05.05.2016
Kategorie: AI Architektur, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Gebäude können sowohl auf funktionaler wie auf ästhetischer Ebene in vielfältigster Weise das Leben bereichern. Umso schwächer die Nutzer, umso größer die Verantwortung der Architektur, sie bei der Führung eines selbstbestimmten Lebens zu unterstützen.

Das Fachgebiet Architekturkommunikation a*komm ist Teil des Instituts Entwerfen, Kunst und Theorie an der Fakultät für Architektur des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Das Fachgebiet geht auf eine Initiative der Wüstenrot Stiftung zurück, die es als halbe Professur für fünf Jahre finanziert hat (2009-2014). Seit Oktober 2014 wird das Fachgebiet vom KIT getragen, dabei auch weiterhin großzügig von der Wüstenrot Stiftung unterstützt in Form einer halben Mitarbeiterstelle.


Der Auftrag des Fachgebiets, das in dieser Form bundesweit einzigartig ist, besteht darin, die Grundlagen der Kommunikation und Vermittlung von Architektur intensiv zu untersuchen, sie in der Architekturlehre fest zu verankern, sowie in Publikationen, Vorträgen und Workshops die hohe Bedeutung der Kommunikation für Architektur und Baukultur öffentlich zu verbreiten. Hierbei arbeitet das Fachgebiet intensiv mit anderen Fach- und Lehrgebieten am KIT, aber auch mit zahlreichen Akteuren außerhalb der Universität, beispielsweise Verbänden, Kammern und freien Initiativen, zusammen.

Prof. Dr. phil. nat. Riklef Rambow, geb. 1964, studierte Psychologie an der Universität Bielefeld und promovierte 1999 in Frankfurt am Main. Nach Tätigkeiten als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehraufträgen an den Universitäten zu Frankfurt am Main und Münster, wurde er 2001 als wissenschaftlicher Assistent an den Lehrstuhl Theorie der Architektur der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus geholt. Dort  wurde er 2008 zum Gastprofessor für Architekturvermittlung berufen. Seit 2009 hat Prof. Rambow eine Professur für Architekturkommunikation am KIT.

 

Das Fachgebiet der Architekturkommunikation ist bundesweit einzigartig: Was bedeutet Architekturkommunikation genau?

 

Prof. Dr. Riklef Rambow: Architekturkommunikation, so wie wir in Karlsruhe sie verstehen, beschäftigt sich mit der Kommunikation an den Schnittstellen zwischen Architektur und Öffentlichkeit. Interessant für uns wird es immer dann, wenn Fachleute aus den Planungsdisziplinen Architektur, Stadtplanung oder Landschaftsarchitektur ihre Gedanken und Entwürfe an Zielgruppen vermitteln möchten, die über keine fachliche Vorbildung verfügen. Wir untersuchen und entwickeln Strategien und Instrumente, damit diese Vermittlung erfolgreich ist. Dabei operieren wir auf der Grundlage des psychologischen Ansatzes der Experten-Laien-Kommunikation, eines Modells für asymmetrische Wissenskommunikation.

 

Was sind die ausgewiesenen Ziele, und warum sind diese aus Ihrer Sicht wichtig?

 

Prof. Dr. Riklef Rambow: Grundlage aller unserer Bemühungen ist das Ziel, die Qualität der gebauten Umwelt zu erhöhen und damit einen nachhaltigen Beitrag zur Baukultur zu leisten. Wir sind der festen Überzeugung, dass gute Architektur nur im Dialog zwischen Architekt/in, Bauherr/in und Nutzer/in entstehen kann. Bei großen öffentlichen Bauvorhaben kommt zudem auch die allgemeine Bürgerschaft als Dialogpartner hinzu. Wir möchten dazu beitragen, dass Architektur als positiver Wert möglichst vielfältig sichtbar und von breiten Teilen der Öffentlichkeit wertgeschätzt wird. Im Einzelfall können diese Ziele sehr unterschiedliche Formen annehmen. Das reicht im Prinzip von dem intensiven Dialog zwischen Architekt und Bauherr bei einem Einfamilienhausbau bis zu komplexen Stadtentwicklungsprozessen wie etwa Stuttgart 21.

