der natürlich eine gewisse Laufzeit hat, kann dies das Aus bedeuten. Aber noch immer ist es viel zu leicht, außerklinische Intensivpflege anzubieten. Obwohl sie so anspruchsvoll ist und sehr viel Fachwissen verlangt, hat der Gesetzgeber bis jetzt keine Zulassungsvoraussetzungen für Pflegedienste, die außerklinische Intensivpflege anbieten, geschaffen. Für die Qualität der Dienstleistung ist dies jedoch in meinen Augen unabdingbar. Stattdessen versucht man, die Qualität über immer mehr Kontrollen zu sichern. Das Pferd wird also, wie das Sprichwort so schön sagt, „von hinten aufgezäumt“.

Eines der größten Probleme ist der Fachkräftemangel, der jeden Pflegedienst betrifft. Während die Anzahl der Patienten, die mit einer Beatmungspflichtigkeit aus den Kliniken entlassen werden, ständig steigt, sinkt die Zahl der Pflegefachkräfte. So werben einander die Pflegedienste ständig um die Pflegekräfte, und die Kliniken locken mit extrem hohen Gehältern. Dieser ständige Wechsel bindet unglaublich viel Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen.

 

All das sind Gründe für den Trend zu Zusammenschlüssen. Da gibt es die ARGE Nordbayern oder IDA Interessengemeinschaft der Anbieter außerklinischer Intensivpflege NRW e.V., bestehend aus inhabergeführten Intensivpflegediensten. Eine wirkliche Branche, die mit einer Stimme spricht, wurde die außerklinische Intensivpflege leider nie – und diese Bündnisse kommen zu spät. Jetzt sind es große Investoren, die unter dem Dach ihrer Holdings ambulante Pflegedienste und stationäre Einrichtungen zusammenführen. Soeben wurde bekannt gegeben, dass Advent nach der Übernahme der Deutschen Fachpflege Gruppe auch die Bonitas Holding übernommen hat. Die Deutsche Fachpflege Gruppe hat sich innerhalb kürzester Zeit mehr oder minder verdoppelt und ist nun der größte Anbieter außerklinischer Intensivpflege in Deutschland. Doch es geht nicht nur um die Größe. Die Deutsche Fachpflege Gruppe hat unter ihrem Motto „Qualität verbindet“ auch den Anspruch, Spitzenreiter in der Qualität ihrer Dienstleistung zu sein. Außerklinische Intensivpflege ist und bleibt ein Dienst am Menschen – mit Menschen. Dass es letztlich auf die Pflegekräfte ankommt, ist jedem hier bewusst.

 

Nach 20 Jahren hat sich die Heimbeatmungsservice Brambring Jaschke GmbH dazu entschlossen, neue Wege zu gehen. Seit dem 1. Mai 2018 ist der Anbieter außerklinischer Intensivpflege ein Tochterunternehmen der Deutschen Fachpflege Gruppe (DFG). Was waren die Gründe für diese Entscheidung?

 

Christoph Jaschke: Diese Entscheidung ist meinem Partner und mir nicht leichtgefallen. Für uns war dies eine Entscheidung, um die Zukunft unseres Pflegedienstes und unserer Mitarbeiter*innen zu sichern. Ein Grund war, dass sich die Verhandlungen mit den Krankenkassen zunehmend schwieriger gestalten und die angestrebten Schiedsverfahren Nerven und Zeit kosteten. Ein Intensivpflegedienst im mittelständischen Bereich hat nicht den langen Atem, um z. B. über Monate oder ein Jahr das Kapital für die Gehälter vorzustrecken, bis es endlich ein Ergebnis über die Höhe des endgültigen Stundenpreises gibt. Auch ansonsten gibt es viele Hinhaltetaktiken. Wenn ein Arzt eine Verordnung ausstellt, heißt dies noch lange nicht, dass diese von den Leistungsträgern bewilligt wird.

 

Vorteilhaft ist, dass unter dem Dach einer Holding viele administrative Aufgaben gebündelt und zentral gesteuert werden, um die sich der einzelne Pflegedienst nicht mehr kümmern muss. Dennoch hat keiner unserer Mitarbeiter*innen durch den Verkauf den Arbeitsplatz verloren. Ein wichtiger Gesichtspunkt für uns war auch, dass Jörg Brambring und ich die außerklinische Intensivpflege weiterhin maßgeblich mitgestalten können: Jörg Brambring ist für das Qualitätsmanagement der gesamten Holding zuständig und leitet die Region Nordrhein-Westfalen, ich bin Marketingmanager & Pressesprecher und neuerdings Regionalleiter Süd Ost (Bayern).

