Am 28. Mai 2020 veröffentlichte die Hamburger Koordinationsstelle für Wohn-Pflege-Gemeinschaften unter der Überschrift “Corona: Krise überstanden dank unermüdlichen Einsatzes des Pflegedienstes und kollektiver Quarantäne“ das erste Interview mit der Angehörigensprecherin einer Hamburger Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz.

Dieses Interview stieß im Hamburger Netzwerk und weit darüber hinaus auf eine enorme positive Resonanz!

Klasse, wie sie die Herausforderung gemeistert haben!
Sehr ermutigend in diesen Zeiten!
Wahrhaftig ein starkes Stück Menschlichkeit. Respekt!
Alle Achtung dem Pflegedienst und den Angehörigen der WG.
Wie in der WG agiert und zusammengearbeitet wurde ist wirklich klasse. Mögen alle gesund bleiben und alle Bewohner gesund werden!
Von den Erfahrungen und letztendlich auch dem Erfolg sollten andere wissen.

Die Koordinationsstelle hat nun – einen Monat später – diese Rückmeldungen und die Nachfragen zum Anlass genommen, ein weiteres Gespräch zu führen und freut sich, dass sich die Angehörigensprecherin und nun auch ein Teammitglied des ambulanten Pflegedienstes dazu bereit erklärt haben.

Wie geht es den WG-Mitgliedern inzwischen?

Den Bewohnern geht es gut. Wir haben alle durch die gute Betreuung durch diese Zeit gebracht und alle haben es trotz Vorerkrankungen und hohem Alter gut überstanden.

Wie halten Sie es jetzt mit den Besuchen in der WG?

Wir sind noch immer vorsichtig. Wir halten uns an alle Hygienevorschriften und tragen Mundschutz in der WG und auch im Garten, wenn wir im direkten Kontakt mit den Bewohnern sind. Das halten wir solange, bis Corona im Griff ist mit einem Medikament. Spaziergänge außerhalb der WG machen wir noch nicht.

Fragen an ein Teammitglied des Pflegedienstes:

Zu welchem Zeitpunkt haben Sie sich entschieden, rund um die Uhr in der WG zu bleiben?

Als feststand, dass einige Mieter an Covid-19 erkrankt waren, haben wir uns spontan entschieden, dass wir uns mit den Erkrankten zusammen in der WG in Quarantäne begeben.

Waren auch KollegInnen, die in der WG geblieben sind, vom Virus betroffen?

Ja, teilweise.

Wie ist das praktisch abgelaufen? Wo haben Sie geschlafen? Pause gemacht? Sich einmal zurückziehen können?

Nachdem wir drei uns entschlossen hatten in der WG zu bleiben, wurde alles spontan und innerhalb weniger Stunden vom Ambulanten Pflegedienst organisiert. Feldbetten, Bettwäsche und alles, was wir benötigten wurde in die WG gebracht, inklusive Schutzausrüstung, die zur Pflege der Erkrankten benötigt wurde.

Wir haben uns die WG, die eine verwinkelte Form hat, so aufgeteilt, dass jeder der drei Pfle- gekräfte eine Ecke für sich hatte.

Wir haben uns dann die Nächte aufgeteilt, so dass jeder auch einmal ein paar Stunden schlafen konnte.

Wie lief der gemeinsame Alltag ab?

Es bestand aus ganz viel Pflege und Vitalzeichenüberwachung und den Erkrankten immer wieder Zuspruch leisten. Ein gemeinsames Team-Frühstück fand so gegen Mittag statt und ein gemeinsames Team-Abendessen abends nach der abendlichen Versorgung der Mitarbeiter. Morgens motivierten wir uns mit dem Lied „ Guten Morgen, Guten Morgen, Guten Morgen Sonnenschein….“

Kamen zusätzlich Teammitglieder zeitweise dazu?

In die WG kam während der 16-tägigen Quarantäne kein anderes Teammitglied rein.

Es gab jedoch tägliche Kontakte zu unserm Leiter der Ambulanten Pflege, zu der Pflegedienst- leitung, zu der Qualitätsbeauftragten, zu den Angehörigen und zu der Koordinatorin der Wohn-Pflege-Gemeinschaften der Martha Stiftung.

Wie hielten Sie Kontakt mit den Angehörigen?

Wir haben über WhatsApp und Telefonate kommuniziert. Jeden Abend wurde ein Tagesbericht an die Angehörigen versendet. Bei akuten schlechten Allgemeinzuständen wurden die Angehörigen telefonisch kontaktiert und Maßnahmen mit ihnen abgesprochen.

