06.07.2016
Kategorie: MM Marktentwicklung, WP Internationale Konzepte, WP Wohnformen, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Jens Nagel, Hemsö: „Hemsö verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, weg von der reinen Betrachtung der Immobilie. Das A und O ist der Standort sowie das Personal!"

Hemsö ist einer von Schwedens führenden privaten Eigentümern im Bereich Sozialimmobilien und gehört damit auch zu den maßgeblichen Ansprechpartnern für Betreiber von Altenpflegeheimen, Seniorenstiften und anderen sozialen Einrichtungen. Das Unternehmen besitzt, verwaltet und entwickelt Objekte für Altenwohnen, Ausbildung, Gesundheitswesen und Rechtswesen. Hemsö besitzt 300 Sozialimmobilien, die sich in Schweden, Finnland und auch Deutschland befinden. In Schweden sind die Mieter vor allem der Staat, das Gesundheitswesen, Kommunen und private Unternehmen. In Finnland vermietet Hemsö an Kommunen und private Unternehmen. In Deutschland stellen private Betreiber von Altenpflegeheimen und Seniorenresidenzen die Mieter dar.


Der CareTRIALOG sprach mit dem Geschäftsführer Hemsö Deutschland, Herrn Jens Nagel, über Investitionsstrategien in der Pflege und Immobilien-Investment-Märkte im Pflegesektor.

 

Welche Investitionsstrategie verfolgt Hemsö? Wie gestaltet sich der deutsche Markt? Und wie unterscheidet sich Hemsö vom Wettbewerb?

 

Jens Nagel: Der deutsche Pflegeheimmarkt ist derzeit noch in einer Phase, in der 80 Prozent der Immobilien nach wie vor den Betreibern gehören. Der klassische Eigentümer einer Pflegeheimimmobilie ist der Betreiber selbst. Das trifft zum großen Teil noch auf den Bereich der freigemeinnützigen Betreiber zu. Denen gehört in der Regel die Immobilie. Das trifft aber ebenfalls zum großen Teil auf den Bereich der kleinen und privaten Betreiber zu. Da haben wir den kleineren Pflegeheimbetreiber, der zwei Pflegeheime betreibt – und dem auch die Immobilie gehört. Das ist das traditionelle Bild. In einem kleinem Segment, nämlich in dem Segment, in dem den Betreibern die Pflegeheime nicht selbst gehören, kommen jetzt auch vermehrt Ausländer als Immobilieninvestoren in den Markt. Allerdings stellen die Ausländer einen sehr kleinen Teil der Eigentümer dar. Schätzungsweise 95 Prozent der deutschen Pflegeheimimmobilien sind (noch) in deutscher Hand.

 

Die Gründe dafür, warum trotz allem immer mehr Immobilieninvestoren aus dem Ausland in den deutschen Pflegeheimmarkt einsteigen sind vielfältig. Ich glaube, dass viele unserer Mitbewerber eine ganz einfache Rechnung aufmachen: „Schaut euch Deutschland an. Deutschland wird immer älter, es gibt einen Mangel an Pflegeheimplätzen, und deshalb wird der Markt zukünftig größer.“  Hier kann einfach mit höheren Renditen als in anderen Immobiliensparten gerechnet werden. Hemsö verfolgt eine etwas andere Herangehensweise. Klar, die ersten Schritte sind ähnlich. Aber wir machen uns auch Gedanken darüber, wo der weitere Weg bei Pflegeheimen hinführen wird. Bezugnehmend auf die demografische Entwicklung: Was passiert, wenn es immer mehr Empfänger gibt, aber immer weniger Einzahler? Ist es nachhaltig, in Pflegeheime zu investieren, die einzig und alleine Einzelzimmer haben? Ist es nachhaltig, in dieses hochpreisige Segment einzusteigen? Wir machen uns sehr große Gedanken darüber, wie ein Pflegeheim langfristig in Deutschland aussehen sollte? Genau wissen wir das natürlich nicht, aber keiner weiß das heute. Umso wichtiger ist es herauszufinden, welche Parameter stehen fest und lassen sich nicht verändern? Hier sei als ein Beispiel der Standort eines bestehenden Pflegeheims genannt. Hemsö agiert dabei extrem standortgetrieben und vertritt die Ansicht, dass wir nur an Standorten einsteigen sollten, die eine positive Bevölkerungsentwicklung aufweisen und die sich auch wirtschaftlich positiv entwickeln.

