Produkte, Gebäude und Dienstleistungen sind für Menschen mit Behinderung oder mit altersbedingten Veränderungen zum Teil nur schwer oder gar nicht nutzbar. Dabei ist es sinnvoll – vor dem Hintergrund von Inklusion und demografischem Wandel –, anstelle spezieller und oftmals defizitorientierter Lösungen für wenige Menschen klare Mehrwerte für möglichst große Gruppen zu schaffen.

Mathias Knigge, Inhaber der Agentur „grauwert – Büro für Inklusion und demografiefeste Lösungen“ und Vorstandsmitglied von EDAD (Design für Alle – Deutschland e. V.) ist überzeugt: Das Konzept „Design für Alle“ bietet hier den richtigen Ansatz, um Angebote zu entwickeln, die unabhängig von Alter oder Behinderung einfach und komfortabel funktionieren, ohne zu stigmatisieren.

Unsere Gesellschaft verändert sich. Hersteller und Handel, aber auch Dienstleister, Tourismus und der Kulturbetrieb stehen in Zukunft zunehmend Kundinnen und Kunden höheren Alters oder mit Behinderung gegenüber und müssen auf deren spezifische Bedürfnisse eingehen. Als attraktive Angebote gelten daher eher jene, die nicht nur gut aussehen, sondern auch durch leichte Nutzbarkeit überzeugen – ohne als „Seniorenprodukt“ oder Hilfsmittel wahrgenommen zu werden. 

Arbeit im Kulturbereich

Auslöser für diese Arbeit war für Mathias Knigge die sechs Jahre dauernde Forschungstätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG geförderten Forschungsprojekt „Seniorengerechte Technik im häuslichen Alltag“ (sentha.). Ein wichtiges Ergebnis der Arbeit waren attraktive Produktkonzepte im „Design für Alle“, die auf eine defizitorientierte Gestaltung verzichten.

In einer Studie für das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) hat grauwert mit Partnern (u. a. Kompetenznetzwerk EDAD) das Potenzial gut gestalteter Lösungen im Design für Alle aufgezeigt. Darin wird anschaulich mit zahlreichen Beispielen illustriert, welche Kriterien berücksichtigt werden sollten, damit barrierefreie Lösungen allen Nutzerinnen und Nutzern offenstehen (Neumann et al. 2014).

Wichtige Prinzipien dabei sind: 

  • Gebrauchsfreundlichkeit: Lösungen so gestalten, dass sie einfach und sicher nutzbar sind. 

Damit ein Produkt von einem möglichst großen Nutzerkreis niedrigschwellig und komfortabel eingesetzt werden kann, dürfen keine unverhältnismäßig großen körperlichen Anstrengungen und komplexen Bewegungen notwendig werden. Kraft, Motorik, Sinneswahrnehmung, Denkvermögen, Erfahrung sowie der kulturelle Hintergrund möglichst vieler Nutzerinnen und Nutzer müssen bei der Produktentwicklung berücksichtigt werden. Um Informationen gut wahrnehmen zu können, sollte ein Produkt immer mehrere Sinne ansprechen („2-Sinne-Prinzip“). Durch einfache, leicht verständliche Bedienungsabläufe und eine hohe Fehlertoleranz werden Anwendungsprobleme vermieden.

  • Anpassbarkeit: Lösungen so entwickeln, dass unterschiedliche Nutzerinnen und Nutzer sie an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen können. 

Individuelle Einstellmöglichkeiten ermöglichen mehreren Menschen den Umgang mit einem Produkt. Die veränderbare Höhe von Stühlen oder die Anpassung von Schriftgrößen auf dem Bildschirm können den Nutzerkomfort maßgeblich steigern. Für die Verwendung individueller Hilfsmittel (Brille, Hörgerät etc.) sollten entsprechende Schnittstellen vorgesehen werden.

  • Nutzerorientierung: Nutzerinnen und Nutzer und deren Perspektiven frühzeitig im Entwicklungsprozess berücksichtigen. 