 

Wichtig ist das, weil Konflikte und Missverständnisse zwischen Planern und Auftraggebern allgegenwärtig sind und dies unterm Strich immer zu Lasten der Qualität geht, und häufig Frustrationen, Mehrkosten und Zeitverzögerungen produziert. Natürlich kann man nicht alle diese Probleme nur durch bessere Kommunikation lösen. Aber die Kompetenz, die eigenen fachlichen Überlegungen und Konzepte nachvollziehbar und überzeugend darzustellen, sprachlich wie auch visuell, ist doch eine Grundvoraussetzung, ohne die gute Architektur nicht realisiert werden kann. Gleiches gilt für die Fähigkeit, die Bedürfnisse und Erwartungen der Bauherren und Nutzer zu verstehen und zu verarbeiten.

 

Was sind die größten Herausforderungen (bei der Kommunikation zwischen Architekten und Öffentlichkeit und/oder anderen betroffenen Interessengruppen)?

 

Prof. Dr. Riklef Rambow: Die grundsätzliche Herausforderung liegt darin, die eigene, fachlich geprägte Perspektive zu überschreiten und sich darauf einzulassen, einen Laienstandpunkt einzunehmen. Das hört sich möglicherweise trivial an, ist es aber nicht. Genau wie in anderen Fächern wie dem Recht oder der Medizin gibt es auch in der Architektur ein ausgeprägtes Spezialistentum mit einer eigener Sprache, eigenen Wertsystemen und eigenen bildlichen Codes, das innerhalb des Faches sehr gut funktioniert und sehr stabil ist. Dieses System wird an den Hochschulen vermittelt und durch Wettbewerbe, Symposien, Fachzeitschriften, Auszeichnungen usw. verstärkt. Im Dialog mit fachfremden Personen muss der Architekt diese „Komfortzone“ verlassen, wie man heute so schön sagt, und das ist bekanntlich nicht einfach. Sie muss dabei immer bereit sein, scheinbare Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, Fachkonzepte zu erklären und vor allem, die visuellen Kommunikationsinstrumente wie Pläne, Ansichten, Perspektiven, Collagen auf die Bedürfnisse von Nichtfachleuten hin auszurichten. Wie in anderen Disziplinen und Berufsfeldern auch, besteht dabei immer die Gefahr, sich hinter dem eigenen Fachwissen zu verschanzen und dann arrogant und ignorant zu wirken. Solche Situationen verschärfen bestehende Klischees  und führen zu unproduktiven Frontstellungen, die es unbedingt zu vermeiden gilt.

 

Wie werden Themen gesetzt, und inwieweit wird dabei der demografische Wandel, eine immer älter werdende Gesellschaft, mit berücksichtigt?

 

Prof. Dr. Riklef Rambow: Der demografische Wandel bringt eine ganze Reihe an Herausforderungen an Architektur und Stadtplanung mit sich, die auch von Seiten der Architekturkommunikation betrachtet, äußerst anspruchsvoll sind. Um nur einen Aspekt zu nennen: Die Forderung nach Barrierefreiheit steht zunächst im Konflikt mit der gestalterischen Freiheit von Architekten, sie erzeugt Einschränkungen und zusätzlichen Aufwand beim Entwurf. Umso wichtiger ist es, dass die neu entstehenden Bauaufgaben im Bereich der Altenpflege und des Gesundheitswesens aktiv von den Architekten als Herausforderung begriffen werden und z. B. im Rahmen der Ausbildung bereits als wichtiger Aufgabenbereich behandelt werden. Das geschieht aus durchaus, die berufsständischen Vertretungen, Kammern und Verbände widmen sich diesen Themen mit Veranstaltungen Diskussionsforen und Fortbildungen, aber der Dialog könnte durchaus noch intensiver sein und wird das auch werden. Auch die Entwicklung von altersgemäßen, innovativen Wohnformen, generationenübergreifendem Wohnen, Altenwohngemeinschaften etc. ist als Thema in Ausbildung und Fachwelt durchaus präsent, stellt aber auch große Herausforderungen. Vom Standpunkt der Kommunikation ist z. B. darauf hinzuweisen, dass der Perspektivenunterschied zwischen jungen Architekturstudenten und der Zielgruppe der Pflegebedürftigen besonders groß ist. Entsprechend hoch ist die Gefahr, dass hier mit Klischees und falschen Vorstellungen gearbeitet wird. Im Rahmen von Studienprojekten ist es daher umso wichtiger, wirksame „Realitätstests“ einzubauen, also die Studierenden in echten, gut vorbereiteten Kontakt mit alten Menschen und mit Fachleuten aus Pflege und Betreuung zu bringen. Ich war selber mehrfach an solchen Projekten beteiligt, und habe dabei immer wieder festgestellt, wie schwierig es ist, im begrenzten Rahmen eines Entwurfsprojekts einen solchen Dialog herzustellen, und zugleich, wie notwendig das ist und welche beeindruckenden Erkenntnisprozesse sich bei den Beteiligten erreichen lassen, wenn es gelingt.

