18.09.2018
Kategorie: WP Demenz, FT Medizin, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Prof. Dr. Michael Löhr: „Viele Kliniken sind noch nicht auf den demografischen Wandel vorbereitet.“

Prof. Dr. rer. medic. Michael Löhr ist ausgebildeter Krankenpfleger und studierte an der Fachhochschule Osnabrück „Pflege und Gesundheitsmanagement“ und „Management im Gesundheitswesen“ und promovierte an der Martin Luther Universität Halle/Saale am Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften. Prof. Löhr hat den Lehrstuhl für Psychiatrische Pflege an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld inne und gab dem CareTRIALOG ein Interview zum Buch „Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus“, an dem er maßgeblich mitgewirkt hat.


Am 30.9. erscheint Ihr Buch „Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus: Innovative Konzepte für eine multiprofessionelle Betreuung und Versorgung“, das Sie gemeinsam mit Bernd Meißnest, Ärztliche Leitung des Zentrums für Altersmedizin sowie Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie, LWL-Klinikum Gütersloh und Benjamin Volmar, B.A., Demenzkoordinator am LWL-Klinikum Gütersloh, auf den Weg gebracht haben. Was der Auslöser und/oder die Motivation, sich diesem Thema anzunehmen?

 

Prof. Michael Löhr: Das Arbeiten mit Menschen mit Demenz hat mich schon immer interessiert. Menschen mit Demenz haben aufgrund ihres höheren Lebensalters häufig somatische Begleiterkrankungen. Leider ist die Versorgung von Menschen mit Demenz in einem auf Funktionsabläufe ausgerichtetes Krankenhaus nicht optimal. Menschen mit Demenz können sich nur schwer oder überhaupt nicht in solchen Strukturen zurechtfinden. Aus diesem Grund haben Herr Meißnest und ich vor sieben Jahren einen Antrag bei der Robert Bosch Stiftung gestellt. Schon damals wollten wir ein demenzsensibles Konzept im Allgemeinen Krankenhaus einführen. Kern unsere Idee war die Implementierung eines Demenzkoordinators, eines Pflegenden der mit großer Fachexpertise in der Gerontopsychiatrie ausgestattet ist. Damals war die Idee noch zu unausgereift, und wir bekamen leider keine Förderung. Zwei Jahre später haben wir mit einem ausgereiften Konzept Geld für diese Idee von der Bürger Stiftung in Gütersloh bekommen. Wir konnten dann eine Pflegefachperson finden, die eine große Expertise in der Gerontopsychiatrie hat und über einen akademischen Abschluss (Bachelor in der psychiatrischen Pflege) verfügt. Dieser hat in einem Pilotprojekt über drei Jahre berufsgruppenübergreifende Schulungen zum Thema Demenz durchgeführt. Auch hat er in der täglichen Praxis die Kolleginnen und Kollegen im Umgang mit Menschen mit Demenz im Krankenhaus supervidiert und Konzepte entwickelt, um bauliche Veränderungen vorzunehmen. Das Projekt ist nach drei Jahren in die Regelfinanzierung übernommen worden. Das Projekt hat beim Mitarbeitenden im städtischen Klinikum Gütersloh, so wie bei Angehörigen von Menschen mit Demenz und den Betroffenen selbst, zu einer sehr positiven Resonanz geführt.

 

 

Krankenhausaufenthalte, vor allen Dingen im höheren Alter, sind meist eine große Belastung für die Betroffenen. Welche negativen Auswirkungen kann ein Krankenhausaufenthalt mit sich bringen?

