19.12.2016
Kategorie: WP Betreuungskonzepte, WP Pflegekonzepte, MM Marktentwicklung
Tanja Ehret

Simon Wenz, Hausengel: „Die richtige Dienstleistung zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das ist es, was Betroffene brauchen."

Simon Wenz ist Geschäftsführender Gesellschafter und Gründer der Hausengel Unternehmensgruppe mit allen angeschlossenen Gesellschaften. Seit mehr als elf Jahren sieht er in der Umsetzung des Grundsatzes „ambulant vor stationär“ die größte Herausforderung unserer Gesellschaft. Auf dem Gebiet der häuslichen Versorgung und „24 Stunden Betreuung“ durch Betreuungskräfte aus Osteuropa gilt er als Experte und Visionär. Gelernter Versicherungskaufmann, anschließend Jura-Studium, seit 2005 Geschäftsführer der Hausengel GmbH.


Nach dem Grundsatz „rundum versorgt“ bietet die Hausengel GmbH bereits seit 2005 sowohl ambulante Pflege durch examiniertes Pflegefachpersonal als auch „24-Stunden-Betreuung“ im eigenen Zuhause durch osteuropäische Betreuungskräfte. Die Hausengel Akademie, der hauseigene Weiterbildungsträger an dem alle Betreuungskräfte der Hausengel ausgebildet werden, ist nach den AZAV-Richtlinien der Bundesagentur für Arbeit zertifiziert. Das Unternehmen ist Gründungsmitglied im Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP e.V.), der sich für einheitliche Qualitätsstandards in der häuslichen Versorgung einsetzt. Juliane Bohl, Mitarbeiterin der Hausengel Betreuungsdienstleistungen GmbH ist darüber hinaus stellvertretende Vorsitzende des VHBP e.V. Ende 2016 gründete das Unternehmen einen gemeinnützigen Verein (die Hausengel PflegeAllianz), der sich für die Förderung der würdevollen ambulanten Versorgung von hilfe- bzw. pflegebedürftigen Menschen mit einem Höchstmaß an pflegerischer Qualität und menschlicher Zuwendung und die Sicherung und Schaffung der damit verbunden Strukturen einsetzt. Das Unternehmen verfügt über eine eigene Unternehmensstruktur in Osteuropa. Die eigene Struktur dient der Sicherstellung der Qualifikation und Qualifizierung der Hausengel-Betreuungskräfte sowie einer reibungslosen und persönlichen Kommunikation mit den Betreuungskräften auch in deren Heimatländern.

 

Neue Gesetze werden selten von allen Seiten freudig begrüßt – so auch die neuen Pflegestärkungsgesetze. Welche Chancen und Herausforderungen bieten sie für die Pflegebedürftigen und für die ambulante Pflege?

 

Grundsätzlich freuen wir uns über die Vorteile, die das Pflegestärkungsgesetz für Pflegebedürftige mit sich bringen wird. Bei der Kategorisierung des Patienten in die fünf neuen Pflegegrade steht deren Grad an Selbstständigkeit im Fokus, nicht mehr der rein körperliche  pflegerische Unterstützungsbedarf. Dadurch erhalten vor allem demenziell Erkrankte endlich die gleichen Leistungen der sozialen Pflegeversicherung wie dauerhaft körperlich Erkrankte.

Hinzu kommen die zusätzlichen Betreuungs- und Entlastungsleistungen, die im Rahmen der häuslichen Betreuung eingesetzt werden könnten. Dies stärkt unseren ohnehin schon seit Jahren gelebten Grundsatz ‚ambulant vor stationär‘. Gerade für an Demenz erkrankte Patienten spielt die pflegerische Versorgung im vertrauten häuslichen Umfeld eine besonders große Rolle. Mehr als 50 Prozent der durch einen Hausengel betreuten Patienten leiden an Demenz.

 

Für uns stellt sich künftig die Herausforderung, unseren Patienten eine noch verzahntere Betreuung durch ambulanten Pflegedienst und häusliche Betreuungskraft anbieten zu können, als bisher schon. So können wir Patienten eine optimale Rundum-Versorgung anbieten. Durch das Pflegestärkungsgesetzt können Patienten in der sinnvollen Kombination dieser beiden Dienste außerdem künftig Geld sparen und gleichzeitig besser Versorgung erhalten.

 

Die Neuerungen sollen vor allem auch auf eine qualitative Weiterentwicklung der Pflege hinauslaufen. Wo sehen Sie hier konkret Handlungsbedarf in der ambulanten Betreuung und Pflege?

 

Pflege und Betreuung müssen vernetzter erfolgen. Die richtige Dienstleistung zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das ist es, was Betroffene brauchen. Wir verfolgen derzeit verschiedene Ansätze, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Wir wollen den Betroffenen lokale Strukturen und einen Mix aus verschiedenen Dienstleistungen und Anbietern ermöglichen.
 

Sie sind seit 2005 bundesweit mit den Hausengeln tätig. Wie hat sich seitdem der Markt verändert – vor allem hinsichtlich des Einsatzes von ausländischen Pflege- und Betreuungskräften? Woher kommen die Pflegekräfte zukünftig?

