30.08.2018
Kategorie: MM Zielgruppe, PG Gesellschaft, FT Technik, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Prof. Georg Näder: „Ein Wachstumstreiber in der Orthetik, wenn nicht der technischen Orthopädie überhaupt, werden Exoskelette sein.“

Professor Hans Georg Näder ist Gesellschafter und Vorsitzender des Verwaltungsrats der Ottobock SE & Co. KGaA, des deutschen Weltmarktführers in der technischen Orthopädie, disruptiver Querdenker und Futurist.


Was bedeutet für Sie digitaler Fortschritt?

 

Prof. Georg Näder: Der technologische Change in unserer Branche läuft auf Hochtouren. Die Digitalisierung verändert die technische Orthopädie und die Prozesse in den Werkstätten radikal. Digitale Fertigung, auch 3D-Druck, schaffen dabei Freiräume, sich intensiver und individueller um den Patienten zu kümmern. Das ist ein wundervolles Ergebnis dieses Veränderungsprozesses: mehr Zeit für den Patienten und Familienangehörige.

  

Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie?

 

Prof. Georg Näder: Schon früher gab es Technologiesprünge in unserer Produktentwicklung. Die mechatronische Beinprothese C-Leg Ende der 1990er-Jahre war zum Beispiel so einer. Aktuell ist die Mustererkennung, auch „Pattern Recognition“ genannt, ein Meilenstein. Das sind wichtige Fortschritte – aber was jetzt auf uns zukommt, ist eine ganz umfassende technische Revolution, auf die wir vorbereitet sein  müssen. Wer hier die Nase vorn behalten will, muss die Bedürfnisse der Kunden und des Marktes voraussehen.


Zukunftstechnologien der Orthopädietechnik wie digitale Fertigungsverfahren für die Herstellung und Gestaltung moderner Hilfsmittel entwickeln sich rasant weiter.

 

Was sind bei Ottobock die herausragenden Projekte in der digitalisierten Fertigung?

 

Prof. Georg Näder: Die Digitalisierung von Fertigungsprozessen steht bei Ottobock ganz oben auf der Agenda – denn die Vorteile für Orthopädietechniker und auch Patienten sind unschlagbar. Stellen Sie sich einen Skoliose-Patienten vor, der ein Korsett tragen muss: Bisher wurde hierfür der gesamte Oberkörper eingegipst. Dann wurde ein Positivmodell in Handarbeit erstellt, das 30 bis 40 Kilogramm wog. Das läuft in Zukunft alles digital. Der Körper wird gescannt – berührungslos, schnell und angenehmer für den Patienten. Am Computer wird das Modell mit Software noch angepasst. Ein Fräsroboter erstellt aus den Daten dann das Positivmodell – die Basis für das Korsett. Aus dem Orthopädietechniker wird so quasi ein Orthoelektroniker.

In dem Zusammenhang wird auch der 3D-Druck eine wichtigere Rolle spielen. Das moderne Fertigungsverfahren erlaubt ganz neue Designs. Wir können jetzt schon individualisierte Orthesen herstellen, die deutliche Vorteile für den Anwender haben. Ich bin mir sicher, da werden in Zukunft noch viele interessante Produkte entstehen.

 

Welche neuesten Produkte und Technologien bieten Sie an? Welche Vorteile haben diese für die Anwender?

 

Prof. Georg Näder: Auf der OTWorld, unserer Leitmesse für die Orthopädietechnik, haben wir im Mai unsere Innovationen vorgestellt. Highlights waren das neue C-Brace und die sogenannte Mustererkennung. C-Brace ist eine computergesteuerte Beinorthese, die Menschen mit Lähmungen der kniestreckenden Muskulatur, wieder ermöglicht zu gehen. Und zwar ganz intuitiv und ohne Gehhilfen. Die neue Generation ist dabei so klein und leicht, dass man sie sogar unter der Hose tragen kann.

Ein weiterer Meilenstein ist die Mustererkennung, eine neue Generation der Prothesensteuerung. Das Herausragende: sie lernt vom Menschen. Die Steuerung einer Prothesenhand speichert Muster von Muskelbewegungen, die für bestimmte Handgriffe charakteristisch sind. Möchte der Anwender Handgriffe ausführen, erkennt sie die jeweiligen Muskelspannungen und führt die Griffe automatisch aus. So lassen sich komplexe Bewegungen ganz einfach steuern.

 

Welche Materialien sind in Ihrem Metier aus welchen Gründen besonders zukunftsträchtig?

 

Prof. Georg Näder: Seit Jahren verarbeiten wir schon Hochleistungswerkstoffe wie Titan und Carbon in unseren Prothesen und Orthesen. Einige dieser Werkstoffe werden aufgrund ihrer Materialeigenschaften auch in Zukunft ihren Platz in der Orthopädietechnik haben. Andere werden hinzukommen – insbesondere durch die rasante Entwicklung beim 3D-Druck.

