CareTRIALOG: Andreas Westerfellhaus: „Pflegebedürftige sind keine Bittsteller“
08.05.2018
Kategorie: CK Personalmangel, WP Pflegekonzepte, PA Interviews, PG Ministerien
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Andreas Westerfellhaus: „Pflegebedürftige sind keine Bittsteller“

Der aus Nordrhein-Westfalen stammende Andreas Westerfellhaus ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er ist gelernter Krankenpfleger, Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie sowie Betriebswirt. Von 2001 bis 2008 war er Vizepräsident und von 2009 bis 2017 Präsident des Deutschen Pflegerates. Seit Mitte April 2018 ist Herr Westerfellhaus als Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung tätig.  


Seit 2015 traten Schrittweise die Pflegestärkungsgesetze I, II und III in Kraft. Was sind aus Ihrer Sicht bis dato die wichtigsten Errungenschaften der Pflegereform?

 

Andreas Westerfellhaus: Mit den Pflegestärkungsgesetzen hat die Politik die Pflege wieder ins Rampenlicht geholt. Vor allem das PSG II war ein Meilenstein. Dass Demenzerkrankte nun die gleichen Leistungen erhalten wie somatisch beeinträchtigte Pflegebedürftige, hat die Pflegeversicherung um ein Vielfaches gerechter gemacht. Außerdem wurden die Leistungen der Pflegeversicherung erhöht und pflegende Angehörige stärker entlastet. Seit letztem Jahr bekommen dank des neuen, niedrigschwelligen Pflegegrad 1 rund 400.000 mehr Menschen als zuvor Leistungen der Pflegeversicherung. Die Pflegestärkungsgesetze waren damit ein riesiger Schritt nach vorne.

 

Was sind Ihrer Meinung nach nun die drängendsten Herausforderungen?

 

Andreas Westerfellhaus: Punkt eins: Wir brauchen ausreichend und gut qualifiziertes Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, mit fairen und zeitgemäßen Arbeitsbedingungen, damit wir kranke und pflegebedürftige Menschen auch künftig professionell versorgen können.

Punkt zwei: Ich möchte Pflegebedürftige und pflegende Angehörige weiter entlasten, indem Leistungen der Pflegeversicherung flexibler gemacht werden und erschöpfte Angehörige einfacher Auszeiten nehmen können – zum Beispiel durch stationäre Reha, Verhinderungs- und Kurzzeitpflege. Die Angebote der Pflegeversicherung müssen für die Betroffenen verständlicher werden. Es kann nicht sein, dass Leistungen aus Unkenntnis oder wegen bürokratischer Hürden nicht in Anspruch genommen werden. Und der Pflege-TÜV muss endlich kommen und für Transparenz über gute und schlechte Leistungen sorgen.

Und gleichwertig mit den beiden erstgenannten Punkt drei: Pflegebedürftige haben ein Recht auf eine qualitativ hochwertige Pflege. Und sie haben ein Recht darauf, trotz ihrer Einschränkungen selbstbestimmt leben zu können. Wenn ich dann aber im Pflege-Qualitätsbericht des MDS lese, dass es noch immer Fälle gibt, in denen freiheitsentziehende Maßnahmen in der stationären Pflege nicht regelmäßig auf ihre Notwendigkeit geprüft werden oder die Einwilligung oder Genehmigung sogar ganz fehlt. Da müssen wir Wege finden, wie es uns konsequent gelingt, dem Willen und den Rechten der Pflegebedürftigen in der Praxis Geltung zu verschaffen.

 

Sie wurden zum Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung ernannt und setzten sich bereits während Ihrer Tätigkeit als Präsident des Deutschen Pflegerats für die bundesweite Etablierung von Pflegekammern und die Einführung einer generalistischen Pflegeausbildung ein: Welche Vorteile/Ziele sollen mit den Pflegekammern erreicht werden?

