24.04.2018
Kategorie: CK Personalmangel, WP Wohnformen, WP Pflegekonzepte, CK Personalkonzepte
Kerstin Lötzerich-Bernhard

„Wir machen uns große Sorgen, ob die neue, beschlossene, generalistische Ausbildung das Problem des Fachkräftemangels tatsächlich beheben kann.“

Helge Berg ist zuständig für den Bereich Wohnen und Leben im Alter und stellvertretender Bereichsleiter der Arbeiterwohlfahrt, Bezirksverband Westliches Westfalen e. V.

Wir sprachen mit Herrn Berg über die Themen Wohn- und Pflegeformen sowie den Fachkräftemangel im Pflegebereich.


Unsere Gesellschaft wird immer älter, der Anteil an Senioren steigt stetig. Wie bzw. mit welchen Strategien/Konzepten richten Sie sich auf die veränderten Bedürfnisse und Anforderungen der Senioren respektive Pflegebedürftigen ein?

 

Helge Berg: Wir haben in unseren Einrichtungen einen sehr hohen Anteil stationärer Pflege. Die größeren Einrichtungen stellen wir nun gezielt auf integrierte, kleine Wohngruppenkonzepte um, das heißt auf kleinere Wohneinheiten innerhalb deutlich größerer (Gesamt-)Wohnbereiche. Wir versuchen also, auch in größeren Seniorenzentren viele kleinere Wohnebenen (zum Beispiel jeweils mit eigenen Speisenräumen) zu schaffen, um den Bewohnern einen übersichtlicheren Sozialraum, übersichtlichere Gruppengrößen und übersichtlichere Mitarbeiterkontakte zu bieten. Ganz im Gegensatz zu dem, was man manchmal von vielen typischen, großen Pflegeheimen erwarten würde.

 

Aus diesen Wohngruppenkonzepten lassen sich beispielsweise auch ganz spezielle Betreuungsformen für Bewohner mit Demenz herausarbeiten und entwickeln, da wir der Ansicht sind, dass Betreuungsangebote für Demenzkranke nicht nur in Demenz-WGs oder im Rahmen von Tagespflege funktionieren, sondern auch sehr gut in stationären Einrichtungen, wenn die Möglichkeiten gegeben sind, kleinere Wohngruppen anzubieten. Solche speziellen Wohngruppen für Demenzkranke halten wir schon heute bereit und wollen diese noch weiter ausbauen.

 

Welche – auch neuen – Angebote müssen Sie zukünftig schaffen?

 

Helge Berg: Zum einen sehen wir uns immer mehr mit einer neuen Zielgruppe konfrontiert. Denn der Anteil jüngerer, pflegebedürftiger Menschen nimmt in stationären Einrichtungen deutlich zu. Und auch hier müssen wir auf diese Zielgruppe mit ausgerichteten Angeboten reagieren. Das heißt für uns, dass wir bei anstehenden Umbau- und Neubauvorhaben die Bedürfnisse jüngerer Menschen mitberücksichtigen. Es zeigt sich hier, dass es nicht ganz richtig ist, dass die Bewohner in Pflegeheimen immer älter werden, es gibt auch eine immer größere werdende Gruppe von jüngeren Menschen, die wir bereits heute in unseren Pflegeheimen verzeichnen.

Zum anderen gibt es auch einen großen Anteil an Schwerstpflegebedürftigen, an bettlägerigen Bewohnern, die wir nicht mehr mobilisieren können. Für diese Zielgruppe richten wir in unseren Neubauprojekten räumlich großzügigere Pflegeoasen ein (um zum Beispiel die Pflegebedürftigen in ihren Betten dort hineinschieben zu können), sodass sie trotz allem noch zu einem gewissen Grad an Angeboten im Haus oder in einer Wohngruppe teilnehmen können. Außerdem planen wir variable Raumangebote. Hier schaffen wir einerseits größere Pflege- und Aufenthaltsräume, andererseits gibt es bei Bedarf die Möglichkeiten, durch mobile Trennwände ganz gezielt Intimsphären zu schaffen.