 

Prof. Michael Löhr: Die Auswirkungen eines Krankenhausaufenthaltes können für Menschen mit Demenz vielfältig sein. Leider sind die Effekte selten positiv. Durch die veränderte Umgebung und die hohe Frequenz an täglichen Personalwechseln kann Desorientierung ausgelöst werden. Auch ist es in einem Krankenhaus in der Regel sehr laut. Eine hohe Lautstärke stellt für Menschen mit Demenz eine vergleichbare Barriere da wie eine Treppe für einen Menschen der im Rollstuhl sitzt. Die Diagnose Demenz steht im Kontext von Krankenhausaufenthalten in der Somatik nicht im Fokus der Behandlung und Versorgung. Die Menschen kommen mit anderen Beschwerden und Erkrankungen, so z. B. Entzündungen, Exikose, Frakturen usw. Diese Erkrankungen können in der Kombination mit anderen Stressoren zusätzlich zu einem Delir führen, was die Gesamtsituation von Menschen mit Demenz noch verschlechtert.

 

 

Besonders Menschen mit Demenz reagieren sehr sensibel auf Änderungen ihrer Routinen, gewohnten Räumlichkeiten und Bezugspersonen. Worauf ist daher bei einer Einweisung in ein Allgemeinkrankenhaus zu achten?

 

Prof. Michael Löhr: Aus meiner Perspektive sollten zwei Aspekte unbedingt zusammenkommen. Erstens, das Krankenhaus sollte über ein demenzsensibles Konzept verfügen. Das heißt, dass man auf die ungewohnten Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz eingestellt ist und diesen einen Raum gibt, ohne sie restriktiv zu regulieren. Dazu gehört, dass man in der Aufnahmesituation – oder schon im Vorfeld – sehr viel über die Person erfragt. Dazu gehören Vorlieben und Abneigungen, gewünschte Anrede, Besonderheiten im Verhalten und weitere Aspekte. Auch ist es von Vorteil, wenn ein Krankenhaus bauliche Aspekte für Menschen mit Demenz aufweisen kann. Dazu gehört bspw. die entsprechende Beleuchtung im Zimmer, orientierungsgebende Aspekte wie Datum und Uhrzeit, die großformatig sein sollten, die direkte Erkenn- und Erreichbarkeit der Toilette. Die Mitarbeitenden sollten im Umgang mit Menschen mit Demenz geschult sein. Der zweite wichtige Aspekt ist die Vorbereitung des Krankenhausaufenthaltes durch die Angehörigen oder die verlegende Institution. Es ist nicht immer davon auszugehen, dass Krankenhäuser den ersten Aspekt in dieser Form umsetzen. Daher ist es gut, die Vorbereitung quasi von außen zu initiieren. Hier sollten mit den entsprechenden Mitarbeitern der aufnehmenden Station die persönlichen Präferenzen und Abneigungen thematisiert werden. Auch kann nach demenzsensiblen Konzepten gefragt werden: „Was werden Sie unternehmen, wenn meine Mutter nachts durch die Gegend läuft?“

 

 

Wie hat sich die Wahrnehmung von Menschen mit Demenz in Allgemeinkrankenhäusern in den vergangenen Jahren verändert? Früher vs. heute.

 

Prof. Michael Löhr: Das ist eine schwierige Frage, die so nicht zu beantworten ist. Wir haben in Deutschland keine zentrale Datenbank, aus der wir differenzierte Outcome-Parameter in der Krankenhausversorgung und hier im Speziellen für Menschen mit Demenz ableiten können. Wie gut die Versorgung von Menschen mit Demenz im Krankenhaus ist, ist ein stückweit dem Zufall überlassen. Es gibt gute Beispiele, wo sich Kliniken diesem Thema gewidmet haben und eine bessere Krankenhausversorgung für Menschen mit Demenz anbieten können. Das liegt aber an dem Engagement einzelner Personen oder Gruppen in den einzelnen Institutionen. In einigen Bundesländern haben die entsprechenden Krankhausgesellschaften sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Hier und da gibt es Empfehlungen wie sich Krankenhäuser verändern sollten. Diese sind aber nicht verbindlich und dementsprechend nicht flächendeckend vorhanden. Am Ende gibt es noch viel Luft nach oben.

 

 

Wie sollte optimalerweise ein Krankenhausumfeld für Demenzkranke gestaltet sein (Orientierung, Kontraste, Beleuchtung, Farben etc.)?

