02.07.2018
Kategorie: MM Marktentwicklung, MM Demografie, FT Digital World, FT Technik
Tanja Ehret

„Die wesentliche Triebfeder zur Etablierung von Digitalisierung im Quartier ist der Wunsch vieler Menschen, so lange wie möglich zuhause wohnen bleiben zu können.“

Wir sprachen mit Christine Weiß, Institut für Innovation und Technik (iit) in der VDI/VDE-IT, über die Themen Technisierung und Digitalisierung im Gesundheitswesen. Christine Weiß studierte Biomedizinische Technik an der TU Berlin. Im Anschluss arbeitete sie fünf Jahre als Entwicklungsingenieurin bei der B. Braun Melsungen AG. 2000 begann Frau Weiß als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der VDI/VDE-IT. Aktuell ist sie stellvertretende Leiterin des Bereichs „Demografischer Wandel und Zukunftsforschung“ und Seniormanagerin im Institut für Innovation und Technik (iit) mit Schwerpunkt Demografie und Pflege.


Die Technisierung und Digitalisierung – auch im Gesundheitswesen – schreitet voran. Beschreiben Sie aus Ihrer Sicht den Status quo in der Pflege.

Noch vor ein paar Jahren bedurfte es durchaus einer Portion Mut sich als Ingenieurin vor eine Gruppe Pflegekräfte zu stellen und einen Vortrag zu den Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung für die Pflege zu halten. Das hat sich heute deutlich verändert. Inzwischen liegen zahlreiche ermutigende Studien und Veröffentlichungen zu den Potenzialen digitaler Pflegeinnovationen vor. Fast möchte man die Pflegebranche als Digitalisierungsgewinnerin ausrufen. Zum einen bietet der eklatante Fachkräftemangel kaum Ansatzpunkte zur Verdrängung von (nicht besetzbaren) Arbeitsplätzen, zum anderen werden durch neue digitale (Assistenz-)Systeme bessere Unterstützungsmöglichkeiten und deutliche Effizienzgewinne möglich sein. Aber noch sprechen wir eher über zukünftige Potenziale, da heute der Einsatz von Pflegetechnologien in der Praxis meist noch ganz am Anfang steht. Allerdings ist und bleibt die Pflege eine von Empathie und Fürsorge geprägte Profession, so dass es vor allem um Mensch-Mensch-Interaktion mit Hilfe von Technik gehen muss.

 

Wo sehen Sie die größten Chancen, aber auch Herausforderungen?

Chancen sehe ich für alle Beteiligten und in allen Pflegesettings. Am einfachsten erscheinen Pflegeinnovationen in professionellen Versorgungsstrukturen umsetzbar zu sein. Hier gilt es effizientere Prozesse mittels Digitalisierung zu organisieren, die Entbürokratisierung voranzutreiben und Pflegekräfte kognitiv und physisch zu unterstützen. Beispielhaft können Lösungen zur situationsbedingten Bereitstellung von Informationen, zur Dokumentationsunterstützung und zur Weitergabe von Erfahrungswissen genannt werden. Körperliche Entlastung könnten robotische Systeme zur Mobilisierung von Pflegebedürftigen leisten. Im ambulanten und häuslichen Bereich, vor allem mit Fokus auf den Pflegedürftigen selbst, wird zwar ein noch größerer Bedarf gesehen, aber die Umsetzung ist deutlich schwieriger. Wesentlich ist und bleibt die Sturz- und Notfallerkennung im Rahmen eines sensorisch erweiterten Hausnotrufs. Aber auch Ortungs-, Orientierungs- und Navigationssysteme speziell für demenziell erkrankte Personen nehmen an Bedeutung zu. Auch bei der Selbstversorgung können robotische Greif- und Anreichesysteme dem Pflegebedürftigen und damit indirekt auch dessen Angehörigen unterstützen. Neben den Chancen gibt es natürlich auch Herausforderungen. Zu nennen sind die zum Teil noch niedrigen Akzeptanzwerte, fehlende Wirksamkeitsnachweise, ungeklärte Finanzierungsmodelle und fehlende Vermittlung digitaler Kompetenzen in der pflegerischen Aus- und Weiterbildung. Aber wir sind auf einem guten Weg, denn die Akteure haben begonnen miteinander und nicht übereinander zu reden.

