08.06.2018
Kategorie: MM Marktentwicklung, FT Digital World, FT Technik, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Grundsätzlich dürfen ökonomische Rationalisierung und reine Kosteneffizienz nicht als einziges bzw. zentrales Kriterium die Digitalisierung und Technisierung in den Pflegeeinrichtungen bestimmen.

Die Digitalisierung und Technisierung schreitet auch in der Pflege immer weiter voran. Uwe Ploch, Bereichsleiter Personalentwicklung und Bildungsförderung der DAA-Stiftung Bildung und Beruf, sowie Dr. Till Werkmeister, Referent Bildungsförderung der DAA-Stiftung Bildung und Beruf (https://www.daa-stiftung.de/) gaben uns zum oben genannten Thema die folgenden Antworten.


Uwe Ploch

Dr. Till Werkmeister

Beschreiben Sie aus Ihrer Sicht den Status quo der Digitalisierung und Technisierung der Pflege. Was sind die größten Trends bei der Digitalisierung und Technisierung des Pflegebereichs?

Uwe Ploch und Dr. Till Werkmeister: Digitalisierung und Technisierung sind kein gänzlich neues Phänomen, sie prägen bereits seit Längerem die Realität in Pflegeeinrichtungen. Die Digitalisierung und Technisierung vollzieht sich primär in drei Bereichen: Erstens kommen zunehmend digitale Informations- und Kommunikationstechnologien zum Einsatz. Papierakten werden durch elektronische Formen der Pflegedokumentation unter Verwendung mobiler Endgeräte (Smartphones, Tablet-PCs) ersetzt. Mittel- und langfristig ist mit einer flächendeckenden Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) und zudem mit einer verstärkten Verbreitung von sogenannten Wearables wie Smartwatch oder Smart Glasses zu rechnen. Ein zweiter Bereich liegt in der intelligenten und vernetzten Robotik. Service- und Transportrobotik findet bekanntermaßen bereits in zahlreichen Einrichtungen Verwendung, natürlich auch beispielsweise Patienten- und Personenlifter. Im Bereich pflegenahe Robotik gibt es spektakuläre Neuentwicklungen (z. B. intelligente Pflegewagen, Pflegeroboter), diese spielen gegenwärtig jedoch keine wichtige Rolle und sind meist Bestandteil von spezifischen Forschungsvorhaben oder Pilotprojekten an einzelnen Einrichtungen; ein flächendeckender Einsatz liegt noch in weiter Ferne. Drittens werden vernetzte Hilfs- und Monitoringsysteme zur Überwachung von Vitalparametern wie Blutdruck, Körpertemperatur, Puls und Herzfrequenz, jedoch zunehmend auch zur Überwachung nicht-physiologischer Parameter (z. B. GPS-Position), genutzt

 

Was sind die ausgewiesenen Chancen?

Uwe Ploch und Dr. Till Werkmeister: Die Digitalisierung und Technisierung hat das Potenzial, zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in der Pflege beizutragen. Es besteht berechtigte Hoffnung, dass sich durch die Automatisierung von Routinetätigkeiten – dringend erforderliche – körperliche und zeitliche Entlastungen der Pflegekräfte ergeben und neue Freiräume für die unmittelbare Fürsorge und zwischenmenschliche Interaktion entstehen können. Auf diesem Wege ließe sich auch die Qualität der Pflege erheblich steigern und der drohende Fachkräftemangel partiell abmildern. Die mit der Digitalisierung einhergehenden Potenziale dürfen jedoch nicht durch eine weitere Arbeitsverdichtung oder zusätzliche Dokumentationspflichten konterkariert werden. Sie werden sich nur dann voll entfalten, wenn der technische Fortschritt durch eine gezielte politische Steuerung begleitet wird, z. B. durch die Einführung gesetzlich festgelegter Personalschlüssel in der Pflege. In dieser Hinsicht besteht in Deutschland im internationalen Vergleich Aufholbedarf, denn in anderen Ländern wurden hiermit bereits gute Erfahrungen gemacht.

