Rezension - Alles Märchen!

Jetzt mal Butter bei die Fische: Frauen kommen in Märchen meist nicht gut weg – wenn sie nämlich nicht nur schön sind, wüten sie als garstige Schwieger- bzw. Stiefmütter, Hexen oder raffgierige Weiber. Selbst wenn sie ansatzweise hübsch sind und als Aschenputtel irgendwann zum Zug kommen – haben sie im Königreich trotzdem nichts zu sagen. Kein Wunder, dass es mit dem Fischer und seiner Frau auch nichts wurde. Und die Katze der Bremer Stadtmusikanten ist eine wahnsinnige Nervensäge, weil sie immer nur über Ungerechtigkeiten meckert. Außerdem werden Bösewichte wie Rumpelstilzchen nur abgestempelt. Und niemand hat jemals den armen Froschkönig gefragt, wie sich das anfühlte, als er gegen die Wand geschleudert wurde. Gemein!

Oder, genauer auf den Punkt: Bei Grimms Märchen wird gelogen, gestohlen, betrogen und gemordet, was kein zivilisiertes Rechtssystem aushält. Ganz abgesehen von körperlichen Verstümmelungen oder Kinderarbeit, also Folter und Verboten... Und welche Optionen gab es in der einen wie der anderen Story, daran mal etwas zu ändern? Keine. Zumal eher als Weichei erschien, wer sich nicht um jeden Preis und bis zur letzten Konsequenz rächte. Da wurde dann eben – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht lange gefackelt.

Haben Sie sich bei diesen Schauergeschichten als Kind auch nie wirklich wohl gefühlt? Dann sind Sie hier richtig.

Deshalb: Schluss mit diesen Ungereimtheiten! Zeit für Frühjahrsputz. Jetzt packen Insider aus, angeführt von Heide Simonis, einst erste Frau auf einem deutschen Ministerpräsidenten-Stuhl. Doch keine Sorge: Hier liegt kein Emanzen-Rachefeldzug vor. Sondern mit viel Witz und noch mehr Schläue hat die studierte Soziologin zum einen das Rad von 15 Grimmschen (Lieblings-)Märchen inhaltlich zurückgedreht; wie sie zum anderen den Verlauf dieser Geschichten völlig modern – und durchaus sozialdemokratisch – umgestaltete. Illustriert jeweils mit dementsprechend originellen Cartoons von Steffen Butz, die u.a. mit ihren Sprechblasen manch einen Comic alt aussehen lassen...

Denn alt ist an diesem Buch wahrlich gar nichts. Sofern man das Ausgangsmaterial, im frühen 19. Jahrhundert gesammelt und veröffentlicht, mal kurz ignoriert.

So stöhnen in der Neu-Erzählung die fleißigen, stets arbeitsamen Sieben Zwerge über Schneewittchen, dass diese auf ihre Kosten zu viele Klamotten über ihr iPhone bestellt hatte – und dass der letzte Zalambo-Bote leider ihre böse Schwiegermutter war. Das kommt davon, wenn man den Kanal nicht voll genug kriegt. Fischers Frau, die Ilsebill, packt aus, was der Größenwahn ihres versoffenen Mannes bedeutet, doch sie versteht es schließlich geschickt, für sich und die anderen Dorffrauen auch mal den Butt anzuzapfen. Aschenputtels Stiefmutter verdeutlicht, wie wichtig standesgemäße Hochzeiten in ihren Kreisen nun einmal sind, und wenn das ein Vermögen kostet, weiterhin nicht nur auf dem Ball bei Hofe zu tanzen, sondern erst recht am Adels-Ball zu bleiben. Trotzdem entscheidet sie sich gegen das Beschneiden von Fersen und Zehen. Wie ihre beiden leiblichen Töchter den muffeligen Prinzen, gebeutelt von Klatsch und Tratsch in der Boulevardpresse, sowieso zum Gähnen finden und Stiefkind Aschenputtel schon nach der Verlobung den Umsturz auf dem nahenden Thron zu eigenen Gunsten plant. Aus der Frosch-Perspektive erfahren wir endlich, was die glibberige Amphibie wirklich über die eitle Prinzessin dachte, die ja schon zum Festhalten ihrer kostbaren Spielkugel zu blöd war – und dann zickt die verwöhnte Göre auch noch rum und schleudert den Frosch an die Wand. Der, nach Aufprall und Ohnmacht als Prinz wiederauferstanden, entsetzt feststellt, dass er diese dumme Pute nun heiraten muss, nur, weil er kurz zuvor mit ihr das Bett geteilt hatte... Welch Etikette(nschwindel).