 

Aus Ihrer Erfahrung heraus, wie können die Mitarbeiter aus der Pflege am besten mit einbezogen und mitgenommen werden, wenn es um den Einsatz von Technik geht?

Die Pflegekräfte müssen von Beginn an Teil des Innovationsprozesses sein. Unter dem Motto „Verstehen-Gestalten-Profitieren“ gilt es zuerst gemeinsam den Bedarf zu erheben, begleitend die neuen Pflegetechnologien auszuprobieren und am Ende den Nutzen in der Praxis zu erleben. Hier kommt auch den Pflegewissenschaften eine hohe Bedeutung zu, die Wirksamkeit der Innovationen zu evaluieren und entsprechende Empfehlungen auszusprechen. Aus meiner Erfahrung wünschen sich die Technikentwickler den kompetenten Austausch mit den Praxispartnern. Dazu ist es aber auch notwendig entsprechende digitale Kompetenzen bei den Pflegekräften zu verankern. Ebenso müssen die Ingenieure sich intensiv mit den Anforderungen der Pflege auseinandersetzen. Sonst gilt: Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht.

 

Sie halten auf dem REHACARE Kongress einen Vortrag mit dem Titel „Digitalisierung im Quartier: Von der Forschung in die Praxis“. Werfen wir daher mal einen Blick ins Quartier (und damit in ein eher kleinräumiges und überschaubares Umfeld), wie lässt sich dieser Lebensraum digital gestalten?

Die wesentliche Triebfeder zur nachhaltigen Etablierung von Digitalisierung im Quartier ist der Wunsch vieler Menschen, so lange wie möglich zuhause wohnen bleiben zu können. Dieser Wunsch hat zu Recht seit vielen Jahren große Anstrengungen in Forschung und Praxis motiviert. Eine wesentliche Voraussetzung ist nach wie vor eine altersgerechte und barrierefreie Wohnung. Neben angebotenen sicherheitstechnischen und komfortorientierten Smart-Home-Lösungen sind auch telemedizinische Angebote im Kommen. Die Menschen möchten aber nicht nur gut versorgt sein, um am Ende vereinsamt zuhause zu sitzen. Viele wünschen sich in ihrem Quartier aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Hier bieten sich digitale Ansätze bei der Quartiersvernetzung oder der Mobilität an. Eine interessante Innovation sind auch „Smart Objects“, wenn zum Beispiel die Fußgängerampel die Grünphase entsprechend Laufgeschwindigkeit mobilitätseingeschränkter Fußgänger verlängert oder sich Sitzgelegenheiten dem Bedarf einer gebrechlichen Person anpasst.

 

Nun richtet sich der REHACARE-Kongress an eine Zielgruppe, die viel mit älteren Menschen arbeiten. In den Medien ist immer wieder die Rede davon, dass Ältere besonders Gefahr laufen, von neuen technologischen Entwicklungen abgehängt werden. Warum ist das so und wo können wir im Quartier Hebel ansetzen?

Angesichts des exponentiellen Verlaufs der Digitalisierung werden wir alle früher oder später in Gefahr geraten vom technischen Fortschritt abgehängt zu werden. Aber in der Tat sind aktuell vor allem Ältere davon betroffen, wenn zunehmend analoge Angebote nur noch digital zur Verfügung stehen werden. Allerdings sinkt die Zahl der „Offliner“ kontinuierlich in den letzten Jahren. Zahlreiche engagierte Verein bieten Schulungen meist von Senioren für Senioren an und bauen damit die Vorbehalte in der älteren Bevölkerung ab und die digitalen Kompetenzen auf. In meinen Augen ist es aber sinnvoll mittels einer vorausschauenden Technologiefolgenabschätzung schon heute einen Blick in die digitale Zukunft zu wagen, um von eigentlich absehbaren Entwicklungen nicht komplett überrascht zu werden.

 

Hinter dem Begriff der Digitalisierung verbirgt sich viel mehr als die Nutzung des Internets und des Smartphones. Wo sehen Sie die besonderen Potentiale für ältere oder gesundheitlich eingeschränkte Menschen?

