13.11.2018
Kategorie: FT Ambient Intelligence, FT Ambient Assisted Living, MM Marktentwicklung, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Prof. Dr. Björn Sellemann, FH Münster,: „Marktfähige Lösungen können zukünftig nur über nutzerzentrierte, multidisziplinäre, transdisziplinäre und interdisziplinäre Ansätze entwickelt werden.“

Wir sprachen mit Prof. Dr. rer. medic. Björn Sellemann, Professor für Nutzerorientierte Gesundheitstelematik und assistive Technologien, Fachbereich Gesundheit der FH Münster – University of Applied Sciences, über die Historie der AAL-Projekte-Entwicklung und die Zukunft von AAL-Systemen.


Sie haben während Ihrer Laufbahn verschiedene AAL-Projekte geleitet. Geben Sie uns bitte einen Überblick, um was für Projekte es sich konkret gehandelt hat? Und wer waren die Nutzer?

 

Prof. Björn Sellemann: Die Beantwortung dieser einfach erscheinenden Frage fällt mir nicht ganz leicht, denn was genau wird unter einem AAL-Projekt, bzw. was wurde vor 10 Jahren unter einem AAL-Projekt verstanden und was wird im Jahr 2018 unter einem AAL-Projekt verstanden?

 

Dafür möchte ich einen Blick zurück ins Jahr 2008 werfen. Damals veranstalteten das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) vom 30. Januar bis 1. Februar 2008 gemeinsam den ersten deutschen Kongress „Ambient Assisted Living“ in Berlin. In der damaligen Ankündigung zum Kongress stand: „Im Mittelpunkt des Kongresses steht die Anwendung intelligenter Assistenzsysteme – auf Basis von Elektronik, Mikrosystem- und Informationstechnik – in den Handlungsfeldern ‚Gesundheit & Homecare‘, ‚Sicherheit & Privatsphäre‘, ‚Versorgung & Haushalt‘ und ‚Soziales Umfeld‘.“ Dazu passend die damalige Definition im Jahr 2008 von AAL in Deutschland: „Ambient Assisted Living, kurz AAL, umfasst technische Systeme zur Unterstützung von Hilfsbedürftigen im Alltag. Ziel ist der Erhalt und die Förderung der Selbständigkeit von Personen bis ins hohe Alter und die Qualitätsverbesserung von Hilfs- und Unterstützungsdienstleistungen sowie Angeboten im häuslichen Bereich.“ entnommen aus der Publikation „Ambient Assisted Living – Marktpotenziale IT-unterstützter Pflege für ein selbstbestimmtes Altern“ (Georgieff 2008) der FAZIT-Schriftenreihe – Informations- und Medientechnologien in Baden-Württemberg. Der damalige Fokus lag primär auf der Technik und deren Entwicklung. Dies spiegelte sich auch in den verschiedensten Forschungs- und Entwicklungsprojekte dieser Zeit wider. In meinem ersten AAL-Projekt habe ich damals 2011 an der Göttinger Universitätsmedizin im Institut für Medizinische Informatik an der „Deutschen Normungs-Roadmap AAL“ (Deutsche Kommision Elektrotechnik and Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik im DIN und VDE 2012) mitgearbeitet. Ziel dieser Normungs-Roadmap war, ein einheitliches Modell für die Beschreibung von AAL-Systemen und deren Komponenten zu etablieren. Denn zu der damaligen Zeit (2012) gab es in Industrie und Wissenschaft keine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs „Ambient Assisted Living“. Ziel der Roadmap war, eine einheitliche Terminologie zu verwendenund eine Definition und ein abstraktes Modell eines AAL-Systems und seiner Komponenten zu entwickeln. Der Fokus damals lag deutlich auf der Technik und deren Entwicklung. Was ist technisch alles möglich?

