17.04.2018
Kategorie: WP Wohnformen, AI Architektur, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Rolf Specht, Specht Gruppe: „In Pflegeeinrichtungen muss das Leben stattfinden!“

Seit 1988 ist die Specht Gruppe auf die Planung, die Realisierung und den Vertrieb von Pflegeimmobilien spezialisiert. Das Unternehmen gilt als Erfinder des Modells, Pflegeeinrichtungen wie Mehrfamilienhäuser nach dem Wohnungseigentumsgesetz (WEG) zu verkaufen. Zur Unternehmensgruppe gehören außerdem rund 500 Seniorenwohnungen in Bremen und Niedersachsen, eine stationär-ambulante Rehaklinik in Bremen-Schwachhausen sowie ein ambulanter Pflegedienst mit vier Niederlassungen und vier Tagespflegeeinrichtungen in Bremen und Niedersachsen. Der Gründer und geschäftsführende Gesellschafter Rolf Specht ist im Jahr 2010 als Bremer Unternehmer des Jahres ausgezeichnet worden (siehe https://spechtgruppe.de/). 


Wir sprachen mit Rolf Specht über Entwicklungen bei Pflegeeinrichtungen und auf dem Pflegeimmobilienmarkt.

  

Seit Jahrzehnten sind Sie im Pflegemarkt bzw. auf dem Pflegeimmobilienmarkt – sowohl als Betreiber als auch Investor – aktiv. Wie und warum sind Sie zum „Pflegeunternehmer“ geworden? Warum gerade diese Branche?

 

Rolf Specht: Ich würde sagen, dass wir uns rechtzeitig Gedanken zum Thema „Demografischer Wandel“ gemacht haben. Dadurch konnten wir den gigantischen Wachstumsmarkt erkennen, den der Gesundheitsmarkt mit all seinen Möglichkeiten präsentiert. Im Jahr 1988 haben wir die Pflegeimmobilie als Kapitalanlage erfunden und können heute mit Stolz behaupten, mehr als 3.000 zufriedene Investoren zu haben.

Das Prinzip ist ganz einfach: Wir teilen die Immobilien ähnlich wie ein Mehrparteienhaus nach dem Wohnungseigentumsgesetz auf. Der private Investor kauft sich sein eigenes Pflegeappartement, in das er selbst zwar nicht einziehen kann, erhält aber ein bevorzugtes Belegungsrecht in allen Häusern der Specht Gruppe. Seine Immobilie, für die er ein Grundbuchblatt bekommt, wird von einer Betreibergesellschaft für 20 Jahre angemietet: Er muss sich dadurch um so gut wie nichts kümmern und zahlt dafür nur einen geringen Verwaltungsbetrag. Er hat keinen Mieterkontakt, und auch um die Instandhaltung kümmert sich der Betreiber. Gleichzeitig erhält er jeden Monat pünktlich seine Mietzahlungen. Zurzeit bieten wir bis zu fünf Prozent Rendite an. Die Pflegeimmobilie ist also nicht nur eine sichere, sondern auch eine renditestarke Geldanlage.

 

Von Wohnquartieren über Pflegeheime, die wie Mehrparteienhäuser funktionieren, bis hin zu „Care-Hotels“ für Pflegebedürftige und Angehörige: Was waren Ihre wichtigsten/herausforderndsten Projekte?

 

Rolf Specht: Eines unserer wichtigsten und gleichzeitig schönsten Projekte war die Realisierung des Generationenparks „Am Rosenberg“ in Bremen. Auf einem ehemaligen Werkstattgelände haben wir eine stationäre Pflegeeinrichtung, seniorengerechte Wohnungen, ein Gebäude mit Pflegesuiten, eine Kindertagesstätte sowie zwei Mehrparteienhäuser für Familien realisiert. In der Mitte des Grundstücks liegt neben einem schönen Park auch ein Campus, auf dem Begegnungen stattfinden können.

