22.01.2019
Kategorie: WP Wohnformen, FT Digital World, FT Technik, WP Betreuungskonzepte
Lola Güldenberg

Wohnen ist Leben

Möglichst lange autark in den eigenen vier Wänden leben. Nicht angewiesen sein auf Angehörige, Pflegedienste oder gar eine Pflegekraft, die permanent mitwohnt. Keinem zur Last fallen, pro-aktiv am Leben teilnehmen und dabei agil und fit  wie sonst was sein. Das ist es doch, was wir wollen. Die Realität sieht anders aus.


Kaum sind die eigenen Kinder aus dem Haus, und die können gerne mal bis Mitte Vierzig bleiben, wird es wieder ernst. Patchworks aller Art bringen erneut Kinder ins Spiel, und auf einmal pflegt man mit Mitte Sechzig nicht nur die hochbetagten Eltern, sondern betreut den Enkelnachwuchs und überbrückt elterliche Fehlzeiten, weil es mit dem Erst- und Zweitjob nicht reicht. In die eigene Wohnung ziehen wieder Non-Discriminal-Spielecken und  Media-Chillout-Möbel ein. Siehe Kölner Möbelmesse 2019.

 

Den Verfall der greisen Eltern vor Augen, folgt die Auseinandersetzung mit den eigenen Zukunftswünschen und -planungen. Baue ich eine Einliegerwohnung fürs zukünftige Pflegepersonal an? Passt in das alte Kinderzimmer ein eigenes Bad oder sogar eine Pantry-Küche? Und schon bekommt die typische Berliner  Mädchenkammer eine neue Bedeutung. Statt Küche-Diele-Bad denken wir in Reha-Einheiten, behindertengerechte Bäder und Treppenlifte.

 

Wenn wir nun mal alle älter werden, muss sich der Wohnraum anpassen. Ein Ehepartner geht ins Heim, der andere bleibt in einer zu großen Wohnung zurück. 150 qm alleine zu putzen ist kein Pappenstiel, wenn man vorher alles zu zweit gemanaged hat. Tauschen wäre jetzt angebracht. Das Erkennen zum Beispiel auch die Wohnungsbaugesellschaften und denken plattform-ökonomisch in skalierbaren Grundrissen, angepasst auf die jeweilige Lebenssituation. Blöd nur, wer gerade nicht registriert ist und die passende Tausch-App auf dem Handy installiert hat.

 

Aber bleiben wir bei der Digitalisierung. Sie wird in den nächsten fünf Jahren weitere Szenarien hervor bringen. Zum Beispiel lässt sie unsere Technikkompetenz reifen. Wer zwischen Netflix, Amazon Prime und öffentlich-rechtlicher Mediathek hin und her switcht, scheut sich nicht, mehr Automation und digitale Unterstützung in den Haushalt einziehen zu lassen. Die Akzeptanz in Sachen Digitalisierung wächst. Dem Datenmissbrauch zum Trotz.

 

Do-it-Yourself-Diagnostik, Online-Docs und digitale Sprechstunden mögen erst am Anfang stehen. Aber sie werden das Arzt-Patienten-Verhältnis nachhaltig verändern. Dies dezentralisiert über lang oder kurz die Pflege und nimmt auch Einfluss auf das Wohnumfeld. Alexa wirkt der Demenz entgegen und erinnert ans Medikamenten-Management. Und der Thermomix kann jetzt auch backen. Die Frage ist nur, wann beginnt digitale Abhängigkeit und wann digitale Freiheit. Ein Pflegender, der während eines Einkaufs per Handy einen Alarm empfängt, wenn die Nährlösung nicht richtig nachfließt und nach Hause flitzt, ist froh um jeden gewonnenen Meter Freiheit. Ein Angehöriger, der dank eines Sensorpflaster statt alle zwei Stunden umzulagern, ein Intervall durchschlafen kann, weil sich der Patient selbst – und wenn es nur minimal ist – bewegt hat, kann Kraft schöpfen. Und wenn das Kaufhaus schlechten Handy-Empfang bietet? Wenn das WLAN mal wieder überlastet ist dank zahlreicher Mitbewohner, die nachts heimlich Kinox.to streamen?

 

Wann vertraue ich auf Technik, wann lasse ich es bleiben? Ein Entscheidungskriterium sollte sein: Wenn Technologie Sicherheit mitdenkt. Wenn das Handy auf schlechten Empfang vorbereitet ist und sich automatisch ins kassenärztliche Pflege-Sicherheitsnetz einwählt. Denkbar wäre es. Falls  die KVs in Zukunft nicht nur für die Sitzvergabe der Ärzte zuständig sind, sondern vielleicht auch für digitale Sicherheit rund ums Patienten-Management.

 

Eine Technologieberatung in Sachen digitaler Ausstattung und Unterstützung je nach Pflegegrad wäre da angebracht. Noch besser: Der Vermieter liefert nicht nur den Energie- sondern den Digitalisierungs-Pass des Hauses gleich mit. Funknetze, Reichweiten, Durchfluss. Ist genauso wichtig wie Wärmedämmung, Schalldichte oder Luftaustausch. Und im Alter erst recht. Aber bis dahin werden wir wohl noch ein paar Jahre warten müssen.


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