 

Maßgeblich ist, dass die Immobilie eine gewisse Flexibilität aufweist und auch in der Zukunft Veränderungen möglich sind. Wir sind überzeugt davon, dass es immer weiter in die Richtung „Mehrnutzung“ geht. Es reicht nicht, ein separates Pflegeheim zu betreiben, sondern wichtig sind auch weitere, differenzierte Betreuungsmöglichkeiten sowie Ärzte und Krankenhäuser in nächster Nähe. Je mehr Angebote, desto besser. Allerdings glauben wir auch, dass der Trend leider eher in Richtung einer klar abgegrenzten Zwei-Klassen-Pflege geht. Es wird einen kleineren Teil der älteren Menschen geben, die sich sozusagen „nach oben offen“ alles leisten können. Die es sich dann aber auch leisten können, sich bei Bedarf umfassend zu Hause pflegen zu lassen und nicht auf einen Pflegeheimplatz angewiesen sind. Dem Gros der Pflegebedürftigen wird in der Zukunft allerdings weniger Geld zur Verfügung stehen. Und hier kommen Themen auf wie Doppelzimmer- und/oder Einzelzimmerbelegung in Pflegeheimen. Hemsö ist hier offen gegenüber Doppelzimmern. Viele „verteufeln“ Doppelzimmer in Pflegeheimen. Unserer Erkenntnis nach, sind Doppelzimmer pflegerisch nicht immer von Nachteil. Es gibt Menschen, die können im Doppelzimmer durchaus besser stimuliert und gepflegt werden. Zudem, und das darf nicht außer Acht gelassen werden, sind die tatsächlichen Kosten für eine Doppelzimmerbelegung um einiges günstiger als bei Einzelzimmerbelegung. Genau dieser Punkt wird zurzeit in der Diskussion rund um Pflegeheime noch kräftig ignoriert.  Es gibt eine vorherrschende Sozialromantik und einen gewissen Populismus bei Politikern, die gerne wiedergewählt werden möchten, und die Aussagen treffen, dass jeder Pflegeheimbewohner auch ein Einzelzimmer bekommen wird. Die Frage nach einer soliden und seriösen zukünftigen Finanzierung bleibt dabei völlig offen.

 

Hemsö schaut sich jeden Standort ganz genau an. Wir investieren, wie schon gesagt, nur in Regionen und Standorte, die sich positiv gesamtdemografisch und wirtschaftlich nach vorne entwickeln. Uns reicht es nicht aus, wenn uns jemand eine Statistik vorlegt, die belegt, dass die Zahl der 65-Jährigen im betreffenden Raum stark ansteigt. Was nützt uns das, wenn die Zahl derjenigen, die die älteren Menschen pflegen abnimmt (z. B. durch Wegzug und/oder sehr geringe Geburtenzahlen).

 

Um nochmal auf die Einzelzimmer-/Doppelzimmerzimmer-Diskussion zurückzukommen. Hier muss der jeweilige Standort genau bewertet werden. Es gibt Regionen in Deutschland, wo Doppelzimmer absolut kein Problem darstellen. Als Beispiel kann ich zwei Hemsö-Objekte in Sachsen nennen, die alle beide ein nicht unerhebliches Angebot an Doppelzimmern haben, und die genauso beliebt sind wie die dortigen Einzelzimmer. Wir kennen aber auch andere Regionen, da werden Doppelzimmer de facto überhaupt nicht angenommen. Das kann damit zusammenhängen, dass sich die pflegebedürftigen Nutzer in diesen Regionen in einer sehr guten wirtschaftlichen Situation befinden und sich leichter ein Einzelzimmer leisten können. Betrachten wir Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, dann kann es auch damit zusammenhängen, dass die Politik dort zielgerichtet die Doppelzimmer „verbannen“ möchte. Was wiederum auf die Neigung der Nutzer „abfärbt“. Am Ende des Tages muss man jeden Fall, jeden Standort einzeln betrachten. Es bringt nichts zu sagen, wir bieten nur Einzelzimmer oder wir bieten nur Doppelzimmer an. Am Liebsten sind uns Objekte, die beides flexibel anbieten können. Heißt, vorhandene Einzelzimmer sind so großzügig gestaltet, dass man sie im Zweifelsfalle auch doppelt belegen kann.