Jedoch wandelte sich die Förderpolitik, und es rückte verstärkt die Nutzerorientierung und der Mehrwert von AAL-Technologien in den Fokus. Auch die Definition von AAL erlebte einen Wandel. In der 2016 veröffentlichten VDE-Anwendungsregel: VDE-AR-E 2757-7 technikunterstütztes Leben –Ambient Assisted Living (AAL) –Klassifikationsschema zu alltagsunterstützenden Assistenzlösungen wird AAL wie folgt definiert: „Ambient Assisted Living (AAL) umfasst Kombinationen von Technologien und Dienstleistungen, welche das tägliche Leben der Menschen situationsabhängig und unaufdringlich unterstützen. Die verwendeten Technologie-Dienstleistungs-Kombinationen integrieren sich in das direkte Lebensumfeld des Nutzers.“ Dies spiegelt sich deutlich in den aktuellen Projekten im AAL-Umfeld wider. Im Fokus steht nicht mehr die Technik, sondern neue technikunterstützte bzw. auf Technik basierende Dienstleistungen. Mein zuletzt geleitetes BMBF-gefördertes Verbundprojekt „KoopAS – Unterstützung lokaler-kooperativer Sozialmodelle im ländlichen Raum durch pflegerisch-technische Assistenzsysteme“ an der Universitätsmedizin Göttingen ging in diese Richtung. Innerhalb von KoopAS wurde beispielsweise eine Tablet-Oberfläche entwickelt, die als Dashboard für verschiedene Dienstleistungen diente, wie z.B. der Einkaufshilfe in der Gemeinde Amtzell im Allgäu (Erklärvideo verfügbar unter http://koopas.de/wp-content/uploads/2015/03/p510_EINKAUFEN_1_1.mp4 (letzter Zugriff am 31.10.2018). 

 

Welche Konzepte/Produkte/Dienstleistungen konnten sich dabei durchsetzen? Warum bzw. Warum nicht?

 

Prof. Björn Sellemann: Nach all den Jahren der AAL-Förderung und Entwicklung haben sich nur relativ wenige Produkte im Markt durchgesetzt – und dies, obwohl es durchaus positive Evaluierungen von Produkten und Entwicklungen in Feldtests vorlagen bzw. vorliegen. Gerade im Hinblick auf die Pflege muss aber festgestellt werden, dass Pflegebedürftigkeit per se keinen Leistungsanspruch darstellt und darüber hinaus befinden sich im Pflegehilfsmittelverzeichnis derzeit kaum technische Assistenzsysteme. Denn für die Aufnahme ist der Wirksamkeitsnachweis erforderlich. Dies ist im Kontext von AAL-Produkten vielfach nur sehr schwer zu erbringen, da die Evaluierungen im Rahmen von Feldtests in der Regel nur geringe, kleine Populationen aufweisen. Damit verbunden sind Zweifel an der Wirksamkeit, fehlende Kosteneffizienz, keine oder ungeklärte Refinanzierung, rechtliche Unsicherheiten und bisweilen auch technische Probleme. Aber ein grundlegendes Problem ist die in der Vergangenheit häufig vernachlässigte Nutzereinbindung in den Entwicklungsprozess und die fehlenden „Technikmodule“ in der Aus-, Fort- und Weiterbildung der Gesundheitsfachberufe. Auch in diesem Umfeld gab es verschiedene Forschungsprojekte wie zum Beispiel das Verbundprojekt „MHH-QuAALi – Berufliche und akademische Weiterbildung im Bereich AAL“. Das Projekt verfolgte das Ziel, ein interdisziplinäres Weiterbildungsangebot zu den Einsatzmöglichkeiten von AAL-Technologien in der stationären und ambulanten Gesundheitsversorgung aufzubauen. Aus heutiger Sicht kam dieses Projekt und die entsprechende Förderlinie jedoch einige Jahre zu früh, denn es gab bzw. gibt noch nicht die AAL-Produkte am Markt bzw. den AAL-Markt, für die die Weiterbildungsangebote im Projekt entwickelt wurden...

 

Aus Ihrer Erfahrung und Position heraus: Wie kann/sollte AAL (besser) im Alltag umgesetzt werden? Und was ist Ihre Vision für die Zukunft?

