05.04.2019
Kategorie: MM Marktentwicklung, WP Internationale Konzepte
Angelika Sylvia Friedl

Wo die Pflege eine starke Stimme hat

Es ist wohl nie verkehrt, hin und wieder über den Tellerrand zu schauen. Für die Pflege hat das die kürzlich veröffentlichte Studie „Pflege in anderen Ländern – Vom Ausland lernen?“ getan. Fazit: In den untersuchten Ländern hat Bildung einen sehr hohen Stellenwert. Die Pflege tritt dort selbstbewusst auf und ist gut organisiert.


„Diese Länder haben keine Angst vor einer hochqualifizierten Pflege, ganz im Gegenteil“, betont Michael Ewers, Direktor des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Charité, Universitätsmedizin Berlin. Mit einer Arbeitsgruppe des Instituts untersuchte der Gesundheitswissenschaftler vor allem die Situation in Großbritannien, Schweden, Kanada und den Niederlanden. Gefördert wurde die Studie durch die Stiftung Münch. „Es gibt auch dort Assistenzkräfte und Pflegehilfskräfte, aber auch eine große Anzahl von Pflegenden mit Hochschulabschluss und mit erweiterten Kompetenzen auf einem Masterniveau“, erklärt Ewers. Akademische Fachkräfte sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. In Schweden und in Großbritannien beträgt der Anteil der Hochschulabsolventen 100 Prozent, in Kanada sind es 61 Prozent und in den Niederlanden immerhin noch 44 Prozent. Deutschland bildet dagegen das Schlusslicht - mit einem Anteil von 1 bis 2 Prozent. Qualifizierte Pflegefachkräfte übernehmen natürlich mehr Verantwortung. Wie es zum Beispiel in sogenannten Primärversorgungszentren in Schweden geschieht, in denen Pflegeexperten Sprechstunden für Diabetes-Patienten anbieten und Medikamente und Hilfsmittel verordnen. Wenn Ärzte in ländlichen Gegenden Kanadas fehlen, können Nurse Practitioners eigenständig Patienten in ambulanten Versorgungszentren behandeln. In Großbritannien und Schweden spiegelt sich der Stellenwert der Pflege noch in einem anderen Besonderheit: Dort ist ein Hochschulstudium auf Bachelorebene inzwischen der einzige Zugang zum Beruf. Nur in den Niederlanden gibt es neben dem Bachelorstudium auch weiterhin noch die traditionelle Berufsausbildung.

 

Die starke Stellung der Pflege ist der zweite wichtige Unterschied im Vergleich zu Deutschland. „Sie zeigt sich in diesen Ländern autonomer, selbstbewusster und besser organisiert ist als das hierzulande der Fall ist. Man traut ihr mehr zu, wir sehen das zum Beispiel an starken kammerähnlichen Organisationen, die eine hohe Verantwortung tragen sowohl für die Gestaltung als auch für die Qualifizierung der Pflege “, sagt Michael Ewers. So ist in Großbritannien, den Niederlanden und Kanada eine Registrierung Voraussetzung, um arbeiten zu können (Registered Nurse, abgekürzt RN). Mit der Registrierung verpflichten die Pflegenden sich zur Fortbildung. Sie muss regelmäßig erneuert werden, andernfalls erlischt die Berufszulassung. In Großbritannien und Kanada sind dafür Pflegekammern, also die berufsständische Selbstverwaltung, zuständig. „Bemerkenswert ist der hohe Anteil organisierter Pflegender, auch dort, wo es Kammerstrukturen nicht gibt wie zum Beispiel in Schweden“, meint Ewers. Auch die Altenpflege, die es in der Form wie in Deutschland nicht gibt, ist in vielen Fällen autonom organisiert. So haben Pflegeheime in Schottland Ausbildungs- und Innovationszentren eingerichtet. CHIC, care home innovation centre, nennen sich die Zentren. Sie profitieren von den Ideen junger Studierender der Pflege und der Medizin, die hier lernen und arbeiten. Die Einrichtungen sind stark mit der Gemeinde vernetzt und versuchen zusammen Praxis- und Innovationsentwicklung voranzutreiben. Ein schon bekanntes Beispiel für eine autonome Pflege ist das Buurtzog Modell in den Niederlanden. Die Pflegenden organisieren sich selbst und erleben dadurch in ihrem Arbeitsalltag eine viel stärkere Zufriedenheit.

 

Zweifellos ist also die Pflege in den untersuchten Ländern ein attraktiver Beruf. Leidet die Gesellschaft weniger an dem Mangel an Pflegekräften? „Sie haben durchaus ähnliche Probleme wie wir“, erklärt Michael Ewers. Auch diese Länder hätten Schwierigkeiten, Assistenzkräfte und Hilfspersonal zu gewinnen. Auch der Anteil älterer Fachkräfte ist ähnlich hoch wie in Deutschland. In den Niederlanden sind zum Beispiel 40 Prozent älter als 50 Jahre, in Deutschland sind es 38 Prozent. Kanada hat dagegen eine etwas ausgewogenere Altersstruktur. Dort beträgt der Anteil der über 55-jährigen Pflege ca. 23 Prozent. Die Autoren der Studie sind aber der Auffassung, dass die Lösungsversuche, seien es arbeits- oder bildungspolitische, sehr viel stärker aufeinander abgestimmt sind. Das zeige sich unter anderem an den Arbeitszeiten, leistungsgerechter Entlohnung, Sozialleistungen, beruflicher Autonomie oder am Führungsverhalten. „All diese Maßnahmen stärken die Position der Pflege“, sagt Gesundheitsexperte Ewers. „Die Pflegenden können das anwenden, was sie gelernt haben und brauchen nicht für jeden Handgriff eine ärztliche Verordnung. Daher können Länder wie Schweden oder Kanada zum Beispiel besser Wiedereinsteiger in den Beruf locken und Pflegehilfskräften Qualifikationsangebote machen“.

 

Wie soll es mit der Pflege in Deutschland weiter gehen? Am Ende ihrer großen Studie haben Michael Ewers und seine Kolleginnen ein ganzes Bündel an Empfehlungen gesammelt: unter anderem müsse die professionelle Autonomie der Pflege gestärkt und die Pflegebildung und Aufgabenprofile modernisiert werden, eine personenzentrierte Versorgung sollte eingerichtet und neue Technik besser genutzt werden. Schnelle Erfolge erwartet Michael Ewers jedoch nicht. Vor allem fordert er ein radikales Umdenken. „Wir müssen uns von dem Bild der Schwester verabschieden, die völlig nutzenfrei und selbstlos pflegt und sich mit geringem Gehalt und geringer Verantwortung zufrieden gibt. Wir brauchen ein modernes Leitbild von Pflege. Die Pflege ist erwachsen geworden, sie kann ihre Belange selber regeln“. Das tut sie zum Beispiel in Kanada. Beeindruckt zeigt sich Ewers von einem Vertreter des kanadischen Gesundheitsministeriums. „Er sagte, dass die Pflege in Kanada das Rückgrat des Gesundheitssystems ist. Solche Aussagen hören wir in Deutschland nicht“.

 

 

Weitere Informationen unter

https://www.medhochzwei-verlag.de/Shop/ProduktDetail/pflege_in_anderen_laendern-buch-978-3-86216-536-0

 

Foto Copyright: Sven C. Preusker


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