 

Diese fehlende Flexibilität ist ein großes Problem. Denn es werden heutzutage Pflegeheime nach Vorschriften gebaut, die immer nur gerade aktuell gelten. Dann werden Mietverträge mit 25-jähriger Laufzeit abgeschlossen, obwohl jedem Kenner der Branche bewusst ist, dass ein Pflegeheim in 25 Jahren definitiv nicht so aussehen wird und kann wie heute. Selbstverständlich kann man heute noch nicht genau sagen, wie ein Pflegeheim der Zukunft aussehen wird, aber jedem ist im Grunde bewusst, dass nur das Produkt/Objekt zukunftsfähig ist, welches stets angepasst und verändert werden kann.

 

Das Schlimmste, was es in dieser Richtung gibt, sind die sogenannten Aufteiler-Modelle. Es werden vermehrt Pflegeheime in Wohneigentum aufgeteilt. Hier gehen die verschiedenen Zimmer an die unterschiedlichsten Einzelinvestoren, und es ist nicht möglich, ohne einen einstimmigen/einheitlichen Beschluss der Eigentümergemeinschaft, Änderungen vorzunehmen. Zum Beispiel, wenn das Zusammenlegen oder auch das Teilen von Zimmern sinnvoll wird. Ich empfinde das als völlig bizarr, wie eine solche Vorgehensweise bei einem Produkt wie einem Pflegeheim zugelassen werden kann.

Unsere weitere Strategie als Investor ist die Risikostreuung, die Risikostreuung bei Standorten und Betreibern. Die größten Risiken, die es für uns gibt, sind die politische Risiken, die wir selber nicht beeinflussen können. Die Politik zeichnet sich (im Übrigen neben Deutschland auch in Schweden) teilweise durch eine große Wirklichkeitsfremde aus. Die politischen Beschlüsse, die letztendlich gefasst werden, erkenne ich sehr oft nicht aus vorangegangenen Diskussionen mit Experten wieder. Diese politischen Beschlüsse sind nicht für längere Zeit in Stein gemeißelt, sondern verändern sich gerne auch einmal in kürzeren Abständen. Das heißt für unsere Strategie weiterhin, dass es absolut unmöglich ist, uns auf Pflegeheimcluster in nur einem einzigen Bundesland zu konzentrieren. Vor allen Dingen, wenn es zu politischen Beschlüssen kommt, die sich negativ auf Pflegeheime auswirken. Deswegen hat Hemsö seine Pflegeheimimmobilien ganz gezielt über mehrere Bundesländer sowie verschiedene Betreiber gestreut.   

 

Wir haben derzeit 32 Objekte in Deutschland und sind dabei auf sechs Bundesländer und 13 unterschiedliche Betreiber aufgeteilt. Wir setzen ganz bewusst auf kleine und große Privatbetreiber sowie größeere freigemeinnützige Betreiber. Denn jeder Betreiber managt sein(e) Pflegeheim(e) anders. Der eine macht das eine besser, der andere macht etwas anderes besser. Und für uns stellt das natürlich einen guten Lerneffekt dar. Wir als Immobilieninvestor haben den Anspruch zu verstehen, wo unsere Mieter ihr  Geld verdienen ihr. Denn nur dann können auch wir frühzeitig Sachverhalte und Zusammenhänge erkennen, auf die Mieter eingehen und Lösungen vorschlagen. Es wäre töricht, sich blind darauf zu verlassen, dass jeder Mieter seinen Mietvertrag die nächsten 25 Jahre schon irgendwie erfüllt. Machen wir uns nichts vor, das ist ja nicht der Staat, der hier der Mieter/Betreiber ist, sondern das sind in der Regel von der Rechtsform her private Gesellschaften, die allesamt nicht über enorme Bilanzvermögen verfügen. Das heißt auch, wenn bei diesen Betreibergesellschaften der Umsatz einbricht, dann klopfen diese wenig später beim Vermieter an, um über die Miete zu reden. Aus diesem Grund ist es für uns so wichtig zu verstehen, wo sind die Stellschrauben, womit verdient der Betreiber effektiv sein Geld, wo verliert er es potenziell? Wie können und müssen wir (gemeinsam mit dem Betreiber) darauf reagieren?

