Akute Verwirrtheit, Durchgangssyndrom, organisches Hirnsyndrom: Es gibt viele Namen für das Phänomen, doch der korrekte medizinische Fachbegriff heißt Delir. Gefährdet sind besonders ältere Menschen, es kommt aber auch bei jüngeren Menschen vor. Zwischen 11 und 25 Prozent der Patientinnen und Patienten über 65 Jahre weisen bei der Krankenhausaufnahme ein Delir auf. Bei weiteren rund 30 Prozent passiert es während des Krankenhausaufenthaltes. Auslöser sind häufig Narkosen und Operationen. Mittlerweile wissen Krankenhäuser um das Risiko und haben Präventionskonzepte entwickelt, um betroffene Patientinnen und Patienten besser zu betreuen.

Anders die Situation in Altenpflegeeinrichtungen. Hier wird das Delir Problem nach Meinung vieler Fachkräfte immer noch unterschätzt.

Studien zufolge besteht bei ca. 40 Prozent der Bewohner und Bewohnerinnen ein Delir.

„Diese Zahl beruht auf einer italienischen Studie, die an einem bestimmten Stichtag mit einer bestimmten Untersuchungsmethode erhoben wurde.“ 

Rebecca Palm, Professorin für Pflegewissenschaft an der Universität Oldenburg

„Man muss jedoch sagen, dass die Zahlen verschiedener Studien sehr stark schwanken. Es existieren nur wenige Studien zu Delir in Heimen, die teilweise mit verschiedenen Studiendesigns gearbeitet haben. Es gibt zum Beispiel unterschiedliche Testverfahren, um ein Delir festzustellen. Und es macht einen großen Unterschied, ob Menschen mit Demenz eingeschlossen wurden oder nicht, denn Demenz erhöht das Risiko eines Delirs beträchtlich“. 

Ein Delir kann in verschiedenen Formen auftreten, wobei als Hauptsymptome die gestörte Aufmerksamkeit und die akute Verwirrung gelten. Typisch sind der plötzliche Beginn und ein schwankender Verlauf. Das heißt, dass die Menschen in der einen Stunde ganz klar wirken, in der nächsten Stunde aber schon wieder desorientiert sein können. Am bekanntesten ist die hyperaktive Form, die eher selten vorkommt. Die Betroffenen sind unruhig, können nicht stillsitzen oder liegen, reagieren aggressiv und leiden unter starken Stimmungsschwankungen. Auch Halluzinationen kommen vor, die Patienten sehen dann zum Beispiel verstorbene Angehörige und Schlangen. Manche wollen nicht mehr essen oder sich nicht mehr behandeln lassen. Der Schlaf-Wach-Rhythmus ist ebenfalls häufiger gestört, viele schlafen tagsüber und sind nachts hellwach. 

„Hyperaktive Menschen fallen natürlich auf. Aber viele Menschen entwickeln ein sogenanntes hypoaktives Delir, das sehr schwer zu erkennen ist. Sie wirken dann eher depressiv, schläfrig, sprechen wenig und bewegen sich sehr langsam. Daher sind sie schnell unter dem Radar von Ärzten und Pflegekräften.“ 

Rebecca Palm

Etwa die Hälfte der Betroffenen zeigt sowohl hyper- als auch hypoaktive Symptome, was die Diagnose nicht leichter macht. Ein weiteres Problem: Gerade bei alten Menschen wird ein Delir manchmal mit einer Demenz verwechselt.

Aktuell laufen in Deutschland zwei Projekte, die das Wissen über Delir in Alteneinrichtungen verbessern sollen. Zum einen eine Studie zur Entwicklung einer Leitlinie. Zum anderen das Projekt DeliA, für das Palm als Studienleiterin verantwortlich ist.

DeliA untersucht unter anderem mit einer Prävalenzstudie, wie häufig das akute Delir zu einem bestimmten Zeitpunkt auftritt. Außerdem werden professionell Pflegende und Hausärzte interviewt, um ihre Erfahrungen in Bezug auf Delir zu erheben. Des Weiteren wird ein E-Learning Tool entwickelt. Bereits abgeschlossen sind zwei systematische Übersichtsarbeiten, die national und international Daten aus Studien zur Prävalenz von Delir auswertet haben. 

„In wenigen Monaten startet eine Erhebung in ca. 50 deutschen Altenpflegeeinrichtungen mit ungefähr 600 Bewohnerinnen und Bewohnern, die vom Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen durchgeführt wird. Anfang nächsten Jahres werden die Ergebnisse bekannt, dann wissen wir ein ganzes Stück mehr.“

Rebecca Palm

 

Während man bei der Häufigkeit eines Delirs noch im Dunkeln tappt, sind die Ursachen gut bekannt. Die Auslöser sind vielfältig. Dazu gehören zu wenig Flüssigkeit, die Einnahme mehrerer Medikamente, Hör- und Sehprobleme oder eine Infektion. Auch plötzliche Veränderungen sind gefährlich, zum Beispiel der Umzug von der eigenen Wohnung in ein Heim oder zu viele Reize wie andauernder Lärm durch Handwerkerarbeiten oder das grelle Licht von Neonröhren. 

Umso wichtiger ist es, einem Delir mit den bekannten Maßnahmen vorzubeugen bzw. zu behandeln: Beim Essen und Trinken unterstützen, Seh-Hör- und Mobilitätshilfen bereitstellen, für kognitive Anregungen sorgen (TV, Vorlesen etc.) und vor allem immer wieder bei der Re-Orientierung helfen. 

Organische Ursachen müssen natürlich genauso wie Schmerzen ärztlich behandelt werden. Von Medikamenten zur Therapie eines Delirs wird eher abgeraten. „Das gilt besonders besonders beim hyperaktiven Delir. Bei Patienten, die ohnehin ein hohes Delir Risiko haben, sollten die Medikamente angepasst werden. Dazu zählen vor allem die sogenannten Anticholinergika, sowie alle Opioide und Benzodiazepine“, betont Palm. Ein Delir eine ernste Erkrankung, ein Notfall, der unbedingt behandelt werden muss. Rebecca Palm warnt: „Wird es nicht behandelt, kann sich die Kognition nachhaltig verschlechtern. Oder es entwickelt sich eine Demenz bzw. wenn die Menschen schon eine Demenz hatten, kann sich die Demenz weiter verschlechtern. Im schlimmsten Fall bekommt man die Situation gar nicht mehr in den Griff.“ 

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