24.11.2017
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Kerstin Lötzerich-Bernhard

Tobias Schrödel, IT-Sicherheitsexperte: „Ich bin wahrlich kein Freund davon, alles zu digitalisieren, aber es wäre geradezu fahrlässig, die technischen Errungenschaften im Bereich der Pflege nicht einzusetzen.“

Tobias Schrödel, IT-Sicherheitsexperte, Computerexperte im TV und erster Comedyhacker®. Er ist „Deutschlands erster IT-Comedian“ – so schrieb einmal die Zeitschrift CHIP. Und tatsächlich erklärt er technische Systemlücken und Zusammenhänge für jeden verständlich und lässt dabei auch den Spaß nicht zu kurz kommen. Der Fachinformatiker war viele Jahre Consultant bei einem der ganz großen international operierenden Dienstleister für Informations- und Kommunikationstechnologie und weiß daher, wovon er spricht. Seit 2011 Jahren ist Schrödel das Gesicht bei stern TV, wenn es um IT-Sicherheit und Computer geht. Aktuell erläutert er dort etwa einmal pro Monat technische Zusammenhänge so, dass sie jeder versteht. Sein erstes Buch „Hacking für Manager“ wurde 2011 mit dem internationalen „getAbstract award“ als „Bestes Wirtschaftsbuch“ des Jahres“ ausgezeichnet und ist heute in der 4. Auflage unter dem Titel „Ich glaube, es hackt!“ erhältlich. Er schreibt eine wöchentliche Kolumne, einen Blog sowie regelmäßig Artikel in Zeitschriften (u. a. computerBILD). Tobias Schrödel ist Fachinformatiker und hat fast 14 Jahre für die Telekom-Tochter T-Systems als Consultant u. a. im Bereich Security gearbeitet. Bevor er dorthin wechselte, war er bei United Parcel Service für die Entwicklung von Logistik- Lösungen im Enterprise Business Bereich verantwortlich. Er ist zertifizierter Ausbilder für Fachinformatiker und nimmt für die IHK München & Oberbayern seit mehr als einem Jahrzehnt die Prüfungen in diesem Beruf ab. Weitere Infos unter http://sichere.it/de/index.php.


In Zukunft werden wir mit dem Internet of Everything eine Vernetzung aller verfügbaren Geräte im internen und externen Umfeld erleben. Welche Vorteile sehen Sie?  

Tobias Schrödel: Was für den Großteil der Menschen lediglich ein wenig mehr Komfort bringt, wird insbesondere älteren Menschen und denen mit einer Behinderung enorm helfen. Denken Sie nur an ein smartes Zuhause mit vollständiger Sprachsteuerung. Menschen, die sich schlecht bewegen können, können dem Paketboten öffnen, die Lichter im Liegen an- und ausschalten oder noch einfacher mit Freunden kommunizieren. Aber auch, wenn man in den Urlaub fährt und nicht sicher ist, ob das Bügeleisen aus ist ... wo man früher wieder umkehren musste, reicht dann ein Blick auf das Smartphone und ein anschließender Klick auf dem Smartphone.

 

Welche Herausforderungen entstehen aus dieser digitalen Vernetzung?

Tobias Schrödel: Man kann eigentlich alles sicher machen. Allerdings gibt es da eine Waage. Schraubt man die Sicherheit hoch, geht gleichzeitig der Komfort runter. Kein Mensch möchte erst siebzehn Passwörter eintippen, bevor er mit dem Handy seine Musikanlage steuern kann. Es soll einfach gehen. Aber dann, wenn es einfachen Zugriff auf Geräte gibt, kann diese vielleicht auch ein unbefugter Dritter bedienen. Entweder, weil sie schlecht konfiguriert, also schlecht geschützt, sind – oder weil der Hersteller eine unbemerkte Lücke im System hat. Das heißt, sowohl Hersteller als auch Nutzer müssen sich vor der Installation Gedanken machen und zum Beispiel auch Sicherheits-Updates während der gesamten Lebensdauer anbieten – und auch einspielen.

