„Die Glocken läuteten nicht mehr, und auch das Weinen hörte auf. So schrecklich war die Lage, dass alle nur noch mit ihrem eigenen Tod rechneten“. So lauten die berühmten Worte eines Chronisten aus Siena, dem die Pest fünf seiner Kinder raubte. Von 1347 bis 1353 wütete der schwarze Tod in Europa. Ausgebrochen ist die Seuche jedoch zuerst in China. Über Zentralasien zog sie nach Syrien und Palästina, wo sie sich schließlich Richtung Europa und Nordafrika ausbreitete. Im Gedächtnis geblieben ist uns die große Pest vor allem wegen der immensen Zahl an Menschen, die ihr zum Opfer fielen. 

Den Schwerpunkt seines klug und elegant geschriebenen Buches „Die Macht der Seuche“ legt der Italien-Historiker Volker Reinhardt auf Italien. Die Städte in Norditalien wurden von der Pest schwer getroffen, nur Mailand bildete eine rühmliche Ausnahme. Das haben die Mailander wahrscheinlich ihrem Alleinherrscher Luccino Visconti zu verdanken, der die Stadt konsequent abriegelte und, so geht die Legende, Häuser mit Kranken einmauern ließ. Der Signore ist jedenfalls in Italien bis heute unvergessen. So hieß es in Blogs und Tweets im Frühjahr 2020 in Italien: „Gibt uns einen zweiten Luchino Visconti“. Wie viele Opfer die Pest insgesamt forderte, ist jedoch bis heute unklar. In einigen Berichten sind die Todeszahlen viel zu hoch angegeben, weil sie offensichtlich die Zahl der Einwohner übertreffen. 

Erschwert werden Schätzungen auch durch die Tatsache, dass die erste große Pestwelle die europäischen Länder ganz unterschiedlich traf.

In Florenz sind im Jahr 1348 wahrscheinlich ca. 30.000 Menschen gestorben – bei einer Einwohnerzahl von etwa 100.000. In süddeutschen Städten wie Würzburg, Frankfurt und Nürnberg gab es dagegen kaum Opfer. Schlimm traf es London und einige englische Grafschaften, während zum Beispiel Polen rätselhafterweise zum größten Teil verschont blieb. 

Der Historiker schätzen, dass während der sechs Jahre etwa ein Viertel der europäischen Bevölkerung an der Pest gestorben sind. Mehr als 20 Millionen Tote, eine unglaubliche Zahl.

Natürlich verbietet sich angesichts dieser Zahlen ein Vergleich mit Covid-19. Auch sonst gibt es gravierende Unterschiede, wie Volker Reinhardt betont. „In den Jahren von 1347 bis 1353 war die Ursache der Pandemie unbekannt, kein Arzt des christlichen und muslimischen Europa kam ihr mit seinen Theorien auch nur nahe“. 

Stattdessen verorteten die meisten Mediziner und Astrologen den Ursprung der Seuche in einer ungünstigen Konjuktion der drei Planeten Saturn, Jupiter und Mars, die zu einer Verunreinigung der Luft führte.

Dies wiederum brachte die menschlichen Körpersäfte durcheinander, so dass die Menschen krank wurden. 2020 ging es dagegen mit der Ursachenforschung bekanntlich sehr schnell. Der Coronavirus – SARS-CoV-2 – wurde innerhalb von einigen Wochen identifiziert. 

Doch in anderen Aspekten ist uns die fremde Welt des 14. Jahrhunderts gar nicht so fern. Damals wie heute reagieren Menschen mit Angst und Misstrauen auf eine bedrohliche Situation. 

„Beide Pandemien veränderten kollektive und individuelle Verhaltensweisen im Zeichen der Angst, die die Ratio als Gradmesser des Handelns weitgehend verdrängte“, 

stellt der Historiker Reinhardt fest. Die Folge: „Ungehemmte Lust an der Denunziation, heftiges Wuchern von Feindbildern, das Aufkommen abstruser Verschwörungstheorien und eine Flut von Schuldzuweisungen“. Vor allem das Aufkommen von Verschwörungstheorien fällt ins Auge. So beschuldigte man während der Epidemie die Juden, Brunnen zu vergiften, wodurch die Pest verursacht bzw. begünstigt wurde. Heute glaubt zum Beispiel eine gar nicht so geringe Anzahl von Menschen, Microsoft-Gründer Bill Gates habe Corona entwickelt, um dann mit den Impfungen noch reicher zu werden. Wieder andere glauben, dass die Strahlen des Mobilfunkstandards 5G schuld sind. Die Folgen für die heutzutage Beschuldigten sind allerdings vergleichsweise milde, jedenfalls im Vergleich zu damals. Denn zu jener Zeit wurden jüdische Mitbürger vielfach vertrieben oder sogar getötet. Besonders grausame Progrome erlebten sie in einigen süddeutschen Städten. 

Eine weitere beliebte Erklärung für die Coronapandemie besagt, dass die Welteliten das Virus nutzen, um die Bevölkerung zu dezimieren. Eine ähnliche Theorie kursierte auch zu Pestzeiten. Danach war die Seuche, wie Volker Reinhardt schreibt, das Produkt eines finsteren Komplotts einflussreicher Großhändler und Politiker mit dem hauptsächlichen Zweck, die Armen auszurotten.

In seinem Buch beschäftigt sich Reinhardt auch mit der Art und Weise, wie die Menschen auf die große Katastrophe reagierten und welche sozialen und politischen Folgen die Epidemie für die Gesellschaft hatte. Unter anderem wurden Arbeitskräfte knapp und teuer, weil überdurchschnittlich viele Arme gestorben waren. Viele italienische Höfe waren verwaist, so dass Bauern und Pächter bessere Vertragsbedingungen aushandeln konnten. Alles in allem gab es zwar strukturelle Veränderungen, aber nirgendwo, konstatiert der Autor „etablierten sich als Folge der Pest neue Machteliten auf Dauer“. Auch die Erwartungen der Gelehrten, aus der großen Pest würden die Menschen geläutert und besser hervorgehen, hatten sich nicht erfüllt. Ähnlich dramatisch schrieben und schreiben heute einige der Experten, dass Corona das Potenzial besitze, ein neues Zeitalter einzuläuten. Das sieht Volker Reinhardt deutlich skeptischer: „Wenn man aus der Geschicht der großen Seuchen etwas für die Zeit der Corona-Pandemie und ihre Folgen lernen kann, dann dass noch keine Epidemie jemals eine neue Epoche eingeläutet hat“.

Volker Reinhardt. „Die Macht der Seuche – Wie die Große Pest die Welt veränderte. 1347 – 1353“ 
C.H.Beck Verlag, München. 256 Seiten, 24 Euro.

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