 

Außerhalb von unseren stationären Einrichtungen, die unser Hauptstandbein sind, wollen wir unser Angebot des sogenannten Servicewohnens (betreutes Wohnen) in unseren Altenwohnungen erweitern. Häufig befinden sich diese Altenwohnungen in direkter Nachbarschaft zu unseren Seniorenzentren. Und auch bei Neubauprojekten von Pflegeheimen werden Altenwohnungen in direkter Nähe mit eingeplant, sodass die Mieter vom Angebot im Seniorenzentrum profitieren können. Das reicht vom Mittagessen oder der Teilnahme an Veranstaltungen bis hin zur Hilfe im Krankheits- oder Pflegefall.

 

Was unterscheidet Sie von anderen Betreibern?

 

Helge Berg: Ganz wichtig für uns: Wir sind eine Non-Profit-Organisation, ein Wohlfahrtsverband. Und wir legen sehr viel Wert darauf, dass wir unsere Einrichtungen auch unter diesen Gesichtspunkten betreiben. Es geht uns nicht darum, aus einem bestimmten Marktsegment einen größeren Profit zu erzielen, sondern wir betrachten zum Beispiel, welche zusätzlichen (kostenfreien) Angebote in einem Quartier benötigt werden und wie wir Menschen im Quartier enger an die Arbeiterwohlfahrt binden können. Unser Ziel ist es, Angebote der Arbeiterwohlfahrt oder auch Angebote anderer Träger in Quartieren zu sinnvollen Versorgungsketten zu verknüpfen.

 

Zudem bauen wir unsere ambulanten Dienste weiter aus. Diese wollen wir ganz bewusst mit neu konzipierten Tagespflegeangeboten in unsere Versorgungsketten integrieren und mit unseren stationären Einrichtungen verknüpfen. Wir bieten zum Beispiel Essen auf Rädern, Seniorenreisen sowie Begegnungsstätten und viele weitere ehrenamtliche Angebote. Non-Profit bedeutet eben nicht nur, dass wir ein gemeinnütziger Träger sind, sondern, dass wir auf eine Basis einer sehr großen Zahl ehrenamtlicher Mitglieder zurückgreifen können. Auch dies unterscheidet uns von gewerblichen Dienstleistungsanbietern.

 

Wie begegnen Sie dem Fachkräftemangel?

 

Helge Berg: Den Fachkräftemangel spüren wir auch. Glücklicherweise haben wir eigene Ausbildungsschulen und Fachseminare für Altenpflege in unserer Trägerschaft. Zudem kooperieren wir im Rahmen der Ausbildung auch mit Schulen anderer Träger.

Wir bemühen uns sehr, mittels örtlicher Projekte und Kampagnen („Gute Arbeit, gute Pflege“), das Image des Pflegeberufs zu verbessern und die Pflege damit weiter in die Öffentlichkeit zu rücken. Das passiert beispielsweise über Kinospots oder Plakatwerbung. Außerdem führen wir Projekte unter dem Stichwort „Kultursensible Altenarbeit“ durch, in denen wir gezielt Migranten, die bei uns eine Ausbildung machen, einbinden. Des Weiteren versuchen wir, Brücken zu öffentlichen Schulen (Haupt-, Real- und Berufsschulen sowie Gymnasien) zu schlagen, in denen wir auf lokalen Messen oder während Schulinfotagen für unsere Freiwilligendienste (zum Beispiel FSJ oder BFD) werben, um die Pflegeberufe attraktiv darzustellen und die Schüler darüber hinaus für unsere Ausbildungsberufe zu gewinnen.

 

Selbstverständlich möchten wir auch ein attraktiver Arbeitgeber sein, indem wir Tarifverträge anbieten. Bei uns werden alle Beschäftigten im Rahmen von Tarifverträgen entlohnt, die wir mit ver.di abschließen. Auch Modelle mit familienfreundlichen Dienstzeiten gehören dazu. Grundsätzlich arbeiten wir in einer 5-Tage-Woche.

