07.06.2019
Kategorie: WP Wohnformen, WP Internationale Konzepte, PG Gesellschaft, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Trendforscherin Oona Horx-Strathern: „Im Social Cocooning drückt sich die Sehnsucht nach dem Wir aus.“

Oona Horx-Strathern kommt aus London. Seit über 20 Jahren ist sie Trendforscherin, Beraterin, Rednerin und Autorin. Sie schrieb Bücher über die Geschichte der Futurologie, der Architektur der Zukunft, und arbeitete an zahlreichen Studien des Zukunftsinstituts mit. Als Trend-Consultant war sie für internationale Firmen wie Unilever, Beiersdorf und Deutsche Bank tätig. Das Spektrum ihrer Auftritte reicht von Architekten-Konferenzen über Universitäten bis zur Bauindustrie und Design-Branche. Sie teilt ihr Leben zwischen Deutschland, England und dem „Future Evolution House“, dass sie mit ihrem Mann Matthias Horx in Wien baute. Ihre Lieblingsthemen: Architektur als Lebensstil, Stadtentwicklung und sozio-demografischer Wandel, das Verhältnis von Emotionen und Technologie (www.strathern.eu/de).  


HOME REPORT 2019

Im Home Report 2019 – der ersten Ausgabe des nun regelmäßig erscheinenden Reports – wirft Wohnexpertin Oona Horx-Strathern einen kritischen Blick auf die Veränderungen unserer Lebensräume und ihre Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft.

Dabei benennt sie die wichtigsten Wohn- und Designtrends, zeigt die größten Herausforderungen und zukunftsfähige Strategien im Wohn­bau­sektor auf, legt den wahren Kern von Smart-Home-Systemen frei und stellt inspirierende Architekten, Planer und Designer vor, deren innovative Ideen und zukunftsorientiertes Denken zu einem besseren Zuhause der Zukunft führen werden. Mehr Info unter: https://onlineshop.zukunftsinstitut.de/shop/home-report-2019.

Wir sprachen mit Frau Horx-Strathern über den Trend und die weiteren Entwicklungen von Social Cocooning.

 

Cocooning/Social Cocooning ist seit Jahren ein anhaltendes Trendphänomen: Wie und warum entstand es in unserer Gesellschaft?

Oona Horx-Strathern: Wir leben in einer Zeit des Individualismus. Cocooning bzw. Social Cocooning entstand als Gegentrend aus unserer individualistischen und individualisierten Gesellschaft heraus. Heute gibt es die traditionellen, engen Familienstrukturen, die mehrere Generationen umfassen können, nicht mehr in dem Maße, wie es einmal der Fall war. Zudem verzeichnen wir in manchen deutschen und österreichischen Städten 40 % bis 50 % Single-Haushalte. Im Social Cocooning drückt sich die Sehnsucht nach dem Wir und der Bildung von Mikrogemeinschaften aus.  

 

Was bedeutet für Sie ganz persönlich Social Cocooning?

Oona Horx-Strathern: Für mich bedeutet Social Cocooning nicht nur das Zurückziehen vom Alltag, sondern auch das bewusste Zurückziehen von der allseits präsenten Digitalisierung, die immer mehr Lebensbereiche durchdringt. Es bedeutet für mich, dass ich mich für eine gewisse Zeit vom „technischen Druck“, der uns umgibt, freimachen kann. So benutze ich sozusagen den Online-Schalter, um das Offline-Leben zu verbessern und so eine Balance zwischen online und offline zu finden.

 

Welche Vor- und Nachteile hat Cocooning/Social Cocoonig?

Oona Horx-Strathern: Beim Cocooning besteht ein ganz großer Nachteil darin, dass es passieren kann, dass sich Menschen zu sehr im Privaten einigeln, vor der Welt verschließen und vereinsamen. Social Cocooning bietet den Menschen die Möglichkeit, als Individuum in einer selbst gewählten, klar umrissenen Community zu (inter)agieren und zu leben.

 

Ist die fortschreitende Digitalisierung (Konnektivität) eine Voraussetzung für Social Cocooning bzw. warum ist Social Cocooning kein Technikfeind?

Oona Horx-Strathern: Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, das heißt wir müssen mit der Digitalisierung leben und damit umgehen. Die Digitalisierung und globale Vernetzung ist ein Teil von uns und unserer Gesellschaft. Wir müssen die neuen Sozialtechniken lernen und uns ihnen gegenüber öffnen, denn dann unterstützen sie unsere zwischenmenschliche Kommunikation, ohne sie zu zerstören.

 

In Dänemark ist der Begriff und die Lebensart „hygge“ seit jeher etabliert.  Sind uns unsere dänischen Nachbarn damit voraus? Inwieweit unterscheidet sich hier die dänische von der deutschen Mentalität?

Oona Horx-Strathern: Beim Begriff „hygge“ geht es einerseits darum, sich für sich selbst Zeit zu nehmen und „es sich gemütlich zu machen“. Andererseits geht es aber auch um Konnektivität und darum, mit anderen Menschen Zeit zu verbringen. Es geht um eine soziale Offenheit! Allerdings gestaltet es sich schwierig, als Fremder in das „hygge“-System der Dänen hineinzukommen. Doch einmal akzeptiert, ist es sehr eng/intensiv. Generell ist die dänische (Sozial-)Kultur, die soziale Mentalität sehr viel offener als bei uns. Zum Beispiel, wenn es um die Lebensphilosophie oder eine ausgeglichene Work-Life-Balance geht. Die dänische Bevölkerung hat einen anderen Rhythmus und Rückhalt, und das erlaubt sozusagen das Ausleben von „hygge“.

 

Wie kann Social Cocooning einer Vereinsamung im Alter entgegenwirken?

Oona Horx-Strathern: Es gibt zum Beispiel mittlerweile viele unterschiedliche Modelle, Pflegeheime zu planen oder unterschiedliche Möglichkeiten im Wohnungsbau. Es geht darum, Menschen über ein kommunikationsförderndes Design und eine kommunikationsfördernde Architektur (innen und außen) zusammenzubringen. Es geht darum, kommunikativen Raum zu schaffen.

Erst kürzlich las ich von einem Projekt in Singapur. Dort werden vor allem in Vierteln oder vor Gebäuden mit älterer Bevölkerung verstärkt sogenannte „Freundschaftsbänke“ aufgestellt, damit die Menschen nicht so weit gehen müssen, sich dort treffen und ins Gespräch kommen können. Schon durch solch kleine architektonische Maßnahmen und Anpassungen entsteht hier neuer sozialer Raum und wird Kommunikation verbessert.

Wir müssen allerdings nicht nur eine Menge gegen die Vereinsamung im Alter tun, sondern auch gegen die Vereinsamung der vielen jüngeren Menschen, die heute schon in Single-Haushalten leben.

 

Und wie wird sich Social Cocooning aus Ihrer Sicht in Zukunft weiterentwickeln?

Oona Horx-Strathern: Es werden in Zukunft vermehrt Vertical Villages entstehen, um Gemeinschaften/Menschen in Gruppen zusammenzubringen. Durch architektonische Konzepte und durch Design werden neue Quartiere und Wohnanlagen realisiert, die Kommunikation und soziale Interaktion fördern. Die Menschen werden in Zukunft in einer „schützenden“ Community leben können und andererseits – je nach eigenem Bedürfnis – die Möglichkeit haben, sich zurückzuziehen.

 

Herzlichen Dank für dieses angenehme Gespräch!  

 

Foto ©: Klaus Vyhnalek, www.vyhnalek.com 


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