 

Welche Rolle sollte die Architekturkommunikation bei zukünftigen Bauentscheidungen (speziell auch bei Krankenhaus- oder Pflegeheimbauten) einnehmen?

 

Prof. Dr. Riklef Rambow: Mein Ansatz im Rahmen der Architektenausbildung am Karlsruher Institut für Architektur setzt zunächst einmal darauf, dass unsere Absolventen die Notwendigkeit eines intensiven Dialogs mit Nutzern und Auftraggebern erkennen und über Kompetenzen verfügen, diesen aktiv zu gestalten. Dadurch ändert sich der Planungsprozess nicht grundsätzlich, aber es sollte eine erhöhte Sensibilität für die komplexen Nutzerbedürfnisse entstehen. Ich glaube darüber hinaus aber auch, dass es gerade im Bereich der Krankenhaus- und Pflegeheimbauten auch einen zunehmenden Bedarf an Spezialisten geben wird, die diesen anspruchsvollen Kommunikationsbedarf moderieren können. Idealerweise arbeiten solche Fachleute als unabhängige Berater zwischen Projektentwicklung und Planern.

 

Und wie kann daraus ein innovatives, architektonisches Baukonzept resultieren?

 

Prof. Dr. Riklef Rambow: Die Innovation entstünde daraus, dass in der sogenannten Phase Null, also bei der Bedürfnisfeststellung vor Beginn der Konzeptentwicklung, mehr Zeit und Energie investiert würde, um zum einen genauer auf die konkreten Bedingungen des jeweiligen Einzelfalls eingehen zu können und zum anderen bestimmte scheinbare Selbstverständlichkeiten, die meist schon durch die vorgefertigten Anforderungskataloge und in die umfangreichen rechtlichen Regelungen vollständig determiniert scheinen, zu hinterfragen. Dies kann nur im Dialog zwischen den beteiligten Parteien geschehen und ist in der Standardprozedur nicht vorgesehen. Die zweite Chance zur Innovation liegt in der verstärkten Evaluation von realisierten Projekten. Auch dabei handelt es sich um einen komplexen Kommunikationsprozess, der im üblichen Planungsverfahren nicht vorgesehen ist. Aber nur dadurch, dass man sich in systematischer Weise mit gebauten Beispielen auseinandersetzt und die Erfahrungen der verschiedenen Nutzergruppen mit einem Gebäude erhebt und ernst nimmt, kann ein wirklicher Fortschritt erzielt werden. Auch derartige Evaluationen sind nicht einfach nebenbei durchzuführen, sondern erfordern eine Expertise, die ich bei Kommunikationsspezialisten sehe, deren Position unabhängig von den anderen Projektbeteiligten als Unterstützung der Planenden zu denken ist.

 

Inwieweit kann die direkte Innenumgebung (Farbe, Licht, Materialien und auch Technik) zu einer Verbesserung des Wohlbefindens von älteren Menschen beitragen? Wird bei der Architekturkommunikation der Innenausbau, die Innengestaltung mit einbezogen?

 

Prof. Dr. Riklef Rambow: Selbstverständlich muss die Innenraumgestaltung eine wesentliche Rolle bei den geschilderten Kommunikationsprozessen spielen. Wenn Sie über die Bedürfnisse der Nutzer oder auch über ihre Erfahrungen im Rahmen einer Gebäudeevaluation sprechen, dann werden Sie sehr schnell feststellen, dass die von Ihnen genannten Aspekte wie Licht, Material, Farbe und die Kontrolle atmosphärischer Faktoren für das Erleben der Menschen eine ganz zentrale Rolle spielen. Es ist ja ein wesentliches Charakteristikum des Älterwerdens, dass sich der Bewegungsradius einschränkt und damit der Anteil der in Innenräumen verbrachten Zeit steigt; auch in Krankenhäusern ist die Abhängigkeit des Kranken von den Innenräumen viel höher als in den vielfältigen wechselnden Räumen, in denen ein gesunder, junger Mensch agiert, weil er/sie in der Regel weder die Wahl hat, den Raum zu wechseln noch, ihn nach eigenen Wünschen zu gestalten oder ihn aktiv den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Umso mehr kommt es darauf an, die verbleibenden Freiheitsgrade durch sinnvolle Gestaltung zu stärken und eingeschränkte Kompetenzen durch gestalterische Maßnahmen zu kompensieren.