 

Es war mir immer schon ein Anliegen, der Öffentlichkeit zu zeigen, was außerklinische Intensivpflege ist, welch wichtigen Beitrag sie für die Menschen in diesem Lande leistet und warum wir nicht aufhören dürfen, die Qualität zu verbessern. Hier geht es um eine kleine, aber ganz besonders verletzliche Gruppe von Kindern und Erwachsenen, die im Grunde genommen keine Lobby hat. Diese Menschen, die ihre Interessen nicht „herausschreien“ können, brauchen Sprachrohre, genauso wie die vielen Pflegekräfte in der außerklinischen Intensivpflege, die tagtäglich eine hervorragende Arbeit leisten. Sie wird viel zu wenig wertgeschätzt. Ein Grund dafür ist, dass sie weitgehend im Verborgenen stattfindet und viele gar nicht wissen, woraus sich diese Dienstleistung zusammensetzt und wieviel technisches, pflegerisches und medizinisches Know-how sie verlangt, aber auch, wieviel Fingerspitzengefühl, was den zwischenmenschlichen Umgang betrifft. Hier spielen sich schicksalhafte Tragödien für die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen ab, die ohne unsere Pflegekräfte katastrophal enden würden. Doch so ist doch großenteils noch Lebensqualität möglich.

 

Wie ist die DFG organisiert und welche Versorgungsformen werden angeboten?

 

Christoph Jaschke: An der Spitze der Deutschen Fachpflege Gruppe steht die Geschäftsführung, derzeit bestehend aus den Herren Hartmut Hain, Bruno Crone und Dr. Othmar Belker. Herr Hain wechselt Ende März in den Beirat. Sein Nachfolger wird am 1. April dann Herr André Eydt, aktuell der zweite Mann in der Führung des Klinikums Fulda. Dass wir in engem Austausch mit unseren Ansprechpartner*innen von Advent stehen, versteht sich von selbst. Jeder Pflegedienst unter dem Dach der Deutschen Fachpflege Gruppe hat wiederum eine Geschäftsführung, denn die Dienste arbeiten relativ autark. Es gibt eigene Integrationsbeauftragte, damit die Dienste zu einander finden und so nach und nach ein Wir-Gefühl entsteht. Dies wiederum ist wichtig, damit sich Synergieeffekte entwickeln können und es in den verschiedenen Regionen zu Kooperationen kommt. Diese wiederum sind die einzige Chance, trotz des großen Fachkräftemangels außerklinisch beatmete Betroffene adäquat versorgen zu können. Hier sehe ich hervorragende Möglichkeiten für die Zukunft. Es geht auch um das Lernen voneinander. Die einzelnen Pflegedienste bringen eine hohe Kompetenz mit und eine Holding wie die Deutsche Fachpflege Gruppe ist geballte Pflegeerfahrung, vielfach über zwei oder drei Jahrzehnte hinweg. In unseren Gesellschaften wird ausgebildet, und wir haben eine eigene Akademie, um die Weiterqualifizierung zu sichern. Als Fördermitglied der Deutschen interdisziplinären Gesellschaft für außerklinische Beatmung (DIGAB) e.V. treiben wir die Zertifizierung von Bildungsanbietern aus unseren Reihen voran. Zur Sicherung der Qualität ist bei der Deutschen Fachpflege Gruppe die Durchführung von Audits, sowohl extern als auch intern, ein zentrales Instrument der Qualitätsüberprüfung.

 

Mit dem demografischen Wandel haben sich auch die Bedürfnisse und Ansprüche der Menschen gewandelt, wie wirkt sich das auf die aktuellen Strukturen/Leistungen/Angebote der DFG aus?

 

Christoph Jaschke: Den demografischen Wandel spürt die außerklinische Intensivpflege vor allem daran, dass wir auch sehr hochbetagte Klient*innen versorgen. Eine Trachealkanüle kann ja auch aufgrund einer Schluckstörung erforderlich sein, die im Alter eher auftritt. Auch schwerstbehinderte Menschen haben aufgrund des medizinischen Fortschritts eine steigende Lebenserwartung. Wer in jüngeren Jahren an Polio erkrankt ist, kann im fortgeschrittenen Alter beatmungspflichtig werden. Nach wie vor gilt, dass jeder außerklinisch beatmete Mensch individuell betrachtet und versorgt werden muss. Jede Geschichte ist anders.