  

Wagen Sie für uns einen Ausblick in die Zukunft: Wie wird sich aus Ihrer Sicht die Orthopädietechnik in den kommenden zehn Jahren entwickeln?

 

Prof. Georg Näder: Wir stehen vor einer umfassenden Transformation der Orthopädietechnik. In den nächsten zehn Jahren werden wir uns vom Gips verabschieden und die digitalen Fertigungsprozesse als Standard etablieren. Produkte werden individueller, leichter und intuitiver – so rücken wir den Anwender noch mehr ins Zentrum unseres Handelns.

Ein Wachstumstreiber in der Orthetik, wenn nicht der technischen Orthopädie überhaupt, werden Exoskelette sein. Sie werden selbst vermeintlich aussichtslose Fälle re-mobilisieren. Querschnittsgelähmte oder MS-Patienten werden wieder stehen und gehen können. Das ist meine Vision.

 

Herzlichen Dank für die Beanwortung unserer Fragen!

 

Foto: Copyright Paulus Ponizak 



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Tanja Ehret
Tanja Ehret, CareTRIALOG Redaktion
tanja.ehret@caretrialog.de
Tuesday, 19.02.19 13:40 Uhr

Hans Georg Näder erhält höchste Auszeichnung der Orthopädie-Technik -
"Deutsche Orthopädie-Technik und Ottobock sind eine Harmonie"

In Anerkennung und Würdigung seiner hervorragenden Verdienste im Bereich der Orthopädie-Technik wurde Professor Hans Georg Näder die Heine-Hessing-Medaille in Gold verliehen. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum Ottobock-Firmenjubiläum und der Eröffnung der Ausstellung "Vom Start-up zum Weltmarkführer - 100 Jahre Ottobock" in der Kunsthalle HGN überreichte Klaus-Jürgen Lotz, Präsident des preisstiftenden Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik (BIV-OT), die Heine-Hessing-Medaille an Professor Näder. Die Heine-Hessing-Medaille in Gold ist die höchste Auszeichnung, die der Spitzenverband der Orthopädie-Technik zu vergeben hat. Professor Hans Georg Näder ist der 28. Preisträger der Heine-Hessing-Medaille. Sein Vater, Max Näder, ist ebenfalls Träger der Medaille und erhielt sie 1974. Die Statuten des BIV-OT legen fest, dass stets nur maximal 15 lebende Personen die Medaille besitzen dürfen. Die Wahl wird in geheimer Abstimmung des Gesamtvorstandes entschieden.

BIV-OT-Präsident Lotz unterstrich die persönlichen Leistungen von Professor Hans Georg Näder. "Ohne der Firma, den Mitarbeitern und allen am Erfolg des Unternehmens Beteiligten etwas abzusprechen, es war und ist die Person Hans Georg Näder, die den Motor der Innovation antreibt; er lebt und liebt die Revolution." Bei aller Revolution sei er dabei "immer Ansprechpartner geblieben, der sich immer dem Dialog und der gemeinsamen Fortentwicklung der Branche verpflichtet weiß - auch und gerade wenn man unterschiedlicher Meinung ist."

Professor Näder zeigte sich gerührt von der Auszeichnung und unterstrich, dass er den Dialog sehr schätze und dankbar sei, dass er verstanden würde. "Manchmal muss man als Unternehmer Dinge tun, die nicht gleich für die Partner verständlich sind. Wenn wir als Ottobock über digitale Transformation sprechen, dann ist das vielleicht für das Gesundheitshandwerk nicht immer gleich übersetzbar. Deswegen ist der Dialog so wichtig." Er unterstrich die gemeinsamen Leistungen in der Orthopädie-Technik, sowohl in der Vergangenheit wie für die Zukunft: "Deutsche Orthopädie-Technik und Ottobock sind eine Harmonie. Wir haben gemeinsamen die Orthopädie-Technik entwickelt, so dass wir heute von "Normalität" statt "Inklusion" sprechen können. Aus einem vielleicht vor 20 Jahren noch leicht angestaubten Fach ist ein Zukunftshandwerk geworden."

Zuvor hatte Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel die Leistungen des Unternehmers während des Festaktes im Historischen Rathaus als "Paradebeispiel für Mittelstand und Familienunternehmen" gewürdigt, das mit seinen orthopädie-technischen Entwicklungen dem Menschen diene. Ins Zentrum ihrer Rede stellte auch sie die Herausforderungen der Digitalisierung: Man befinde sich global mitten in einer "Transformationsphase, einer neuen Stufe des wirtschaftlichen Geschehens, die mit Entwicklungen wie dem Buchdruck oder der Industrialisierung gleichgesetzt werden kann. In solchen Zeiten werden Vormachtstellungen neu verteilt. Sie müssen neu erkämpft werden." Hier gelte es für die Unternehmen mit "Qualität und Geschwindigkeit" zu agieren. Die Bundeskanzlerin ist zuversichtlich, dass das Unternehmen Ottobock sich dieser Herausforderung erfolgreich stellen werde.

 
 

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