02.01.2019
Kategorie: MM Marktentwicklung, WP Wohnformen, PA Interviews, MM Zielgruppe
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Felix von Braun, DPF AG,: „Die Ausdifferenzierung des Marktes wird zunehmen, und ich würde mich freuen, wenn das generationenübergreifende Wohnen stark wachsen wird.“

Felix von Braun, Diplom-Ingenieur, ist aktiv in der Immobilien- und Investmentbranche tätig. Felix von Braun hat weitreichende Erfahrung als Geschäftsführer, Prokurist und Berater unter anderem für Savills, dem drittgrößten Immobiliendienstleistungsunternehmen der Welt mit rund 200 Büros und 18.000 Mitarbeitern, einer renommierten Projektentwicklungsgesellschaft (mit einem jährlichen Umsatz von ca. 100 Millionen Euro) und einer Beteiligung des bekannten Finanzinvestors George Soros (Soros-Fonds mit mehr als 1 Mrd. Euro Eigenkapital). Felix von Braun hat Firmenübernahmen gesteuert, große Immobilienportfolios verwaltet, optimiert und verkauft sowie diverse nationale und internationale institutionelle Investoren beim An- und Verkauf begleitet. Seit 2010 leitet er als Alleingesellschafter und Vorstandsvorsitzender der DPF Gruppe die Bereiche Immobilien und Unternehmensstrategie. Die DPF AG ist eine nicht börsennotierte Aktiengesellschaft mit Hauptsitz in Berlin, die als Holding für ihre operativen Tochtergesellschaften dient. Diese decken alle Bereiche des Themenfeldes „Wohnen im Alter“ ab, in Bezug auf Immobilien sowie entsprechende Dienstleistungen, beispielsweise neben der ambulanten und stationären Pflege auch Gastronomie. Weitere Infos unter www.dpf-investment.de.


Unsere Gesellschaft wird immer älter, doch liegt das subjektiv empfundene Alter bei den heutigen Senioren meist deutlich niedriger als das im Ausweis eingetragene. Wie wirkt sich dieses Downaging auf die Bedürfnisse und Ansprüche in Bezug auf Lebensmodelle/Wohnformen älterer Menschen aus? Früher vs. heute?

 

Felix von Braun: Moderne Senioren wollen ihr Alter nicht als Einschränkung akzeptieren. Viele von ihnen sind noch sehr aktiv, sie haben zahlreiche Hobbys, Interessen, einen großen Bekanntenkreis. Dass sie das alles behalten möchten, wenn sie in eine altersgerechte Wohnung umziehen müssen, ist da verständlich. Deshalb werden soziale und kulturelle Angebote in Einrichtungen des Seniorenwohnens immer wichtiger. Gleichzeitig hat sich der Markt stark ausdifferenziert. Es gibt keine „One-size-fits-all-Lösung“. Die älteren Generationen sind genauso individuell wie die jüngeren und haben dementsprechend ganz unterschiedliche Vorstellungen und Bedürfnisse. In den letzten Jahren wurden zahlreiche entsprechende Angebote entwickelt, aber ich sehe da auch noch viel Potenzial – gerade für Einrichtungen, die sich von 08/15-Modellen verabschieden und innovative Konzepte anbieten.

 

Wie wirkt sich dieser Trend auf Ihr Angebotsportfolio bzw. die Angebotsstruktur aus?

 

Felix von Braun: Wir haben uns von Anfang an auf Kundenwünsche und -bedürfnisse konzentriert. Unsere Leitfrage war immer, was Senioren wollen – welche Unterstützung sie in verschiedenen Lebensphasen benötigen, welche Ansprüche sie an ihre Umgebung haben, was sie erwarten und wofür sie bereit sind, zusätzlich zu bezahlen. Da gab und gibt es immer noch Marktlücken, und wir wollen sie zumindest zum Teil füllen.

 

Welche unterschiedlichen neuen Konzepte/Pilotprojekte des Seniorenwohnens bieten Sie konkret an? Und welche Vorteile sehen Sie bei den verschiedenen Wohnformen?

