Zur Neuerscheinung des Buches „20 Jahre Kunst im RBK“ von Insa Schrader, COCON CONCEPT

Das Buch bietet mit den Textbeiträgen ein weites Spektrum an inhaltlichen Aspekten, die verdeutlichen, warum zeitgenössische Kunst im Krankenhauskontext in vielerlei Hinsicht eine gewinnbringende und heilsame Wirkung hat, wo sie innerhalb der funktional-modernistischen Architektur geradezu notwendig ist und wie sie auf Patienten, Mitarbeiter und Besucher wirkt. Durch die in Statements und Rückmeldungen zu Wort kommenden Mitarbeiter, Besucher, Patienten und Wegbegleiter wird dieser Aspekt durch weitere Blickwinkel ergänzt. Da in Deutschlands Kliniken bislang kein in Umfang und Qualität vergleichbares Projekt existiert, kann die Publikation Impulse geben und zu Austausch und Diskussion einladen. Gerade im internationalen Vergleich bestätigt sich der visionäre und zukunftsweisende Ansatz, den das RBK mit seinem innovativen Kunstkonzept verfolgt, durch patientenorientierte Kunst eine heilungsfördernde Krankenhausumgebung zu schaffen.

Seit 1998 verfolgt das Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) das Ziel, mit anspruchsvoller zeitgenössischer Kunst das therapeutische Milieu im Krankenhaus zu unterstützen. Bis 2018 konnten mit der finanziellen Unterstützung der Robert Bosch Stiftung 48 Kunst-am-Bau-Projekte von 39 Kunstschaffenden – abgestimmt auf therapeutische und funktionale Aspekte – in den verschiedenen Pflege- und Funktionseinheiten realisiert werden. In der Publikation „Healing Art. Wie Kunst im Krankenhaus Heilung fördert” wird die ganze Vielfalt der Kunstprojekte dokumentiert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

Das Buch ist in Bild- und Textkapitel gegliedert, die sich alternierend abwechseln. In den einzelnen Fotopassagen sind die Kunstprojekte thematisch gebündelt und wie bei einem virtuellen Spaziergang erlebbar. Sie führen den Leser von künstlerisch gestalteten Eingangs- über Untersuchungsbereiche auf die Stationen, zeigen ihm Deckengestaltungen in Intensiv- und Aufwachräumen, geben Einblicke in die Kunst der Patientenzimmer und in Erweiterungsbauten sowie in Aufenthalts- und Durchgangsbereiche. 

Die vielseitigen Aspekte von Kunst im Krankenhaus beleuchten sechs Textbeiträge verschiedener Autoren aus den Bereichen Kunst, Architektur, Health Care Design und Unternehmensphilosophie. Die Herausgeberin Isabel Grüner, Kunsthistorikerin und seit 2001 Kuratorin der „Kunst im RBK“, beschreibt in ihrem Text die Entwicklungsgeschichte „Vom Pilotprojekt zum richtungsweisenden Kunstkonzept im Gesundheitswesen“. Der Beitrag stellt das über 20 Jahre gewachsene Kunstkonzept vor, in dem sie historische Vorläufer in Deutschland benennt, die einzelnen Entwicklungsetappen beschreibt und mittels exemplarisch ausgewählter Kunst-am-Bau-Projekte die bewährte Praxis aufzeigt, Kunst bereits in die Planungsphase zu integrieren und auf architektonische Gegebenheiten und die Bedürfnislage der Patienten abzustimmen. 

Austausch und Standards

Die Autorin gliedert die Projekte in verschiedene Themen und künstlerische Ansätze, hebt Alleinstellungsmerkmale wie Deckengestaltungen in Intensivstationen hervor, beschreibt Auswahlkriterien und -gremien und reflektiert die Erfahrungen mit der Wirkung von Kunst im Krankenhaus anhand einer internen Studie und den Patientenrückmeldungen. Am Ende ihres Beitrages schlägt sie den Bogen zu internationalen wissenschaftlichen Untersuchungen zum „Healing Environment“, wozu neben evidenzbasierter, patientenorientierter Architektur und Innenraumgestaltung auch die Kunst als wesentlicher Umgebungsfaktor zählt. Der Artikel plädiert abschließend für einen internationalen Austausch, um auf einer breiten Erfahrungsbasis den Ausbau von „Healing Art“ durch die Entwicklung von Leitlinien als Standard für Krankenhäuser etablieren zu können. 

Martin Seidel ist als versierter Kunst- und Architekturpublizist spezialisiert auf Kunst am Bau. Er empfiehlt bei zukünftigen Bauausschreibungen interdisziplinäre Kooperationsverfahren für Architekten und Künstler anzustreben, um eine Gleichberechtigung der Disziplinen und eine ganzheitliche Baukultur zu erreichen. Außerdem rät er bei geplanten Baumaßnahmen dazu, bereits frühzeitig künstlerische Strategien zu entwickeln und diese gezielt zwischen Bauherr, Nutzern, Architekt, Landschaftsarchitekt und Künstler zugunsten qualitativ überzeugender Kunst-am-Bau-Lösungen zu vermitteln. 

