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05.06.2012
Kategorie: PA Interviews, MM Demografie, PG Gesellschaft
Carolina Heske

Bestsellerautorin Margaret Heckel: „Die Politik muss eingreifen, wo gegen Ältere diskriminiert wird“

„So regiert die Kanzlerin“ hieß ihr Reportage-Buch, das zum Bestseller wurde. Nun legt Margaret Heckel nach, mit „Die Midlife-Boomer“ inklusive Untertitel „Warum es nie spannender war, älter zu werden“ (siehe unsere Buch-Tipps). Auf den ersten Blick eine kühne These, sofern man sich von den vielen demografischen Schwarzmalereien zu Alterungsprozessen und Pflegebedürftigkeit beeindrucken lässt. Dass das Leben viel bunter sein kann und offenbar noch wird, untermauert die Politjournalistin jetzt anhand unzähliger Studien und Prognosen. 


Die1966 geborene Volkswirtin hat in Heidelberg und Amherst/Massachusetts (USA) studiert. Danach absolvierte sie die Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten und hat fast ein Jahrzehnt für die „Wirtschaftwoche“ geschrieben. Sie ging nach dem Mauerfall als Korrespondentin nach Leipzig, wechselte dann nach Moskau und arbeitete als Reisekorrespondentin in Mittel- und Osteuropa. Margaret Heckel wurde 2002 mit dem Förderpreis der Ludwig-Erhard-Stiftung ausgezeichnet und ist oft im Fernsehen und Radio als Expertin zu sehen und zu hören.

Im Sommer 2011 ging sie auf eine Demografiereise und präsentiert Lösungen für die alternde Gesellschaft auf ihrer neuen Seite www.länger-leben.info. Überhaupt arbeitet die in Potsdam lebende und mit einem Bildhauer verheiratete Autorin nach zwei Jahrzehnten Print-Journalismus mehr denn je online, wo sie auch twittert.

Was die Spatzen zur Zukunft nun von den Dächern zwitschern, wie sich unser Alltag spätestens ab Ende 40 verändert, wo die Haken und wo die großen Chancen für noch mindestens weitere 40 Lebensjahre liegen, hat Margaret Heckel dem CareTRIALOG im Interview verraten.

Frau Heckel, laut Forschern verläuft die Glückskurve des Lebens in U-Form – mit dem Tiefpunkt im Alter von 46 Jahren. Wie schlecht geht es Ihnen denn gerade...?

Danke der Nachfrage, ganz prima. Glücklicherweise sind Statistiken zwar interessant, aber eben auch Durchschnittswerte. Ich werde zwar demnächst 46, fühle mich aber prima. Denn ich weiß ja: Ab jetzt geht es wieder bergauf, das Glück nimmt immer mehr zu.

Vielleicht zunächst erst einmal zu Ihrem Buchtitel: Was sind Midlife-Boomer?

Midlife-Boomer sind Menschen im besten Alter, die neue Wege erkunden. Eine zahlenmäßig starke und gut ausgebildete Generation, deren Erfahrungen und Qualitäten auch morgen noch gefragt sein werden.

Wissen die Midlife-Vertreter schon von ihrem Boom nebst erst noch steigender Glückskurve – oder stecken sie noch in der bekannten Midlife-Crisis?

Viele, mit denen ich zu tun habe, sind selbstbewusst genug, sich ihrer Stärken bewusst zu sein. Aber sie wissen auch, dass sie es sind, die nun die Rahmenbedingungen für ein neues Bild vom Altern schaffen müssen.

Mit 50 etwas ganz Neues anzufangen, zählt zu Ihren Prognosen. Was werden Sie in vier Jahren verändern?

Ich habe genau 20 Jahre als angestellte Journalistin gearbeitet, zuletzt viele Jahre als Politikchefin dreier großer überregionaler Zeitungen. Seit drei Jahren arbeite ich frei und finde es überaus faszinierend, nun noch mal mindestens zwanzig Berufsjahre vor mir zu haben, um andere Dinge auszuprobieren.

