Menschen zwischen 18 und 44 fühlen sich voll im Leben, genießen ihre Selbstbestimmung und schätzen ihren eigenen Raum für Wachstum und Entwicklung. Das gilt auch für die rund 117.000 pflegebedürftigen dieser Altersgruppe, die überwiegend im eigenen zuhause leben. Viele von ihnen können von der Digitalisierung und der zunehmenden Weiterentwicklung von Smart Home Devices und ähnlichen Umfeldsteuerungen profitieren, denn der typische Alltag bestehend aus Mobilität und Haushaltsführung ist oft der größte Gegenspieler, wenn es darum geht, auf möglichst wenig Hilfe angewiesen zu sein. 

Dennoch: Für die bekanntesten Hersteller scheint dieser Markt derzeit noch wenig interessant zu sein und Lösungen kommen meistens von Drittanbietern.

Mehr Selbstbestimmung dank Smart Home

Das Licht anschalten, ohne vom Sofa aufzustehen oder die Haustür mit dem Smart Phone öffnen: Was für viele Menschen optionale Bequemlichkeit ist, kann für Menschen mit Behinderung der Durchbruch zu mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sein. Dabei haben die meisten Smart Home Systeme und Funktionen eher den typischen Benutzer ohne Behinderung als Zielpublikum. Der Barriere-Abbau durch die zunehmende Digitalisierung ist beinahe unabsichtlich geschehen. Das macht ihn für Benutzer mit Behinderung nicht weniger wertvoll, zeigt aber in manchen Fällen auch die Grenzen und Hürden der typischen Smart Home Lösungen.

Bedienbarkeit nicht immer auf Menschen mit Behinderung ausgelegt

Die meisten Smart Home Anwendungen werden über den Touch Screen auf dem Handy oder über die Sprachsteuerung aktiviert. Ist die Mobilität einer Person jedoch stark eingeschränkt, zum Beispiel durch Lähmungen oder Spastiken, ist der feinmotorische Fingerdruck aber oft eine Hürde. Die Alternative – nämlich die Steuerung via Sprache – ist nur möglich, wenn die anwendende Person eine für das System klar verständliche Lautsprache hat und sich an die jeweils korrekten Aktivierungskommandos erinnert. 

Doch nicht nur physisch, auch kognitiv kann die Bedienung von Smart Home Devices an individuelle Grenzen stoßen. Trotz des Bestrebens vieler Entwickler, die Bedienung möglichst einfach und intuitiv zu gestalten, wird eine gewisse digitale Basiskompetenz im Umgang mit den neuen Smart-Techniken vorausgesetzt, ebenso wie eine grundlegende Lesefähigkeit. Für Menschen mit Intelligenzminderung und anderen kognitiven Einschränkungen ist diese Hürde manchmal nicht überwindbar.   

Erweiterte Bedienung für vorhandene Smart Home Lösung oder doch lieber alternative Umfeldsteuerung?

Um die beliebtesten und verbreitetsten Smart Home Lösungen einem größeren Publikum von Menschen mit Behinderungen zugänglicher zu machen, braucht es zunächst vor allem eines: Eine anpassbarere Bedienung. 

Das bedeutet, es muss Alternativen zur Sprach- und Fingersteuerung geben, zum Beispiel:

  • Kontrolle per Rollstuhljoystick, Kinnjoystick oder Kopfsteuerung
  • Augensteuerung oder Sip-and-Puff-Steuerung
  • Steuerung via Taster

Diese Brücke bilden meistens nicht die Hersteller (Amazon, Google, Apple etc.) selbst, sondern unabhängige, spezialisierte Unternehmen, sogenannte Assistive-Technology-Unternehmen.

Wer Smart Home ähnliche Funktionen nutzen möchte, ohne diesen Umweg zu gehen, der setzt stattdessen auf die eigene Umfeldsteuerungen verschiedener Anbieter, etwa MyEnvi von HomeBrace aus Deutschland. 

Smart Home Lösung vs. individuelle Umfeldsteuerung im Vergleich 

Bei der Entscheidung zwischen bekannten und vielleicht schon im zuhause vorhandenen Smart Home Lösungen und individuellen Umfeldsteuerungen von Herstellern mit Spezialisierung auf Assistive Technology, fallen verschiedenen Vor- und Nachteile auf.