 

In den letzten 11 Jahren hat sich bei der Betreuung in häuslicher Gemeinschaft viel getan. Die Versorgung durch osteuropäische Betreuungskräfte ist gar nicht mehr wegzudenken. Ohne diese unersetzlichen Personen würde das deutsche Sozialsystem in sich zusammenbrechen. Das hat zur Folge, dass diese Dienstleistung stärker anerkannt und gewürdigt wird. Dadurch steigen auch die Anforderungen an die Kräfte. Es geht bei weitem nicht darum, die Wohnung des Betroffenen in Schuss zu halten. Wir begrüßen diese Entwicklung und investieren daher intensiv in die Aus- und Weiterbildung unserer Betreuungskräfte. Leider gibt es nach wie vor noch viel zu viel Schwarzarbeit in unserer Branche und die Politik unterstützt das Modell der häuslichen rundum Versorgung noch bei weitem nicht in ausreichendem Maße. Hier würde ich mir mehr Initiative und eine offene Kommunikation wünschen.

 

Der Großteil der Betreuungskräfte kommt weiterhin aus Polen. Wir spüren aber auch eine vermehrte Nachfrage von Betreuungskräften aus Ungarn, Litauen, Rumänien, der Slowakei, Slowenien und sogar Kroatien. Um dieser Nachfrage gerecht zu werden, haben wir in diesen Ländern eigene Gesellschaften gegründet und bauen eine eigene Struktur vor Ort auf.

 

Wie kann eine hohe Qualität in der Betreuung und Pflege durch ausländische Pflegekräfte sichergestellt werden?

 

Stetige Weiterbildungsmöglichkeiten, Transparenz in der pflegerischen Tätigkeit und gesellschaftliche Wertschätzung sind für mich hier Schlüsselbegriffe. Wir bei Hausengel begegnen diesen Themen mit unserer Hausengel Akademie. Als einziges Unternehmen der Branche sind wir nach den AZAV-Richtlinien der Bundesagentur für Arbeit zugelassenen Weiterbildungsträger. Unsere Betreuungskräfte erhalten hier von Beginn an regelmäßig Schulungen. Dank unserer hervorragenden Kooperation mit Springer Pflege bieten wir neuerdings auch ein E-Learning-Programm für die häusliche Betreuung von Pflegebedürftigen an. Der Zertifikatskurs „Betreuungskraft im häuslichen Umfeld“ umfasst 23 Module und 230 Unterrichtseinheiten und richtet sich neben unseren osteuropäischen Betreuungskräften auch an Personen, die privat oder ehrenamtlich betreuungsbedürftige Personen in deren Zuhause versorgen.

 

Wie kann die Betreuung durch ausländische Pflegekräfte aus der „Grauzone“ herausgeholt werden?

 

Es existiert keine Grauzone. Es gibt klare, gesetzliche Regelungen, nach denen die Betreuung in häuslicher Gemeinschaft rechtlich einwandfrei erfolgen kann. Was wir brauchen ist Anerkennung und keine pauschale „Hexenjagd“ auf Selbständige, Vorverurteilung oder ähnliches. Sollte sich die Bundesregierung entschließen, ähnlich wie in Österreich, ein eigenes Gesetz für diese Versorgungsform zu entwickeln, so würde ich das begrüßen und mich gerne für eine gangbare Lösung engagieren.

 

Wie sehen Ihre Pläne für die Weiterentwicklung der Hausengel aus? Was sind Ihre strategischen Ziele für die nächsten Jahre?

 

Wie bereits erwähnt liegt unser Fokus darauf, die optimale Lösung für Betroffene zu finden. Und da gibt es nicht nur eine bestimmte Form. Alle an der Pflege beteiligten Parteien müssen gemeinsam und vernetzt arbeiten. Gerne wollen wir unser bundesweites Netzwerk weiter verdichten, damit wir unsere Ideen teilen und unser Konzept fortentwickeln können. Für diese Mission suchen wir Pflegedienstbesitzer, die ihre Patienten und Mitarbeiter in guten Händen wissen wollen und/oder strategische Partnerschaften aufbauen möchten. Ein lokales, gut funktionierendes Netzwerk ist zum Vorteil aller an der Pflege beteiligten Parteien. Nur in solchen Allianzen kann man nachhaltiger und wirtschaftlicher agieren. Wie gesagt: Die richtige Dienstleistung zur richtigen Zeit am richtigen Ort, das ist unser Ziel. Hier stehe ich auch gerne für Fragen, Diskussionen oder die Planung neuer Projekte zur Verfügung.

 


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Brigitte Bührlen
Brigitte Bührlen, WIR! Stiftung pflegender Angehöriger
kontakt@wir-stiftung.org
Tuesday, 27.12.16 17:46 Uhr


"Ohne diese unersetzlichen Personen würde das deutsche Sozialsystem in sich zusammenbrechen".
Dieser Aussage von Herrn Wenz kann nur zugestimmt werden. Es würde sowohl das Sozialsystem als auch das Pflegesystem in sich zusammenbrechen.
Die Realität sieht so aus, dass wer ein Zimmer frei hat sowie über die finanziellen Möglichkeiten verfügt die ambulante häusliche Versorgung Angehöriger immer häufiger ausländischen Haushalts- und Pflegekräften anvertraut.
Diese Entwicklung ist im Zusammenhang zu sehen von beispielsweise sich verändernden Familienstrukturen, von der Berufstätigkeit Angehöriger und nicht selten von weit entfernten Wohnorten.
Dass die Beschäftigung von ausländischen Haushalts- und Pflegekräften nicht unproblematisch ist vor dem Hintergrund der Situation in ihren Heimatländern, wo sie den eigenen Familien abgehen, um sich im Ausland in fremden Familien zu verpflichten, ist unbestritten.
Aber, wo finden wir eine Alternative?

 
 

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