Laura Böttinger (links im Foto) und Tomke Behrmann (rechts im Foto) vom Bureau Ritter über das Projekt „Bewegte Pflege“ im Interview.

Frau Böttinger und Frau Behrmann, mit „Bewegte Pflege“ bringen Sie Akteur:innen aus Pflege, Kultur und Gesundheit zusammen, um kulturelle Teilhabe im Pflegealltag stärker zu verankern. Warum braucht es ein solches Projekt heute – und welche Erfahrungen aus Initiativen wie „Dance On“ haben Sie dabei inspiriert?

Laura Böttinger: Mit der Dance On-Initiative sprechen wir das gesamte Feld des Alters in der Kunst und im speziellen Tanz an – hier haben wir uns schon vor zehn Jahren die Frage gestellt: Wie kann Alter im Tanz sichtbar werden? Was braucht es, um auch im Alter weiterhin zu tanzen? Sowohl für professionelle Tänzerinnen als auch für die Community- und Vermittlungsarbeit. Die Frage kam auf, wie wir auch mit Menschen im hohen Alter oder mit Pflegebedarf tänzerisch arbeiten können. 

Die größte Inspiration dafür war eigentlich die Erkenntnis, dass wir Menschen mit Pflegebedarf in unseren Projekten bis zu einem bestimmten Moment schlicht nicht mitgedacht hatten und dann gemerkt haben, dass da noch sehr viel Potenzial steckt. Gewissermaßen ist es auch ein gesellschaftlicher Auftrag, diese Gruppe aufgrund bestimmter Einschränkungen nicht einfach auszuklammern.

Warum es dieses Projekt heute braucht? Die Frage des intergenerativen Austauschs und der sozialen Begegnung zwischen den Generationen, zwischen jung, alt und allen dazwischen, steht mehr und mehr im Raum. Damit einhergehend stellt sich die Frage, welche Menschen wir in unserem Alltag eigentlich mitdenken und welche von bestimmten Aktivitäten ausgeschlossen sind. Der gesamtgesellschaftliche Diskurs über marginalisierte Gruppen ist gerade sehr präsent und wir machen mit unseren Projekten darauf aufmerksam, dass auch pflegebedürftige Menschen zu den Ausgeschlossenen gehören können. Da immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen und die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, ist es wichtig, ein klares Zeichen zu setzen: Teilhabe ist auch dann notwendig.

„Bewegte Pflege“ versteht kulturelle Teilhabe nicht als Zusatzprogramm, sondern als Teil von Lebensqualität und sozialer Gesundheit im Alter. Was bedeutet das konkret für Bewohner:innen, Angehörige und Mitarbeitende in Pflegeeinrichtungen?

Tomke Behrmann: Wir sind fest davon überzeugt, dass Kunst und Kultur im Pflegealltag eine andere Form von Begegnung und Austausch schaffen können. In einem Alltag, der stark von funktionalen Abläufen und zweckbestimmten Begegnungen geprägt ist, kann Kultur den Fokus verschieben. Wenn wir uns gemeinsam bewegen, ohne ein bestimmtes Ziel erfüllen zu müssen und jede und jeder den eigenen Ausdruck findet, können wir einander als vielseitige und eigensinnige Gegenüber wahrnehmen. Das gilt nicht nur für die Bewohnerinnen, die so stärker in ihrer Menschlichkeit gesehen werden, sondern für alle Beteiligten.

Wir haben die Hoffnung, dass dieser Ansatz transformativ auf den Pflegealltag wirkt, eine andere Qualität des Miteinanders schafft und hilft, das einzulösen, was Pflege oft verspricht: den Menschen als Person ins Zentrum zu stellen.

Im Rahmen des Projekts, das sie in enger Kooperation mit der Fakultät für Angewandte Gesundheitswissenschaften der Technischen Hochschule Deggendorf durchführen, läuft aktuell ein bundesweiter Online-Survey, dessen Ergebnisse in eine praxisnahe Handreichung einfließen sollen. Welche Erfahrungen, Herausforderungen oder guten Beispiele aus der Praxis möchten Sie dabei sichtbar machen?