Viele unserer Klient*innen begleiten wir bis in die letzten Stunden des Lebens und arbeiten hier schon erfolgreich mit der SAPV und SAPPV zusammen. Ob jung oder älter, eine unterzeichnete Patientenverfügung liegt fast in jeder Schublade unserer Klienten.

 

Der gesamte Pflegemarkt ist stark umkämpft: Welche konkreten Zukunftsprojekte stehen an? Was sind die Gründe?

 

Christoph Jaschke: Wir beobachten den Markt genau und sind weiterhin auf Wachstumskurs. Die Deutsche Fachpflege Gruppe wird also mit Sicherheit noch größer, und es wird auch in Zukunft zu spannenden und vielversprechenden Kooperationen kommen.

 

Wie werden sich Ihrer Meinung nach die Pflegemarktstrukturen in den kommenden Jahren weiterentwickeln und welche Anforderungen müssen von Seiten der Anbieter/Betreiber erfüllt werden?

 

Christoph Jaschke: Unsere Vision ist die Überwindung der Sektorengrenzen, nicht allein aus Kostendämpfungsgesichtspunkten, sondern auch und vor allem zur Verbesserung der Versorgungsqualität der Versicherten. Die außerklinische Intensivpflege ist gewissermaßen der verlängerte Arm der Intensivstation, was die medizinische Behandlungspflege sowie die ärztliche Leistung des Weanings betrifft. Eine ganzheitliche Betrachtung dieser vital gefährdeten Menschen ist zu deren Heilung und sogar zur Erhaltung des gesundheitlichen Status unerlässlich. Das abgestimmte und vertrauensvolle Zusammenwirken von Intensivpflege auf der einen sowie die Expertise von Fachärzt*innen auf der anderen Seite sind ein Garant für bestmögliche Versorgungserfolge. Wir arbeiten bereits an vielen Standorten nicht nur eng mit Fachärzten, sondern auch mit Weaning-Zentren und pulmologischen Kliniken zusammen, denn wir wollen da, wo es möglich ist, die Menschen wieder von der Beatmung entwöhnen, natürlich interdisziplinär und leitliniengerecht.

 

Intensivpflege ist auf allen Ebenen herausfordernd: Wie schafft man es, diesen Beruf attraktiv zu halten und Mitarbeiter langfristig zu binden?

 

Christoph Jaschke: Das ist eine schwierige und eine der wohl wichtigsten Fragen. Gerade ist eine bundesweite Kampagne in Arbeit, um im öffentlichen Raum zu zeigen, was Intensivpflege ist und was sie leistet. Das ist ein neuer Weg, den wir gehen. Denn über unsere „GEPFLEGT DURCHATMEN.“-Fachzeitung für außerklinische Intensivversorgung, unseren MAIK Münchner außerklinischer Intensiv Kongress, unzählige Vorträge und Artikel versuche ich seit Jahrzehnten zu zeigen, was die Besonderheiten außerklinischer Intensivpflege sind. Nach jeder neuen Bundestagswahl besuchte ich Fachpolitiker*innen, um ihnen die Bedeutung dieser Pflege nachzubringen. Über die Teilnahme am alljährlichen Boys’Day, über eine Kampagne „Pflegebegeistert“ und die erfolgreiche mehrmalige Teilnahme am Wettbewerb „Great Place to Work“ gingen wir auf die Pflegekräfte und auch auf ganz junge Menschen zu. Wir haben bei der Heimbeatmungsservice Brambring Jaschke GmbH wirklich so etwas wie eine große Familie geschaffen, und das haben andere Gesellschaften unter dem Dach der Deutschen Fachpflege Gruppe ebenfalls getan. Wir sind hier im engen Austausch miteinander und sind uns bewusst, wie wichtig die Pflege unserer Mitarbeiter*innen ist. Als Signale hierfür haben wir inzwischen unternehmensweit die Charta der Vielfalt unterzeichnet und werden gerade Mitglied im Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“. Alljährlich lädt die Deutsche Fachpflege Gruppe zum unternehmensweiten Dialog ein, in dem all diese Themen angesprochen und diskutiert werden.

 

Herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.


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Datum: 20.05.2019 - 15:05:08