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09.07.2019
Kategorie: CK Personalmangel, MM Marktentwicklung, PG Ministerien
Angelika Sylvia Friedl

Pflegenotstand: Wenn das Wasser bis zum Halse steht

Wie können wir den Mangel an Pflegekräften am besten auffangen? Wie jedes Jahr stand das Dauerthema auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit im Mittelpunkt. Manche Experten halten es schon für einen Erfolg, wenn der bisherige Status quo auch in Zukunft gehalten werden kann.  


Düstere Aussichten: Doppelt so viele Erwerbstätige wie heute müssten bis 2035 in der Langzeitpflege arbeiten, um die derzeitigen Betreuungsrelationen zu gewährleisten. „Wenn nicht reagiert wird, wächst die Personallücke der Beschäftigten um eine halbe Million, wenn man die Teilzeitbeschäftigten mitrechnet“, erklärt Heinz Rothgang, Professor am Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen. Vorschläge zur Abhilfe gibt es viele. Migration von Fachkräften wäre zum Beispiel ein Weg, die Lücke zu stoppen. Allerdings, so Rothgang, bietet die Anstellung von ausländischen Pflegekräften nur eine kurzfristige Lösung. Mittel- und langfristig sehen sich die OECD-Länder ähnlichen demographischen Entwicklungen gegenüber wie Deutschland. Die Menschen altern zeitversetzt und Länder wie China werden ihre PflegerInnen dann selbst dringend brauchen. „Wir müssen an allen Schrauben gleichzeitig drehen, um das Versorgungsproblem zu lösen“, fordert der Bremer Gesundheitsökonom. In erster Linie zählen dazu natürlich bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Fachkräfte in der Altenpflege müssen so viel wie ihre Kollegen in der Krankenpflege verdienen, um zu verhindern, dass AltenpflegerInnen Krankenhäuser als Arbeitsplatz bevorzugen. Der Lohnunterschied zwischen den Branchen beträgt durchschnittlich etwa 600 Euro. Wenn Löhne und Personalmengen steigen, erhöhen sich natürlich auch die Eigenanteile der Pflegebedürftigen, die Heinz Rothgang schon heute als als zu hoch betrachtet. Er wirbt daher für eine Finanzreform der Pflegeversicherung. Die Pflegeteilkostenversicherung könnte in eine Vollversicherung mit Sockelbetrag umgewandelt werden, vielleicht sogar in eine reine Vollversicherung.

 

Ein weiteres Werkzeug ist die Einführung eines einheitlichen Personalbemessungsverfahrens. Hier hat die Universität Bremen den im PSG II formulierten Gesetzesauftrag erhalten, ein wissenschaftlich fundiertes Verfahren zur Personalbemessung „nach qualitativen und quantitativen Maßstäben“ zu entwickeln und zu erproben. Eine garantierte Mindestpersonalausstattung könnte helfen, die Arbeitsbelastungen zu vermindern und Pflege attraktiver zu machen. „Erforderlich ist außerdem eine individuelle Bedarfszumessung und ein obligatorisches Case Management. All diese Maßnahmen tragen auch dazu bei, dass private Anbieter nicht mehr über niedrige Preise mit anderen Trägern konkurrieren, sondern über Qualität“, meint Professor Rothgang. Herbert Mauel, Geschäftsführer des bpa (Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V.) widerspricht der Behauptung: „Natürlich liefern private Anbieter schon lange eine gute Qualität“. Die Situation in der Pflege und deren Zukunft sieht Mauel im übrigen deutlich pessimistischer als Rothgang. So beschreibe zum Beispiel das PpSG (Pflegepersonal-Stärkungsgesetz) die Probleme in der Altenpflege völlig richtig, ungeklärt bleibe aber die Frage, woher die zusätzlichen Kräfte kommen sollen. „Ohne erhebliche Anstrengungen, das betrifft insbesondere die qualifizierte Zuwanderung, werden lediglich 13.000 weitere unbesetzte Stellen geschaffen“, erklärt Geschäftsführer Mauel. Erschwerend wirken das aufwändige Antragsverfahren und andere Bedingungen des Gesetzes. So müssen alle vertraglich vereinbarten Stellen besetzt sein, bevor zusätzliche Fachkräfte überhaupt finanziert werden können. Außerdem bevorzugt das Gesetz Krankenhäuser im Vergleich zu Pflegeeinrichtungen. Nur in Krankenhäusern wird jede zusätzliche Pflegestelle vollständig von den Kostenträgern refinanziert. Das gilt auch für Ausbildungsvergütungen.

 

Für die Zukunft sieht der Geschäftsführer des bpa schwarz. „In wenigen Jahren werden ambulante Pflegedienste kaum noch Leistungen an den Wochenenden anbieten können. Und wenn sich nichts ändert, werden Pflegeheime vor einer Aufnahme erst einmal ausrechnen, bei welchem Pflegegrad sie die personellen Anforderungen überhaupt erfüllen können“. In die Pflicht nimmt er vor allem die Bundesländer, die für eine wirtschaftliche und zahlenmäßig ausreichende Versorgungsstruktur verantwortlich sind. Die Länder, kritisiert Mauel, legen jedoch die Hände in den Schoß. Eine Ausnahme ist Bayern, dass innerhalb von fünf Jahren einen Pflegeplatz ab dem Pflegegrad 2 garantieren will. Zurzeit laufen die Bedarfs- und Angebotserhebungen. Das große Fragezeichen: Beim derzeitigen Pflegekräftemangel ist es schwer vorstellbar, wie die Garantie in fünf Jahren erfüllt werden kann. Für das ganze Bundesgebiet sieht es nicht besser aus. „Wir können froh sein, wenn wir in den nächsten Jahren den status quo halten können“, urteilt Herbert Mauel.  


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Datum: 15.07.2019 - 20:07:31