02.11.2018
Kategorie: FT Ambient Intelligence, FT Ambient Assisted Living, MM Marktentwicklung, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Dr. Jan Alexandersson, DFKI,: „Wir müssen eine Umwelt für alle schaffen und Empathie für das ‚Anderssein‘ entwickeln.“

 

 

Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) GmbH wurde 1988 als gemeinnützige Public-Private Partnership (PPP) gegründet. Es unterhält Standorte in Kaiserslautern, Saarbrücken, Bremen, ein Projektbüro in Berlin und Außenstellen in Osnabrück und St. Wendel. Das DFKI ist auf dem Gebiet innovativer Softwaretechnologien auf der Basis von Methoden der Künstlichen Intelligenz die führende wirtschaftsnahe Forschungseinrichtung Deutschlands. In achtzehn Forschungsbereichen und Forschungsgruppen, acht Living Labs und acht Kompetenzzentren, darunter das Competence Center Ambient Assisted Living (CCAAL), werden ausgehend von anwendungsorientierter Grundlagenforschung Produktfunktionen, Prototypen und patentfähige Lösungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie entwickelt www.dfki.de.


 

 

Seit 2009 koordiniert das CCAAL Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Bereich Ambient Assisted Living projekt- und bereichsübergreifend innerhalb des DFKI und führt sie durch. Allgemein werden unter dem Begriff Ambient Assisted Living alle Konzepte, Produkte und Dienstleistungen verstanden, die neue Technologien und soziales Umfeld miteinander verbinden und verbessern mit dem Ziel, die Lebensqualität für alle Menschen in allen Lebensabschnitten zu erhöhen (siehe https://ccaal.dfki.de/de).

 

Wir sprachen mit Dr. Jan Alexandersson, Principal Researcher & Research Fellow, Head AAL Competence Center DFKI GmbH am Standort Saarbrücken, über AAL und AAL der Zukunft.

 

Was verbinden Sie mit AAL bzw. was macht AAL für Sie aus?

 

Dr. Jan Alexandersson: Es gibt viele verschiedene Namen. Alles begann mit dem Begriff Mikrosystemtechnik, später wurde daraus Ambient Assisted Living. Heute spricht man von alltagstauglichen Assistenzlösungen oder auch altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben. Ich verstehe AAL als eine Haltung. Denn für mich geht es darum, eine Gesellschaft für alle zu gestalten. Technologien und Dienstleistungen müssen zusammenkommen, sodass Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen können. Schlagworte hierzu sind Barrierefreiheit, Inklusion, Integration, Mobilität erhalten, selbstbestimmt und selbstständig zu Hause leben. Wir haben in den letzten 10 Jahren gelernt, dass die zunächst sehr bzw. ausnahmslos technik-lastige AAL-Community im Wesentlichen keinen bahnbrechenden Erfolg erzielt hat. In einem Feature, das ich kürzlich hörte, ging es darum, wie viele Millionen Euro bis dato in Deutschland und Europa in die Forschung und Entwicklung von AAL investiert wurden und welche Umsatzziele heute daraus resultieren. Die Ergebnisse sehen nicht rosig aus. Das liegt sicherlich auch daran, dass – aus meiner Sicht – AAL keine Melkkuh ist. Es ist eben nicht so, dass man 100 Euro investiert und 1000 zurückbekommt. Ganz im Gegenteil. AAL kostet und wird kosten. AAL braucht Zeit. Und es stellt sich die Frage, was für eine Gesellschaft wir wollen: eine Gesellschaft für manche oder eine Gesellschaft für alle?

 

Gut zehn Jahre gibt es schon AAL-Konzepte, -Produkte und -Dienstleistungen. Welche konkreten Anwendungen haben sich sowohl im stationären Bereich als auch ambulanten Bereich durchgesetzt?

 

Dr. Jan Alexandersson: Sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich hat sich vor allem der Einsatz von Sensortechnik unterschiedlichster Art durchgesetzt. Beispielhaft zu nennen sind die vielfältigsten Sensoren und Aktoren wie Bewegungssensoren, Sensormatten/-böden, oder tragbaren Sensoren (Wearables), Schalter aber auch Roboter. Dabei geht es beispielsweise um die Erstellung von Aktivitätsprofilen, um Sturzprävention, um die Unterstützung bei den täglichen Aktivitäten. Demenziell erkrankte Menschen werden im Gang und in ihrer Orientierung unsicherer, fallen häufiger und haben oft einen gestörten Tag- und Nachtrhythmus. Unsere Aufgabe ist es, sozio-technische Systeme zu entwickeln, die individuell zugeschnitten sind und die erforderlichen Dienstleistungen beinhalten. Das englische Stichwort hierfür ist Empowerment, etwa Bevollmächtigung. Es geht also um Systeme, in denen die Menschen als Subjekt fungieren. Und genau das ist schwierig und braucht Zeit. Wir reden hier nicht mehr von Wasserfallentwicklungen, so wie wir es aus der (reinen) Technik kennen: Anforderung, Implementation, Test, Verkauf. Mit Menschen funktioniert das nicht. Es werden ganz andere Forschungs- und Entwicklungsansätze und -methoden nötig: Benutzerzentriertes Design, Ko-Kreation und Interdisziplinarität. In den letzten Jahren sind auch die ELSI-Fragen stärker in den Fokus geraten. ELSI steht für ethische, rechtliche und soziale Fragestellungen, und heute müssen wir auch Sicherheitsfragen mit einbeziehen: Was passiert mit unseren digitalisierten Daten? Wie können wir sie unter Kontrolle halten und unter welchen Bedingungen sogar weitergeben?

