12.09.2017
Kategorie: WP Demenz, FT Medizin, PG Gesellschaft, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Dr. med. Carsten Lekutat: „Die Emotionalität bleibt bis zum Schluss"

Dr. med Carsten Lekutat ist neben seiner Praxistätigkeit als Leiter des Berliner Hausarztzentrums in Tegel auch regelmäßig im Fernsehen zu sehen. Unter anderem ist er Moderator der Sendungen „Hauptsache Gesund“ im MDR sowie der Sendungen „fit und gesund“ und „in good shape“ im Auslandsfernsehen der Deutschen Welle. Außerdem ist er Buchautor und mit seiner eigenen Bühnenshow unterwegs. 

 


„Ich sehe meine Tätigkeit in den Medien als sinnvolle Erweiterung meiner hausärztlichen Sprechstunde. Die Allgemeinmedizin kümmert sich nicht nur um die Therapie von Krankheiten. Ein wichtiger Bestandteil ist die Erhaltung der Gesundheit – unter anderem durch Motivation und Information. Dieses Ziel lässt sich hervorragend im Fernsehen und auf der Bühne erreichen. Die gleichen Dinge, die ich täglich in der Sprechstunde mache – nämlich Sie auf humorvolle Weise über Medizin zu informieren und zu einem gesünderen Lebensstil zu motivieren – kann ich so einem breiteren Personenkreis zur Verfügung stellen. Das erfüllt mich als Arzt mit tiefer Freude.“ ~ Dr. med. Carsten Lekutat (www.hausarztzentrum-tegel.com/lekutat-im-fernsehen)

 

Sein neues Buch „Und morgen treffen wir uns gestern – Eine Geschichte über Demenz, die Mut macht“, über das wir hier berichten wollen, ist bewusst kein trauriger Schicksalsbericht über Demenz, es ist anders. Es ist ein positives Buch, und es ist ein Plädoyer für Achtsamkeit im Leben mit oder ohne Demenz. Und vielleicht ist es sogar die wahre Anleitung zum Glücklichsein.

 

 

Am 22. September erscheint Ihr neues Buch „Und morgen treffen wir uns gestern“. Wie ist die Idee zu einem Buch über Demenz entstanden? Gab es einen Auslöser bzw. was war Ihre Motivation?

 

Dr. Carsten Lekutat: Ich saß in meiner Praxis, als ein langjähriger, älterer Patient gemeinsam mit seiner Frau zu mir in die Sprechstunde kam. Er strahlte und war wahnsinnig entzückt, mich zu sehen. Was mich ebenfalls freute, aber es erschien mir auch irgendwie unüblich. Es kommt zwar vor, dass sich Patienten freuen, ihren Hausarzt zu sehen, aber eben nicht derart überschwänglich. Er hatte Tränen in den Augen vor Glück, klopfte mir auf die Schultern und konnte es überhaupt nicht fassen, mich hier zu treffen. Es entstand ein angeregtes Gespräch zu dritt, in dessen Verlauf herauskam, dass mein Patient, der an Demenz erkrankt war, nun glaubte, ich sei ein alter Freund, mit dem er in seiner Jugend immer Fußball gespielt hatte. Er hatte so unbeschreiblich viel Glück in seinen Augen, während seine Frau voller Leid war. Diese Diskrepanz, den erkrankten aber glücklichen Mann und die gesunde aber unglückliche Angehörige zu erleben, kennt man nicht so häufig in der Medizin, da oft auch Erkrankte selbst sehr bedrückt und niedergeschlagen sind. Dieser ältere Herr hat mich dazu gebracht, mich damit zu beschäftigen, wie es anderen Patienten mit einer Demenz geht. Und immer wieder traf ich auf Fälle, die zeigten, dass viele Demenzkranke gar nicht unglücklich in/mit ihrer Situation waren. Viele wurden im Laufe ihrer Erkrankung tatsächlich glücklicher. Den Ansatz fand ich so spannend, dass daraus ein Buch entstanden ist.  

 

 

Das Buch ist ausdrücklich kein Sachbuch, sondern ein positiver Roman. Warum dieses Format?

