In einem waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der hochkarätig besetzten WIBU Parkgespräche – von Karla Kämmer und Friedrich Trapp wieder sehr versiert vorbereitet und exzellent moderiert – einig: Es braucht viel mehr an Aufmerksamkeit und öffentliche Wertschätzung für die Pflegebranche. Johannes Pennekamp, verantwortlicher Redakteur für die Wirtschaftsberichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) schwebt so etwas wie eine „Greta Thunberg der Pflege“ vor.

Karla Kämmer und Friedrich Trapp

Er analysierte in seinem Referat das „Image der Altenpflege in den Medien“ und offenbarte dabei, dass der Beruf und die Tätigkeit in der Altenpflege ein hohes Ansehen genießen, hingegen die „Pflegekonzerne und -firmen“ sehr kritisch gesehen werden. Corona habe aber grundsätzlich der Pflegebranche ein – wenn auch zeitlich begrenztes – Zeitfenster mit einer hohen Aufmerksamkeit und Sympathie eröffnet, das genutzt werden müsse, um wichtige Themen und Forderungen für die Zukunft zu formulieren.

Und dass es dabei besser wäre, mit einer Stimme zu sprechen als in einem in sich widerstreitenden Chor verschiedener Träger und Verbände regte auch Ingo Poggensee von Pawlik Consultants an: „Es braucht für Pflege einen Lobbyismus 4.0 und den Willen, Pflege völlig neu zu denken“, so Ingo Poggensee.

An diese Aufforderungen und Ermutigungen konnte auch das Referat von Dr. Stefanie Wiloth von Institut für Gerontologie an der Universität Heidelberg anknüpfen. Denn die Wissenschaftlerin verdeutlichte noch einmal, dass die Anstrengungen der Branche, (neue) personelle Ressourcen zu erschließen, nicht ausreichen werden, um die künftigen Aufgaben und Herausforderungen von Pflege und Betreuung zu erfüllen. Von daher wäre es wichtig, viel stärker auf Prävention zu setzen. Und es stelle sich die Frage, ob das Bewusstsein für die (künftigen) Aufgaben der Pflege bekannt sind und wie handlungsbereit die Gesellschaft in Sachen Pflege ist? „Gibt es lediglich ein Problembewusstsein oder vielleicht sogar ein Verantwortungsbewusstsein?“, formulierte Stefanie Wiloth als eine offene, nicht zu beantwortende Fragestellung. Für sie braucht es aber einen radikalen Perspektivenwechsel, damit Sorgearbeit auch in Zukunft gelingen mag. Insbesondere die Babyboomer würden einen neuen Blick auf Pflege verlangen. Es ginge schlichtweg um die Förderung von Autonomie, sozialer Interaktion und Partizipation von alten, hochbetagten und auf Pflege angewiesenen Menschen. Eine solche gesellschaftliche Entwicklung braucht natürlich auch die entsprechenden Lebensräume. Herrschte bei den Ausführungen des international anerkannten und berühmten Architekten Max Schwitalla aus Berlin im Auditorium der rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Parkgespräche noch Einigkeit darüber, dass die Stadtentwicklung der Zukunft ein integratives Zusammenleben mit unterschiedlichen Interessen, Bedarfen und Bedürfnissen ermöglichen muss, mit ressourcenschonendem Bauen, intelligenter Raumnutzung und einer Garantie neuer Formen von Mobilität, so ging es bei den Wohnformen für das Alter und den verschiedenen Produkten und aktuellen Ausgestaltungen durchaus auch kontrovers-konstruktiv „zur Sache“. Doch diese verständlichen Widersprüche und mehr oder weniger divergierende Perspektiven von Investoren (Martin Engel, Aedificia), Planern (Axel Winckler, WRS Architekten & Stadtplaner), Projektentwicklern (Dr. Walter Zorn, Terragon) und wissenschaftlicher Publizistik (Dr. Stefan Arend) waren ebenso wertvoll und anregend wie der kollegiale Austausch am Abend bei Wein und Kultur in den Würzbürger Weinbergen.

Abschließend befassten sich drei Arbeitsgruppen mit den derzeit drängenden Fragestellungen der Branche: 1. Wie steigern wir unsere Attraktivität und gewinnen junge Menschen für die Pflege? 2. Nach dem Rettungsschirm: Strategien zwischen Sparen und Investieren und 3. Welche Prioritäten im Management und Organisation stehen jetzt an?

Die beeindruckenden Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit sind Grundlage für ein Ergebnis- und Strategiepapier, das sich – wie bei den vergangenen Parkgesprächen – an die Politik auf Bundesebene richten wird.

Dr. Albert Weiler, langjähriger MdB und „politischer Schirmherr der Parkgespräche“, versicherte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, dass diese Papiere durchaus Wirkung erzielen und eine große Bedeutung für die Entwicklungen der Sozialpolitik haben. Was sich auch Torsten Harer, Geschäftsführer der WIBU objekt+, bei seiner Begrüßung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wünschte.

WIBU und dem Team von Karla Kämmer kann und muss man zusammenfassend für dieses inhaltlich hochkarätige Parkgespräch – gepaart mit einer sehr herzlichen Gastfreundschaft in einer angenehmen Atmosphäre – danken. Und der Termin und Ort für das kommende Parkgespräch steht auch schon fest, nämlich der 23. und 24. Mai 2023 in Kassel-Wilhelmhöhe.

Und vielleicht ist dann auch die Frage geklärt, wer das „Gesicht der deutschen Langzeitpflege“ sein könnte. Wie wäre es mit dem Chef von BeneVit, Kaspar Pfister? Sein Vortrag über das System „Stambulant in Hausgemeinschaften“ zeigte wieder einmal, welch langen Atem man in der Branche über viele Jahre haben muss, um ein allseits anerkanntes und hochgeschätztes System in der realen Pflegewelt zu etablieren. Wer das mit dieser Haltung eindrucksvoll bewiesen hat, der ist vielleicht auch die richtige Persönlichkeit, um die Interessen der Branche gegen Politik, Kassen und Behörden zu vertreten. Wie wär´s? Vielleicht wissen wir es bei den nächsten WIBU Parkgesprächen?

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