Bemerkenswert war auch der Verkauf unserer Reha-Klinik am Sendesaal in Bremen: Wie bei den Pflegeimmobilien haben wir das Gebäude, in dem einst Radio Bremen sein Hörfunkprogramm gesendet hat, nach WEG aufgeteilt und an Einzelinvestoren verkauft. Ich glaube, es war die erste Gesundheitsimmobilie, die nach diesem Konzept veräußert wurde. Gleichzeitig ist das Konzeptunserer Rehaklinik sehr spannend: Durch das Hybrid-Modell kann der Patient entsprechend seiner Genesung von der stationären in die ambulante Behandlung wechseln und wird dabei vom gleichen Ärzteteam behandelt.

 

Generationenpark am Rosenberg

 

Neubau einer Pflegeeinrichtung mit seniorengerechte Wohnungen, Tagespflege und Kindertagesstätte in Wolfsburg

 

Neues Zentrum in Weisweiler: Pflegeeinrichtung, seniorengerechte Wohnungen, Tagespflege und neues Schützenheim 

 

Und welche Ziele haben Sie verfolgt?

 

Rolf Specht: Neben der Entwicklung von spannenden Ideen für Versorgungs- und Wohnformen für Senioren ist auch der unternehmerische Erfolg ein Ziel.

 

Wie hat sich Ihre unternehmerisch-strategische Ausrichtung über die Jahre hinweg verändert? Und warum?

 

Rolf Specht: Mit den gestiegenen Ansprüchen und Bedürfnissen von Senioren haben wir unsere strategische Ausrichtung entsprechend angepasst. Zahlreiche Senioren werden zum Beispiel in der Zukunft über genügend Geld verfügen, sich „etwas mehr“ gönnen zu können. Deshalb integrieren wir jetzt Pflegesuiten in unsere Immobilien: Sie bieten einen zusätzlichen Raum, eine Küchenzeile und – je nach Architektur – noch eine eigene Dachterrasse. Senioren, die sich nicht mehr selbst versorgen können, leben dort wie in einer kleinen Wohnung und erhalten die Sicherheit, 24 Stunden am Tag versorgt werden zu können. Ich bin der festen Überzeugung, dass die klassische Pflegeeinrichtung auch in Zukunft eine wichtige Bedeutung am Markt spielt: Sie ist in manchen Lebenssituationen einfach die beste Versorgungsform für Senioren. Leider hat sie in der Öffentlichkeit oftmals keinen guten Ruf, obwohl in den meisten Einrichtungen jeden Tag hervorragende Leistungen vollbracht werden.

 

Ihr Ursprung findet sich in der Residenz-Gruppe, mit der Sie seit 1988 den privaten Pflegemarkt maßgeblich geprägt, mit aufgebaut und gestaltet haben. Seit 2015 gehört die Residenz-Gruppe zu Orpea, und Sie firmieren seit 2017 als geschäftsführender Gesellschafter der Specht Gruppe. Was waren die Gründe?

 

Rolf Specht: Das war eine strategische Entscheidung. Im Jahr 2015 war die Residenz-Gruppe Bremen auf nahezu 40 Pflegeeinrichtungen mit circa 3.000 Pflegeplätzen angewachsen und beschäftigte mehr als 2.500 Mitarbeiter. Dadurch ist das Unternehmen so groß geworden, dass wir uns umstrukturieren hätten müssen, um den Betrieb weiterhin solide führen zu können. Wir haben uns dann entschieden, das Unternehmen an einen großen Konzern zu geben, der es in einem sicheren Fahrwasser weiterführt. Als Specht Gruppe treten wir nun als Projektentwickler, Bauherr und in der Vermarktung auf. Darüber hinaus gehört zu unserer Unternehmensgruppe, neben der Reha-Klinik am Sendesaal, noch der Weser Pflegedienst mit vier Standorten, vier Tagespflegeeinrichtungen und rund 500 Seniorenwohnungen.

  

Was sind Ihre zukünftigen strategischen und konzeptionellen Zielsetzungen?