Laura Böttinger: Mit der Umfrage möchten wir herausfinden, welche Bedarfe auf Seiten der Theater und Spielstätten sowie auf Seiten der Pflegeeinrichtungen bestehen, um Kooperationen zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Institutionen möglich zu machen. Dabei fragen wir nach strukturellen Herausforderungen, nach Kommunikationswegen und nach bereits gemachten Erfahrungen – zum Beispiel, was Finanzierung, Barrierefreiheit oder konkrete Kooperationsmodelle betrifft.

Uns ist dabei auch wichtig, sichtbar zu machen, was bereits da ist. Es gibt schon viele Akteure, die diese wertvolle Arbeit leisten und die wollen wir anerkennen.

Viele Einrichtungen wünschen sich mehr kulturelle Angebote, stoßen aber an zeitliche, personelle oder strukturelle Grenzen. Wie ist „Bewegte Pflege“ aufgebaut, um Pflege- und Kultureinrichtungen dabei konkret zu unterstützen und miteinander zu vernetzen?

Laura Böttinger: Dadurch, dass wir mit der Thematik öffentlich sichtbar sind, werden wir immer wieder von Institutionen oder Einrichtungen kontaktiert, die Interesse haben selbst aktiv zu werden. Sie sagen, hey, wir möchten in dem Bereich aktiv werden, habt ihr Erfahrungen, die ihr teilen könnt, wie können wir da weitergehen? Hier gehen wir gerne ins Gespräch – natürlich nicht in einem riesigen beratenden Umfang. Aber wir verstehen uns schon als Schnittstelle, die ihre Erfahrungen teilen kann und somit vielleicht anderen den Weg erleichtert.  

Tomke Behrmann: Gleichzeitig beforschen wir mit „Bewegte Pflege“ die Herausforderungen und Bedarfe von Kooperationen zwischen Kunst, Kultur und Pflege, um interessierten Kulturorganisationen und Pflegeeinrichtungen etwas an die Hand zu geben: wir wollen, dass niemand von vorne anfangen muss, sondern sich an positiven Beispielen orientieren und mit etwas Vorwissen gewappnet losgehen kann. Dieses Ziel verfolgen wir insbesondere mit der praxisorientierten Handreichung, an der wir momentan arbeiten und die Ende des Jahres veröffentlicht wird. 

Mit all dem wollen wir zeigen: ja, vielleicht ist kulturelle Arbeit in der Pflege im ersten Schritt ein zusätzlicher Aufwand. Aber gleichzeitig ist es auch etwas kraftbringendes, das neue Energie, Motivation und Elan freisetzen kann und all das in die Pflegeeinrichtungen und Spielstätten bringt. Dazu braucht es einen Kulturwandel, bei dem es am Ende vielleicht gar nicht so sehr darum geht, mehr zu machen, sondern ein paar Dinge anders zu machen. An den Theatern gibt es beispielsweise ja oft schon Stellen für die Vermittlungsarbeit. Diese haben bisher häufig die Gruppe der Hochaltrigen und auf Pflege angewiesenen Menschen noch nicht so sehr im Blick – hier geht es darum, den Fokus etwas zu erweitern und damit vielleicht auch Barrieren für andere Gruppen abzubauen. Wenn Pflegeeinrichtungen dadurch verlässliche Kooperationspartner in der Kultur gewinnen, wird auch hier die Umsetzung qualitativ hochwertiger Angebote einfacher. 

An „Bewegte Pflege“ sind unterschiedliche Partnerinnen aus Kultur, Pflege und Forschung beteiligt. Was ist Ihr gemeinsames Ziel, und warum ist es wichtig, dass sich jetzt möglichst viele Beschäftigte aus Pflege- und Kultureinrichtungen an der Online-Umfrage noch bis zum 19.06.2026 beteiligen?

Tomke Behrmann: Unser Ziel ist, dass kulturelle Teilhabe für pflegebedürftige Menschen in 15 Jahren eine Selbstverständlichkeit ist, strukturell verankert und nicht jedes Mal neu mit Projektmitteln erkämpft. Dafür müssen wir jetzt herausfinden, was es dafür braucht und wo es – abseits der Finanzierungsfrage – hakt. Und dafür brauchen wir die Stimmen aus der Praxis und rund zehn Minuten für die Teilnahme an der Online-Umfrage.

Die Online-Umfrage ist noch bis 19.06.2026 offen: https://survey.th-deg.de/index.php/827668?lang=de

Credits: Jubal Batisti

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