20.08.2018
Kategorie: WP Pflegekonzepte, FT Technik, FT Digital World, PA Interviews
Hedda Werner

Digitalisierung neu gedacht – Das Pflegebett: Vom einfachen Hilfsmittel zur intelligenten Datenzentrale im Pflegealltag

Ulrich Zerreßen ist Geschäftsführer und Einrichtungsleiter der Senioren- und Pflegezentren Bethanien in Braunschweig und Theresienhof in Goslar, die beide in Trägerschaft der Evangelischen Stiftung Neuerkerode stehen. Aktuell ist einen Förderantrag in Bearbeitung, der es ermöglichen soll, insgesamt rund 600 Betten in den nächsten vier Jahren digital aufzurüsten. Das Projekt wird pflegewissenschaftlich begleitet und in Kooperation mit der Hermann Bock GmbH, Verl, als Bettenhersteller und Entwickler forciert.


In den Senioren- und Pflegezentren der Evangelischen Stiftung Neuerkerode sollen in den nächsten 4 Jahren rund 600 Pflegebetten "intelligent" werden. Wir haben mit dem Geschäftsführer der Bethanien gGmbH und der Theresienhof GmbH, Ulrich Zerreßen, darüber gesprochen, warum er auf digitale Technik setzt und warum Digitalisierung in der Pflege neu gedacht werden muss.

 

Sehr geehrter Herr Zerreßen, ist Digitalisierung ein Modewort oder schlichte Notwendigkeit in der Pflege?


Natürlich ist die Digitalisierung aktuell in aller Munde und auch bestimmt in vielen Fällen als Mode anzusehen. Durch den demographischen Wandel in unserer Gesellschaft stehen wir aber in den nächsten Jahren auch in der Pflege vor erheblichen Herausforderungen. Diese gilt es, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln in den Griff zu bekommen. Dazu gehört auch die Einbeziehung der Digitalisierung. Dabei mag Digitalisierung in der Pflege im ersten Moment erschrecken, ist aber zur Unterstützung und Entlastung nicht aufzuhalten. Digitalisierung muss als automatisierte, verbesserte Dienstleistung verstanden werden, die die Qualität beim zu Pflegenden erhöht.

Einrichtungen, die nicht konsequent digitale Ressourcen nutzen, werden in Zukunft unter Berücksichtigung knappen Personals und verändernder Rahmenbedingungen mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen müssen.

 

Wo sehen Sie pragmatische digitale Lösungen und wie planen Sie, diese schnell und effizient in Ihren Pflegealltag umzusetzen?


Dem Pflegebett kommt bei der Digitalisierung eine besondere Rolle zu. So halten sich zu pflegende Personen zum überwiegenden Teil des Tagesablaufs im Pflegebett auf. Von daher ist es sinnvoll, bei dem Pflegebett als Ausgangsbasis für digitale Hilf- und Unterstützungsfunktionen anzusetzen.

Wenn wir eine Förderung erhalten, die unbedingt notwendig ist, um ein solches Projekt zu initiieren, planen wir, Haus für Haus mit der digitalen Technologie auszustatten und sukzessive unsere MitarbeiterInnen darin zu schulen. Wir beabsichtigen, das System zunächst einmal händelbar zum Einsatz zu bringen, zum Vorteil für Bewohner, das Pflegepersonal und auch die Pflege- und Krankenkasse.

 

Dafür ist es nötig, diese Technologie „marktkonform“ in ihrer Anwendung zu gestalten, sie muss entlasten und darf nicht belasten.

 

Wie funktioniert das intelligente Bett?


Das intelligente Bett unterscheidet sich optisch nicht, oder kaum von einem herkömmlichen Bett. Die ausgefeilte Technik verbirgt sich sozusagen unter der Matratze. Über Sensoren werden zum Beispiel Feuchtigkeit ermittelt, Atemintervalle festgestellt, das Körpergewicht aufgenommen und vieles mehr. Diese Daten werden dann verwertet, entweder zu Dokumentationszwecken oder direkt in Maßnahmen für den Bewohner umgesetzt.

