Rezension - raumverloren: Architektur und Demenz

Eckard Feddersen und Insa Lüdtke haben ein wichtiges und schönes Buch zusammengestellt und geschrieben. „Raumverloren – Architektur und Demenz“ setzt sich gründlich, aus vielfältigen Perspektiven und ohne Defätismus mit der Frage auseinander, wie Räume, Häuser, Quartiere und Städte gestaltet sein sollten, um den Ausbruch einer Demenz hinauszuzögern und um Betroffenen ein Optimum an Selbstbestimmung, Teilhabe und Freude zu ermöglichen. Wir lesen kulturwissenschaftliche und neurologische Perspektiven, lernen, wie wichtig Musik und Tanzen für das Hinauszögern und den Umgang mit Demenz sind. Und wir erhalten auch eine Fülle von gut begründeten, handfesten Informationen darüber, was konkret getan werden kann. Andreas Kruse, der Gerontopsychologe, Philosoph und Musikwissenschaftler aus Heidelberg, präsentiert sehr konkrete Überlegungen, nein, bessere Orientierungen zu einer „altersfreundlichen Kultur“. Die Berliner Altersforscher Bente Heinig, Markus Lenz und Elisabeth Steinhagen-Thiessen liefern einen knappen und hoch-instruktiven Überblick über „Formen, Forschung, Prognosen“ der Demenz und Gesine Marquardt beschreibt anschaulich, konkret und zur Nachahmung anregend, was ein demenzfreundliches Krankenhaus von einem ‚normalen‘ unterscheidet. Soweit ein paar Stichworte zu ausgewählten Kernbeiträgen.

 

Zum Mut machenden Charakter des Buches trägt bei, dass alle gewählten Perspektiven nicht nur analytisch-konzeptionell umrissen werden, sondern auch durch Beschreibung und Illustration bereits realisierter Beispiele, zumindest aber Umsetzungsversuche, konkret werden. Das Plädoyer für einen anderen Umgang mit Demenz im räumlichen und sozialen Umfeld muss nicht Träumerei bleiben; den Worten können Taten folgen.

 

Nirgendwo ist es explizit gemacht, jedoch liegen dem ganzen Band zwei Grundmelodien zugrunde: Für Demenzbedrohte sind Aktivität und Gemeinschaft die wichtigsten Ressourcen, den Ausbruch der Krankheit zu verzögern. Für Demenzbetroffene sind „Brückenschläge“ in die eigene Biographie, zu Lebensabschnitten, Ereignissen, Erinnerungen und Erfahrungen zentral, die sich über Räume und ihre Gestaltung symbolisieren lassen. Demenzpatienten sind ständig auf der Suche, auf der Suche nach dem Zuhause. Und dabei kann Architektur ihnen helfen: „Wenn im Sinne der Selbstähnlichkeit das Quartier zur Stadt, das Haus zum Quartier und das Zimmer unser Zuhause wird, bleibt einem das Lebenshaus vertraut – und es lebt sich wie gewohnt.“ So fasst Insa Lüdtke unter Rückgriff auf die großen Architekten, Designer und Künstler Le Corbusier und Sou Fujimoto diese Orientierung zusammen.

 

A propos Fujimoto: In Bielefeld vor der Kunsthalle steht sein Kunstwerk „Final Wooden House“ und soll die skizzierte architektonische Orientierung darstellen. Hier zeigt sich klar und erschreckend: die Architektur muss noch hart arbeiten, um den selbst gesetzten Ansprüchen gerecht zu werden. Fujimotos „Final Wooden House“ ist schön, klar, übersichtlich, steht in bester Bauhaus-Tradition; aber in Bielefeld habe ich noch niemanden getroffen, der dieses Kunstwerk mit Begriffen wie Erinnerung, Heimat, Gemütlichkeit oder gar Vertrautheit und Zuhause in Verbindung gebracht hat.

 

Und dieses ist auch mein Gesamteindruck beim Lesen und Blättern in Feddersens und Lüdtkes Buch: Ein wunderbarer, ja auch schöner Band, der kurz aber prägnant skizziert, wo Altersforscher, Architekten und Raumplaner die Baustellen beim Thema Architektur und Demenz sehen. Dabei wird klar, wie Antworten, Handlungsmöglichkeiten aussehen könnten; in manchen Beiträgen sind die Spiegelstriche mit Orientierungsformeln fast schon zu Pflichtenheften verdichtet. Die vermeintlich wegweisenden Beispiele für bereits realisierte Lösungen hinterließen bei mir jedoch einen zwiespältigen Eindruck: Ja, Architektur und Raumplanung müssen und können eine wichtige Funktion beim Umgang mit Demenz bekommen. Noch ist aber offen, wie dies konkret aussehen kann. Viele der bis jetzt gefundenen Lösungen sind ‚irgendwie‘ schön, bleiben aber angesichts des Rufes nach einer Architektur, die Brücken zur Vergangenheit, zu Sicherheits- und Vertrautheitserfahrungen baut, kühl. Raumplaner und Architekten können „klare Raumkompositionen“ (Feddersen, S. 19), sie müssen aber offensichtlich noch üben, wenn es um Vielfalt und Individualität geht. „Jeder hat ein anderes Leben geführt, jeder erinnert etwas Anderes, und jeder fühlt etwas Besonderes. Das können wir nur in einer architektonischen Gestalt zum Ausdruck bringen, die zu einem Angebot stets auch das Gegenteil liefert. Wir sollten Räume schaffen, in denen sich Gelerntes leben lässt, Erinnertes seinen Platz hat und Gefühle Widerhall finden.“ (Feddersen, S. 20)

 

Wer sich dieser Herausforderung stellen will, für den ist „Raumverloren: Architektur und Demenz“ ein unverzichtbares, gewinnbringendes, aber auch schönes Buch. Allerdings droht beim Lesen Ungeduld: Warum gelingt es nicht schneller und besser, die vorhandene Orientierung zu nutzen, und warum sind die Raumplaner und Architekten noch so reserviert, im „Bauhaus“ auch „Gemütlichkeit“ zu ermöglichen?

 

Eckhard Feddersen / Insa Lüdtke: raumverloren

Birkhäuser Verlag

ISBN: 978-3-03821-467-0

€59,95(D)

 

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