28.02.2018
Kategorie: MM Zielgruppe, PA Interviews, WP Bewegung, PG Gesellschaft
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Michael Teuber, Paralympics-Goldmedaillengewinner: "Wichtig ist, dass Inklusion nicht zur Phrase wird, die sich jeder auf die Fahnen schreibt."

Seit 1997 trainiert Michael Teuber professionell und nimmt an Wettkämpfen des paralympischen Radrennsports teil. Michael Teuber ist erfolgreicher Paralympic Champion und Weltmeister (www.michael-teuber.de/).


Sie sind in Ihrer professionellen Karriere bis dato 5 Mal Paralympics-Sieger und 19 Mal Weltmeister geworden. Zudem gehen 9 Weltrekorde auf Ihr Konto. Wie sind Sie zum Paracycling gekommen und was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?

 

Michael Teuber: Radfahren war und ist für mich einfacher als Gehen, auch aus diesem Grund war das Radfahren auf dem Ergometer bereits in der Reha nach meinem Unfall mit inkompletter Querschnittslähmung ein sehr wichtiger Bestandteil. Als leidenschaftlicher Fun- und Outdoorsportler, der ich vor dem Unfall schon war, bin ich dann circa zehn Jahre nach meinem Unfall über das Mountainbiken zum Radrennsport gekommen. Ich war und bin sehr ehrgeizig und blicke natürlich stolz auf meine Erfolge im Radsport und ganz besonders auf persönliche Meilensteine wie die Besteigung des Kilimandscharo zurück. Allerdings ist mein Blick immer nach vorne gerichtet, auf neue Herausforderungen und Ziele.

 

Wie hat das Paracycling (Radrennsport/Mountainbiking) Ihr Leben geprägt?

 

Michael Teuber: Nachdem ich einige Jahre amateurhaft und später semiprofessionell trainiert habe, habe ich mich seit mittlerweile 15 Jahren voll auf den Radsport fokussiert. Man muss den Radsport leben, sonst kommt man nicht ganz nach vorne. Ich trainiere viel als Aktiver. Zusätzlich bin ich Landestrainer für das Paracycling in Bayern und kann mein Wissen und meine Erfahrung an die jüngeren Sportler weitergeben. Beruflich dreht sich bei mir also alles um den Radsport. Fantastich ist, dass meine Frau Susanne diesen Weg mitgegangen ist, was nicht selbstverständlich ist.

 

Was fasziniert Sie am Paracycling besonders?

 

Michael Teuber: Ich liebe den Radsport, weil man fast immer draußen unterwegs ist. Die Trainingsroutine einer Ausdauersportart gefällt mir, ich lebe gerne als Radsportler. Wenn sich die Saison dann ihrem Höhepunkt, also WM oder Paralympics, nähert, dann muss die Arbeit eines ganzen Trainingsjahrs auf den Punkt abgerufen werden, alle Puzzleteile müssen zusammengebracht werden, das ist eine Herausforderung, die mich reizt. Der Ehrgeiz im Wettkampf mit anderen, aber auch das Herausschieben der eigenen Grenzen spornen mich an.

 

Ist Paracycling eine Sportart, in der Inklusion gut funktioniert? Und warum/warum nicht?

 

Michael Teuber: Hier muss man differenzieren: Eine meiner ersten Bemühungen, als ich vom Mountainbike zum Paracycling kam, war es, eine eigene Wertung für Para-Radsportler bei MTB-Marathons zu etablieren. Die Bereitschaft dazu war seitens vieler Veranstalter immer gegeben, und wir haben heute Handicapwertungen bei vielen Events. Auch institutionell sind wir integriert, das Paracycling ist im Weltradsportverband sehr professionell organisiert, allerdings als komplett eigene Sparte ohne große Berührungspunkte zu den Nichtbehinderten. In Deutschland sieht es nochmal anders aus: Der Para-Radsport wird vom Behindertensportverband organisiert, sodass es zum Radsportverband BDR nur relativ wenige Berührungspunkte gibt. Insgesamt finden also internationale und nationale Events fast immer getrennt statt. Das sehe ich kritisch.      

