15.11.2018
Kategorie: MM Marktentwicklung, WP Wohnformen, Öffentlichkeitsarbeit
Kerstin Lötzerich-Bernhard

„Der Markt braucht eine regionale Versorgung sowie Spezialangebote.“

Als Komplettanbieter für die Sozialwirtschaft ist die WIBU Gruppe führend in den Bereichen Objekteinrichtung, medizinischer Bedarf und Textilien bis hin zu Service und Wartung von Medizinprodukten. Weitere Informationen unter www.wibu-gruppe.de/.

Wir sprachen mit Dr. Christian Kleikamp, Vorstandsvorsitzender WIBU Gruppe über die aktuellen Entwicklungen am Pflegemarkt, Trends und Innovationen sowie die zukünftige Strategie der WIBU Gruppe.


Wie nehmen Sie den deutschen Pflegemarkt heute aus Ihrer Position heraus wahr?

 

Dr. Christian Kleikamp: Aus meiner Sicht zeigt sich der Pflegemarkt mit dem Willen, positiv zu gestalten, mit vielen innovativen Köpfen und sehr starkem fachlichen Know-how, aber gleichzeitig stark getrieben durch Gesetzesinitiativen sowie gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Ich denke dabei zum Beispiel an den Arbeitskräftemangel sowie an Gehalts- und Wertschätzungsdiskussionen. Bei allen absolut berechtigten Diskussionen, gerade zu letzteren Themen, tritt in Summe das Positive leider zu häufig in den Hintergrund. Der Pflegemarkt ist ein Wachstumsmarkt mit einer ausgewiesenen Arbeitsplatzsicherheit, mit guten Unternehmenskulturen und bietet, wie kein anderer Markt, die Möglichkeit für Tätigkeiten mit Sinn.

 

Welche Veränderungen hat es in den vergangenen Jahren gegeben? Und wie beurteilen Sie diese aus Ihrer Sicht?

 

Dr. Christian Kleikamp: Die offensichtlichen und bekannten Veränderungen sind die Verschiebung stationär zu ambulant, der Arbeitskräftemangel, der steigende wirtschaftliche Druck, das Vordringen von Investoren und letztendlich auch der Digitalisierungstrend.

Auch bei Letzterem wäre es sinnvoll, einen positiveren Blick auf die Dinge zu gewinnen. Wir sollten uns stärker auf die Potenziale fokussieren, wie zum Beispiel papierloses Arbeiten, neue digitale Assistenzsysteme, zukünftiger Einsatz von Robotik in der Pflege generell. Wichtig ist es, die Chancen zu sehen. Durchaus auch vor dem Hintergrund des Arbeitskräftemangels. Hier gibt es klare und relevante Potenziale, die Arbeitnehmer zu entlasten und dem Arbeitskräfteproblem entgegenzuwirken.

 

Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Themen und Herausforderungen?

 

Dr. Christian Kleikamp: Zentrales aktuelles Thema ist, das lässt sich an der aktuellen Diskussion und den Initiativen von Herrn Spahn und sämtlichen Agierenden ablesen, der Arbeitskräftemangel. Hier ist ein Umdenken erforderlich, denn diese Situation zwingt alle betroffenen Unternehmen dazu, eine starke Arbeitgebermarke zu sein oder zu formen. Dazu können wir als Einrichtungs- und Ausstattungsexperten in erheblichem Maße beitragen, denn es geht in erster Linie darum, attraktive Arbeitsplätze zu schaffen. Durch unsere Angebote in den verschiedenen Geschäftsbereichen der WiBU Gruppe können wir unsere Kunden unterstützen, intelligente Prozesse zu installieren und damit die bestmögliche Pflege mit den vorhandenen Mitarbeitern zu realisieren. Als Stichworte möchte ich nennen: ablaufoptimierte Einrichtungskonzepte und Produktinnovationen. Ein weiterer Punkt ist die Stärkung der Arbeitgebermarke durch die CI-Berücksichtigung bei Textilien im Sinne einer Identifikation mit dem jeweiligen Haus.

Unter anderem können wir dazu beitragen, die Wahrnehmung der Pflegebranche in unserer Gesellschaft zu stärken. Hier sind wir immer auch als Initiatoren entsprechender Veranstaltungen gefragt. Exemplarisch seien die vor Kurzem stattgefundenen Wörlitzer Parkgespräche genannt. Das Besondere war dabei, dass die Teilnehmer unterschiedlicher Trägergesellschaften, frei-gemeinnützig, privat und kommunal, die Möglichkeit hatten, mit der Politik in einen fachlichen, zukunftsgerichteten Austausch zu treten und gemeinsam konstruktiv tätig zu werden. Die Ergebnisse der Veranstaltung werden als konkrete Maßnahmen und Anforderungen der Politik übergeben.

 

Wie müssen aus Ihrer Sicht Pflegemarktbegleiter/Anbieter auf den sich veränderten Pflegemarkt reagieren?