Aktuell haben wir uns auf vier bis fünf digital gesteuerte Anwendungen konzentriert. So meldet das Bett über einen Sensor direkt auf das Handy des Mitarbeiters, dass ein sturzgefährdeter Bewohner soeben das Bett verlassen hat. Man kann umgehend reagieren, möglichst einen Sturz verhindern und so dem Bewohner vieles an Schmerz und Leid ersparen. Auch der Mitarbeiter ist entlastet, da es gegebenenfalls so nicht zu einem Notfall nach Sturz kommt.

Des Weiteren sind über Sensoren Vitalwerte des Bewohners im Bett abrufbar. Hier sind individuell ein minimaler und ein maximaler Wert hinterlegt. Wenn diese Parameter verlassen werden, geht ein Ruf automatisch an die Pflegekraft. Hilfe wird somit automatisch ausgelöst und der Bewohner ist sicherer versorgt.

Auch muss sich der Bewohner nicht permanent im Pflegebett aufhalten. Die normale Nachtruhe, oder auch ergänzend die Mittagsruhe reichen oft schon aus, um digitale Ansätze mit erheblichen positiven Möglichkeiten auf den Weg zu bringen.

 

Was bringt das intelligente Bett dem Patienten?


Durch die veranlassten Maßnahmen, so zum Beispiel bei Sturzgefahr, kann ein Sturz des Bewohners eventuell vermieden werden. Ein anderes Beispiel ist die Versorgung bei Inkontinenz. Hier ermöglicht das digitale Pflegebett, nur noch nach individueller Notwendigkeit durch Meldung mittels eines Sensors zu versorgen.

Ich denke, dass solche Ergebnisse für jeden Bewohner in der Pflege einen erheblichen Sicherheits- und Qualitätsgewinn bedeutet. Diesen Nutzen für den Bewohner kann man auf dutzende Anwendungen ausweiten und so für mehr Sicherheit und Wohlbefinden sorgen.

 

Welche Vorteile ergeben sich für die Pflegekräfte?


Die Pflegekräfte werden in ihrer Arbeit entlastet, aber niemals überflüssig! Heute herrscht in der Pflege eine enorm große Belastung in der Arbeitsmenge, aber auch bezüglich der Verantwortung für den Bewohner. Digitale Technologie kann hier signifikante physische und psychische Erleichterung verschaffen. Ich bin sicher, dass ein digitales System und dessen Anwendung bei Pflegekräften hohe Zustimmung findet.

 

Wie reagieren die Patienten? Welche Erfahrungswerte haben Sie?


Der Bewohner muss datenrechtlich einer solchen Technologie in ihrer Anwendung zustimmen. Er merkt von seiner Anwendung aber eigentlich nichts, lediglich, dass Hilfe schneller erfolgt und in ihrer Qualität rechtzeitig kommt. Bei den sechs „Probebetten“, die wir in Bethanien aktuell betreiben, stößt das Thema auch bei den Bewohnern auf offene Ohren.

 

Warum gibt es Ihrer Meinung nach häufig Vorbehalte gegenüber technischen Lösungen in der Pflege?


Das liegt, so denke ich, in der Natur des Menschen. Was man nicht kennt, will man in der Regel auch nicht, es sei denn, man weiß, worum es geht und ist über Vor- und Nachteile informiert. Bei guter Information sehe ich allerdings kein Problem für eine Anwendung. Auch eine Bewohnernotrufanlage ist akzeptiert und wird als notwendig erachtet.

 

Was wünschen Sie sich von der Politik zum Thema Digitalisierung in der Pflege?


Die Politik muss das Thema für sich noch abschließend entdecken. Auch bedarf es einer größeren Unterstützung solcher Projekte in ihrer Entwicklung, damit diese auch den Nutzen bringen, den man in der Pflege erreichen möchte.

 

Herr Zerreßen, vielen Dank für das Interview.

 

Weitere Informationen: www.bethanien-braunschweig.dewww.bock.net

 

Foto: Copyright: Klaus G. Kohn  

 


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