 

Felix von Braun: Unsere Tertianum Premium Residenzen richten sich an anspruchsvolle Senioren aller Altersgruppen – unsere jüngsten Bewohner sind in ihren Fünfzigern, die ältesten über 90. Das Motto ist #NoAge; dementsprechend bieten wir eine barrierefreie und gleichzeitig ästhetisch ansprechende und qualitativ hochwertig ausgestattete Wohnumgebung, in der sie sich ganz selbstverständlich zu Hause fühlen können. Der Service ist umfassend, auf dem Niveau eines Fünf-Sterne-Hotels, und die Pflegeleistungen können ganz individuell auf sich ändernde Lebenssituationen eingestellt werden. Selbst wenn ein Bewohner bettlägerig wird, können wir ihn im Haus versorgen, bis hin zur vollstationären 24-Stunden-Pflege. Hinzu kommen zahlreiche kulturelle Angebote – Vorträge, Konzerte, Kaminabende, Kurse und so weiter. Unsere Bewohner sollen sich bei uns zu Hause fühlen, sicher und rundum versorgt, aber auch ernst genommen als eigenständige Menschen mit einem gewissen intellektuellen und kulturellen Anspruch. Außerdem haben wir an einzelnen Standorten das Pilotprojekt „Student in Residence“ gestartet. Hier kombinieren wir generationenübergreifendes Wohnen mit günstigem Studentenwohnen. Für die Senioren ist das eine Bereicherung. So ein studentischer Mitbewohner unterstützt nicht nur im Alltag, sondern bringt auch frischen Wind, sorgt für interessante Gespräche, hat vielleicht ganz andere Meinungen und Erfahrungen – das hält den Geist jung. Und die „alterslosen” Älteren möchten ja mitten im Leben bleiben.

 

Wenn wir das Thema „generationsübergreifendes Wohnen“ betrachten: Welche Synergien beobachten Sie bzw. was können die Jüngeren von den Älteren lernen – und umgekehrt?

 

Felix von Braun: Die Jüngeren können von den Älteren selbstverständlich viel lernen – wer vierzig, fünfzig, sechzig Jahre länger gelebt hat, der hat einfach viel Erfahrung. Der weiß, dass die Welt nicht immer so war wie heute, dass viele Ideen und Entwicklungen kommen und gehen. Viele Senioren haben außerdem große Freude daran, ihr Wissen zu teilen, ob das nun ihre Berufserfahrung ist, ein Hobby, für das sie sich begeistern, oder vielleicht auch ganz alltägliche Dinge wie zum Beispiel alte Familienrezepte oder einfach nur, wie man einen abgerissenen Knopf annäht.

 

Die Älteren wiederum können von den Jungen eine gewisse Offenheit und Neugier lernen. Die Welt entwickelt sich ja rasend schnell, und manche Senioren haben das Gefühl, abgehängt zu sein und nichts mehr zu verstehen. Die Selbstverständlichkeit, mit der viele junge Leute sich zum Beispiel auf neue Technik einlassen, kann ihnen helfen, den Anschluss nicht zu verlieren und sich technische Möglichkeiten im Alltag zunutze zu machen. Oft tun sich Jüngere auch leichter, auf neue Menschen zuzugehen und Kontakte zu knüpfen. Gerade sehr alte Menschen bekommen manchmal das Gefühl, dass ihnen die Freunde wegsterben und sie zu alt sind, neue zu finden. Dass man dafür nie zu alt ist – das können paradoxerweise die Alten von den Jungen lernen.

 

Wenn wir zehn oder 20 Jahre in die Zukunft schauen, wie sieht aus Ihrer Sicht „Wohnen und Pflege im Alter“ aus?

 

Felix von Braun: Ich sehe zwei ganz große Trends, die diesen Bereich prägen werden, nämlich den medizinischen und den technischen Fortschritt. Medizinischer Fortschritt führt schon jetzt dazu, dass die Menschen immer älter werden und im Alter immer länger fit bleiben. Dementsprechend wird sich das „alterslose Alter“ immer weiter ausdehnen. Die Betreiber von Senioreneinrichtungen werden sich daran anpassen und ihre Angebote erweitern und individualisieren. Die Ausdifferenzierung des Marktes wird zunehmen, und ich würde mich freuen, wenn das generationenübergreifende Wohnen stark wachsen wird.

 

Der technische Fortschritt, vor allem in der Robotik, wird zu einer zunehmenden Digitalisierung der Pflege führen – und sie damit menschlicher machen. Denn moderne Technik kann die Pflegerinnen und Pfleger unterstützen, sie kann ihnen körperlich anstrengende Arbeiten und lästige Routinen abnehmen. So haben die menschlichen Angestellten mehr Zeit für das menschliche Miteinander. Ich stelle mir das so vor: Während der Roboter die Bettwäsche wechselt und in die Wäscherei bringt, deckt der Pfleger zusammen mit der Seniorin den Frühstückstisch, fragt sie, wie sie geschlafen hat, kann sie ganz entspannt anlächeln, weil er in der Viertelstunde, die er jeden Morgen für sie hat, nicht nebenher noch das Bett machen, ein paar Stolperfallen wegräumen und Tee kochen muss – das ist alles schon erledigt. Auch die Mobilität und Selbständigkeit der Senioren kann durch Technik unterstützt werden. Was das betrifft, bin ich sehr optimistisch eingestellt. Ich freue mich auf die Zukunft.

 

Besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen.


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