 

Dr. Christian Kleikamp: Das Verhalten der Anbieter im Pflegemarkt hängt natürlich von den gesetzlichen Rahmenbedingungen, aber auch in erster Linie von den unterschiedlichen Erwartungen und Anforderungen der Kunden ab.

So haben sich bereits viele unserer Kunden mit innovativen und individuellen Konzepten auf die unterschiedlichen Anforderungen ihrer Zielgruppen und die veränderten Marktbedingungen eingestellt.

Um in der Zukunft weiterhin sicher bestehen zu können, ist für viele Betreiber die Erweiterung der Versorgungskette z. B. mit betreuten Wohnkonzepten, die jetzt stärker integriert werden, wichtig: eine Zukunftssicherung durch richtige Investitionen. Oder durch die Angliederung oder Integration einer Tagespflege – auch Kooperationen mit Nachbarorganisationen kommen hier zum Tragen.

Individuelle, auf die Region angepasste Betreiberkonzepte sind hier sicherlich auch ein guter Weg. Einrichtungen werden auf die Region passend gestaltet, um sich dort positiv zu präsentieren und zu differenzieren. Vor allem aber, um ihren Kunden eine lebenswerte, vertraute Lebensumgebung zu bieten.

Der Markt braucht eine regionale Versorgung sowie Spezialangebote, wie z. B. Intensivpflege, spezielle Einrichtungen für demenziell erkrankte Menschen, Pflegeeinrichtungen für „jüngere“ Pflegebedürftige, wie z. B. Suchtkranke, werden auch stark nachgefragt.

Aus der Dienstleister- und Lieferantenperspektive betrachtet, ist der Markt sehr vielschichtig geworden und erfordert einiges an Flexibilität von den Pflegeanbietern. Umso wichtiger werden für die Betreiber auch Lieferanten und Dienstleister, die hier ebenso flexibel und kreativ auf die unterschiedlichen Anforderungen eingehen können. Man muss regionale und individuelle Konzepte erstellen können, das bedeutet z. B. für uns, in unseren acht Niederlassungen auch regional unterschiedliche Lösungen und Konzepte entsprechend vorzuhalten und zusammen mit den Kunden zu entwickeln.

 

Das Gesundheitswesen ist einer der Wachstumsmotoren unserer Volkswirtschaft. Welche Bedeutung nimmt hierbei die Pflege ein und wieso hat sie trotz ihrer Bedeutung immer noch ein eher negatives Image? Welche Verbesserungen sind denkbar?

 

Dr. Christian Kleikamp: Aufgrund der demografischen Entwicklung und des großen Wachstumspotenzials nimmt das Thema Pflege naturgemäß eine sehr starke Rolle ein. 

Die Pflegebranche bietet in diesem Kontext ihren Mitarbeitern eine Aufgabe mit Sinn und Menschlichkeit, aber auch ein hohes Maß an Fachlichkeit. Trotzdem gewinnt der Pflegeberuf nicht ausreichend an Attraktivität.

Ein zentrales Problem ist an dieser Stelle, dass die positiven Faktoren der Pflege in der öffentlichen Wahrnehmung einfach zu stark in den Hintergrund treten, angesichts der Diskussion über eine angemessene Vergütung.

Zum einen ist also die Frage der Angleichung des Lohnniveaus für Krankenhaus- und Langzeitpflege ein wichtiger Aspekt. Zum anderen muss die Öffentlichkeit überhaupt die Möglichkeit für eine positive Sicht auf diese sinnvolle Arbeit und Unternehmenskultur erhalten.

Grundsätzlich muss das Thema „Altern & Hilfebedürftigkeit“ in unserer Gesellschaft wieder stärker integriert werden, damit es bessere Akzeptanz findet. In Deutschland ist die Gesellschaft stark vom Lifestyle geprägt. Wir müssen versuchen, die andere Seite des Lebens wieder als natürlich und vor allem in einem sozialen Miteinander zu integrieren. Gerade für die jüngere Generation ist das ein großes Thema, denn die Überalterung unserer Gesellschaft kann man in ein paar Jahren nicht mehr kaschieren.

Je mehr wir das Bewusstsein in unserer Gesellschaft für das „Alt und Hilfebedürftig sein dürfen“ wiedererwecken, desto mehr wird es auch wieder Menschen geben, die sich für den sozialen Beruf entscheiden. Sozial ist eine reale Community – sozial ist cool aus der Sicht der Jüngeren. Das wäre das Ziel.

 

Nächste Ziele: Um dauerhaft erfolgreich zu bleiben, wie ist WIBU strategisch und konzeptionell für die Zukunft aufgestellt und positioniert, auch in Bezug auf ein erweitertes Dienstleistungs- und Produktportfolio?