 

Ein ganz wichtiger Punkt ist bei uns auch die Mitarbeiterförderung. Wir möchten Menschen nicht nur in Pflegeberufen ausbilden, sondern auch stetig fördern, weiterbilden, qualifizieren und spezialisieren, um ihnen neue Perspektiven und weitere Karriereschritte zugänglich zu machen. Damit werden wir als Arbeitgeber attraktiv und können die Mitarbeiter besser an uns binden.

 

Das alles hat natürlich seine Grenzen. Wir machen uns zum Beispiel große Sorgen, ob die neue, beschlossene, generalistische Ausbildung das Problem des Fachkräftemangels tatsächlich beheben kann. Hier sind wir sehr skeptisch. Wir befürchten, dass die Anzahl der Ausbildungsplätze sinken wird, da ausbildende Träger den entstehenden erhöhten Aufwand scheuen und deshalb ganz aus der Ausbildung aussteigen werden. Darüber hinaus könnte es an einigen Stellen einen direkten Konkurrenzkampf mit Krankenhäusern geben. Man möchte zwar die Altenpflege aufwerten, wir sehen aber auch ein hohes Risiko, dass die Schüler nach einer generalistischen Ausbildung aus Imagegründen im Krankenhaus bleiben. Denn die Krankenhäuser sind dem gleichen Fachkräftemangel ausgesetzt wie wir Pflegeheimbetreiber. Und schlussendlich kann ein Entscheidungskriterium für professionell Pflegende sein: wer zahlt mir am Ende wo mehr? Wir haben die Sorge, dass die Altenpflege gegenüber den Krankenhäusern auf der Strecke bleibt, da sich die Fachkräfte nach einer generalistischen Ausbildung entscheiden, in den Krankenhäusern zu bleiben bzw. dorthin abwandern. Das wäre sehr bitter!

 

Die Anzahl der Demenzkranken nimmt weiterhin zu, welche speziellen Betreuungs- und Pflegekonzepte bieten Sie für diese Zielgruppe an?

 

Helge Berg: Wir bieten in unseren stationären Einrichtungen integrierte Tagesbetreuungen für Menschen mit Demenz an. Dort, wo wir Wohngruppenmodelle baulich nicht mehr realisieren können, da wir auch viele ältere Häuser betreiben, haben wir spezielle Räume und eine spezielle Umgebung mit attraktiven Angeboten etabliert, in denen wir bewusst kleine Gruppen von Menschen mit Demenz betreuen können.

 

Unterstützt wird das Ganze dadurch, dass wir unsere Mitarbeiter im erheblichen Umfang ausbilden. Wir bieten eigene Ausbildungen und hochwertige Weiterqualifizierungen für Pflegefachkräfte zur Gerontopsychiatrischen Fachkraft, um den angemessenen Umgang mit Menschen mit Demenz gewährleisten zu können.

Auch andere Weiterbildungen sind möglich, um die betroffenen Mitarbeiter gezielt für die Arbeit mit Demenzkranken zu schulen.

 

Gestatten Sie mir noch den Hinweis: Häufig wird gesagt, dass es zu wenig Angebote für Pflegebedürftige mit Demenz gibt. Diesen Herausforderungen kann man nicht alleine mit Wohngemeinschaften begegnen. Wohngemeinschaften, betrachtet man den zahlenmäßigen Bedarf, lösen das Problem nicht.

In Nordrhein-Westfalen gibt es ein neues Wohn- und Teilhabegesetz, das eine 80-prozentige Einzelzimmerquote erfordert. Dadurch fallen in diesem Jahr in NRW Tausende von Pflegeplätzen weg. Allein bei der Arbeiterwohlfahrt sind einige hundert belegte Plätze davon bedroht. Das kann mit Wohngemeinschaften, die per se kleinere Platzzahlen haben, nie aufgefangen werden. Hier werden wir zukünftig deutlich mehr und andere Angebote sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich, aber auch im häuslichen Bereich benötigen.

 

Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 


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