21.03.2017
Kategorie: FT Medizin, PA Interviews, WP Internationale Konzepte
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Prof. Dr. Bosco Lehr: „Dänemark setzt klar auf Innovationen und stellt eine allumfassende Gesundheitsversorgung in den Vordergrund"

Prof. Dr. Bosco Lehr ist Leiter des Instituts für eHealth und Management im Gesundheitswesen (IEMG) und Vizepräsident Hochschule Flensburg/University of Applied Sciences. Zudem ist er im Rahmen des deutsch-dänischen eHealth Innovation Center tätig, das eHealth-Lösungen in der grenzüberschreitenden Versorgung nutzbar machen und ansässigen Unternehmen im Healthcare IT-Bereich den Markteinritt erleichtern möchte – insbesondere durch Know-how-Transfer im Gesundheitswesen über die Grenze hinweg.


Prof. Lehr sprach mit dem CareTRIALOG über die dänische Gesundheitsversorgung im Vergleich zu Deutschland.

 

Was sind die größten Unterschiede zwischen der Gesundheitsversorgung in Deutschland und Dänemark?

 

Prof. Dr. Bosco Lehr: Das Besondere in Dänemark ist die rein staatliche Struktur. Das Gesundheitssystem wird aus Steuermitteln finanziert. Die einzelnen Kommunen und Regionen sind wiederum verantwortlich für die reibungslose Gesundheitsversorgung nach staatlichen Vorgaben – sei es bei der Sicherstellung vorhandener oder bei der Etablierung neuer Versorgugsstrukturen. In Deutschland ist das anders. Hier liefert der Bund die gesetzlichen Rahmenbedingungen, während jedes einzelne Bundesland auf Basis der Selbstverwaltung in Zusammenarbeit mit Krankenhäusern, den Kostenträgern sowie den jeweiligen Leistungserbringern für die Finanzierung und Sicherstellung der bedarfsgerechten Versorgung zuständig ist. Während in Deutschland  viele Gremien beteiligt sind, greift Dänemark auf wenige Entscheidungsträger zurück, was die Entscheidungswege dort deutlich schneller macht. Zudem werden die Patienten im Rahmen von sehr gut ausgebauten intersektoralen Versorgungsstrukturen behandelt, während das deutsche System hier mit Ausnahme weniger integrierter Versorgungsansätze, die stationäre und ambulante Versorgung separat und mit unterschiedlicher Finanzierung regelt.  Außerdem hat man in Dänemark – im Gegensatz zu Deutschland – die Wahl zwischen dem Hausarztmodell oder der freien Arztwahl. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Ländern besteht aber in der Selbstverwaltung Deutschlands versus der staatlichen Organisation und Finanzierung aus Steuergeldern in Dänemark.

 

Was macht Dänemark besser, und was können wir von diesem Land lernen?

 

Prof. Dr. Bosco Lehr: Erst einmal muss man vorwegschicken, dass wir in Dänemark, allein aufgrund seiner deutlich kleineren Größe von knapp 43.000 Quadratkilometern und der damit verbundenen geringeren Einwohnerzahl mit ca. 5.6 Millionen Einwohnern, von ganz anderen Voraussetzungen ausgehen als in Deutschland mit gut 357.000 Quadratkilometer Fläche bei über 80 Millionen Einwohnern. Besser vergleichbar wäre es daher ggf., Dänemark und ein kleineres, deutsches Bundesland (wie z. B. Schleswig-Holstein) in Relation zu setzen. Dänemark macht in folgendem Punkt etwas besser, indem das Land Innovationen stets in den Vordergrund stellt. Denken Sie nur an den Bereich eHealth, der durch das dänische Gesundheitsministerium und der Organisation „Health Care Denmark“ massiv vorangetrieben und gut etabliert wird. Denken Sie an die Telemedizin: Sie ist schon seit vielen Jahren Bestandteil des Gesundheitssystems. Dänemark ist in diesen Punkten deutlich fortschrittlicher und weiter als Deutschland, weil der Staat die Infrastruktur für die Umsetzung eines schnellen, vernetzten, landesweiten, digitalen Datenaustauschs bereits seit Jahren forciert. Als Beispiel sei hier auch der elektronische Service sundhed.dk genannt, digitale Patientenakten sofort und überall abrufen zu können. Deutschland macht da eher kleine, zögerliche Schritte, während sich Dänemark sehr innovativ in der Gesundheits-IT präsentiert. Hier macht sich der Vorteil der kurzen, direkten Entscheidungswege aufgrund weniger Entscheidungsträger klar bemerkbar. Als weiteres Beispiel sei hier die schnelle Durchsetzung des Baus von 16 Mega-Krankenhäusern nach staatlichen Vorgaben genannt. Auch beim Thema Gesundheitsprävention liegt Dänemark vorne: Das Land legt sehr viel Wert auf Patientenbefragungen. Jedes Jahr werden in einer Stichprobe mit  250.000 Teilnehmern Patienten zu Krankenhausbehandlungen befragt. Und alle zwei Jahre werden speziell auch ältere Menschen zum Thema stationäre und ambulante Pflegebehandlung in die Befragungen mit einbezogen. Dänemark hat hier schon seit geraumer Zeit einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess in Bezug auf die Qualität der Gesundheitsversorgung implementiert – und das Land lebt diesen auch. In Deutschland gibt es dahingehend noch Entwicklungspotenzial. Trotz allem dürfen wir dabei nicht vergessen, dass Dänemark, allein aufgrund seiner geringen Größe und anderer Entscheidungsstrukturen, Dinge viel schneller umsetzen kann.