 

Prof. Björn Sellemann: Entscheidend ist aus meiner Sicht ist, dass die Nutzereinbindung einen viel größeren Raum bei der Entwicklung von neuen Produkten erhalten muss als bisher. Wir dürfen uns zukünftig nicht mehr so stark davon leiten lassen, was technisch alles möglich ist – vielmehr muss geschaut werden, was im häuslichen oder im professionellen Versorgungsumfeld benötigt wird. Aber ob dies in der technikaffinen AAL-Community wirklich verstanden und verinnerlicht wurde, wage ich leicht zu bezweifeln. Denn auf dem vergangenen AAL Kongress im Oktober dieses Jahres in Karlsruhe waren die Vorträge im Wissenschaftskongress geprägt von technischen Entwicklungen und weniger von neuen Dienstleistungen kombiniert mit Technik. Beispielhaft möchte ich zwei Sätze die im Rahmen von Vorträgen gefallen sind zitieren, die dies sehr gut widerspiegeln: „... technisch, sehr, sehr, sehr schön aufbereitet!“ oder bezogen auf die Technik im häuslichen Umfeld „Sie müssen planen, was Sie in 10, 20 oder 30 Jahren an Technik im häuslichen Umfeld brauchen!“ Aber woher soll der Endanwender das wissen, wenn er nicht gerade von Beruf Wahrsager ist? Wenn wir es zukünftig schaffen, den Menschen bzw. den Anwender nicht als Objekt in technisch orientierten Lösungen anzusehen, sondern es tatsächlich schaffen, dass sich die Technik an den Bedürfnissen des Nutzers orientiert. Erst dann können Produkte entwickelt und in den Markt gebracht werden, die unterstützungsbedürftigen Menschen situationsabhängig und unaufdringlich zur Seite stehen. Dieser Paradigmenwechsel braucht jedoch seine Zeit! Auch vor dem Hintergrund der Entwicklungen der letzten 20 Jahre und der aus meiner Sicht bestehenden Gewissheit, dass der AAL-Markt nie der große wirtschaftliche Zukunftsmarkt wird.

 

Wie kann das Spannungsfeld von Technik auf der einen Seite und Pflege sowie Therapie auf der anderen Seite bei Wissenschaftlern aber auch in der Gesellschaft mehr in den Fokus gerückt werden?

 

Prof. Björn Sellemann: Meiner Meinung nach ist der Begriff „Spannungsfeld“ nicht mehr zeitgemäß, denn die Angehörigen der Gesundheitsfachberufe stehen der „Technik“ größtenteils nicht mehr kritisch gegenüber. Im Gegenteil, sie erwarten vielmehr Lösungen von der Industrie und der Wissenschaft für ihr Aufgabengebiet, die die Arbeitsprozesse unterstützen und erleichtern. Im privaten Umfeld ist es Normalität, dass Angebote wie Onlinebanking oder bei der Bahnfahrt über eine App nach Anschlussmöglichkeiten gesucht werden kann, oder ältere Menschen nutzen Elektrofahrräder und verschaffen sich damit wieder ein Stück Eigenständigkeit, da evtl. körperliche Einschränkungen kompensiert werden können oder sie greifen aus Gründen der Bequemlichkeit auf technische Lösungen zurück. Nur in den Gesundheitsfachberufen gibt es solche Lösungen noch nicht – warum eigentlich? Das ist aus meiner Perspektive die spannende Frage und die Aufgabe von Wissenschaft und Praxis, die zukünftig geklärt werden muss. Marktfähige Lösungen können zukünftig nur über nutzerzentrierte, multidisziplinäre, transdisziplinäre und interdisziplinäre Ansätze entwickelt werden.

 

Besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen!

Literatur:

Deutsche Kommision Elektrotechnik and Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik im DIN und VDE. 2012. Die Deutsche Normungs-Roadmap AAL (= Ambient Assisted Living). Frankfurt am Main.

 

Georgieff, Peter. 2008. Ambient Assisted Living - Marktpotenziale IT-Unterstützter Pflege Für Ein Selbstbestimmtes Altern. Stuttgart.

 

Copyright Foto: Wilfried Gerharz 


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