 

Dr. Carsten Lekutat: Ich glaube, dass man die Menschen gerade bei einer hochgradig emotionalen Erkrankung wie Demenz mit einem Sachbuch nicht vernünftig erreichen kann. Es ist schwierig, mit einem Sachbuch Verstehen und Verständnis dafür zu erzeugen, was mit einem Demenzkranken passiert. Es ist ein Buch, das ich vor allen Dingen für die Angehörigen geschrieben habe, und das sie – so hoffe ich – besonders berühren wird und dabei hilft aufzuklären, was Patienten mit einer Demenz fühlen. Dies allein ist mit einem Sachbuch nicht möglich, aber trotz allem enthält das Buch ganz bewusst auch einen Sachbuchanteil, um den medizinischen Background zu geben. Denn zusätzlich ist es wichtig aufzuzeigen, wie wichtig eine gute Demenzdiagnostik ist und wie diese abläuft. Aber der Hauptanteil des Buches ist definitiv der Roman.

 

 

Wenn ich zitieren darf: „Der Roman erzählt die Geschichte von Oliver Fischer, genannt Fisch. Er ist Jazzmusiker, Mitte 50, und er leidet an der Frühform einer Alzheimer Demenz. Das Leben ist wie Zuckerwatte‘, sagt er‚Man bekommt es zunächst gar nicht mit, wenn ein Stückchen fehlt. Aber irgendwann ist nur noch der trockene Holzstab übrig.‘ Aber Fisch empfindet die Demenz nicht als Endstation, sondern als Beginn von etwas Neuem.“ Wie schafft Fisch das?

 

Dr. Carsten Lekutat: Er empfindet es am Anfang durchaus als Riesenproblem. Das erlebe ich auch bei meinen Patienten. Es ist furchtbar und schrecklich, die Diagnose zu bekommen, und es ist für die Betroffenen unangenehm zu spüren, dass man langsam in die Demenz hineinrutscht. Wir können im Buch die Entwicklung von Oliver Fischer in den ersten Stadien der Demenz mitverfolgen. Wir erleben dabei, wie er sich immer mehr in die Krankheit integriert und ein neues Leben bzw. ein neues Lebensgefühl für ihn beginnt. Er versucht nochmal, offene Dinge in seinem Leben zu regeln. Zum Beispiel versucht er, seine Ehe, die er sehr kompliziert abgeschlossen hat, mithilfe einer Medizinstudentin, die ihn begleitet, zu retten. Mit dieser Medizinstudentin, Anna, kann sich der Leser sehr gut identifizieren und bekommt über diesen Charakter eigene Ängste und Sorgen, im Hinblick auf die Pflege von Angehörigen, mit. 

 

 

Wie ist der Charakter „Fisch“ entstanden? Fließen dort Personen und/oder Situationen aus Ihrer eigenen Erfahrung mit ein? Was zeichnet Fisch besonders aus?

 

Dr. Carsten Lekutat: Wenn ich Bücher schreibe, dann fließt auch immer ein Teil meiner Seele und meiner eigenen Erfahrung mit ein. Und wenn ich Patientengeschichten schreibe, dann fließen immer auch alle Patienten meines Praxisbetriebs als Sammelsurium verschiedenster Charaktere mit ein. Ganz persönliche Erfahrungen habe ich mit der Demenzerkrankung meiner Oma gemacht. Aus allen Begegnungen zusammen entstehen dann die Figuren meiner Bücher.

 

Fisch selbst ist ein Musiker. Dafür habe ich mich ganz bewusst entschieden. Denn wir wissen, dass wir über Musik Menschen mit Demenz sehr gut erreichen können. Ich rate jedem Menschen, sich jetzt schon eine Playlist mit Songs – möglichst aus der Jugend heraus – anzulegen, die ihn emotional berühren. Bei mir sind das definitiv die 1980er-Jahre mit a-ha und Depeche Mode.

 

Beobachtet man demenzkranke Menschen, die plötzlich Lieder aus ihrer Jugend oder Kindheit hören, dann ist es so, als würde sich ein Tunnel in die alte Zeit öffnen. Wenn auch ganz viele intellektuelle Leistungen der Betroffenen verschwinden, bleibt der emotionale Zugang z. B. zur Musik noch sehr, sehr lange bestehen. Deswegen habe ich Fisch als Musiker gewählt, um genau diesen Zugang, die Emotionalität des Empfindens zu haben.