 

Welchen Nutzen/Vorteile sehen Sie für die verschiedenen Nutzergruppen (Patienten, Bewohner, Pflegepersonal) im stationären und ambulanten Bereich?

 

Dr. Jan Alexandersson: Ganz klar können und sollten schwere Arbeiten durch Roboter unterstützt werden, die dadurch signifikante Hilfestellungen und Erleichterungen für alle Anwender/Nutzer leisten können. Auch wenn heute noch nicht viele Roboter auf dem Markt sind, ist ein Anfang im Kleinen gemacht, z. B. mit Staubsaugerrobotern oder Roboterputzkolonnen. Doch es fehlt an ausgereiften Produkten! Ich würde gerne einen Putzroboter bei mir zu Hause einsetzen, denn ich mag das Putzen nicht. Ernsthaft: Vielleicht ist der sehr starke Fokus auf die Pflege hier nicht korrekt. Pflege ist teuer und wird aufgrund des demografischen Wandels noch teurer werden. Dieser generellen gesellschaftlichen Herausforderung, die alle Lebensbereiche und auch die verschiedenen Altersstufen betrifft, stehen wir nicht nur in Deutschland gegenüber, sondern in allen Ländern, deren Alterspyramide aus einer breiten Basis junger Menschen und einer kleinen Spitze an Alten auf dem Kopf steht. Wir müssen weiter an passenden, sozio-technischen AAL-Konzepten und -Systemen arbeiten, und ich bin sicher, dass sie flächendeckend Einzug halten werden, aber es wird Zeit benötigen. Und zwar nicht nur zwei bis Jahre, sondern viel länger.

 

Warum hat sich AAL noch nicht flächendeckend durchgesetzt? Und wie kann man bestehende Hürden abbauen?

 

Dr. Jan Alexandersson: Dazu möchte ich ein Beispiel geben. Zwei meiner Forschungsschwerpunkte sind Mobilität/Öffentlicher Personennahverkehr und Barrierefreiheit. Bei diesen Projekten geht es vor allem auch um sozial verträgliche Gesellschaftsstrukturen und wie das Business, die Ökonomie, in einem Land wie Deutschland organisiert ist. Und wie immer gibt es unterschiedliche Interessen. Auf der eine Seite stehen eine Menge Stakeholder, die auf ihre Kosten kommen und möglichst profitable Geschäfte machen wollen. Auf der anderen Seite stehe ich als Individuum mit meinen ganz besonderen Bedürfnissen. Der ÖPNV ist so ein Fall, der sich auch auf andere Szenarien übertragen lässt. Denn der ÖPNV kann heute in der Regel nur durch bestimmte, aber nicht durch alle Personen genutzt werden. Denken Sie an die oft fehlende Barrierefreiheit, z.B. fehlende Aufzüge, an unzureichende Beleuchtung, spärliche Überdachungen, fehlende Übersichtspläne, Ticketschalter, die für Rollstuhlfahrer unerreichbar sind, fehlende Toiletten und fehlende Apps, die es mir erlauben sollten, meine ganz individuelle, auf meine Lebenssituation und Tagesform angepasste Route, mit den auf meine Anforderungen zugeschnittenen Halte- und Endpunkte aus verschiedenen Möglichkeiten auswählen zu können (Subjektivierung = ich entscheide selbst). Was hiermit deutlich wird: Es geht darum, ein allgemeines Verständnis dafür zu schaffen, dass wir eine heterogene Gesellschaft vielfältigster Individuen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen sind. Als ich 1993 aus Schweden nach Deutschland kam, habe ich – überspitzt gesprochen – keine Rollstühle gesehen, ich habe keine Blinden wahrgenommen, keine anderweitig behinderten Menschen. Es gab eine Parallelgesellschaft mit separaten Sonderschulen, Blindenschulen, Behindertenwerkstätten usw. Integration war damals kein Thema. Eine ganze Gesellschaft an ihre eigene Vielfältigkeit heranzuführen, ist keine Frage des Geldes, sondern eine der Haltung. Eine Gesellschaft muss die Art ihrer Zusammensetzung wahrnehmen, sich daran gewöhnen und Verständnis für die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Beteiligten entwickeln. Unsere Gesellschaft besteht nicht nur aus den jungen und jung gebliebenen, uneingeschränkt leistungsfähigen, gesunden, normalen und normal aussehenden Menschen. Doch es gibt viele Menschen, die „anders“ sind, nicht in dieses Schema passen: Alte, Behinderte, Flüchtlinge, Einwanderer, … Wir müssen eine Umwelt für alle schaffen und Empathie für das „Anderssein“ entwickeln.

