Schon immer war es Aufgabe von Architektur, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich sicher, geborgen und wohlfühlen. Gute Architektur war immer auch heilende Architektur. Räume, die unterschiedliche Generationen zusammenbringen, fördern Begegnungen, Gemeinschaft und ein Gefühl der Zugehörigkeit und schaffen so Healing Environments. Diese beleuchten auch die Atmosphäre, die sozialen Beziehungen und die emotionale Wirkung eines Ortes. Es geht um wohltuende Orte, die Menschen in ihrem Alltag unterstützen. Wenn wir gestresst arbeiten, sind wir dankbar für Räume, die uns zur Ruhe bringen, die zum Durchatmen einladen, die Wege nach draußen öffnen, in einen Garten, auf eine Terrasse, zur Natur. Wenn wir uns einsam fühlen, hilft es, wenn im Haus Leben sichtbar ist, durch Zusatznutzungen, die sich im Haus befinden, aber auch nur ganz subtil, wenn andere Menschen an einem vorbeigehen, grüßen oder kurz lächeln. Architektur kann so gestaltet werden, dass sie Begegnung, Gemeinschaft, Unterstützung und Wohlbefinden zwischen verschiedenen Altersgruppen ermöglicht oder verhindert. So sind Menschen ein wesentlicher Bestandteil von Healing Environments, da sie dieAtmosphäre aktiv mitgestalten.

Ein Blick nach Japan zeigt, wie Healing Environments als generationenübergreifende und ganzheitliche Konzepte umgesetzt werden können. Dort gibt es spannende Beispiele, wie Zusatznutzungen gezielt in Einrichtungen integriert werden können: In einigen Tagespflegeeinrichtungen sind Onsen für die ganze Nachbarschaft zugänglich, in anderen kocht ein ehemaliger Sternekoch jeden Mittag sowohl für die Nutzer*innen einer Tagespflegeeinrichtung, als auch für die Nachbarschaft. In kleinen Gemeinden gibt es gemeinschaftlich genutzte Gebäude, in denen Kinder ihre Hausaufgaben erledigen können, während ältere Menschen ihren Tag betreut verbringen. Das Besondere an diesen Orten ist, dass sie aus natürlichen Materialien wie Holz bestehen, eine klare, einfache und zeitlose Architektursprache besitzen und keineswegs wie kühle Verwahrungsorte für ältere Menschen wirken. Stattdessen muten sie offen und einladend an und schaffen eine Umgebung, die alle Generationen anspricht.

Die räumliche Umgebung wirkt sich auch direkt auf die Menschen aus, die dort arbeiten. Pflegekräfte verbringen den Großteil ihres Arbeitstags in den Räumen und sind hohen körperlichen und emotionalen Belastungen ausgesetzt. Gut gestaltete Umgebungen wirken sich direkt auf ihre Arbeitszufriedenheit, Gesundheit und langfristige Bindung an den Beruf aus. Rückzugsorte für die Pausen, gut belichtete Arbeitsbereiche, kurze Wege, angemessene Akustik und Zugang zu erholsamen Außenbereichen reduzieren Stress und ermöglichen kurze Momente der Regeneration. Davon profitieren nicht nur die Mitarbeitenden selbst: Eine entspannte, gestärkte Pflegekraft kann Bewohnerinnen und Bewohner besser unterstützen, sorgt für eine angenehmere Atmosphäre und trägt unmittelbar zur Lebensqualität aller im Haus bei. Denn sie sind es, die eine fürsorgliche Umgebung schaffen, in der pflegebedürftige Menschen, getrennt von ihren Angehörigen, leben und ihren Alltag gestalten. Architektur wird dabei zu einem zentralen Instrument, das das Pflegepersonal entlastet und zugleich die zu pflegenden Menschen in ihrem Wohlbefinden unterstützt.