Ich bin Ihnen sehr dankbar für diese Frage, da der Fokus auf Tablets & Co. oft das Bild der technischen Möglichkeiten einengt. Eingangs hatte ich schon ein paar Beispiele genannt. Ergänzend kann ich diese durch Gesundheit-Apps zur Präventionsunterstützung, intelligente Systeme zur Vermeidung von Dekubitus oder Dehydrierung, interaktive Monitoringsysteme zur Erfassung des Gesundheits- und Befindlichkeitsstatus, zirkadiane Lichtsteuerung für einen verbesserten Tag-Nacht-Rhythmus, aber auch emotionale Robotik zur Aktivierung von demenziell Erkrankten. Dabei spielen Sicherheit, Qualität und Sinnhaftigkeit der Angebote eine entscheidende Rolle für die Akzeptanz bei den älteren Menschen und ihrem Umfeld.

 

Häufig scheint es so, als müsse man ältere Menschen unbedingt davon überzeugen, die neuen Techniken und Möglichkeiten zu nutzen. Gibt es denn auch Gefahren oder ethische Bedenken?

Bedenklich wird es dann, wenn der Zugang zu Informationen nur noch digital angeboten wird oder Dienstleistungen die digitale Teilnahme zwingend voraussetzen. Es muss das Recht auf ein „offline“ Leben geben, ohne diskriminiert zu werden. Aber wenn ein Leben „online“ gewünscht wird, dann muss die Gesellschaft Sorge tragen, dass alle Menschen, ob jung oder alt, digital kompetent und souverän sind. Schon vor Jahren stellte eine Kollegin in diesem Zusammenhang sehr scharfsinnig fest: „Wenn digitale Angebote umsonst sind, dann sind wir als Nutzer das Produkt“. Das ist auch heute den wenigsten klar. Um zu einer entsprechenden digitalen Souveränität aller Generationen zu kommen, bedarf es noch erheblicher Anstrengungen. Angesichts vieler guter Beispiele bin ich aber zuversichtlich. Nennen möchte ich exemplarisch den „Digital-Kompass“, ein Angebot der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) e. V. für alle, die ältere Menschen ins und im Netz begleiten. Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung werden wir in den nächsten Monaten eine Studie zur „Digitalen Souveränität aller Generationen“ erarbeiten.

 

Wenn Sie nun einmal die Augen schließen und sich zurücklehnen. Begeben Sie sich ins Jahr 2030. Welche Innovationen heute haben es geschafft, sich durchzusetzen und sind zu integralen Bestandteilen unseres Alltags in einem typischen Stadtteil, einem typischen Quartier geworden?

Eine wunderbare Gelegenheit für meinen diesbezüglichen Lieblingswitz: „Welche App war 2006 während der Fußballweltmeisterschaft die beliebteste in Deutschland? […] Es gab noch keine Apps!“ (das iPhone kam erst Mitte 2007 auf den Markt). Das war vor 12 Jahren. Für Sie wage ich einen Blick 12 Jahre in die Zukunft. Wahrscheinlich wird sich der Stadtteil kaum optisch verändern, aber unsere Lebenswirklichkeit wird eine andere sein: mehr autonome Systeme und mehr Robotik, weniger Bargeld und mehr Plattformökonomien und mehr Expertensysteme auf Basis künstlicher Intelligenz und Meinungsbildungen durch Social Bots. Wir werden belanglose und anspruchsvolle Konversationen mit künstlichen Avataren führen und Selbstvermessung für einen selbstverständlichen Teil einer gesünderen Lebensführung akzeptieren. Big-Data-Ansätze analysieren und beeinflussen gesellschaftliche Trends und unsere digitalen Schatten werden zum realen Teil unserer Existenz. So oder so ähnlich könnte es sein, aber am Schluss sind wir alle nur Menschen, die sich in ihrem vertrauten Umfeld wohlfühlen wollen, wie Generationen vor und nach uns.

 

Herzlichen Dank für diesen Ausblick und die Beantwortung unserer Fragen!

 

Erleben Sie Christine Weiß als Referentin auf dem REHACARE Kongress am 28. September in Düsseldorf. Hier finden Sie das komplette Programm vom Kongress: www.rehacare.de/kongress

 


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