 

Wir unterscheiden uns von anderen Investoren in diesem Segment dadurch, dass wir nicht einfach passiv Mietverträge kaufen, um diese „durchlaufen“ zu lassen. Hier sind wir anders, da wir durchaus bereit sind, bestehende Mietverträge vorzeitig umzuverhandeln. Das haben wir bei mehr als der Hälfte unserer Objekte in Deutschland getan. Zudem sind wir immer bereit und in der Lage, (Re-)Investitionen durchzuführen. Und genau das ist für viele Investoren gar nicht möglich. Als Beispiel sei nochmal das eben beschriebene Aufteiler-Modell genannt. Stellen Sie sich eine Eigentümergemeinschaft mit 80 verschiedenen Eigentümern vor, und der Betreiber wünscht einen Ausbau des Pflegeheims mit 20 Zimmern für die Intensivpflege. In diesem Falle würden Sie garantiert keinen einhelligen Beschluss der Eigentümergemeinschaft erzielen können. Oder wenn Sie als Betreiber einem geschlossenen Immobilienfond nach fünf Jahren vorschlagen, dass Sie gerne noch eine zusätzliche Pflegeheimetage ausbauen würden. Das ist oftmals nicht ohne Probleme möglich. Und genau durch diese benötigte Flexibilität zeichnen wir uns aus. Wir können jederzeit investieren. Es muss sich selbstverständlich für uns rechnen, aber wir haben dabei keinerlei regulative Beschränkungen.

 

Warum sind ausländische Immobilieninvestoren, wie auch Hemsö aus Schweden, gerade in Deutschland aktiv?

 

Jens Nagel: Deutschland ist für uns mit etwa 12.500 Pflegeheimen ein enorm großer Markt, und prinzipiell sind alle Heime zu verkaufen, es ist – wie immer – nur eine Frage des Preises. Wir haben also wesentlich mehr Möglichkeiten an geeignete Objekte heranzukommen als in einem kleinen Markt wie Schweden. Und die Einstiegsrenditen sind hier deutlich höher als in anderen vergleichbaren Märkten. Um einmal in Faktoren zu rechnen: Das Wie-viel-fache der Jahresmiete zahlt man für ein Pflegeheim? Während man in Schweden über den Daumen gepeilt mit einem Faktor 20 rechnen kann, beträgt der Faktor in Deutschland zwischen 13 und 15. Wir zahlen effektiv fünf Jahresmieten weniger. Dafür ist wiederum das Risiko in Schweden geringer, weil dort tatsächlich die Gemeinde der Mieter ist. Aber nichtsdestotrotz haben wir hier erstmal eine höhere Rendite, und dazu kommt noch, dass wir im Euro-Raum geringere Zinsen haben. Wenn wir uns also mit Fremdmitteln eindecken, dann tun wir das hier deutlich günstiger als in Schweden. Die Gesamtrendite ist für uns also in Deutschland nicht unwesentlich attraktiver als in Schweden. Dazu stellt man fest, dass der deutsche Markt wahnsinnig fragmentiert ist. Er ist noch nicht, wie in vielen anderen Ländern, mit nur zwei Hände voll großer Immobilieninvestoren und -betreibern stark und eng abgesteckt. Gerade auf der Betreiberseite, gibt es sicher Tausende in Deutschland. So ein Markt bietet immer Chancen für gute Geschäfte, da er noch weniger professionell ist und sich in einem relativ frühen Entwicklungsstadium befindet. Ganz im Gegensatz zu Ländern, in denen sich diese Professionalisierung und Defragmentierung bereits vor Jahren vollzogen hat. Nichtsdestotrotz muss man aber sagen, dass gerade der Pflegeheimsektor durch die Refinanzierung durch die Pflegeversicherung oder das Pflegewohngeld und nicht zuletzt durch die privaten Beiträge gut berechenbar ist. Letztendlich wissen wir ja, dass der Großteil des Geldes für die Pflege von Menschen in Deutschland von der öffentlichen Hand gestellt wird. Die Politik versucht uns vorzugaukeln, es gibt die Pflegeversicherung, und der Rest wird privat bezahlt. Wir können nur sagen, von dem, was angeblich privat bezahlt wird, nicht selten der Grossteil eigentlich von den Gemeinden kommt. Weil der „normale“ Pflegebedürftige gar nicht über das notwendige Geld für einen angemessenen Pflegeheimplatz verfügt, um seinen Eigenanteil selbst zu bezahlen. In unseren Heimen sind im Schnitt 65 Prozent der Bewohner Sozialhilfeempfänger. Das muss man einfach so ganz klar sagen. Und der Trend geht hier leider nur in eine Richtung, nämlich nach oben!

