27.12.2018
Kategorie: WP Demenz, MM Zielgruppe, PG Gesellschaft
Angelika Sylvia Friedl

Eine Allianz für Migranten

Über die Situation demenzkranker Menschen, die einst als Gastarbeiter oder Einwanderer nach Deutschland kamen, ist wenig bekannt. Auch ihre Bedürfnisse werden oft noch übersehen, sagt Sümeyra Öztürk von DeMigranz. Das Projekt ist seit April 2017 am Start und wird von der Robert Bosch Stiftung gefördert. Es hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebenssituation von Menschen mit Demenz und Migrationshintergrund zu verbessern


Sümeyra Öztürk

Frau Öztürk, warum brauchen wir eine bundesweite Initiative für Migranten mit Demenz?

Weil es immer noch zu wenig Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund gibt. Und weil wir erreichen wollen, dass sie und ihre Angehörigen besser über das Thema Demenz informiert werden und Zugang zu Unterstützungsangeboten finden.

 

An wen richtet sich das Angebot von DeMigranz?

Eigentlich an alle Einrichtungen aus dem Pflegebereich, es kann eine Institution aus dem öffentlichen Dienst sein, eine Beratungsstelle, ein Pflegeheim oder ein Träger von Pflegeheimen. Es können aber auch Wohnungsbaugesellschaften sein. Das Projekt richtet sich an alle Akteure, die in dem Themenfeld aktiv sind oder es werden wollen. Unser besonderes Augenmerk gilt der Zusammenarbeit mit Migrantenverbänden, um Angebote für deren Bedürfnisse zu finden.

 

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Wir organisieren Veranstaltungen, in denen wir Akteure aus Theorie und Praxis zusammenbringen. Aus diesen Treffen sollen sich Informations- und Beratungsangebote entwickeln. Unter anderem auch, um sogenannte „Good to copy Beispiele“ zu finden, die man für seinen Bereich bzw. sein Bundesland kopieren kann, um nicht immer das Rad neu erfinden zu müssen. Ziel ist eine bundesweite Vernetzung. Zu Anfang des Projektes war es uns wichtig, eine Bestandserfassung aller themenrelevanten Angebote zu erstellen. So konnten wir zum Beispiel das ganze muttersprachliche Infomaterial sammeln. Diese Materialien sind jetzt auf der Webseite unseres Projektträgers, dem Demenz Support Stuttgart, und auf der Seite der Deutschen Alzheimer Gesellschaft verfügbar.

 

Weiß man, wie viele demenzkranke Menschen mit Zuwanderungsgeschichte es in Deutschland gibt?

Schätzungsweise gibt es ca. 108.000 Menschen mit Demenz und Migrationshintergrund. Die meisten sind türkischstämmig oder kommen aus Osteuropa. Wobei die Verteilung dieser Menschen sehr unterschiedlich ist. Im Süden Deutschlands leben mehr Türken, Italiener und Russischstämmige, im Osten sind es viele Russischstämmige. Im Norden kommen sie vor allem aus Skandinavien, im Westen Deutschlands ist alles bunt gemischt.

 

Ich hätte gedacht, dass noch mehr betroffen sind.

Hinter diesen 106.000 verbirgt sich mit Sicherheit noch eine große Dunkelziffer. Es gibt wahrscheinlich eine Reihe von Betroffenen, deren Angehörige noch kein Pflegegeld beantragt haben und die überhaupt noch nicht im Versorgungssystem angekommen sind.

 

Vermutlich wird die Anzahl der Demenzkranken steigen?

Ja. Wir reden momentan von der ersten Generation der Gastarbeiter . Aber in Zukunft kommen die Menschen der zweiten und dritten Generation, zu der zum Beispiel auch ich gehöre. Unsere Angebote sollen also nicht irgendwann abgeschafft werden, sondern wir brauchen sie auch in Zukunft. Deutschland ist nun einmal ein Einwanderungsland mit vielen unterschiedlichen Nationalitäten.

 

Wo gibt es die größten Probleme in der Versorgung?

Zum einen wird vieles zu Hause und innerhalb der Familie geregelt. Das bedeutet natürlich für die pflegenden Angehörigen eine hohe Belastung. Viele wissen nicht, wie man mit einem Menschen mit Demenz umgeht. Zum anderen fehlen oft muttersprachliche Angebote. Für die Leute aus der ersten und auch noch aus der zweiten Einwanderergeneration ist das sehr wichtig. Denn auch die zweite Generation hat als Muttersprache die Sprache aus der ursprünglichen Heimat gelernt. Das bedeutet, dass als erstes die deutsche Sprache vergessen wird, weil ja bei Demenz die später erlernten Fähigkeiten zuerst verloren gehen.

 

Können die Familien die Krankheit akzeptieren?

Das Thema Demenz ist ein wenig schambehaftet. Stellen Sie sich vor, da ist ein Familienoberhaupt, der früher alles selbst gemacht hat. Die erste Generation ist eine arbeitende Generation. Sie mussten immer schauen, wie sie klar kamen. Wenn jetzt dementielle Veränderungen eintreten, ist das für die Kinder und die Familie sehr schwer zu akzeptieren. Besonders dann, wenn die Betroffenen in einem späteren Stadium noch mehr Hilfe benötigen. Aber bei Demenz herrscht allgemein noch viel Unwissenheit, nicht nur in Migrantenfamilien, sondern auch in der Gesamtbevölkerung.

 

Sie sprachen vorher von der Zusammenarbeit mit Migrantenverbänden. Klappt der Kontakt mit ihnen?

Das ist tatsächlich teilweise schwierig. Zum Beispiel sind Telefonnummern, die wir im Internet finden, oft nicht aktuell. Dann sind die meisten Vorsitzenden oder aktiven Mitglieder ehrenamtlich tätig und arbeiten tagsüber. Diese Menschen für Veranstaltungen zu gewinnen, gestaltet sich schwierig. Sie müssen extra Urlaub nehmen, vielleicht sogar unbezahlten Urlaub. Der Kontakt mit Migrantenverbänden läuft häufig auf der informellen Ebene und über persönliche Kontakte. Aber immerhin – über die Wichtigkeit des Themas Demenz müssen wir keine Überzeugungsarbeit mehr leisten.

 

In welchem Projektstadium befindet sich DeMigranz?

Zurzeit arbeiten wir mit Projektpartnern aus Schleswig-Holstein, Sachsen und Baden-Württemberg. Ab April 2019 folgen dann Hamburg, Bayern und Hessen. Am Ende sollen sich Partner aus allen 16 Bundesländern beteiligen. Das wäre natürlich perfekt.

 

Weitere Informationen

https://www.demenz-support.de/projekte/demigranz

 

https://www.demenz-und-migration.de/


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