 

In Dänemark sollen in den nächsten Jahren mit der Investition von sechs Milliarden Euro insgesamt 16 Mega-Kliniken als Super-Krankenhäuser der Zukunft entstehen. Daraus resultieren zwar insgesamt weniger Kliniken im Land als früher, aber dafür sollen die hochmodernen, effizienten, optimal ausgerüsteten Zentren die Versorgung des ganzen Landes sicherstellen. Welche Chancen und Vorteile sehen Sie in der Etablierung solcher klinischen Zentren?

 

Prof. Dr. Bosco Lehr: Vorweg: als Ziele sind in jedem Fall die Verbesserung der Behandlungs- und Prozessqualität, die optimale Versorgung und Bereitstellung modernster, medizinischer Technik sowie die Steigerung der Effizienz zu nennen. Das führt z. B. dazu, dass die Patienten das Krankenhaus früher verlassen und schneller wieder in ihr häusliches Umfeld zurückkehren können. In Dänemark beträgt die durchschnittliche, stationäre Verweildauer in Krankenhäusern 4,5 Tage pro Jahr. Zum Vergleich dazu verbringen Patienten in Deutschland im Schnitt 7,4 Tage stationär im Krankenhaus. Dänemark ist offensichtlich in der Lage, Patienten in kürzerer Zeit auf einem sehr hohen Niveau zu behandeln. Das setzt selbstverständlich auch voraus, dass – sobald der Patient wieder nach der Entlassung zuhause ist – auch dort die Möglichkeiten und die Versorgungsstrukturen zur Verfügung stehen, ihn adäquat medizinisch nach- und weiterbehandeln zu können. Hier wartet Dänemark mit einer hochmodernen, sektorenübergreifenden Organisation der integrierten Versorgung auf – an der so wichtigen Nahtstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung. Z. B. in Form telemedizinischer Verbindung mit dem behandelnden Krankenhaus oder über innovative Online-Plattformen gesundheitsbezogene Fragestellungen – alles von zu Hause aus. Und natürlich bedeutet eine kürzere, in der Regel teurere, stationäre Verweildauer auch die Reduzierung der Behandlungskosten. Laut Befragungen von Healthcare Denmark sind in Dänemark 93 Prozent der Patienten zufrieden mit ihrer Behandlung.

 

Gibt es aus Ihrer Sicht auch Nachteile?

 

Prof. Dr. Bosco Lehr: In Bezug auf eine bedarfsgerechte Versorgung, dürfen die zum Teil langen Anfahrtswege und -zeiten in ein solches klinisches Zentrum nicht unberücksichtigt bleiben. Einfach gefragt, was ist wichtiger: Die hochinnovative Klinik, die sich in 50 Kilometern Entfernung oder weiter weg befindet oder das direkt vor Ort gelegene, evtl. weniger moderne Krankenhaus, welches in wenigen Minuten erreichbar ist? 12 Prozent der Dänen benötigen zukünftig mehr als 30 Kilometer Anfahrtsweg zur nächsten Klinik. Für diese 30 Kilometer und mehr kann man eine Anfahrtszeit von mindestens einer halben Stunde ansetzen. Handelt es sich z. B. um einen Notfallpatienten, können bereits wenige Minuten zeitkritisch sein, um noch eine adäquate lebensrettende Behandlung beginnen zu können. Zudem muss man die konzentrierten, spezialisierten Gesundheitsleistungen betrachten, die teilweise lediglich in einem bis drei Krankenhäusern im ganzen Land zu finden sind. Auf der einen Seite erbringen diese Spezialkliniken eine große Menge der benötigten Fachleistungen auf höchster Qualitätsstufe, aber auf der anderen Seite taucht hier wieder das Problem der Verteilung – und damit der möglichen weiten Anfahrtswege und Anfahrtszeiten sowie ggf. längere Wartelisten – auf. Ein weiterer Punkt ist die immer kürzere Verweildauer in Krankenhäusern. In Jahr 2020 soll – nach Aussage von Healthcare Denmark – die Verweildauer weniger als drei Tage betragen. Es stellt sich die Frage, inwieweit und wann eine so kurze Verweildauer an ihre Grenzen stößt z. B. Berücksichtigung von Heilungsprozessen nach einer OP etc.. Aus gesundheitsökonomischer Sicht ist eine kürzere, stationäre Verweildauer aufgrund von Effizienzsteigerung und Kostenreduzierung sicher anzustreben, aber aus Sicht des Patienten wage ich zu bezweifeln, ob das immer eine Verbesserung bedeutet.