 

Rolf Specht: Das Projekt „Senioren-Campus“ liegt mir am Herzen: Hier wird die stationäre Pflegeeinrichtung um weitere Angebote wie Tagespflege, barrierefreie Wohnungen, aber auch um Räume, die von Vereinen für beispielsweise Reha-Sport oder einen Hospizverein genutzt werden, oder eine Kindertagesstätte ergänzt. Wichtig ist dabei, die Kommunen miteinzubeziehen: Wo können Synergien geschaffen werden? Natürlich wollen wir gleichzeitig unsere ambulanten Leistungen ausbauen. Außerdem haben wir im letzten Jahr zusammen mit der Tegeler-Gruppe eine eigene Betreibergesellschaft gegründet, die aktuell eine Seniorenresidenz in Rheinland-Pfalz betreibt. Zwei weitere Häuser sind schon in Planung. Wir haben außerdem einige großflächige Grundstücke erworben, die wir mit namhaften Partnern beplanen – nicht nur im Bereich der seniorengerechten Versorgung. Zudem entwickeln wir gerade ein weiteres Geschäftsfeld, in dem wir die in die Jahre gekommenen Pflegeeinrichtungen von gemeinnützigen Trägern sinnvoll überplanen und umfassend modernisieren.

 

Welche aktuellen, neuen Projekte stehen auf dem Plan?

 

Rolf Specht: Für die belgische Aktiengesellschaft Aedifica bauen wir zurzeit 17 neue Pflegeimmobilien, unter anderem auch in Wolfsburg. In dem neu entstehenden Stadtviertel Steimker Gärten realisieren wir neben einer Pflegeeinrichtung auch eine Tagespflege, seniorengerechte Wohnungen sowie eine Kindertagesstätte. In Weisweiler entsteht gerade ein ähnliches Projekt, allerdings integrieren wir im Erdgeschoss statt einer Kindertagesstätte ein neues Schützenheim mit Schießstand für den hiesigen Schützenverein. In Pflegeeinrichtungen muss das Leben stattfinden! Darüber hinaus entwickeln wir weiterhin Pflegeimmobilien, die wir direkt an private Einzelinvestoren verkaufen. 

 

Besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen!

 


Keine Kommentare

Keine Kommentare gefunden.
Falls Sie einen Kommentar abgeben wollen, müssen Sie sich vorher einmalig registrieren.
 
IM INTERVIEW
17.10.2018
Eva-Luise Köhler

Ehrlich gesagt spreche ich nicht von Umgang mit Menschen, sondern vom Miteinander. Das heißt allerdings nicht, dass Menschen im Miteinander nicht oftmals hinten runterfallen. ...


IM BLICKPUNKT
15.10.2018
ARD/ZDF-Onlinestudie 2018

In diesem Jahr sind demnach 63,3 Millionen Menschen in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren online, dies entspricht einem Anteil von 90,3 Prozent. Die Steigerung liegt ...


NEUESTE BEITRÄGE
16.10.2018
Professionelles Einrichtungskonzept als nachhaltiger Erfolgsfaktor in der Pflege – Wie wichtig eine gute Einrichtungskonzeption für die Außenwirkung, Mitarbeiterbindung und die Bewohner sind

Professionelles Einrichtungskonzept als nachhaltiger Erfolgsfaktor in der Pflege – Wie wichtig eine gute Einrichtungskonzeption für die Außenwirkung, Mitarbeiterbindung und ...


05.10.2018
BIOLOGISCH WIRKSAMES LICHT ERSTMALS FÜR DEN MOBILEN EINSATZ

Die Stehleuchte Vivaa Free macht biologisch wirksames Licht für alle Menschen in allen Räumen zugänglich. Das lichttechnische Know-how wird nun in der wohnlichen Stehleuchte ...


24.09.2018
Intuitive Orientierungshilfen

Das Klo vor lauter Schildern nicht mehr sehen Statt vor der Badezimmertüre einen Schilderwald zu installieren, kann man beispielsweise die Türe offen stehen lassen. Ein ...


14.09.2018
„Unsere Mitarbeiter geben an, dass sie in den Mittagsstunden kaum mehr müde sind und vor allem nachts besser schlafen.“

In welchen Bereichen (öffentlich/nicht öffentlich) wird VTL (Visual Timing Light) bei Ihnen überall eingesetzt?  Gerd Bekel: VTL wird bei uns flächendeckend in beiden ...


04.09.2018
Gesundheitsversorgung 4.0 - Pflegebetten im digitalen Zeitalter

Seit 2016 wird vom Verein Oberfranken Offensiv das Projekt "Gesellschaft 4.0 - Digitale Kommune" gefördert. Im Rahmen eines Wettbewerbs hatten sich die Stadt Wallenfels ...


Xing
LinkedIn Logo