Wenn man die einschlägigen Publikationen verfolgt, die über den Bau von Pflegeeinrichtungen berichten, dann macht sich weitgehend Ernüchterung breit: Denn es gibt zwar hie und da die ambitionierten wie beeindruckenden Projekte, denen der schwierige Spagat zwischen den Erfordernissen einer Spezialimmobilie für schwerstpflegebedürftige Menschen und der Schaffung von qualitätsorientierten Lebensräumen gelingt, aber in der Regel begegnen dem Betrachter fast immer und durchgängig dieselben langweiligen funktionellen Baukörper; „Schuhkartons“ mit wenig architektonischem Pfiff oder gar interessanten Details, die den Betrachter verweilen lassen oder sogar ein Aha-Erlebnis auslösen könnten. Im Gegenteil! Man hat fast den Eindruck, als wären den Architekten und Planern die kreativen gestalterischen Ideen ausgegangen; zumindest dann, wenn es um den Bau von Pflegeimmobilien geht. 

Man kann beim Bau von Pflegeheimen – im Gegensatz zu anderen öffentlichen Bauten oder den Entwicklungen im Wohnungsbau oder auch beim Industriebau – so gut wie keine individuelle architektonische Handschrift ausmachen, die man mit einem Investor oder einem Betreiber in Verbindung bringen könnte. Die Pflegeimmobilien sind völlig austauschbar. Höchstens ein Logo am Haus bietet Orientierung, um welche Organisation es sich handelt, die im Gebäude wirkt oder das Bauwerk hat errichten lassen. Die Architekten und Planer dieser trostlosen pflegerischen Zweckbauten werden oftmals gar nicht mehr genannt. Vielleicht ist das dem einen oder anderen Büro sogar recht. Denn so kann man auch nicht mit einem Gebäude in Verbindung gebracht wird, das augenscheinlich nur einem einzigen Zweck dient, nämlich – schnell und billig gebaut – Teil des lukrativen Pflegeimmobilienmarkts zu werden, mit der Aussicht auf durchaus attraktive Renditen. So wird dem Diktat wirtschaftlicher Optimierung gehorchend bei Pflegeheimen oftmals auch auf wichtige architektonische Attribute verzichtet, die in unseren Kulturbreiten für Wohn- und Lebensqualität stehen, z.B. auf einen Balkon, eine Terrasse oder die zumindest optische Trennung von Wohn- und Schlafbereichen. Architektonisch kehrt damit die „Verwahranstalt für alte Menschen“ zurück, die man mit der Entwicklung von kleinteiligen Wohngruppen und Hausgemeinschaften schon lange überwunden dachte. Dies hat natürlich auch unmittelbar Einfluss auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Eine unwirtliche Umgebung verhindert eine lebensbejahende Einstellung zur Aufgabe. Das ist gerade bei Pflege und Begleitung fatal. 

Diese traurige Entwicklung wird auch bei der weitestgehend lieblosen oder auch misslungenen Gestaltung der Innenräume von Pflegeheimen deutlich. Nur sehr wenige Gebäude weisen so etwas wie eine innenarchitektonische Sprache auf. Die Regel ist vielmehr, dass die Ausstattung und Gestaltung mit Bodenbelägen, Türen, Wandabwicklungen, Textilien, Farben und Möbeln nicht aufeinander abgestimmt sind, weil explizit auf Innenarchitektur verzichtet wird. Im besten Falle schaut der Planer des Gebäudes mit einem halben Auge auf die Ausstattung und Gestaltung der Innenräume. Im worst Case wird die preisgünstigste Inneneinrichtung von einem Projektkoordinator in Einzeltranchen vergeben und gekauft. So entsteht ein Sammelsurium unterschiedlichster Materialien, Farben, Formen und Möbeln von der Stange eines Objekteinrichters. Kein Wunder, dass zum Beispiel viele Aufenthalts- und Allgemeinbereiche von Pflegeeinrichtungen – wie aus dem Katalog entsprungen – steril, abweisend und nicht einladend wirken. Diese Flächen müssen entsprechend den Bauverordnungen der Länder für Pflegeeinrichtungen nachgewiesen werden, sind aber oftmals eher Showrooms für Besucher am Tag der offenen Tür und werden im Alltag der Einrichtung nicht gelebt. 