Massenprodukte wie Alexa, Apple Home oder Google Nest sind so schnell verfügbar, wie es der Versandweg zulässt. Weil sie ein breites Publikum ansprechen, können Produktionskosten geringgehalten werden, was die Systeme heute vergleichsweise erschwinglich macht. Außerdem stehen sie untereinander alle in Konkurrenz und haben natürlich noch mehr Mitbewerber, was eine ständige Optimierung und Funktionserweiterung der Systeme seitens der Hersteller anstößt. Das macht die Auswahl zwischen den Standardsystemen für den zukünftigen Nutzer größer und er kann auf regelmäßige Updates von Hard- und Software setzen. 

Auf der anderen Seite und gerade weil es ein Massenprodukt ist, wird der Nutzer mit der Einrichtung des Systems oft allein gelassen. Eine größere Individualisierbarkeit, deren Notwendigkeit durch Anforderungen im Rahmen der Behinderung des Users anfallen kann, ist oft nicht möglich. Auch eine Kostenübernahme durch die Pflegekasse oder andere Kostenträger kann selten beantragt werden. Diese Nachteile gleichen die Umfeldsteuerungen von Fremdanbietern oft aus. Nicht alle können aber regelmäßige Updates garantieren und auch der langfristige Support steht und fällt mit dem Erfolg des jeweiligen Unternehmens, das als Nischenunternehmen nicht immer so standfest am Markt sein kann, wie die die amerikanischen Riesen mit ihren Massenprodukten.

Die Entscheidung wird oft auch emotional getroffen

Für viele Menschen mit Behinderung bedeutet Teilhabe auch, die gleichen Devices und Gadgets zu nutzen, wie Menschen ohne Behinderung. Zu Massenlösungen als Smart Home zu greifen bedeutet, weniger Verfremdung zu erleben. Unabhängig davon, ob es sich hierbei nur um intern erlebte Entfremdung oder tatsächliche handelt.

Smart Living Service Apps für Menschen mit kognitiver Behinderung

Weniger Smart Home, dafür aber Smart Living ermöglichen spezialisierte Apps und Lösungen für Menschen mit kognitiver Behinderung. Auch bei dieser Zielgruppe ist der Wunsch nach einem möglichst unabhängigen Leben groß. Einige digitale Lösungen können die Selbstständigkeit erhöhen und dadurch gleichzeitig Pflegepersonen entlasten. Das amerikanische Unternehmen AbleLink zeigt zum Beispiel mit dem Smart Living Technologies, wie es geht. Die App bietet Listen und Schritt-für-Schritt-Anleitungen, auch in Videoform, für einfache Aufgaben. Die Anleitungen – wie zum Beispiel für das Zubereiten eines Sandwiches – können aus der Cloud heruntergeladen oder von Betreuungspersonen selbst erstellt werden. Auch bei selbst erstellten Anleitungen stehen Funktionen wie Fotos, Videos und Spracheingabe zur Verfügung. Bei Bedarf kann das gesamte Umfeld außerdem so gestaltet werden, dass eine Lesefähigkeit nicht notwendig ist. 

Fazit: Moderne Lösungen sind vorhanden, aber noch zu wenig sichtbar

Beispiele wie diese zeigen, wie sehr digitale Lösungen das unabhängige und selbstständige Leben von Menschen mit Behinderung – und damit auch solchen mit kognitiven Einschränkungen – stärken können. Trotzdem sind Smart Home und Smart Living Lösungen, die Menschen mit Behinderungen als Zielpublikum haben sowohl selten als auch für die Allgemeinheit noch zu wenig sichtbar. Letzteres liegt auch daran, dass Menschen mit Behinderung für Großkonzernen noch immer nicht als attraktive und lukrative Zielgruppe wahrgenommen werden. Spezialisierte Unternehmen hingegen haben oft wenig Reichweite über Messen hinaus. Das bedeutet: Wer nicht gezielt sucht, dem bleiben Lösungen oft verborgen. Würden Marktführer hingegen bei der Bewerbung und Bereitstellung ihrer Produkte mehr Menschen und Zielgruppen im Blick haben, so könnten Smart Home Systeme und Smart Living Lösungen noch mehr zur Unabhängigkeit von pflegebedürftigen Personen und zur Entlastung von Pflegenden beitragen.

Quellen

HomeBrace, über: https://homebrace.com/, zuletzt abgerufen am: 10.08.2026

Smartbox, über: https://thinksmartbox.com/, zuletzt abgerufen am: 10.08.2026

AbleLink, über: https://www.ablelinktech.com/, zuletzt abgerufen am: 10.08.2026

Innogreen, über: https://www.innogreen.net.au/, zuletzt abgerufen am: 10.08.2026

Destasis, Pflegequote nach Altersgruppe, über: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/_Grafik/_Interaktiv/pflege-altersgruppen.html, zuletzt abgerufen am: 14.08.2026.

Bildquelle: Geralt, Pixabay

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