05.09.2018
Kategorie: WP Demenz, PA Interviews, PG Gesellschaft
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Künstler Till Velten: „Ohne den Tod kann man das Leben nicht denken und wertschätzen.“

Der Künstler Till Velten vernetzt, interviewt, schichtet, gewichtet, doziert, gründelt, verortet, bündelt und vermittelt mit seiner Kunst seit vielen Jahren. Immer geht es um Menschen und das Dazwischen, Darüber, Davor, Darin, Dahinter, Darunter. Veltens Werke basieren auf dem Gespräch. Anhand von Interviews, die er als Mittel einsetzt, die Welt zu erforschen, untersucht er unser soziales Gefüge (www.velten-berlin.org).


In seinen künstlerischen Arbeiten fragt sich Till Velten in die Gedanken- und Gefühlswelten von Menschen hinein. Ein Bereich seiner Arbeit war in den letzten Jahren auch die Lebenswelt der Menschen mit demenzieller Erkrankung. Die erste Arbeit hierzu war die Publikation „Sprechen über Demenz“ (Herder Verlag). Sein neues Projekt – wiederum zu diesem Thema – „Eine Schule der Endlichkeit“ erschien im Juli im Verlag Herder.

 

Nach „Sprechen über Demenz“ widmen Sie sich in Ihrem neuen Buch mit dem Titel „Die Schule der Endlichkeit“ wieder dem wichtigen Thema Demenz. Was war der Auslöser bzw. die Motivation für dieses Folgeprojekt?

Till Velten: Wenn man sich über Jahre hinweg in das Thema der demenziellen Erkrankungen vertieft, spürt man recht schnell, dass die von einer Demenz Betroffenen (sofern die Erkrankung nicht mit Schmerzen einhergeht), sehr häufig eine ganz eigene Zufriedenheit ausstrahlen. Ich stelle fest: Was kann man somit Besseres haben, als dass man die Welt nicht mehr versteht, einen Schlafplatz und genügend zu Essen hat sowie viel Wärme und Zuneigung erfährt? Dann scheint das Leben doch gut und ohne Probleme! Diejenigen, die diesen „heilen Kreis“ stören, sind in dem Falle die Angehörigen, die aus dem Blickwinkel einer gesunden Welt heraus in die Lebenswelt der Erkrankten eindringen. Diese Feststellung war der Auslöser bzw. die Motivation für das neue Buch. Dabei hat mir auch die enge Zusammenarbeit mit der Klinik Sonnweid in Zürich geholfen, die ich bereits für das Buch „Sprechen über Demenz“ kennenlernen durfte. So entstand gemeinsam mit dem Sonnweid-Leiter Michael Schmieder die Idee für das Folgeprojekt.

 

In der „Schule der Endlichkeit“ widmen Sie sich in Gesprächen vor allem den Angehörigen von Betroffenen. Erzählen Sie uns ein wenig darüber, warum Sie als Ort der Gespräche das Demenz-Kompetenzzentrum Sonnweid in Zürich/Wetzikon ausgewählt haben.

Till Velten: Für mein erstes Buch hatte ich mit einer Freiburger Demenz-Wohngemeinschaft (WOGE e. V.) und dem Freiburger Theater zusammengearbeitet. Bereits hier wurde mir das Demenz-Kompetenzzentrum Sonnweid empfohlen, welches das europaweit bestausgezeichnete Demenz-Zentrum ist. Über den langen Kontakt zum Sonnweid-Leiter Michael Schmieder kristallisierte sich dann nach einer Zeit heraus, gemeinsam ein neues Buch, dieses Mal über die (Wahrnehmungs-)Welt der Angehörigen, zu machen. Da diese Menschen nicht in dem Fokus der Wahrnehmung lagen, aber wie in einer zweiten Welle der Erkrankung ebenso betroffen sind.

 

Wie lief das ab?

Till Velten: Als Künstler spiegele ich mit meiner Arbeit die Welt. Entweder mittels Gesprächen, in denen ich die Möglichkeit habe, über Kommunikation und Wahrnehmung von Kommunikation nachzuforschen, oder ich spiegele die Welt über Skulpturen, Installationen, Videos, Zeichnungen. Konkret zur Sonnweid: Wer in der Sonnweid aufgenommen wird, der hat seinen (längeren oder kürzeren) letzten Lebensabschnitt erreicht und wird dort auch sterben. Der Tod ist in der Einrichtung somit immer ständiger Begleiter und bei den Betroffenen stets auf ganz eigene, seltsam leichte, angstfreie Art präsent, die nicht erschreckend ist. Das spürt man im gesamten Haus. Das mag daran liegen, dass die dementen Menschen dort, im Vergleich zu anderen Erkrankungen wie z. B. Krebs, keine Schmerzen haben. Anders stellt sich das in der Wahrnehmung der Angehörigen dar. Sie leben noch in einer angsterfüllten Welt des Todes. Und in den Gesprächen ging es immer um die Nähe des Todes ihrer Liebsten. Es waren immer Gespräche im „Umfeld des Todes“.

 

Was ist Ihnen am positivsten in Erinnerung geblieben?