Ute Ziegler lehrt und forscht als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Innenarchitektur an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur zum Thema Health Care Design. Sie erläutert in ihrem Text Begriffe und Ansätze dieser seit den 1970er Jahren vorwiegend im angelsächsischen und skandinavischen Sprachraum wachsenden Bewegung. Diese untersucht die Wechselwirkungen zwischen Medizin, Architektur und Design und geht davon aus, dass das erlebte Krankenhausumfeld wesentlich zum psychischen und physischen Wohlbefinden und damit zur Genesung der Patienten beiträgt. Um gestalterische und künstlerische Disziplinen evaluieren zu können, sind das Evidence und Experience-based Design wichtige Instrumente, die in Deutschland bei der Entwurfsplanung noch weitgehend ungenutzt bleiben. Ute Ziegler veranschaulicht an einem exemplarischen Forschungsprojekt, wie diese Ansätze eingesetzt und in einem partizipativen Prozess auch Patienten, Ärzte, Therapeuten und Pflegende einbezogen werden können.  

Hannes Trüjen als Künstler – mit viel Erfahrung bei der Planung und Umsetzung von Kunstprojekten im Gesundheitsbereich – stellt in seinem Beitrag nicht nur seinen eigenen künstlerischen Ansatz dar; er nutzt ihn zudem, um „Rollenverständnisse, Gestaltungsthemen und Problemzonen im Planungsfeld Krankenhaus“ thesenartig und provokativ zu beleuchten. Ausgangspunkt seiner Erläuterungen ist ein Plädoyer für Gestaltung, die neben der Komplexität der Funktionen auch menschliche Bedürfnisse nach lebenswerter Umgebung und anregendem Arbeitsraum berücksichtigt. Um dies zu erreichen, beschreibt er den Künstler mit seiner nicht-funktionalistischen Sicht und besonderen Sensibilität als geeigneten Partner, um in den Planungsprozess andere Anschauungen, Vorgehensweisen und ästhetische Qualitäten einzubringen. Voraussetzung dafür ist aus seiner Erfahrung, dass der Bauherr den Wunsch nach ganzheitlicher Gestaltung durch Kunst oder evidenzbasierter Raumgestaltung in das Leistungsverzeichnis aufnimmt und den Anforderungskatalog bereits kooperativ mit Künstlern, Vertretern internen Berufsgruppen und externen Beratern erstellt. 

Wechselwirkungen mit Kunst

Ulrike Lehmann ist Kunsthistorikerin, PR-Beraterin und Art Coach. Ihr Anliegen ist es, Kunst und Wirtschaft zu verbinden und damit Kreativität und Kommunikation zu fördern. In ihrem Essay zeigt sie vielfältige gewinnbringende Wechselwirkungen zwischen Kunst, dem Unternehmen Krankenhaus, seinen Mitarbeitern und Patienten auf. Ihre zentrale These ist, dass Kunst und Künstler Kreativität nicht nur zum Ausdruck bringen, sondern diese bei Mitarbeitenden und Führungskräften in Unternehmen gleichermaßen befördern. 

Der letzte Beitrag von Catsou Roberts lenkt den Blick auf ein niveauvolles Kunstprogramm in fünf Londoner Krankenhäusern. Es wird von der 1996 gegründeten gemeinnützigen Organisation Vital Arts und seit 2009 von Catsou Roberts als Direktorin verantwortet. Als Kunsthistorikerin und erfahrene Ausstellungs- und Museumskuratorin für zeitgenössische Kunst verfolgt sie den Anspruch, ortsspezifische Kunstwerke von hoher Qualität in die zum Barts Health NHS Trust gehörenden Einrichtungen zu integrieren und den Standard für Kunst in Krankenhäusern zu erhöhen. 

Das Buch bietet mit den Textbeiträgen ein weites Spektrum an inhaltlichen Aspekten, die verdeutlichen, warum zeitgenössische Kunst im Krankenhauskontext in vielerlei Hinsicht eine gewinnbringende und heilsame Wirkung hat, wo sie innerhalb der funktional-modernistischen Architektur geradezu notwendig ist und wie sie auf Patienten, Mitarbeiter und Besucher wirkt. Durch die in Statements und Rückmeldungen zu Wort kommenden Mitarbeiter, Besucher, Patienten und Wegbegleiter wird dieser Aspekt durch weitere Blickwinkel ergänzt. Da in Deutschlands Kliniken bislang kein in Umfang und Qualität vergleichbares Projekt existiert, kann die Publikation Impulse geben und zu Austausch und Diskussion einladen. Gerade im internationalen Vergleich bestätigt sich der visionäre und zukunftsweisende Ansatz, den das RBK mit seinem innovativen Kunstkonzept verfolgt, durch patientenorientierte Kunst eine heilungsfördernde Krankenhausumgebung zu schaffen.

Isabel Grüner/Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart (Hrsg.): Healing Art. Wie Kunst im Krankenhaus Heilung fördert

av edition GmbH, Verlag für Architektur und Design, Stuttgart, 2019
244 Seiten, Hardcover / Deutsch + English / 25 x 28 cm, 123 Farbabbildungen
ISBN 978-3-89986-297-3 
49,00 EURO 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.