Entscheidend für berufliche Neuanfänge mit ca. 50 sind nicht zuletzt erst einmal lebenslange Fortbildungsmöglichkeiten. Warum sackt diese Botschaft, die schon lange eingefordert wird, eigentlich weder auf dem deutschen Arbeitsmarkt noch in der Wirtschaft?

Sie wird sacken, glauben Sie mir. In keinem Bereich wächst die Beschäftigung derzeit so schnell wie bei den Über-50-Jährigen. Diese Menschen werden mit all ihren vielfältigen Erfahrungen gebraucht und die Firmen werden sich darauf einstellen. Die Frühverrentungswellen der vergangenen Jahrzehnte waren der größte anzunehmende Unfug, den wir uns auf dem Arbeitsmarkt geleistet haben. So entstand das Vorurteil, dass Ältere weniger leistungsfähig waren. Ein kompletter Unsinn, wie uns die Forscher heute sagen.

Ein ähnliches Phänomen, das sich bei uns noch nicht herumgesprochen hat, ist das der so genannten Encore-Karrieren, wie sie in den USA schon weit verbreitet sind. Warum fehlt bei uns (noch) die Selbstverständlichkeit fürs zweite Berufsleben?

Es braucht Mut, sich einen derartigen Karrierewechsel zu trauen. Viele Menschen sind in ihren Beruf mehr hineingestolpert als dass sie ihn sich wirklich gewünscht haben. Oft waren und sind sie dennoch sehr gut in dem, was sie arbeiten. Wem seine Arbeit jedoch nicht so viel Spaß macht, der sollte die Chancen des langen Lebens ergreifen: Wenn wir bis 70 arbeiten werden, kann jeder mit 50 noch einmal etwas ganz Neues anfangen. Da lohnen sich auch zwei, drei Jahre Ausbildung. Und eines ist jetzt schon sicher: Nichts hält so jung wie ein Beruf, der Spaß macht und Anerkennung bringt.

Die Ergebnisse Ihrer jüngsten Demografiereise zeigen viele Beispiele, wie in der Praxis längst Lösungen für eine alternde Gesellschaft umgesetzt werden. Auch dazu stellt sich die Frage: Wieso sprechen sich solche Perspektiven nicht schneller herum?

Nun, mit jedem Gespräch wie dem, das wir gerade führen, verbreiten sich diese wunderbaren Beispiele für einen konstruktiven Umgang mit dem demografischen Wandel. Vieles ist ganz einfach und ohne große Kosten umsetzbar: Kindergarten-Kinder und Ältere  beispielsweise vertragen sich hervorragend und haben viel Spaß dabei, sich gegenseitig zu besuchen. Und es gibt sehr viele wunderbare Initiativen von Bürgern, ihre Kommunen auf den demografischen Wandel vorzubereiten.

Es erstaunt bei Lektüre Ihres Buches sowieso, dass es schon seit ca. zehn Jahren international deutliche Zahlen und Studien zu Demografie und sozialen Veränderungen gibt. Warum wurden diese Realitäten, die längst im Raum standen, mehr oder weniger ignoriert?

Ein Grundzug der Politik ist es leider, dass Reformen dann am einfachsten sind, wenn es wirklich schon wehtut. In diesem übertragenen Sinn ist der demografische Wandel zwar da, aber noch immer nicht so präsent, dass Politiker die notwendigen Reformen durchsetzen können. Aber nun tut sich einiges, wir sind auf dem Weg.

Nimmt man alles „Weggucken“ mal zusammen – kann es sein, dass wir ein Problem mit dem Älterwerden haben? Und woran liegt das?

Leider verdrängen wir das Altwerden nach wie vor. Das hat auch mit den vielen Vorurteilen zu tun, die wir über das Altern haben. Es wird Zeit, damit endlich aufzuräumen.