 

Was halten Sie eigentlich vom Begriff Inklusion? Hat der Begriff für Sie eine echte Bedeutung oder ist dies nur ein ‚Wünsch-dir-was‘ von Weltverbesserern?

 

Michael Teuber: Inklusion, Diversität und Teilhabe sind in der öffentlichen Diskussion absolut zu begrüßen und wir sind schon einige Schritte vorangekommen, woran die paralympische Bewegung mit seinen Leistungssportlern einen nicht unerheblichen Anteil hat. Wichtig ist, dass Inklusion nicht zur Phrase wird, die sich jeder auf die Fahnen schreibt. Was wir nicht brauchen, sind plakative Aktionen, um Inklusion zu demonstrieren und sich auf die Schulter klopfen zu lassen, während man in Wirklichkeit nichts ändert.

 

Die Entwicklungen im Radsport bzw. der Sportgeräte gehen unaufhaltsam weiter. Was sind für Sie dabei für Sie die wichtigsten Entwicklungen? Trennt oder verbindet dies behinderte und nicht-behinderte Sportler in der Zukunft?

 

Michael Teuber: Im Radsport ist das Material generell sehr wichtig, es muss optimal sein, um konkurrenzfähig zu sein. Allerdings gibt es im Para-Radsport keine behinderungsspezifischen Hilfsmittel, die einen Vorteil gegenüber Nichtbehinderten darstellen würden. Radrennfahrer (Solorad) mit Handicap können zwar bei Radrennen für Nichtbehinderte mitfahren, haben aber aufgrund der Handicaps immer einen funktionalen Nachteil. Wettkämpfe zwischen unterschiedlichen Sportgeräten wie Tandem, Handbike, Dreirad und Solorad gibt es nicht, da sie unvergleichbar sind. Es ist zum Beispiel nicht vorgesehen, dass ein Handbiker in einem regulären Radrennen mitfährt.

In der Leichtathletik ergibt sich ein anderes Bild. Die Diskussionen um Prothesenläufer Oscar Pistorius und Weitspringer Markus Rehm haben gezeigt, dass eine leistungsfähige Funktionsprothese einen partiellen Vorteil erzeugen kann. Das ist mit Blick auf die Grundvoraussetzung eines sportlichen Wettkampfes problematisch. Oscar Pistorius in London 2012 bei Olympia im Namen der Inklusion antreten zu lassen, habe ich immer für einen Fehler gehalten. Inklusion im Sport, dort wo es sinnvoll ist: ja. Inklusion um jeden Preis, weil es politisch opportun ist: nein.

Dagegen ist absolut anzustreben, nationale und internationale Meisterschaften gemeinsam zu veranstalten.

 

Zum Thema Barrierefreiheit: Sie selbst haben Ihr Haus barrierefrei geplant/gebaut – wie wichtig ist Barrierefreiheit, wo beginnt sie und wie weit sind wir hier schon in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben vorangeschritten?

 

Michael Teuber: Barrierefreiheit als gesellschaftspolitisches Ziel ist absolut zeitgemäß und sollte noch viel stärker vorangetrieben werden, ganz egal ob im baulichen Bereich oder in eher gestaltenden Lebensbereichen und der Informationstechnik. Mit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention und dem Behindertengleichstellungsgesetz haben wir in Deutschland die gesetzlichen Grundlagen. (Leider kann ich Ihnen an dieser Stelle keinen fundierten Überblick über den Stand der Barrierefreiheit in Deutschland geben.)

 

Was sind Ihre nächsten Ziele?

 

Michael Teuber: 2018 ist eine „normale“ Saison. Ich bereite mich auf die Weltcuprennen im Frühjahr als Qualifikation zur WM vor, Hauptziel ist ein Medaillengewinn bei der Paracycling-Weltmeisterschaft im August. Mittelfristig plane ich bis zu den Paralympics Tokio 2020, wo ich noch einmal ein Wörtchen bei der Medaillenvergabe mitreden will.

 

Herzliche Dank für die Beantwortung unserer Fragen!

 

Erleben Sie Michael Teuber auf der Veranstaltungsreihe Zukunft Gutes Wohnen als KeyNoteSpeaker.

 

Foto: © Christian Teuber 

 


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