Gab es zwischen Ihnen und den Angehörigen einen Plan B?

Zu Beginn der Pandemie hatten die Angehörigen nach unseren Konzepten gefragt. Wir hatten diese besprochen. Als dann der Ernstfall eintrat, gab es das Konzept, dass dann, der aktuellen Situation immer wieder angepasst wurde.

Die Pflegedienstleitung hatte die ganze Zeit über Kontakt zum zuständigen Gesundheitsamt und alles wurde mit diesem abgesprochen.

Können Sie die Atmosphäre, das ungewohnte Miteinander in den gemeinsamen Wochen beschreiben?

Das Team ist dadurch noch enger zusammengewachsen! Die bis dahin schon sehr gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Angehörigen wurde durch diese Krise noch vertieft. Die Angehörigen haben alle Aufgaben, die sie dem Team abnehmen konnten, übernommen. So haben sie Einkäufe übernommen, ein Restaurant beauftragt, Mittagessen zu liefern, dem Team angeboten sich Essen kommen zu lassen und sie aufgefordert alle Wünsche, die sie während der Quarantänezeit hatten, zu äußern.

Mögen Sie Beispiele für gute Momente aber auch sorgenvolle Situationen beschreiben?

Der schönste Moment war der, als wir absehen konnten, dass alle unsere Mieter die Krankheit überstanden hatten.

Sorgenvolle Momente waren die, in denen einige Mieter so schwach waren, dass sie nicht mehr Essen und Trinken mochten, wir nicht wussten, wie sich der Krankheitsverlauf weiter entwickeln würde.

Gab es während dieser Zeit Zweifel an Ihrer Entscheidung?

Nein, zu keiner Zeit!

Wie lange hat die gemeinsame WG-Zeit gedauert?

Sechzehneinhalb Tage.

Fragen an beide Interviewpartner:

Niemand aus der WG musste ins Krankenhaus: Wie haben Sie dies gemeinsam entschieden und hat das Gesundheitsamt an dieser Entscheidung mitgewirkt?

Die Angehörigen haben das in Abstimmung mit dem Pflegedienst und dem Hausarzt entschieden. Das Gesundheitsamt war an dieser Stelle nicht beteiligt. Wir waren uns einig, dass wir kein Leiden für unsere Lieben wollten. Unnötige Qualen durch Verlängerung der Krankheit ohne Perspektive danach, das schlossen wir aus.

Wie erklären Sie sich, dass alle WG-Mitglieder die schwere Erkrankung überstanden haben?

Wir wissen medizinisch nicht, was hier geholfen hat. Aber pflegerisch glauben wir, dass es an dem sehr liebevollen Umgang mit den vertrauten Mitarbeitern des Pflegedienstes und der engen Begleitung durch unseren Hausarzt gelegen hat.

Haben Sie im nachherein mit Experten aus der Medizin, der Wissenschaft oder dem Gesundheitsamt über Ihre Erfahrungen gesprochen?

Wir sind in Kontakt mit dem UKE Forschungsbereich. Allerdings kam bislang noch keine Rück- meldung, ob unsere Situation wissenschaftlich interessant ist.

Rückblickend betrachtet: Was haben Sie aus der Krise gelernt?

Vertrauen und gesunder Menschenverstand sind gute Ratgeber und helfen gute Entscheidungen zu treffen. Zudem ist ein funktionierendes Angehörigen-Team unerlässlich. Ohne Teamwork geht nichts.

Eine gute Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen waren da sehr hilfreich.

Was würden Sie genauso oder anders tun, falls es erneut zu einer Pandemie käme?

Wir würden es genauso wieder tun. Unser Vorgehen hat sich bewährt und hat funktioniert. Es gibt keine neuen Fälle in der WG und auch nicht in unseren Familien.

Würden Sie sagen, dass man bereits im Vorfeld Anhaltspunkte oder Voraussetzungen erkennen könnte, damit eine solche Krise gut bewältigt werden kann? Was können Sie anderen WGs mit auf den Weg geben?

  • Vertrauen in den Pflegedienst
  • Enges Teamwork mit den Angehörigen, dem Pflegedienst und dem Hausarzt
  • Disziplin beim Einhalten aller notwendigen Regeln, um die Bewohner und Pflegedienst zu schützen

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Das Gespräch führte U. Petersen, Hamburger Koordinationsstelle für Wohn-Pflege-Gemeinschaften. Juni 2020

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