 

Dr. Christian Kleikamp: Die WIBU Gruppe wurde komplett umfirmiert, indem wir fachbereichsspezifische Gesellschaften gegründet haben. Wir konzentrieren uns innerhalb der einzelnen Gesellschaften auf die Themen Objekteinrichtungen, Textil, Service & Wartung sowie Medizinischer Bedarf. Das erlaubt uns eine andere Fokussierung, und die rechtliche Verselbstständigung dient zur optimalen Umsetzung der inhaltlichen Strategie mit einer stärkeren Spezialisierung auf die Märkte. Zudem haben wir einen fundierten Strategieprozess zur inhaltlichen Weiterentwicklung aufgesetzt. Es geht um Lösungen und Konzepte rund um einen Produktkern und nicht ausschließlich nur um Produkte. So können wir für den Kunden einen echten Mehrwert erzielen.

Außerdem geht es um die Nutzung der Mehrwertpotenziale beim Thema Digitalisierung. Wir haben den Anspruch, hierbei in unseren Märkten führend zu sein. Zum Beispiel werden wir noch in 2018 ein Kundenportal bei der ServicePlus-Gesellschaft eröffnen, auf dem unsere Leistungen (Prüfdokumentationen) aber auch Informationen rund um aktuelle Themen für unsere Kunden online abrufbar sind.

Zudem wird ein neuer Internetauftritt online gehen, und zwar deutlich bedarfsgerechter für die Kunden und Interessenten sowie für potenzielle Mitarbeiter.

Denn auch wir stehen natürlich vor der Herausforderung, für Arbeitnehmer eine starke Arbeitgebermarke zu sein und neue Mitarbeiter anzusprechen. Es gilt zudem, im Kommunikationsprozess mit Kunden und Interessenten, die digitalen Potenziale und Tools (zum Beispiel spezielle Apps) zu nutzen und papierloser zu werden. Aktuell läuft ein entsprechendes Pilotprojekt, welches wir in Zukunft erweitern werden.

Zum Abschluss lassen Sie mich noch eine Sache hinzufügen, die mir sehr wichtig ist. Natürlich entwickeln wir unsere Angebote stetig weiter und nutzen die Potenziale der Digitalisierung. Das ist, wie bereits erwähnt, der eindeutige Anspruch.

Aber ganz besonders wichtig ist, auch in der Tradition der Unternehmenskultur der WIBU Gruppe, dass es nach wie vor und weiterhin um den partnerschaftlichen Umgang und einen starken persönlichen Kontakt mit den Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern geht. Wir verstehen uns als Teamplayer und Partner, intern wie extern. Die Digitalisierung soll hierbei unterstützen, aber sie wird den persönlichen Kontakt nicht ersetzen, sondern ihn ergänzen und die Kommunikation zusätzlich stärken.

 

Herzlichen Dank für das angenehme Gespräch!

 


Keine Kommentare

Keine Kommentare gefunden.
Falls Sie einen Kommentar abgeben wollen, müssen Sie sich vorher einmalig registrieren.
 
IM INTERVIEW
14.12.2018
Sylvia Hütte-Ritterbusch, Mercedes-Benz Werk Bremen

Unter anderem haben wir Mitarbeitern um die 50 angeboten, zusammen mit Jugendlichen noch einmal eine Ausbildung zu machen. Sie haben dann gemeinsam die Berufsschulbank gedrückt. ...


IM BLICKPUNKT
13.12.2018
Soziales Engagement in Deutschland

Im Jahr 2018 gab es in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre rund 14,89 Millionen Personen, die ein Ehrenamt hatten bzw. unentgeltlich in einer Bürgerinitiative, einem ...


NEUESTE BEITRÄGE
12.12.2018
Multitalent Ruhesessel: Geborgenheit, Ruhe, Entlastung und Teilhabe

Ausruhen, Entspannen, Fernsehen, Lesen, Gemeinsamkeit genießen – die Einsatzzwecke für bequeme Ruhesessel sind in Senioren – und Pflegeeinrichtungen genau so vielfältig wie ...


23.11.2018
Digitalisierung – das Hype-Thema der Stunde

In seinem Grußwort machte Dr. Heiner Garg, Sozialminister in Schleswig-Holstein, deutlich, was es für einen erfolgreichen digitalen Wandel in den nächsten Jahren brauchen wird ...


15.11.2018
„Der Markt braucht eine regionale Versorgung sowie Spezialangebote.“

Wie nehmen Sie den deutschen Pflegemarkt heute aus Ihrer Position heraus wahr?   Dr. Christian Kleikamp: Aus meiner Sicht zeigt sich der Pflegemarkt mit dem Willen, positiv ...


07.11.2018
Ohne Kontrolle keine Sicherheit!

Vor allem im Bereich unzureichender Trinkwasserqualität lauern große Gefahren. „Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat jüngst multiresistente ...


26.10.2018
„Ey Alter – du kannst dich mal kennenlernen“ Erlebnisausstellung setzt Impulse für Unternehmen zum Umgang mit dem demografischen Wandel

Nach dem großen Erfolg mit rund 350.000 Besuchern von „Ey Alter“ im Universum Bremen (2015) und im Stuttgarter Mercedes-Benz Museum (2017) gastiert die Ausstellung noch bis ...


Xing
LinkedIn Logo