Mit unserem Architekturbüro pflücken zeigen wir, wie heilende und wohltuende Umgebungen gestaltet werden können. Im Zentrum unserer Arbeit stehen Workshops, in denen wir gemeinsam mit Bewohner*innen, Angehörigen und Pflegeteams Bedürfnisse, Wünsche und Erinnerungsorte erfassen. Diese partizipativen Formate sind integraler Bestandteil der Projektentwicklung. Durch das aktive Einbinden der Bewohnerinnen und Bewohner in den Gestaltungsprozess entstehen liebevolle Orte. Erinnerungen, Gewohnheiten und individuelle Perspektiven werden ernst genommen und in konkrete räumliche Lösungen übersetzt. Blühende Gärten bieten jahreszeitliche Orientierung und schaffen zugleich Orte, an denen auch Kinder mit ihren Familien aus der Nachbarschaft gerne zum Spielen kommen. Lauben erweitern die Wohnfläche und ermöglichen geschützte Treffpunkte für Familie und Freunde. Innenräume sind so gestaltet, dass Blickbezüge zum Straßenraum entstehen und Begegnungen zwischen Bewohner*innen, Mitarbeitenden und Nachbarschaft auf natürliche Weise erleichtert werden. Gute Architektur prägt die Atmosphäre eines Ortes und fördert die Identifikation mit dem Ort. Isolierte Pflegeheime am Ortsrand, in denen Hunderte Menschen derselben Generation leben, schaffen weder lebenswerte Räume noch ein zukunftsfähiges Modell für unser Gesundheitssystem. Healing Environments zeigen, dass Architektur aktiv zur Gesundheit, und zur Teilhabe beitragen kann und sind ein zentraler Baustein für generationenfreundliche Orte.

Viele ältere Menschen wünschen sich heute andere Wohnformen: eingebunden in lebendige Nachbarschaften und möglichst lange im eigenen Umfeld. Statt großer, abgeschlossener Einrichtungen gewinnen kleinere Einheiten, generationengemischte Wohnprojekte und quartiersintegrierte Angebote mit ambulanter Unterstützung an Bedeutung. Statt einseitiger Strukturen braucht es nutzungsoffene Gebäude mit Wohnungen in unterschiedlichen Größen, Wohngemeinschaften wie Alters-WGs, Gästezimmern und gemeinschaftlichen Räumen. Gute Gestaltung ist barrierearm, liebevoll und kommt ohne den Charakter eines Pflegeheims aus.

Die Qualität einer solchen Gestaltung hängt dabei eng mit der jeweiligen Organisationsform zusammen. Wir erleben, dass sich Angehörige in traditionellen Pflegeheimen mitunter unsicher fühlen: Dürfen sie im Garten mithelfen oder überschreiten sie damit eine Grenze? Solche Unklarheiten können unbeabsichtigt Distanz entstehen lassen, obwohl sich viele eigentlich mehr Zugehörigkeit wünschen.

Genossenschaftlich organisierte Modelle bieten hier eine ergänzende Perspektive. Sie laden Angehörige und Nachbar*innen dazu ein, sich stärker einzubringen und Mitverantwortung zu übernehmen. Durch diese Form der Mitgestaltung entstehen Orte, die nicht nur funktional sind, sondern persönlich und gemeinschaftlich getragen, weil Menschen Teil des Alltags werden und ihn aktiv mitgestalten können. Bewohner*innen profitieren dabei von einem hohen Maß an Selbstbestimmung, Kontinuität und sozialer Einbindung, in einer Phase im Leben, in der sie besonders schutzbedürftig sind. So kann ein Lebensort entstehen, der Würde, Teilhabe und Qualität im Alltag stärkt. Auch für Pfleger*innen ergeben sich Vorteile: Flachere Hierarchien, transparente Entscheidungsprozesse und eine stärkere Identifikation mit dem Arbeitsort fördern die Arbeitszufriedenheit und unterstützen eine beziehungsorientierte Pflege. In Eltern-Kind-Initiativen werden solche Konzepte häufig schon umgesetzt, im Bereich der Sorge um ältere Menschen jedoch noch nicht.

Kleinere, gemeinschaftlich organisierte Pflegeorte sind eine zeitgemäße Weiterentwicklung und Ergänzung bestehender Strukturen, mit dem Ziel, Pflege noch stärker als gemeinsamen Lebensraum zu gestalten und somit gelebte Healing Environments und sorgende Gemeinschaften zu fördern.


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