 

Welche dringendsten Herausforderungen sehen sie?

Uwe Ploch und Dr. Till Werkmeister: Grundsätzlich dürfen ökonomische Rationalisierung und reine Kosteneffizienz nicht als einziges bzw. zentrales Kriterium die Digitalisierung und Technisierung in den Pflegeeinrichtungen bestimmen. Die Qualität der Pflege, das Mitspracherecht der Beschäftigten auf allen Ebenen und nicht zuletzt auch moralische und ethische Fragestellungen müssen berücksichtigt werden. Mit der Durchdringung von Informations- und Kommunikationstechnologien gehen u. a. neue Möglichkeiten zur Leistungs- und Verhaltensüberwachung von Beschäftigten einher. Um Missbrauch zu verhindern, sind Richtlinien zur Gewährleistung des Datenschutzes und der Datensicherheit erforderlich. Neue Möglichkeiten der Kontrolle und Überwachung von Patientinnen und Patienten müssen mit dem Recht auf persönliche Selbstbestimmung und Autonomie austariert werden. Wenn digitale Ressourcen und die damit einhergehenden Potenziale ungleich verteilt werden, kann die fortschreitende Digitalisierung und Technisierung potenziell auch den Trend zu einer Zwei-Klassen-Pflege verschärfen.

 

Welche Folgen haben Digitalisierung und Technisierung auf die strukturelle Organisation in Gesundheits-/Pflegebetrieben? Wie wirken sich die Digitalisierung und Technisierung auf die Beschäftigungsarten und die Qualifizierung der in der Pflege Beschäftigten aus?

Uwe Ploch und Dr. Till Werkmeister: Die Digitalisierung sollte weder schicksalsgleich hingenommen, noch Top-down verordnet werden, sondern unter Einbeziehung der betroffenen Pflegebeschäftigten und Arbeitnehmervertreter aktiv gestaltet werden, damit die damit einhergehenden Potenziale genutzt werden können. Das mit der technischen Entwicklung einhergehende Substituierungs- bzw. Automatisierungspotenzial von Arbeit ist im Pflegebereich im Vergleich mit anderen Branchen eher niedrig. Fürsorgetätigkeiten unterliegen aus gutem Grund besonderen ethischen und sozialen Anforderungen sowie daraus resultierenden rechtlichen Vorschriften. Dies hat auch zur Folge, dass neue digital gestützte Formen der Arbeitsorganisation wie das Crowdworking hier keine wesentliche Rolle spielen sollten. Die Beschäftigungsverhältnisse in der Pflege sind allerdings bereits heute überwiegend der atypischen Beschäftigung zuzuordnen: Laut einer Studie von 2015 arbeiten rund 55 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Alten-, Gesundheits- und Krankenpfleger in Teilzeit. Ohne entsprechende politische Steuerung besteht die Gefahr, dass die Digitalisierung und Technisierung diesen Missstand verschärft, indem z. B. über eine digitale Personaleinsatzplanung einer noch höheren Flexibilisierung der Arbeit und der Arbeitsverhältnisse Vorschub geleistet wird. Hier gilt es, die bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Gestaltung sicherer, und angemessen bezahlter Beschäftigung auszubauen. Hinsichtlich der Qualifizierung der Pflegekräfte sollte man sich zukünftig weniger stark auf das Prinzip „Learning by Doing“ verlassen, sondern das Thema Digitalisierung und Technisierung systematisch in die Aus- und Weiterbildung integrieren. Dabei muss über die bloße Anwendung hinaus auch ein mündiger, kritisch-reflexiver Umgang mit digitaler Technik erlernt werden. Dieser Aspekt wird leider weder im Pflegeberufegesetz noch im Referentenentwurf einer Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe angemessen berücksichtigt.

 

Besten Dank für Ihre detaillierten Ausführungen!

 


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