 

Wäre eine solche Struktur auch in Deutschland denkbar?

 

Prof. Dr. Bosco Lehr: Unter den genannten Punkten halte ich das für schwer umsetzbar. Schon allein aufgrund der anderen Dimensionen in Deutschland und der gegebenen Strukturen. In Dänemark soll eine Mega-Klinik 250.000 Einwohner versorgen. Vergleichen wir dies z. B. mit Schleswig-Holstein, dann würde sich dort die Anzahl der Kliniken von 74 Krankenhäusern an insgesamt 113 Klinikstandorten auf 12 reduzieren, und auf Deutschland bezogen würde es statt knapp 2000 Krankenhäuser nur noch 330 geben. In diesem Ausmaß und in dieser Form ist das in Deutschland auch unter infrastrukturellen Gesichtspunkten aus meiner Sicht nicht umsetzbar. Noch eine Notiz am Rande: In Dänemark werden für den Neubau der Krankenhäuser 1000 Euro pro Einwohner investiert, demnach müssten in Deutschland mehr als 80 Milliarden Euro zur Verfügung stehen, um dieses Vorhaben genauso umsetzen zu können. Auch in Anbetracht des existierenden Investitionsstaus halte ich das für unrealistisch.

 

Können Sie sich vorstellen, wohin uns die Entwicklung in Deutschland treibt?

 

Prof. Dr. Bosco Lehr: Durch die bundesseitige und gesetzgeberische Entwicklung (z. B. durch den Innovationsfonds des G-BA) werden bereits heute innovative Versorgungsvorhaben und deren Qualitätsverbesserung gefördert. Mit dem eHealth-Gesetz wurden ebenso schon erste Schritte zur Verbesserung der digitalen Infrastruktur im deutschen Gesundheitswesen angestoßen. Zudem findet dahingehend ein Umdenken in der Gesellschaft statt, dass wir uns mehr und mehr in Richtung Gesundheitsprävention bewegen, was wiederum Auswirkungen auf die Inanspruchnahme von Leistungen im Gesundheitswesen haben wird. Es ist durchaus ein positiver Trend in Sachen Unterstützung der Digitalisierung – und damit bei der Bereitstellung digitaler Infrastrukturen und Leistungen – festzustellen auch oder gerade mit Unterstützung der Kostenträger. 

 

Welche Wohnformen gibt es in Dänemark bzw. wie sehen Wohn- und Pflegekonzepte in Dänemark aus?

 

Prof. Dr. Bosco Lehr: Grundsätzlich zeigt Dänemark große Bestrebungen, die Selbstständigkeit und Eigenversorgung der Menschen zu fördern und so lange wie möglich zu erhalten. Das wird in Form von Präventionsmaßnahmen und kostenloser ambulanter Pflege sowie der Bereitstellung von Haushaltshilfen umgesetzt. Auch technologisch ist Dänemark ganz weit vorn; z. B. wenn es im privaten Umfeld in den häuslichen Einrichtungen um die Installation automatischer Unterstützungssysteme Systeme im Bereich Ambient Assisted Living (AAL) geht. Dänemark praktiziert bereits heute das vernetzte Wohnen. So ist auch die zuständige Kommune stets in der Lage, benötigte ambulante Pflege, Haushaltshilfen oder auch die Lieferung von Essen optimal zu koordinieren und effizient zu gestalten. Zudem werden die Kommunen bei Menschen, die einen erhöhten Pflegeaufwand benötigen, in die Entscheidung mit einbezogen, ob und wann ein Pflegeheimaufenthalt dauerhaft oder kurzzeitig sinnvoll wird. Bedenkt man beispielsweise die aufwändige Koordination in der Pflege und Betreuung von Demenzkranken, so wird die Bedeutung deutlich. Wobei private Kosten vom Bewohner zu erbringen sind, die Pflege- und weiteren Gesundheitsleistungen aber von der Kommune getragen werden. Hier übernehmen die Kommunen klare Verantwortung für die Bewohner. In Dänemark wird das Thema Versorgung zurzeit noch umfassender angegangen als in Deutschland.

 

Herzlichen Dank für dieses angenehme und informative Gespräch!

 


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