Mit dem Projekt „Healing Culture – Kultur auf Rezept“ beginnt hierzulande eine wissenschaftlich begleitete Untersuchung, wie kulturelle Teilhabe in der Kommune als ergänzende Maßnahme im Gesundheitssystem wirksam werden kann. Als ersten Schritt wurde eine Machbarkeitstudie im Mixed-Methods-Design konzipiert. Ziel ist es, die gesundheitsfürsorgende Wirkung kultureller Aktivitäten außerhalb von Therapie und Gesundheitseinrichtungen im Rahmen regulärer Angebote der Stadtkultur zu erproben und im zweiten Schritt empirisch zu belegen – um einen Baustein für eine zukünftige Integration in Prävention und Therapie zu schaffen. Initiator ist das Referat Kultur der Stadt Kaiserslautern.
Das Vorhaben läuft in Kooperation mit der psychosomatischen Klinik am Westpfalzklinikum, die es durchführt und evaluiert, um die medizinisch heilende Wirkung von Kunst und Kultur – aktiv und rezeptiv genossen – zu überprüfen und diesen Ansatz in Deutschland breiter bekannt zu machen. Weitere Partner des Projektes sind hausärztliche udn psychotherapeutische Praxen, das Bildungsbüro der Stadt Kaiserslautern, die Volkshochschule, das Pfalztheater, die Musikschule, das Kulturzentrum Kanngarn, das Museum Pfalzgalerie und weiteren Kultureinrichtungen. Das Pilotprojekt wird im Rahmen des Programms „Übermorgen – Neue Modelle für Kulturinstitutionen“ aufgelegt von der Bundeskulturstiftung mit 50.000 Euro sowie mit weiteren 10.000 Euro vom Minsiterium für Frauen, Familie, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz gefördert und läuft bis Ende 2026.
Wissenschaftliche Grundlage und Studienziel
Das Projektteam um Dr. Janina Geib, Chefärztin der Klinik für Psychosomatik, und Dr. Christoph Dammann, Direktor des Referats Kultur der Stadt Kaiserslautern, konzipiert eine Mixed-Methods-Machbarkeitsstudie, die qualitative Interviews und quantitative Erhebungen kombiniert: Teilnehmende dieses Vorhabens sind Patientinnen und Patienten mit einer Depression. Sie werden von Ärztinnen und Ärzten der hausärztlichen und psychotherapeutischen Praxen der Region identifiziert und nehmen an kulturellen Aktivitäten als ergänzende Maßnahme teil wie etwa dem Besuch von Theater-, Musik- oder Kunstangeboten. Prä- und Post-Erhebungen messen unter anderem Lebensqualität, Depressivität und Angstsymptomatik.
„Wir verstehen Kultur als aktiven Bestandteil des Genesungsprozesses – nicht als Freizeitangebot. Wenn sich die Effekte empirisch bestätigen, könnte das Modell eine Lücke in der psychosozialen Versorgung schließen.“
Dr. Janina Geib
Ziel des Vorhabens ist es, die Akzeptanz und Wirksamkeit von „Social Prescribing“ unter deutschen Bedingungen zu prüfen. In Großbritannien ist dieser Ansatz seit 2019 fester Bestandteil des National Health Service (NHS). Praxen können dort Patientinnen und Patienten mit psychosozialem oder chronischem Belastungshintergrund wie Einsamkeit, Trauer oder finanzielle Sorgen an sogenannte Link Worker überweisen, die passgenau in kulturelle und soziale Angebote vermitteln. Die Teilnehmenden zeigen deutliche Verbesserungen im Bereich der psychischen Gesundheit, der sozialen Teilhabe und Selbstwirksamkeit. Eine entscheidende Auswirkung sind auch Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem wie etwa weniger Arztbesuche.
Internationale Studien belegen, dass kulturelle Aktivitäten messbare Effekte auf psychische Gesundheit, Stressreduktion, Lebensqualität und soziale Teilhabe haben. Die WHO verweist in ihrem Bericht von 2019 auf über 3.000 Studien, die den positiven Einfluss der Künste auf Prävention, Krankheitsbewältigung und Rehabilitation nachweisen. So waren bereits auch mit Frankfurt am Main (2022-2024) und aktuell auch Bremen (2023-2025) zwei deutsche Kommunen beteiligt im Rahmen von EU-Pilotprojekten zum Thema „Kultur auf Rezept“. Das Kaiserslauterer Projekt überträgt nun diesen Ansatz auf das deutsche Gesundheitssystem und verbindet ihn mit der kommunalen Kulturentwicklungsplanung. Beteiligt sind etwa das Pfalztheater, die Musikschule, das Museum Pfalzgalerie, die Stadtbibliothek und die Volkshochschule Kaiserslautern.