Derweil verteilt Rotkäppchen Infomaterial einer Tierschutzgruppe („Dein Freund, der Wolf“), propagiert sogar das Projekt „Save our Wolves“, was den Vierbeinern die Angst vor den Menschen nehmen soll. Noch nach ihrem Gefressen-Werden ruft die Aktivistin bei ihrer Befreiung nach einem Tierarzt. Während das tapfere Schneiderlein sieben auf einen Streich erledigt – leider nur Fliegen, die an seinem Süßzeug knabbern –, Rumpelstilzchens Witwe als mehrfache Mutter endlich mal Unterstützung bekommt und die faule Magd der schlecht gelaunten Frau Holle zu „Deutschland sucht den Superstar“ auswandert.

Und so weiter... Man muss lesen, was sich die Autorin launig zurechtgereimt hat, wie sie soziale Strukturen umdreht, dabei moderne Phänomene bis hin zum Internet als ganz eigene „Geißlein“ nutzt. Wie bei „Spieglein, Spieglein an der Wand“ eine Karikatur von Heidi Klum alias TV-Moderatorin von „Germany’s next Topmodell“ antwortet: „Ich habe heute leider kein Foto für Dich.“ Da fühlt man dann auch mit Schneewittchens Prinzgemahl mit, der nach sechzehn Ehejahren irgendwann keine Lust mehr hat, die ewig schläfrige Gattin zu küssen, die sowieso nie in die Hufe kommt. Oder mit Rapunzel, deren langen Haare man selbst bestimmt nie waschen wollte.

Ernster wiederum die Frage, ob die Eltern von Hänsel und Gretel – oder die Hexe – nach Verstoßens und Magersucht der Kinder eine Familientherapie absolvieren sollten. Last not least wird Sterntaler von der Obdachlosenhilfe betreut. Und zum guten Ende müssen auch die hoch betagten Bremer Stadtmusikanten nicht mehr schuften bis zum Umfallen.

Dabei hat Heide Simonis nicht die ursprüngliche Funktion der Märchen für die damaligen deutschen Haushalte ausgesperrt. Sehr deutlich erklärt sie im Vorwort, was ursprünglich Märchen pädagogisch erreichen sollten, warum dort vorgegebene Rollen und Hackordnungen heutzutage aber nicht mehr funktionieren. Was dann auch eine ihrer Motivationen für die Umerzählungen war. Bis hin zur Frage, wie man diese Stoffe heute, im Medienzeitalter erzählen müsste, damit sie wieder aktuell werden und vielleicht auch neu begeistern. Das kommt manchmal schon bemüht daher, trifft dennoch, nicht zuletzt Dank der wunderbaren Cartoons von Steffen Butz, den Nagel auf den Kopf.

„Alles Märchen!“ ist die etwas andere Advents-Lektüre: 157 völlig respektlose Seiten, die besser einheizen als jeder Kamin. Die Autorin macht der Literatur richtig Feuer unter dem Allerwertesten, und bei aller Ironie bis hin zur Skurrilität hat das durchaus so seriöse wie nachdenkliche Aspekte. Denn, seien wir mal ehrlich, es kann nichts schaden, alte (Verhaltens-)Muster abzustauben, umzudenken und die nahenden Feiertage mal zum genauen Hingucken zu nutzen. Oder sich zu fragen, welche Rolle ehrwürdige Literatur heute noch hat, um so pädagogisch und sozial wie einst (ein) zu wirken. Bewegung tut immer gut.

 

Heide Simonis: „Alles Märchen! – Insider packen aus“

Lutherisches Verlagshaus

ISBN: 978-3-7859-1126-6 

€ 24,90 [D]

  

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