 

Betrachten Sie z. B. die Entscheidungsträger, die Stadt- und Verkehrsplaner, die Architekten, die Infrastrukturexperten usw., die, die für den ÖPNV verantwortlich sind. Wahrscheinlich hat keine dieser Personen auch nur eine Minute auf Krücken oder in einem Rollstuhl oder mit verbundenen Augen oder in einem Altersanzug etc. verbracht, um überhaupt zu probieren und zu erfahren, welche Anforderungen der ÖPNV erfüllen muss, damit alle Menschen ihn nutzen können. Aber nur auf diese Art und Weise kann Verständnis und eine entsprechende Haltung wachsen. Und genau das ist die Krux. Ohne Verständnis und die entsprechende Haltung wird der ÖPNV nicht durch alle Menschen der Gesellschaft genutzt werden können, deswegen funktioniert es nicht. Und nicht anders verhält es sich bei AAL-Systemen.

 

Wie kann in unserer Gesellschaft das „Verständnis für alle“ geschaffen werden? Wie kann eine Haltungsänderung vorangetrieben werden?

 

Dr. Jan Alexandersson: Eine Idee, die ich mit meinen Kollegen verfolge, ist eine Art Pflichtenheft bzw. Pflichtprogramm für Entscheidungsträger, Verantwortliche und Entwickler. Jeder, der eine gewisse Entscheidungsbefugnis – z. B beim ÖPNV – hat, sollte mindestens 48 Stunden lang in einem Altersanzug oder mit Rollstuhl leben und versuchen, Arbeit und Alltag zu bewältigen: Bus zu fahren, einzukaufen etc. Nur so kann das Verständnis dafür wachsen, was tatsächlich nötig ist, was gar nicht geht und was möglich sein kann. Das ist selbstverständlich nicht auf den ÖPNV beschränkt, sondern kann und sollte durchaus auch auf den Pflegebereich – ob ambulant oder stationär – übertragen werden.

Ein Bespiel in Sachen Verständnis schaffen möchte ich noch anführen: Hier in Saarbrücken wurde vor einiger Zeit direkt an der Fußgängerzone ein Parkplatz errichtet bzw. saniert. Auf dem Areal entstanden großzügige, sehr gut gelegene Behindertenparkplätze. Der Nachteil: Die eigentliche Fußgängerzone ist vom Parkplatz nur über Stufen erreichbar. Fazit: schön gebaut, aber nicht für alle nutzbar. Denn man versteht immer nur die Dinge im Ganzen, wenn man sie selbst erfahren, erlebt, wahrgenommen hat. Kommen wir auf AAL zurück: AAL-System-Entwickler müssen körperlich erfahren, erleben und verstehen, um nachvollziehen zu können, was es bedeutet, als eingeschränkter, kranker oder alter Mensch ein AAL-System zu nutzen.

 

Wie sieht Ihre Vision aus? Beschreiben Sie uns bitte aus Ihrer Sicht AAL der Zukunft. Wie kann AAL der Zukunft gelingen?

 

Dr. Jan Alexandersson: Um flächendeckend erfolgreiche AAL-Konzepte und -Systeme zu entwickeln, müssen wir den Fokus mehr auf die Dienstleistungen legen. Wir müssen AAL zukünftig als sozio-technische Systeme betrachten, als Kombination bzw. Symbiose aus Technologie und Dienstleistung. Dazu gehört, dass alle Stakeholder, Technologen, Anwender, Soziologen, Psychologen interdisziplinär in die Entwicklung von AAL-Systemen mit einbezogen werden, um alle unterschiedlichen Interessen, Sichtweisen und Bedürfnisse berücksichtigen zu können. Es müssen zukünftig gemeinsam Problemstellungen formulieren und gemeinsam Problemlösungsansätze erarbeitet werden. Für AAL der Zukunft wünsche ich mir, dass die Menschen bei den grundlegenden Strukturierungsansätzen für Technologien und Dienstleistungen in unserer Gesellschaft die volle Kontrolle haben dürfen!

  

Besten Dank für das Gespräch!

 

 


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