Viele Pflegekräfte und HeimleiterInnen bringt die aktuelle Situation an den Rand ihrer Kräfte. Die Stimmung ist gedrückt, manche Bewohner fühlen sich eingesperrt, Demenzkranke verstehen nicht, was passiert. Pflegekräfte haben Angst, dass sie Covid-19 Virus einschleppen. Pflegeheime erweisen sich aber auch als erfinderisch, um den Kontakt zur Außenwelt herzustellen. Da können Besucher durch ein Fenster im Erdgeschoss der Einrichtung ihre Lieben sehen. Manche Heime haben Smartphones angeschafft, so dass einige der fitteren Bewohner Videotelefonate führen können. In einigen Städten wie zum Beispiel in Nürnberg schickten Bürger Grußkarten und Briefe in die Heime.

Besonders engagiert kümmern sich die sieben Altenheime der Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach um das Wohl ihrer Bewohner. Schon Anfang März verschickte die Geschäftsführung einen Brief an Angehörige und Bewohner, in dem sie auf erste präventive Verhaltensregeln hinwies. Als das Land Nordrhein-Westfalen am 22. März ein Besuchsverbot für Alten- und Pflegeheime verkündete, war Helmut Wallrafen, Geschäftsführer der Holding, schon vorbereitet:

„Die Schulen haben uns etwa 60 Pflegeschülerinnen und –schüler geschickt, die die Mitarbeiter bei der Arbeit unterstützen. So seltsam es klingt, aber durch diese Hilfe war die Atmosphäre sehr entspannt, wie es in normalen Zeiten eher selten der Fall ist.“

Helmut Wallrafen, Geschäftsführer Sozial-Holding Mönchengladbach

Auch die Heimbewohner selbst reagierten, meint Wallrafen, in der Regel ziemlich gelassen auf die Beschränkungen. Ganz im Gegensatz zu den Angehörigen, von denen manche panische Bedenken äußerten. „Eine Tochter sagte zum Beispiel, sie hätte jetzt Angst, ihr Mutter würde nicht mehr genug zu Essen bekommen und nicht mehr gut gepflegt werden. Ehrlich gesagt, ich kann solche Aussagen nicht ganz nachvollziehen.“ 

Aus der Not eine Tugend machen: Heimleiter und Mitarbeiter der Einrichtungen kreierten neue Aktivitäten, um den Alltag der Menschen zu erleichtern. So wuschen Pflegekräfte den Bewohnern die Haare und die Betreuungsassistenten brachten sie mit Lockenwicklern wieder in Form. Auch das „Fenstern“ hielt Einzug, allerdings in einer wesentlich komfortableren Ausführung als in anderen Heimen. Die Sozial-Holding der Stadt bestellte bei der niederländischen Firma Flexotels sieben Container für jedes Altenheim. Eigentlich kommen die mobilen Unterkünfte bei Festivals zum Einsatz. Coronabedingt baute die Firma die Container um. Sie wurden mittels einer Plexiglasscheibe in zwei Bereiche getrennt und mit einer Sprechanlage ausgestattet. Der sechs Meter lange Bau kann von zwei Seiten betreten werden, so dass Besucher und Heimbewohner keinen direkten Kontakt zueinander haben. Nach jedem Einsatz wird der Container desinfiziert.

„Es sieht ein bisschen aus wie in diesen amerikanischen Filmen, wenn die Gefängnisinsassen durch eine Glasscheibe mit ihren Besuchern sprechen dürfen. Aber die Container erfüllen natürlich ihren Zweck trotzdem sehr gut.“

Helmut Wallrafen

Die Mönchengladbacher tauften die Bauten gleich in „De Vertellbud“ um. Ein rheinländisches Wort, das übersetzt „die Erzählbude“ bedeutet. Viel zu erzählen hatten sich dann auch Angehörige und Bewohner bei der Eröffnung, dem 28. April. In allen Standorten konnten insgesamt 69 Besucher endlich wieder ihre Eltern und Großeltern sehen. Zwar nur 20 Minuten lang, aber von Angesicht zu Angesicht. Jeweils begleitet von jungen Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr leisten. Die Besuchscontainer sind für drei Monate gemietet, jeder kostet 1200 Euro monatlich. Einige Kritiker halten die Kosten für zu hoch.

„In meinen Augen ist das ein lächerliches Argument. Die Gelder sind zwar keine investiven Mittel, aber sie sind gut angelegt. Wenn ich die Ausgaben für Schutzbekleidung dagegen rechne, komme ich doch auf dieselben Kosten.“ 

Helmut Wallrafen

Einen Tag vor Muttertag lockerte Nordrhein-Westfalen, genau wie die anderen Bundesländer, das strenge Besuchsverbot. Die Lockerungen sind aber mit aufwendigen Schutzvorkehrungen verbunden, wie etwa einer Anmeldepflicht, einem Gesundheits-Kurzscreening auf Schnupfen und Fieber und der Abtrennung durch eine Plexiglasscheibe. Besucher dürfen außerdem nur in Begleitung durch die Heime gehen. Die kurzfristige Ankündigung durch das Gesundheitsministerium erregte viel Kritik.

„Bei uns gab es aber auch am Muttertag keine hektische Atmosphäre, weil ja schon die 13 Tage vorher Besucher kommen konnten. Andere Einrichtungen hatten ziemlichen Bammel vor diesem Tag. Wenn man sich fünf Wochen lang nicht um das Thema Besuch gekümmert hat, ist das auch kein Wunder.“

Helmut Wallrafen

Einige Heime haben seiner Meinung nach ein schlechtes Krisenmanagement betrieben. Weil sie zum Beispiel Angehörige und Bewohner nur ein einziges Mal informierten oder viel zu spät FFP-2 Masken bestellten. „Eine gute Ausstattung mit Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung sowie die gründliche Schulung der MitarbeiterInnen im Hygiene- und Infektionsschutz sollte überall Standard sein“, sagt Wallrafen. Defizite in diesem Bereich müssten schnell beseitigt werden. Das fordert auch der Bericht eines interdisziplinären Expertengremiums, der vor einigen Tagen unter der Federführung der Hochschule für Gesundheit in Bochum veröffentlicht wurde. Die Verfasser warnen: „Eine fortgesetzte Kontaktsperre könnte unter Umständen individuell sogar zu einem größeren Schaden führen als es das Risiko einer Infektion mit sich bringt“. 

Weitere Informationen: 

https://www.hs-gesundheit.de/fileadmin/user_upload/Aktuelles_Presse/News-PDF/20200502Erstellung_von_Handlungsempfehlungen.pdf


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