Wer die Bedürfnisse potenzieller Nutzerinnen und Nutzer kennt und sie rechtzeitig in die Produktentwicklung einbezieht, erspart sich kostspielige Planungsfehler. Davon profitieren nicht nur die Kundinnen und Kunden (positives Nutzungserlebnis), sondern auch das Unternehmen (z. B. durch schlankere Prozesse, weniger Serviceanfragen und zusätzliche innovative Ideen). Der Fokus sollte nicht nur auf die Endnutzerinnen und -nutzer gerichtet sein. Auch andere Personen werden das Produkt einsetzen, zum Beispiel Verkaufs-, Reinigungs- oder Kundendienstpersonal sowie Angehörige oder Gäste der Endverbraucherin oder des Endverbrauchers. Durch verschiedene Methoden wie Befragungen, Beobachtungen, Produkttests, Simulationen oder die Verwendung von Normen und Checklisten können die Wünsche der Kundinnen und Kunden ermittelt werden. Verbraucher-, Senioren- und Behindertenverbände bieten dazu weitere Informationen an.

  • Ästhetische Qualität: Nur attraktive Produkte können alle erreichen.

Wesentliche Grundlage für eine Kaufentscheidung ist es, Aufmerksamkeit und Begehrlichkeiten, zum Beispiel durch Emotionen, zu wecken. Maßgeblich dafür ist eine ansprechende äußere Gestaltung der Produkte, die sich in die Lebenswelt der Nutzerinnen und Nutzer positiv einfügt.

Eventuelle Unterstützungsfunktionen zur besseren Bedienbarkeit sollen nicht als stigmatisierende Sonderlösung, sondern als attraktiver Mehrwert dargestellt und auch so wahrgenommen werden.

  • Marktorientierung: Produkte breit positionieren, um das gesamte Marktpotenzial optimal auszuschöpfen. 

Die Anforderungen von „Design für Alle“ dürfen weder für die Kundschaft noch für das Unternehmen zum Preistreiber werden. Es sind letztlich die Mehrwerte der Produkte, die am Markt überzeugen und die Zahlungsbereitschaft erhöhen. Preis, Kommunikation und Vertrieb des Produkts müssen auf die jeweiligen Zielgruppen abgestimmt sein. Dafür sollten die Gestaltungsspielräume bei Produktentwicklungen genutzt werden, damit sich vielfältige Nutzer angesprochen fühlen.

Ausgangspunkt der Arbeit im Kulturbereich

Viele Jahre hat Mathias Knigge in einem Entwicklungsprojekt der Fa. Sennheiser gearbeitet, in dem es um barrierefreie Hör- und Sehunterstützung im Theater und Kino ging. Dort entstanden viele Ideen, wie Kultur besser zugänglich und trotzdem attraktiv für verschiedenste Besucher sein kann.

Kulturelle Veranstaltungen werden bei Sprachbarrieren, Hör- oder Seheinschränkungen durch alternative Inhalte zugänglich Dazu zählen Hörunterstützung oder Szenenbeschreibung (Audiodeskription) genauso wie Untertitel oder Sprachversionen (wie Originalsprache). Mit einem speziellen WLAN-Streamer können Spielstätten den Live-Ton verzögerungsfrei auf Smartphones (oder Leihgeräte) der Zuschauerinnen und Zuschauer übertragen. Die Nutzung der barrierefreien App erfolgt im Theater oder Kinosaal individuell und für andere nicht wahrnehmbar.

Als weiteres Beispiel sei das Demografiekonzept für die Kunsthalle Emden kurz beschrieben. Es wurde von der Agentur grauwert mit dem Ziel entwickelt, Barrieren zu entfernen und attraktiven Komfort bei der Kunstbetrachtung zu schaffen. Ein ebener Zugang, leserliche Beschriftungen, aber auch erhöhte Sitzgelegenheiten gehören dazu. Neben den konkreten Maßnahmen unterstützte grauwert das Museum bei der langfristigen Umsetzung dieser Anpassungen mit einem Planungshandbuch.

