29.12.2017
Kategorie: WP Internationale Konzepte, WP Demenz, CK Personalkonzepte
Tanja Ehret

Integration durch Pflege

Geflüchtete und Migranten erhalten bei der APD einen Überblick über das Arbeitsfeld Pflege – Guter Zugang zu älteren Menschen – Praktika in Demenz-Wohngemeinschaften

Abdallah T. war Anwalt in Syrien, Nabila Y. studierte Sozialar-beit in Ägypten, und Carolina L. aus der Dominikanischen Republik will als alleinerziehende Mutter beruflich auf eigenen Füßen stehen. Alle drei nehmen seit Mitte Dezember an einer beruflichen Orientierungsmaßnahme des Integrationscenters für Arbeit – das Jobcenter Gelsenkirchen für Flüchtlinge und Migranten teil. Drei Monate lang werden sie bei der APD Ambulante Pflegedienste Gelsenkirchen GmbH in Theorie und Praxis das Berufsbild Pflege ken-nenlernen, eine Tätigkeit, die es so in ihren Heimatländern meistens gar nicht gibt und die hier so dringend gebraucht wird.


Zukunft durch Pflege: (von links) Thomas Risse (wig), Clau-dius Hasenau (APD), Hamzah M., Nabila Y., Carolina L., Abdallah T., Deyaa S., Yasser L. und Björn Schulte (APD). Foto: Uwe Jesiorkowski

Am Donnerstagmorgen um 8.30 Uhr sitzen Nabila (40), Carolina (28) und Abdallah (38) im Schulungsraum der APD am Margarethe-Zingler-Platz. APD-Pflegedienstleiter Björn Schulte und Thomas Risse, Leiter der wig Akademie der Konkret Consult Ruhr (KCR) Gelsenkirchen, hören „Vokabeln“ ab. Was ist „Servicewohnen“, was eine „Tagespflege“? Was unterscheidet ambulante Pflege von der Unterbringung in einem Heim? Wer ist Mieter, wer Angehöriger? Es wird viel gelacht an diesem Morgen, alle hören aufmerksam zu, die Motivation ist hoch. Man geht respektvoll und höflich miteinander um. Die Unterrichtssprache ist deutsch. Die Teilnehmer verstehen den Großteil des Gesagten. Sie sprechen einfach und zusammenhängend. Die neuen Fachbegriffe haben für das spätere Praktikum in einem der fünf WG-Häuser oder in der ambulanten Pflege große Bedeutung. 

 

An diesem Morgen steht das Thema Demenz auf den Stundenplan. Während des Praktikums wird die Gruppe Frauen und Männer in unterschiedlichen Stufen der Demenz kennenlernen. Die Teilnehmer erzählen von ersten Besuchen in den WG’en. Von der alten Dame mit der Puppe im Zimmer, von den Geschichten, die die Mieterinnen und Mieter ihnen erzählten, von den Fotos, die sie zu sehen bekamen. Abdallah erinnert sich an seine Oma, die er mit seiner Frau Ezdihar vor ihrer Flucht viele Jahre lang gepflegt hat: „Sie war vergesslich und veränderte sich von einer Minute zur anderen. Erst spielten wir Karten, dann fing sie plötzlich an zu schreien.“ Nun kommt für ihn eine neue Vokabel hinzu: „herausforderndes Verhalten“. Im Praktikum wird er lernen, es zu erkennen und damit umzugehen. 

 

„Pflege kann integrieren“, sagt APD-Geschäftsführer Claudius Hasenau. Die APD wolle ihren Teil zur „Willkommens- und Bleibekultur“ in Deutschland beitragen. Mittlerweile arbeiteten Menschen aus 13 Nationen unter dem Dach der APD, u.a. aus Serbien, Polen, Kenia oder der Türkei. Hasenau: „Wir betrachten Vielfalt als Bereicherung und Chance. Durch Ausbildung und Beschäftigung in der Pflege können wir als Arbeitgeber den Menschen, die zu uns kommen, eine berufliche Heimat geben.“ Die APD Ambulante Pflegedienste Gelsenkirchen stellt Praktikumsplätze, Räumlichkeiten und Schulungspersonal zur Verfügung, Träger der Maßnahme ist die wig Akademie Gelsenkirchen, eine Weiterbildungseinrichtung der KCR, die eng mit dem Fachverband wig Wohnen in Gemeinschaft NRW zusammenarbeitet. Am Ende sollen alle profitieren: Die Teilnehmer erhöhen ihre Chance auf eine Ausbildung in einem Zukunftsberuf, die APD hofft auf motivierte Bewerber.

 

Wie groß die Chancen der Teilnehmer sind, in der ambulanten Pflege tatsächlich beruflich Fuß zu fassen, wird sich erst am Ende der Qualifizierungsmaßnahme herausstellen. Die Vorzeichen sind gut. „Entgegen vielen Vorbehalten verfügen insbesondere auch männliche Geflüchtete über einen ausgesprochen guten Zugang zu alten Menschen“, sagt Kursleiter Thomas Risse von der wig Akademie. Auch junge Geflüchtete zeichneten sich durch Wertschätzung, Hochachtung und Humor aus. Weil in ihren Herkunftsländern eine institutionalisierte Pflege wie in Deutschland fehle, brächten sie oftmals Pflegeerfahrungen aus der eigenen Familie mit. Risse: „Sie haben keine Probleme im Umgang mit dem alternden Körper und erweisen sich oftmals als gute Teamplayer mit ausgeprägter sozialer Kompetenz.“

 

Abdallah T., der Anwalt mit eigener Kanzlei in Damaskus, hat sich schon lange von der Idee verab-schiedet, in Deutschland in seinem alten Beruf Fuß zu fassen. Zusammen mit seiner Frau Ezdihar, einer Krankenschwester, setzt der Vater von zwei Töchtern (8 Jahre, 3 Monate) alle Hoffnungen auf die Pflege. Die eigene Oma sieht er nur noch beim Skypen am Computer, in Gelsenkirchen kümmert sich das Ehepaar aus Syrien um einen 80 Jahre alten Nachbarn, dessen Kinder weit weg leben. Der Senior hat Abdallah auf die APD aufmerksam gemacht, dort solle er sein Glück versuchen. Jeden Tag lernt der Syrer fünf Stunden lang Deutsch. Die Teilnahme am Seminar ist ein weiterer Schritt zum Ziel. Abdallah: „Ich will eine Ausbildung machen und bin bereit zu lernen. Ich liebe alte Menschen. Sie zu waschen und zu baden ist für mich genauso als würde ich meine eigenen Kinder versorgen.“

 


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