Sehen jüngere Menschen das Altwerden vielleicht dramatischer als die Alten selbst?

Das ist sicher so. Es hat viel damit zu tun, dass unser Bild des Alterns von den Alten geprägt wird, die wir kennen. Das sind nun mal die Generationen vor uns, von denen viele mit Mitte/Ende 60 tatsächlich körperlich ausgelaugt waren. Schon bei unseren Kindern, auf jeden Fall aber bei unseren Enkeln wird das ganz anders sein: Ihre Vorbilder, was das Altern betrifft, sind wir, die Generation der Midlife-Boomer.

Und was ist überhaupt „alt“?

Alt ist heutzutage kaum zu definieren. In keinem Lebensabschnitt sagt das kalendarische Alter so wenig über einen Menschen aus als in den Jahren über 50. 15-Jährige sind alle recht ähnlich, und auch 35-Jährige haben viel mehr gemeinsam als 55-Jährige oder 75-Jährige.

Nun mal zum Positiven... Welches werden die neuen Märkte und die neuen Dienstleistungen sein, von denen wir noch gar nicht recht etwas wissen?

Wenn Sie wie ich mal einen Anzug anhatten, der sie in Sekunden um 30 Jahre altern lässt, wird ihnen schnell klar, worüber wir reden. Das fängt beim Marmeladenglas an, dessen Deckel so schwer aufzumachen ist und endet noch längst nicht beim Teppichboden im Luxus-Altersheim, dessen Farbgebung dazu führt, dass Menschen mit Sehschwäche schwindlig wird.

Und wie werden die neuen Wohnformen aussehen?

Vielfältig, bunt und barrierearm. Manche Menschen werden sich zusammentun, um gemeinsam zu bauen. Andere werden in Wohnanlagen ziehen, wo Quartiersmanager den sozialen Zusammenhalt organisieren. Viele werden in ihren Häusern und Wohnungen wohnen bleiben, sich aber über Technik vernetzen.

Wie viele Trends gibt es zu Märkten oder Wohnformen bereits bzw. was muss etwa seitens der Politik passieren, um genau diese Weiterentwicklung zu befördern?

Überall dort, wo neue Märkte entstehen, sollte sich die Politik tunlichst heraushalten. Eingreifen muss sie da, wo gegen Ältere diskriminiert wird. Wenn ein 55-Jähriger einen Bildungskredit beantragt, um ein Zusatzstudium zu finanzieren, darf die Bank das nicht aufgrund seines Alters ablehnen.

Und was muss dafür an Umdenken in der Gesellschaft stattfinden?

Wir müssen uns mehr denn je klar machen, dass eine sinnerfüllende Arbeit – egal ob bezahlt oder ehrenamtlich – der beste Schutz gegen das Altern ist. Und auch wenn es eine Plattitüde ist: Bewegung, sowohl geistige als auch körperliche, hält jung.

Apropos: Wie kann ich meine neuronale Plastizität, die laut Forschern auch im Alter nie aufhört, selbst auf Trab halten?

Bleiben Sie neugierig! Suchen Sie sich Herausforderungen – und Freunde, die jünger und älter sind als sie! Fragen Sie sie aus und hüten Sie sich vor dem Killer-Argument jeder guten Gesprächsrunde – der Sentenz, das früher alles besser war.

Wenn Sie nach vorn schauen: Was schätzen Sie, wann Ihre verheißungsvollen Prognosen eintreffen werden?

Wenn es nach mir geht, eher früher als später. Der demografische Wandel allerdings ist schon da, er lässt sich durch nichts wegbekommen. Und wie gesagt: In keiner Altersgruppe nimmt die Beschäftigungsquote derzeit so schnell zu wie in der der Über-50-Jährigen.

 

Ausführliche Informationen über die Arbeit von Margaret Heckel bietet ihre Homepage.

 

FOTO: Körber-Stiftung / David Ausserhofer


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Datum: 22.04.2019 - 18:04:55