 

 

Wie reagiert Fischs Umfeld auf ihn? Ist es nicht häufig so, dass eine Demenz für Angehörige oft schlimmer zu ertragen ist als für die Betroffenen selbst?

 

Dr. Carsten Lekutat: Ich behaupte mal, das ist fast immer so. Vor allen Dingen, wenn es sich um eine fortgeschrittene Demenz handelt. In Amerika, wo ich gearbeitet habe, hieß es schon vor vielen Jahren: Take care of the caregivers – Kümmere Dich um die Pflegenden.

 

Im Buch haben wir Anna die Medizinstudentin, die von den Erfahrungen, die sie mit Fisch macht, hin und her gerissen ist. Es ist die erste Demenz, die sie miterlebt. Fisch ist im Alter von Annas Vater. Sie ist keine direkte Angehörige, aber sie hat mit dieser Verbindung zu ihrem Vater Zugang zu ihren eigenen Ängsten und Sorgen. Sie kann aber auch, dadurch, dass sie einen gewissen Abstand zu Fisch hat, durchaus die Komik, die aus manchen Situationen entsteht, miterleben. Was sich direkte Angehörige meist nicht erlauben. Deswegen ist die Position von Anna sehr interessant, weil wir von außen einen Blick tief nach innen wagen und aufkommende Komik, die zugleich erschreckend sein kann, mitverfolgen können. Zum Beispiel gibt es im Buch eine Szene, in der sich Fisch, während eines Aufenthaltes in Rom, an einem Brunnen nackt auszieht. In der festen Überzeugung, sich an einem Strand am Meer zu befinden.

 

Eine weitere wichtige Person im Roman ist ein buddhistischer Pfleger, dessen Rolle zusätzlich als Angehöriger interpretiert werden kann. Er hat bereits längere Erfahrung mit Betroffenen. So kann er Anna an die Hand nehmen und ihr neue Sichtweise auf Menschen mit Demenz geben.

 

 

Was möchten Sie Angehörigen von Demenzkranken raten (oder wünschen)? Oder auch anders formuliert: Was können Angehörige bzw. die Leser Ihres Buches daraus lernen?

 

Dr. Carsten Lekutat: Kämpft für eine richtige Diagnostik. Lasst euch nicht einfach mit der Diagnose Demenz abspeisen. Schaut ganz genau hin, damit andere behandelbare Ursachen ausgeschlossen werden können: angefangen bei Schilddrüsenfehlfunktionen über Durchblutungsstörungen bis hin zu operablen Hirntumoren. Wenn es tatsächlich eine Demenz ist, dann begleitet eure betroffenen Angehörigen so lange es möglich ist. Vertraut darauf, dass es ihnen gut geht (auch in der Phase einer beginnenden Demenz). Versucht so lange es geht, den emotionalen Kontakt zu halten, auch wenn die kognitiven Fähigkeiten wie Sprache oder auch Erinnerungen nach und nach verschwinden. Die Emotionalität ist immer noch in der Seele der Betroffenen zu finden und bleibt wahrscheinlich bis zum Ende bestehen. Der Großteil der an Demenz erkrankten Menschen wissen bis zum Schluss noch, wer sie liebhat und wen sie liebhaben.

 

Und singt mit euren Angehörigen Lieder und habt eine gute Zeit mit ihnen, so lange sie euch bleiben!

 

 

Herzlichen Dank für dieses angenehme Gespräch!

 

 

Info: Carsten Lekutats 200-seitiges Buch „Und morgen treffen wir uns gestern – Eine Geschichte über Demenz, die Mut macht“ erscheint am 22. September im Becker Joest Volk Verlag: https://bjvv.de/Buch/9783954531448-Und-morgen-treffen-wir-uns-gestern-Eine-Geschichte-ueber-Demenz-die-Mut-macht

 

 

 

Foto: Copyright Martin Jehnichen  

 


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