 

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch darauf hinzuweisen, dass die Gestaltung von Innenräumen gerade bei komplexen Gebäuden wie Krankenhäusern oft nur zu einem geringen Teil in der Zuständigkeit der Architekten liegt; meist sind hier noch andere spezialisierte Planer beteiligt, von den Spezialmöbelherstellern über Innenarchitekten bis hin zu Grafikern, die das Orientierungssystem gestalten. Dass diese einzelnen Komponenten der Gesamtgestaltung im Endresultat harmonisch zusammenwirken, kann ebenfalls nur gelingen, wenn alle Beteiligten erfolgreich und von Anfang an miteinander kommunizieren.

 

Wie wird und sollte sich die Architektur und Baukultur durch die Architekturkommunikation in Zukunft verändern?

 

Prof. Dr. Riklef Rambow: Auf Seiten der Planer wünsche ich mir eine noch größere Offenheit gegenüber der Notwendigkeit, die eigene Arbeit immer wieder zu erläutern und in attraktiver, gleichwohl nicht werblicher Weise öffentlich zu präsentieren, z. B. bei Gelegenheiten wie dem Tag der Architektur. Ich wünsche mir, das wichtige öffentliche Projekte noch transparenter diskutiert werden und Wettbewerbsergebnisse in nachvollziehbarer Weise in die Öffentlichkeit getragen werden. Ich wünsche mir auch, dass Architektur in den Medien, z. B. im Fernsehen, noch stärker als Thema entdeckt wird, so dass ein gesamtgesellschaftliches Klima entsteht, dass die Bedeutung der Gestaltung für die Lebensqualität eines Gemeinwesens stärker gewichtet. Gegenwärtig ist das Bauen allzu häufig im Zusammenhang mit gescheiterten Großprojekten, mit Korruption und Prozessen der Gentrifizierung im öffentlichen Bewusstsein. Dass Architektur etwas ist, was nicht nur der Befriedigung fragwürdiger Partikularinteressen oder individueller Eitelkeiten dient, sondern unser aller Leben bereichern kann, muss deshalb kontinuierlich und bei jeder denkbaren Gelegenheit überzeugend gezeigt werden.

 

Und welche Auswirkungen wird eine durch Architekturkommunikation beeinflusste Architektur und Baukultur – betrachten wir z. B. Krankenhaus- und Pflegeheimbauten – auf die Mitarbeiter, Patienten und auch Angehörige haben können?

 

Prof. Dr. Riklef Rambow: Eine gute Gestaltung von Krankenhaus- und Pflegeheimbauten ist essenziell für das Wohlbefinden von Mitarbeitern und Patienten. Ich tue mich persönlich etwas schwer mit dem Begriff der „Healing Architecture“, der in den letzten Jahren in diesem Zusammenhang häufig gebraucht wird, da die Architektur sicherlich nicht unmittelbar heilende Wirkung hat. Aber dass umgekehrt Gebäude krank machen können, steht für mich außer Frage, und dass Gebäude sowohl auf funktionaler wie auch auf ästhetischer Ebene in vielfältigster Weise das Leben bereichern können, ist ebenfalls leicht nachzuweisen. Und umso schwächer die Nutzer bzw. Bewohner, umso größer die Verantwortung der Architektur, sie bei der Führung eines würdigen, selbstbestimmten Lebens zu unterstützen. Deswegen liegen auch die größten Herausforderungen nicht darin, Fünf-Sterne-Pflegeheime am Rande des Schwarzwalds zu planen – da gibt es zum Teil schon ganz ausgezeichnete Lösungen – sondern die wirkliche Zukunftsaufgabe liegt in der Bereitstellung von Wohnmöglichkeiten und Pflegeplätzen für die große Zahl derjenigen, die von der aktuell lebhaft diskutierten „drohenden Altersarmut“ bedroht sind. Da gibt es noch sehr viel zu tun, und Architekten sollten bei dieser Diskussion ganz vorne dabei sein.

 

Prof. Rambow, herzlichen Dank für Ihre detaillierten Ausführungen!

 


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