 

Wie wird sich Hemsö in Deutschland in den kommenden Jahren entwickeln? 

 

Jens Nagel: Wir haben ganz klar das Ziel, unseren Bestand weiter stark auszubauen. Wir möchten im Jahr 2019 Immobilien mit einem Marktwert  von ca. 450 Millionen Euro in Deutschland besitzen. Zurzeit haben wir grob 300 Millionen. Ich kann mir sogar vorstellen, dass es 2019 sogar noch mehr sein wird. Denn wir haben in der Vergangenheit unsere Wachstumsziele in Deutschland immer nach oben angepasst, weil sich der Markt besser und schneller entwickelt hat als wir das ursprünglich angenommen haben. Wir haben keinen Geldmangel. Unser Eigentümer, das ist der Dritte Schwedische Allgemeine Pensionsfond, hat derzeit Kapital der Größenordnung von ca. 30 Milliarden Euro. Wir haben derzeit die Situation, dass wir den Großteil der im Unternehmen erwirtschafteten Gewinne wieder reinvestieren – in unseren Immobilienbestand und in weitere Expansionen. Das alles stellt erstmal eine positive Grundvoraussetzung dar. Dadurch, dass wir jetzt auch zunehmend bekannt werden, eröffnen sich uns gegenüber mehr und mehr Investitionsmöglichkeiten. Bis vor zwei-drei Jahren waren wir noch unbekannt, und inzwischen werden wir regelmäßig angesprochen.

 

Mit welchem Fokus?

 

Ich sehe als wichtiges Segment, in das wir bereits gezielt begonnen haben einzusteigen und dass noch viel, viel mehr Geld benötigt, nicht den Neubau von Pflegeheimen, sondern die Sanierung bestehender Pflegeheime! Von bis zu 12.500 Pflegeheimen in Deutschland sind schätzungsweise 10.000 älter als 15 Jahre und mindestens 6.000 davon älter als 25-30 Jahre. Es wäre völlig illusorisch zu glauben, dass wir innerhalb der nächsten fünf Jahre von 12.500 existierenden Pflegeheimen 10.000 schließen, um dann neue zu bauen. Es muss also viel mehr in die Sanierung von Objekten investiert werden. Und genau hier passiert nach meiner Kenntnis viel zu wenig. Warum ist das so? Weil externe Immobilieninvestoren an diesem Sanierungssegment bislang nicht sonderlich interessiert sind. Es ist komplizierter und ist im Normalfall im Bezug auf die Baukosten risikobehafteter, da die Sanierung eines Gebäudes schwieriger kalkulierbar ist als ein kompletter Neubau. Aus unserer Sicht hat dies aber andere, nicht zu vernachlässigende Vorteile.  Denn bei einem Objekt, welches 20 Jahre alt ist und seit 20 Jahre erfolgreich betrieben wird, wissen wir, wie es am Markt positioniert ist und es hat in der Regel einen gewissen Ruf. Zudem gibt es ein eingespieltes Team von Mitarbeitern. Und genau hier lohnt es sich, über eine Sanierung nachzudenken. Nicht zu vergessen, dass die älteren Heime oft in deutlich besseren Lagen angesiedelt sind, da Städte in der Regel von innen nach außen wachsen und somit die älteren Pflegeheime zentrumsnäher und damit infrastrukturell und sozial günstiger gelegen sind. Ein Neubau eines Pflegeheims in guten Stadtlagen rechnet sich heutzutage einfach (oft) nicht. Wir haben das bis jetzt im Rhein-Main-Gebiet bei vier unserer Pflegeheime aus den frühen 1980er-Jahren konsequent durchgezogen, die komplett saniert wurden. Im vergangenen Jahr haben wir ein Objekt von 1984 gekauft, welches in einer unglaublich tollen Lage liegt, nämlich am Kurpark von Wiesbaden. Hier befinden wir uns gerade mitten in der Sanierung. Wir reduzieren gerade die Anzahl der Doppelzimmer, halten aber trotz allem ein Kontingent an Doppelzimmern aufrecht, bauen komplett neue Badzellen ein und erneuern die Flure usw. Wir arbeiten an weiteren Objekten in dem Segment und glauben, dass wir als Investor hier, beim bewussten Kauf und der Sanierung älterer Pflegeheime, relativ allein auf dem Markt unterwegs sind. Viele „Neubauer“ unterschätzen den Aufwand und die Kosten für neues Personal. Ohne qualifiziertes Personal, keine neuen Bewohner.