Till Velten: Ganz ehrlich: das kann man so leicht nicht beantworten. Was ich aus Überzeugung sagen kann ist, dass meine Projekte immer auf einem totalen Vertrauen beruhen, das mir die Menschen entgegenbringen. Stellen Sie sich 35 Gespräche im Umfeld des Todes vor. Das muss ich tragen und aushalten. Und ich war auch froh, als die doch sehr emotionalen Gesprächssituationen irgendwann vorbei waren. Selbstverständlich habe ich aber auch ganz viele positive Erfahrungen aus den Gesprächen mitgenommen. Denn der Tod ist und bleibt ein Bestandteil des Lebens, er ist der Abschluss des Lebens, und er gehört einfach dazu. Ohne den Tod kann man das Leben nicht denken und wertschätzen. Und wie gesagt, besonders positiv ist immer wieder das tiefe Vertrauen der Menschen mir gegenüber. Das war und ist großartig. Das Leben ist eigentlich nur erlebbar durch diese Endlichkeit. Wenn alle bürgerlichen, manchmal auch hinderlichen Konventionen, Haltegriffe im gesellschaftlichen Miteinander auf einmal wegfallen, entsteht ein ganz eigenartiger neu zu greifender Raum, den man erst verstehen lernen muss. Das war schwierig und faszinierend zu erfahren.

 

Gab es auch besonders schwierige/aufreibende Situationen?

Till Velten: Die teils sehr tiefgehenden Schilderungen menschlicher Nöte im Umfeld des Todes oder mit dem Tod eines geliebten Menschen vor Augen, das waren für mich persönlich die schwierigsten Situationen.

 

„Schule der Endlichkeit“ ist ganz bewusst als hochwertiges Kunstbuch erschienen. Sie setzen sich mit dem Aspekt der Schönheit, mit dem Fokus aus Sicht der Angehörigen auf die Betroffenen, auseinander. Und das in einem Umfeld, wo Tod, Verfall, Vergessen u. v. m. allgegenwärtig sind. Warum ein „Kunstbuch“? Und wie bringt man solch gegensätzliche Themen in einem Buch zusammen?

Till Velten: Ich bin und bleibe Künstler! So ist alles, was ich mache, auch Kunst bzw. liegt allem meine künstlerische Betrachtung zugrunde. Das ist die ganz einfache Antwort. Es gibt unendlich viele Bücher über das Thema Demenz, die alle eine Art leidigen Versuch der Beratung unternehmen. Über den Perspektivwechsel durch mein Metier, die Kunst, gelangt man über die kompositorische Aufbereitung und die kreative Gestaltung zu ganz neuen Aspekten, die trotz des schweren Themas die Schönheit im Umfeld des Todes und der Menschen erkennen lassen. Deswegen lag die Entscheidung für mich fast schon zwingend nahe, ein hochwertiges Kunstbuch zu schaffen.

 

Können Sie uns etwas über die soziale Kraft der Kunst erzählen.

Till Velten: Während meiner Arbeiten im Bereich Demenz habe ich gemerkt, dass man als ausgebildeter Künstler einen geschulten und damit auch anderen, sehr feinen Blick auf die Wirklichkeit hat. Als Künstler habe ich die Freiheit, völlig losgelöst, ganz genau hinzuschauen und die interessanten Dinge zu erfragen, zu erspüren und herauszuarbeiten. Zudem sehe ich viele Zusammenhänge unter einem ästhetischen Gesichtspunkt. Ich habe als Künstler aus dem freien Entschluss heraus die Kraft, damit etwas zu verändern. Ärzten und Pflegern in Demenz-Zentren ist dies oft nicht so möglich. Und je tiefer ich in den Bereich Demenz eingetaucht bin, desto mehr habe ich erkannt, dass es im Kern immer um soziale Fragestellungen geht, die ich mit meinen Arbeiten beantworten möchte und auch beantworte. Ich denke, dass die Kunst in der Zukunft – in einem Miteinander von allen Menschen – die Verantwortung hat, aktiv sozial zu gestalten und auch ernstgenommen zu werden.

 

Was möchten Sie gerne mit Ihrem Buch erreichen? Was wünschen Sie sich für Ihre Leser bzw. für die Angehörigen von Betroffenen?

Till Velten: In allererster Linie möchte ich, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird, und dass sie eine gesellschaftliche Relevanz erhält, dadurch, dass sie kommentiert wird. Und ich hoffe, den Blick der Menschen auf diese Wirklichkeit zu schärfen oder zu verändern.

Parallel zum Buch entsteht in der Sonnweid ein begehbarer Raum, eine begehbare Außenskulptur, durch dessen Decke ein drehbares übergroßes „Kaleidoskop“ installiert ist, dieses spiegelt, projiziert die verschiedenen Lichtqualitäten eines Tagesablaufs in das Innere des Raumes. Das Kaleidoskop soll auf die vielfältigen Facetten menschlichen Daseins verweisen, indem sich farbiges Licht immer in neuen Konstellationen zeigt, aber in seiner Grundzusammensetzung immer gleichbleibt.

 

Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 

Info:

Die gebundene Ausgabe „Schule der Endlichkeit – Gespräche über Demenz“ (168 Seiten, ISBN: 978-3-451-38295-6) ist im Juli 2018 im Verlag Herder erschienen: https://www.herder.de/leben-shop/schule-der-endlichkeit-gebundene-ausgabe/c-28/p-13328/


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