 

Prof. Michael Löhr: Hier wird die Zeit nicht reichen, um alle Aspekte detailliert zu beschreiben. In den letzten Jahren gab es viel Engagement und viele Förderprogramme, um neue Entwicklungen in den Krankenhausalltag zu bekommen. Hier zu nennen ist die deutsche Alzheimergesellschaft und die Robert Bosch Stiftung. Dort findet man interessante Anregungen und Projektbeschreibungen. International gibt es spezifische Forschungseinrichtungen, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzten. Eines der renommiertesten ist das Dementia Service Development Center in Sterling (Schottland). Da es so vielfältige Ansätze gibt, möchte ich hier nur kurz auf die Essensversorgung eingehen und mich dabei auf das Porzellan beschränken. Es ist bekannt, dass das Sehvermögen von Menschen mit Demenz sich in spezieller Form verändert. So lässt das Kontrastsehen deutlich nach. Nun stellen wir uns ein ganz normales Krankenhaus vor. In der Regel haben sie weißes Porzellan auf einem eher hellen Tablett oder auf einer weißen Tischdecke. Eine weiße Tasse mit einer weißen Untertasse usw. Vielfach können Menschen mit Demenz das entsprechende Gedeck nicht als solches erkennen. Hier würde ein kontrastreiches Potpourri an Tablett und Gedeck schon helfen.

 

 

Ältere Menschen bzw. Demenzkranke geraten schnell in ein Spannungsfeld. Zum einen haben sie besondere Bedürfnisse und benötigen deutlich mehr Fürsorge und Betreuung, zum anderen agiert ein Allgemeinkrankenhaus ablauf- und auch gewinnorientiert. Welche Ansatzpunkte und/oder aktuellen Projekte gibt es, um zukünftig eine bessere Versorgung von Demenzkranken im Krankenhaus zu erreichen? Können Sie ggf. paar kurze Beispiele nennen?

 

Prof. Michael Löhr: Die gute Nachricht ist, dass es trotz aller schlechten Nachrichten aus dem Gesundheitssystem gute Beispiele in der Versorgung von Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus gibt. Diese sind nicht zahlreich, aber die die es gibt lassen für die Zukunft hoffen. Wir haben in unserem aktuellen Buch einige dieser Projekte aus Deutschland zusammengefasst. So wird beispielsweise das Projekt aus der Klinik in Lübbecke vorgestellt, in dem es ein Rooming-in-Konzept gibt. Dort ist es möglich, dass Angehörige von Menschen mit Demenz während des gesamten Klinikaufenthaltes bei den Patienten bleiben können. Dies führt dazu, dass Menschen mit Demenz vertraute Personen um sich haben, die auch als Übersetzter für bestimmte Verhaltensweisen hilfreich sein können. Ein anderes Projekt kommt aus Heidelberg, wo im Agaplesion Bethanien Krankenhaus eine spezielle Station für Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus eingerichtet wurde, um eine individuellere Versorgung zu gewährleisten. Insgesamt finden sich 13 relevante Projekte zur besseren Versorgung für Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus in diesem Buch.

 

 

Welchen Herausforderungen/Anforderungen werden sich Allgemeinkrankenhäuser auch in der Zukunft stellen müssen?

 

Prof. Michael Löhr: Die zukünftigen Herausforderungen sind auf unterschiedlichen Ebenen zu finden. So braucht es ein flächendeckendes Verständnis für die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus. Auch ist der zunehmende Fachkräftemangel ein reales Problem. Die Versorgung von Menschen mit Demenz braucht Qualität und Quantität. Vielfach ist diese nicht in ausreichender Menge vertreten. Viele Kliniken sind noch nicht auf den demografischen Wandel vorbereitet. In Zeiten der Ökonomisierung von Gesundheitsleistungen müssen wir darauf achten, dass Menschen mit Demenz auch menschenwürdig versorgt werden. Am Ende dürfen die Konzepte zur besseren Versorgung von Menschen mit Demenz nicht zum Feigenblatt für manche Krankenhäuser werden, ohne dass es eine reale Verbesserung der Versorgung gibt.

 

 

Besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen!


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