 

Andreas Westerfellhaus: Mit Pflegekammern können sich Pflegekräfte von der Fremdbestimmung durch Ärzte und andere Berufsgruppen befreien. Die Stimme der Pflege muss hörbarer werden, gegenüber der Politik und gegenüber anderen Berufsgruppen. Dafür müssen sich professionell Pflegende besser organisieren. Natürlich kümmert sich eine Kammer in erster Linie um die ordentliche Berufsausübung und die Ausbildung ihrer Mitglieder. Mittelfristiges Ziel muss aber auch sein, dass eine Bundespflegekammer im Gemeinsamen Bundesausschuss sitzt, da wo die eigentliche Musik der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen spielt. Die Pflege als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen muss über ihre Angelegenheiten dort mitentscheiden können.

 

Und mit einer generalistischen Pflegeausbildung?

 

Andreas Westerfellhaus: Die neue Ausbildung wird die Arbeit aller professionell Pflegenden aufwerten. Sie wird zu besseren Karrierechancen und zu einer besseren Bezahlung, insbesondere in der Altenpflege führen. Und im Gesetz werden erstmals Tätigkeiten definiert, die nur von Pflegefachkräften wahrgenommen werden dürfen. Das wird dabei helfen, die Aufgabenverteilung zwischen Ärzten und anderen Gesundheitsfachberufen neu zu justieren. Das ist längst überfällig: Pflegefachkräfte sind heute hochqualifiziert und keine Handlanger. Ich habe immer gesagt, der Pflegeberuf ist so spannend und verantwortungsvoll wie wenige andere. Mit der Modernisierung der Pflegeausbildung machen wir den Beruf noch attraktiver und zeitgemäßer.

 

Wie kann/muss sich die deutsche Gesundheitspolitik zukünftig, nachhaltig entwickeln?

 

Andreas Westerfellhaus: Ich möchte, dass Pflege sich mit ihren Strukturen an den Bedarfen der Pflegebedürftigen ausrichtet – und nicht andersherum. Pflegebedürftige sind keine Bittsteller. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Rechte, allen voran ihr Recht auf Selbstbestimmung, geachtet werden – und zwar in der eigentlichen Pflege wie auch im Verhältnis zur Pflegekasse. Eine „Geiz-ist-geil-Mentalität“ hat bei Kassen nichts zu suchen. Pflegebedürftige haben Rechte – und mein Ziel ist dafür zu sorgen, dass diese auch durchgesetzt werden können.  Und natürlich müssen wir uns auch darauf vorbereiten, dass in Zukunft mehr Menschen Pflege benötigen. Deshalb müssen wir schon jetzt dafür sorgen, dass auch in Zukunft genug hochqualifizierte Pflegekräfte diese Pflege leisten können.

 

Was kann/sollte von Seiten der Politik gegen den Fachkräftemangel im Pflegebereich getan werden?

Und wie kann zu einer deutlichen Image-Verbesserung von Pflegeberufen beigetragen werden?

 

Andreas Westerfellhaus: Genau wie andere Berufe mit anspruchsvollen Tätigkeiten müssen Pflegekräfte auch faire Löhne und Arbeitsbedingungen bekommen. Erst recht in einer Branche mit Fachkräfteengpass. Mein Amtsvorgänger Karl-Josef Laumann hat für Tariflöhne in der Altenpflege die Weichen gestellt. Jetzt muss sich die Selbstverwaltung aufraffen und die gesetzlichen Vorgaben endlich umsetzen. Darauf werde ich genau achten. Für faire Löhne im Krankenhaus und Pflegeeinrichtungen brauchen wir außerdem allgemeinverbindliche Tarifverträge. Auch dafür werde ich mich stark machen. Geld ist aber nicht alles. Eine gute Ausbildung oder ein Studium muss sich auch zwingend in größeren Entscheidungsspielräumen innerhalb der Berufsausübung niederschlagen. Die Kompetenzen der professionell Pflegenden müssen auch von diesen in Eigenverantwortung genutzt werden können: immer im Zusammenspiel mit anderen Professionen!

Und wenn dies gelingt, dann wird sich das auch in den Ausbildungszahlen zeigen, aber auch für viele Pflegekräfte, die in die Teilzeit oder ganz andere Berufsfelder regelrecht geflüchtet sind, ein Argument sein, in ihren erlernten Beruf zurückzukehren.

 

Besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

 


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