Beispiele der inzwischen etablierten Arbeit im Kulturbereich

Mathias Knigge unterstützt hier Museen und Theater bei der Analyse ihres Angebotes, bei der Planung neuer Lösungen und Gestaltung attraktiver Ausstellungen. Das Spektrum reicht von der Hamburger Kulturbehörde, der Hamburger Kunsthalle, dem Altonaer Theater bis zur Klassik Stiftung Weimar. Dabei profitieren die Häuser von den Erfahrungen mit barrierefreien Angeboten im Tourismus (scandic Hotel) und Politik/Verwaltung (Hamburger Bürgerschaft / Rathaus).

Die Hamburger Kulturbehörde hat sich zum Ziel gesetzt, langfristig barrierefreie Kulturangebote in der Stadt zu etablieren. Dazu gab sie die Entwicklung einer Workshop-Reihe zu diesem Thema für Museen und Theater in Auftrag. Inzwischen wurden dazu sechs Workshops in Theatern und Museen durchgeführt. Teilnehmende aus den Bereichen Leitung und Personal, Bau und Technik, Vermittlung und Kommunikation sowie dem kuratorischen Bereich konnten so eine neue Blickweise auf die vielfältigen Bedürfnisse von Besucherinnen und Besuchern entwickeln und eruieren, wo konkreter Handlungsbedarf besteht.

Die Workshops helfen zu differenzieren, welche Schritte schnell erfolgversprechend umgesetzt und positiv zu kommunizieren sind. Kultureinrichtungen können dadurch ihre begrenzten finanziellen Mittel sinnvoll und gezielt einsetzen. Praxistipps und Beispiele aus der interdisziplinären Arbeit ermöglichen es den Teilnehmenden, bereits im Rahmen der Workshops Lösungsansätze abzustimmen.

Für die Ausstellung „Art and Alphabet“ im Jahr 2017 in der Hamburger Kunsthalle wurde ein Vermittlungskonzept entwickelt, um einer möglichst breiten Gruppe von Besucherinnen und Besuchern den Zugang zur Ausstellung zu eröffnen. Durch eigens konzipierte und gestaltete Stationen werden die Kunstwerke für verschiedene Sinne (Sehen, Hören, Tasten, Riechen) erfahrbar. Das Konzept legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Vermittlung an Blinde und Sehbehinderte, lädt mit seinen Angeboten aber ausdrücklich alle Besucherinnen und Besucher ein, die Ausstellung in ihrer sinnlichen Vielfalt kennenzulernen. Von den Vermittlungsstationen, den deskriptiven Bildbeschreibungen und der akustischen Führung durch die Ausstellung profitieren Besucherinnen und Besucher mit unterschiedlichsten Bedürfnissen.

Auch im Rahmen des derzeit laufenden Hamburger Projekts KulturPlus (https://www.stadtkultur-hh.de/kulturplus) wird der Ansatz des Designs für Alle in den Kulturbereich einbezogen, damit nicht spezielle Lösungen für wenige, sondern attraktive Angebote für viele Menschen geplant, umgesetzt und wahrgenommen werden.

Design als Schlüssel für Veränderung

Es ist ein Kernbestandteil des Designs, mit Vielfalt umzugehen und Komplexität in einfache Lösungen zu überführen, die für sämtliche Lebenslagen geeignet sind. Studien belegen: Es ist kein bedeutender Mehraufwand, die Dimension der Diversität bei der Produktentwicklung mitzudenken, doch der dadurch erzeugte Mehrwert ist im Ergebnis hoch – etwa zufriedene Kundinnen und Kunden, mehr potenzielle Nutzerinnen und Nutzer, weniger Rückläufe, Fehlbedienungen und ähnliches –, so dass sich das zusätzliche Engagement als eine Investition in die Zukunft lohnt.

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