 

Ist der Kauf und die Sanierung älterer Pflegeheime ein ausgewiesener Trend, der sich verstärken wird?

 

Leider nein! Der Großteil der institutionellen Investoren sind passive Investoren, die Pflegeheime bzw.  25-jährige Mietverträge kaufen. Diese Investoren kommen aus dem klassischen Bewertungsansatz in Deutschland, der das Gebäudealter in den Vordergrund stellt. Diese Investoren sind eben in erster Linie an neugebauten Pflegeheimen mit langen Mietverträgen interessiert. Auf dem Papier ist das eine tolle Sache, aber in der Realität sieht das nicht selten anders aus. Betrachten wir einen typischen geschlossenen Immobilienfonds. Hier gibt es den Fondsinitiator, der sein Geld im Wesentlichen durch den Ankauf der Objekte verdient. Er bekommt ein Akquisitionshonorar und damit ist sein Geschäft so gut wie gelaufen. Genauso verhält es sich bei den Umwandlern sowie bei den offenen Immobilienfonds. Auch diese verdienen ihr Geld im Wesentlichen durch Akquisitionsentgelte. Bei uns stellt es sich deswegen ganz anders dar, da wir eine Privataktiengesellschaft sind und wir nicht über Akquisitions-Fees entlohnt werden. Mein Gehalt wird aus den Mieteinnahmen und nicht über (kurzfristige) Neu-Kauf-Incentives bezahlt. Unsere – wenn Sie so sagen wollen – „Incentives“ sind eher die langfristige, nachhaltige Bewirtschaftung unserer Objekte. Betrachten wir unseren Bestand von 32 Objekten in Deutschland. Hier lässt sich überhaupt keine Korrelation zwischen Gebäudealter und dem tatsächlichen aktuellem Belegungsgrad erkennen. Einige unserer alten Objekte, die zum Teil noch nicht komplett saniert sind, sind trotz allem voll belegt. Und hier wird der klassische Irrtum deutlich: Der Investor denkt, das A und O für ein Pflegeheim ist die Immobilie. Das ist falsch. Das A und O für ein Pflegeheim ist das Personal. Ich habe schon Pflegeheime gesehen, die wir bei alleiniger Betrachtung des Zustandes der Immobilie nie gekauft hätten. Aber das Personal war zufrieden, die Bewohner fühlten sich wohl, das Pflegeheim war voll. Es ist immer wichtig auch zu betrachten, aus welchen Wohnverhältnissen der „normale“ Pflegeheimbewohner kommt. In der Regel hat er geraume Zeit, oft einsam, in einer eigenen Wohnung als Pflegfall gelebt. Und vermutlich hat er nicht so gelebt, wie man sich das gerne vorstellen würde, da die wenigstens Wohnungen die spezifischen Bedürfnisse von Pflegebedürftigen Menschen erfüllen. Für diesen Menschen, der in ein Pflegeheim kommt und die Betreuung dort erfährt, ist dies eine unglaubliche Qualitätssteigerung, was das alltägliche Leben anbelangt. Ich bilde mir ein, ob das Pflegeheim nun 1984 oder 2011 gebaut wurde, das nimmt der pflegebedürftige Mensch, im Gegensatz zu den Angehörigen, wesentlich weniger wahr. Der Bewohner nimmt war: Wie freundlich ist das Personal, und wie gut ist das Essen. Man muss als Immobilieneigentümer in Deutschland davon wegkommen, dass bei der stationären Pflege von Menschen die Immobilie auf Rang eins rangiert. Das ist nicht so! Das Personal steht immer erster Stelle!