 

Wie kann und muss zukünftig die Sicherheit persönlicher Daten garantiert werden (Schutz der Privatsphäre; Stichworte: Cybercrime, Datenklau, der gläserne Mensch)?

Tobias Schrödel: Das größte Problem sind meiner Meinung nach die Menschen, die sagen: „Ich habe ja nichts zu verbergen“ – oder: „Die wissen doch eh schon alles“. Solche Menschen vergessen, dass diese Daten ihnen gehören und eben nicht Google oder Facebook. Und wenn jemand glaubt, er habe nichts Geheimes ... Na, dann los, veröffentlichen Sie doch bitte jetzt gleich im Internet die PIN zu Ihrer Bankkarte – oder wo Sie es am liebsten haben, dass Ihr Partner Sie berührt. Sehen Sie, plötzlich hat doch jeder etwas zu verbergen

 

Und wer sollte für die Sicherheit und deren Überprüfung sorgen?  

Tobias Schrödel: Wenn wirklich alle darauf achten würden und Facebook & Co. spüren würden, dass wir diese extreme Profilbildung nicht wollen, dann hätte der Markt das von alleine geregelt. Das klappt aber – noch? – nicht. Bei vernetzten IT Systemen glaube ich, dass der Gesetzgeber die einzige Instanz ist, die Sicherheit gewährleisten kann. So wie Elektrogeräte eine CE-Prüfung haben müssen, brauchen wir bei smarten Kühlschränken und Lampen auch vorgeschriebene Sicherheitsüberprüfungen. Schauen Sie, das ist ja nicht nur lustig. Wenn ein Hacker über das Internet eine smarte Glühbirne aus Spaß ausschalten kann, weiß der ja nicht, ob die Birne in der Leselampe einer Oma steckt, oder das Rotlicht einer Ampel ist.

 

Auch in den Pflegesektor halten immer ausgefeiltere AAL-Systeme Einzug. Insbesondere ältere Menschen können so in ihrem vertrauten, häuslichen Umfeld ihren Gesundheitszustand in Echtzeit erfassen und überwachen lassen. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie speziell hier?

Tobias Schrödel: Wie schon gesagt, die Erleichterungen und der Komfortgewinn insbesondere bei Pflegebedürftigen ist natürlich enorm. Das sollten wir uns nicht durch Angst vor Hackern kaputt machen lassen. Trotzdem ist es wichtig, dass die Hersteller solch elektronischer Assistenten nicht nur auf die Funktionalität achten, sondern schon bei der Entwicklung auch das Thema IT-Sicherheit mit planen und einbauen. Ich bin wahrlich kein Freund davon, alles zu digitalisieren, aber es wäre geradezu fahrlässig, die technischen Errungenschaften im Bereich der Pflege nicht einzusetzen.

 

Medizinische Direkthilfe erreicht immer neue Dimensionen. Zusätzlich zur ambulanten und stationären Versorgung wird das Zuhause mittels digitaler Lösungen und Vernetzungen zum dritten Gesundheitsstandort. Es wird damit zu einem Bestandteil des Gesundheitsnetzwerks rund um den Gesundheitskunden und ist mit dem Arzt und den Pflegekräften verbunden. Wird bzw. darf die persönliche ärztliche und pflegerische Betreuung damit Schritt für Schritt abgeschafft werden?  

Tobias Schrödel: Nein, ich glaube nicht, dass das passiert. Gerade Pflege ist doch etwas, wo es auf den Menschen ankommt. Es geht ja nicht darum, einen Scheit Holz im Ofen nachzulegen, was auch ein Automat übernehmen könnte. Es geht darum, einen Menschen zu betreuen – mit Worten, Taten und Körperkontakt. 

Digitalisierung wird sich daher nur bei den Assistenz-Systemen durchsetzen und bei den Medikamenten. BigData wird es nämlich erlauben, Nebenwirkungen zu minimieren und Medizin effizient und passgenau an den Patienten anzupassen.

 

Wie wird ein sicheres Gebäude der Zukunft aussehen?

Tobias Schrödel: Es wird Fenster haben, eine Türe ... und eine Firewall.

 

Besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

 

Foto: Marc-Steffen Unger

 


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