Im Zentrum der Machbarkeitsstudie stehen Akzeptanz und Implementierbarkeit, sowie erste Hinweise auf messbare Effekte auf psychisches Wohlbefinden, Resilienz und soziale Gesundheit. „Wir wissen aus internationalen Studien, dass künstlerische Aktivitäten neurobiologische und psychosoziale Prozesse aktivieren, die Heilungsprozesse unterstützen können“, sagt Geib, „Ziel ist, diese Effekte für Deutschland zu evaluieren und Wege zu finden, sie strukturell in unserem Gesundheitssystem zu verankern.“ Künstlerische und kulturelle Angebote werden dabei außerhalb klinischer Settings als Interventionen von den Teilnehmenden genutzt – etwa im Theater, Museum, in der Musikschule oder Bibliothek. Es handelt sich dabei ausdrücklich nicht um eigentliche Musik- oder Kunsttherapie. Erfasst werden unter anderem Parameter zu Stressverarbeitung, subjektivem Wohlbefinden und sozialer Integration.
Culture and Health & Public Health
Auch die Europäische Union sieht in der Verbindung von Kultur und Gesundheit ein relevantes Public-Health-Instrument. Der aktuelle EU-Bericht „Culture and Health – Time to Act“ (September, 2025) betont, dass kulturelle Teilhabe wie eine gute Ernährung und ausreichend Bewegung als „positives Gesundheitsverhalten“ zu bewerten ist und langfristig zur Reduktion von Gesundheitskosten beitragen kann. Gefordert wird eine EU-weite Culture and Health- Strategie sowie die Einrichtung nationaler Programme – analog zu Großbritannien, Finnland und den baltischen Staaten.
„Ein erheblicher Anteil ärztlicher Konsultationen beruht auf nicht-medizinischen Ursachen – von sozialer Isolation bis zu Sinnverlust“, erläutert Dr. Christoph Dammann, Direktor des Referats Kultur. Kunst- und Kulturangebote können begleitend zur Therapie sowie präventiv wirken – als Ergänzung, nicht als Ersatz medizinischer Behandlung. Das Projekt verknüpft medizinische Versorgung, kommunale Kulturarbeit und Sozialforschung. Die Ergebnisse sollen Handlungsempfehlungen für Modellprojekte auch in anderen Regionen liefern.Die anfallenden Kosten für Eintritte und Kursgebühren werden aus den eingeworbenen Fördergeldern finanziert. Damit wolle man deutlich machen, dass das Angebot nicht nur einen Wert, sondern auch seinen Preis habe, unterstreicht Dammann.
Vom lokalen Labor zum nationalen Modell
Nach Abschluss der Evaluation 2026 soll eine Wirksamkeitsstudie angeschlossen werden, wodurch das Angebot vor Ort ausgeweitet werden kann, um Kultur auf Rezept perspektivisch in die Regelversorgung zu bringen. Nach Abschluss der Studie Ende 2026 ist die Einführung erster „Kultur-Rezepte“ in Kaiserslautern angedacht. Praxen sollen dann Patientinnen und Patienten gezielt an kulturelle Einrichtungen verweisen können. Langfristig sollen die gewonnenen Daten die Grundlage für Gesundheitsfürsorge durch Kultur im GKV-System bilden. Kaiserslautern sieht sich hier als Modellregion für eine integrative Gesundheitspolitik, die Prävention, soziale Teilhabe und kulturelle Bildung verbindet.
Das Projekt „Healing Culture – Kultur auf Rezept“ überführt den kulturpolitischen Diskurs in eine medizinisch fundierte Forschungs- und Versorgungspraxis. Es steht im Einklang mit aktuellen Forderungen der EU, der WHO und der Public-Health-Forschung, Kultur als Ressource für mentale Gesundheit, Resilienz und soziale Kohäsion zu verstehen. „Wenn wir kulturelle Teilhabe als Gesundheitsverhalten begreifen, können wir Versorgung neu denken“, resümiert Dammann. „Kaiserslautern wagt diesen Schritt – wissenschaftlich, interdisziplinär und mit europäischem Rückenwind!“
Im lokalen Maßstab arbeitet Kaiserslautern bereits seit Jahren an der Vernetzung von Kultur, Bildung und Sozialräumen. So hatte sich 2023 hier auch der Verein Healing Culture Network e. V. gegründet: Er bringt national und international Projekte und Organisationen an der Schnittstelle von Gesundheit und Kultur zusammen und setzt sich für Wissenstransfer in Politik und Zivilgesellschaft ein. Das neue Projekt knüpft daran an und positioniert die Stadt als bundesweiten Modellstandort für „Healing Culture“.