Und hier kommen wir wieder auf die Standortwahl zu sprechen. Denn auch für das Personal ist der Standort des Pflegeheims nicht unerheblich. Das Pflegeheim auf der grünen Wiese, schwer zu erreichen, keine Infrastruktur rundherum ist für uns einfach nicht so interessant. Heute muss ein Betreiber, der gutes Personal bekommen möchte, nicht nur faire Löhne zahlen, sondern er muss auch einen gut erreichbaren Standort anbieten können, wo es zum Beispiel eine Kita in der Nähe gibt oder sogar eine Kita im Objekt vorhanden ist. Diesen ganzheitliche Ansatz und das Wegkommen von der eindimensionalen Betrachtung der reinen Immobilie verfolgen wir, aber andere institutionelle Investoren nicht, da sie von Tag eins an Geld verdienen wollen.

 

Herr Nagel, herzlichen Dank für dieses sehr ausführliche Gespräch!

 


Keine Kommentare

Keine Kommentare gefunden.
Falls Sie einen Kommentar abgeben wollen, müssen Sie sich vorher einmalig registrieren.
 
IM INTERVIEW
13.11.2018
Prof. Dr. rer. medic. Björn Sellemann, FH Münster

Nach all den Jahren der AAL-Förderung und Entwicklung haben sich nur relativ wenige Produkte im Markt durchgesetzt – und dies, obwohl es durchaus positive Evaluierungen von ...


IM BLICKPUNKT
15.11.2018
17. KWA-Symposium: Gutes Leben - gute Pflege

Die Politik scheint eher am Status quo festhalten und ihn sichern zu wollen. Fragen nach der Qualität und Kultur von Pflege werden nur selten berührt; geschweige denn werden von ...


NEUESTE BEITRÄGE
15.11.2018
„Der Markt braucht eine regionale Versorgung sowie Spezialangebote.“

Wie nehmen Sie den deutschen Pflegemarkt heute aus Ihrer Position heraus wahr?   Dr. Christian Kleikamp: Aus meiner Sicht zeigt sich der Pflegemarkt mit dem Willen, positiv ...


07.11.2018
Ohne Kontrolle keine Sicherheit!

Vor allem im Bereich unzureichender Trinkwasserqualität lauern große Gefahren. „Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat jüngst multiresistente ...


26.10.2018
„Ey Alter – du kannst dich mal kennenlernen“ Erlebnisausstellung setzt Impulse für Unternehmen zum Umgang mit dem demografischen Wandel

Nach dem großen Erfolg mit rund 350.000 Besuchern von „Ey Alter“ im Universum Bremen (2015) und im Stuttgarter Mercedes-Benz Museum (2017) gastiert die Ausstellung noch bis ...


16.10.2018
Professionelles Einrichtungskonzept als nachhaltiger Erfolgsfaktor in der Pflege – Wie wichtig eine gute Einrichtungskonzeption für die Außenwirkung, Mitarbeiterbindung und die Bewohner sind

Professionelles Einrichtungskonzept als nachhaltiger Erfolgsfaktor in der Pflege – Wie wichtig eine gute Einrichtungskonzeption für die Außenwirkung, Mitarbeiterbindung und ...


05.10.2018
BIOLOGISCH WIRKSAMES LICHT ERSTMALS FÜR DEN MOBILEN EINSATZ

Die Stehleuchte Vivaa Free macht biologisch wirksames Licht für alle Menschen in allen Räumen zugänglich. Das lichttechnische Know-how wird nun in der wohnlichen Stehleuchte ...


Xing
LinkedIn Logo