Dazu trägt auch bei, dass nur die allerwenigsten Gebäude eine Lichtplanung aufweisen, obwohl man hinlänglich über die große Bedeutung der richtigen Beleuchtung weiß, zum Beispiel durch ein biodynamisches Licht, das den Tagesrhythmus nachempfindet und abbildet. Gerade für Menschen, die von Demenz betroffen sind, fördert dies das Wohlbefinden und gibt Orientierung. Die Forschung dazu ist Legion und beweist auf beeindruckende Weise die Wirksamkeit und Wirkung von Lichtkonzepten. Dasselbe gilt für die wissenschaftlich fundierte Farbgestaltung, die ebenso regelhaft auch in neuen Pflegeimmobilien fehlt. Und leider erinnert die Raumempfindung vieler Pflegeheime eher an Kindertagesstätten, die für die Jüngsten anregend und perfekt wäre, aber eben nicht passend ist für die hochkomplexe, anspruchsvolle Begleitung und Pflege hochbetagter Menschen.

Die Sanitärräume in Pflegeeinrichtungen, die vielerorten noch immer als „Nasszellen“ bezeichnet werden, sind weit davon entfernt, die Anforderungen an einen anregenden Lebensraum zu befriedigen. Selbstredend erfüllen sie die einschlägigen DIN-Normen, sind barrierefrei ausgestaltet und verfügen über die notwendigen Schutz- und Hilfsvorrichtungen, aber einen ästhetischen Anspruch erheben nur die wenigsten. Im Gegenteil: Die meisten Bäder in deutschen Pflegeeinrichtungen stigmatisieren die Bewohnerinnen und Bewohner – mit einem durch Haltegriffe, Klappspiegel, Duschstühlen und Notrufvorrichtungen zur Schau gestellten und manifestierten Hilfebedarf.

Die großen, immer mehr auch internationalen Pflegeketten setzen verstärkt – analog der Logik der Systemgastronomie und -hotellerie – auf eine fest vorgegebene Gestaltungslinie ihrer Immobilie, in der äußeren wie inneren Gestaltung. Diese Gebäude werden auf der Basis einer normierten, skalierbaren Planung in einer System- oder Fertigbauweise errichtet. Auch das spart Zeit und Geld. Investoren und Betreiber müssen sich dabei nur noch für die jeweilige Größeneinheit der Immobilie entscheiden: mit der Auswahl von 60, 80, 100 oder mehr „Betten“. Die Größe der Zimmer richtet sich nach den landesrechtlichen Mindestanforderungen – bei Einzelzimmern also in der Regel gerade einmal zwischen 12 und 14 Quadratmetern. Abzüglich des Raums für das Pflegebett, eines Nachttischs und eines Kleiderschranks bleibt dann – wenn überhaupt – nicht mehr viel Platz für persönliche Attribute oder gar Präferenzen der Bewohnerinnen und Bewohner. 

So weichen individuelle Gestaltungen und die Berücksichtigung von regionalen Traditionen, die identitätsstiftend sind, einem gestalterischen Einheitsbrei, der deutschlandweit ausgerollt werden kann. Das mag zwar für Schnellrestaurants und Walk-in-Businesshotels passend sein, ob dies aber ausgerechnet die angemessene Richtschur für Pflegeheime ist, die Raum für vulnerable Menschen in besonders belastenden, herausfordernden biografischen Lebenssituationen und existentiellen Krisen bieten und auch ein anregender Arbeitsplatz für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein soll, das muss angezweifelt werden. Wir wissen um die engen Wechselwirkungen von Architektur, Raum, Wohlbefinden und der Ausgestaltung von Dienstleistungen. „Healing architecture“, also frei übersetzt „heilende Gestaltung“, ist mittlerweile zu einer geflügelten Bezeichnung geworden. Die jetzige Entwicklung des Pflegeheimbaus geht offensichtlich in eine andere Richtung und muss uns daher in (große) Sorge versetzen. 

Auch Architekten und Planer können dieser Entwicklung mit ihrem gestalterischen Know how, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, vor allem aber mit ihrer fachlichen Haltung durchaus einen Kontrapunkt setzten. Auch die selbstbewusstesten Investoren sind zwingend auf Beratung angewiesen, wenn es gilt, gelingende und damit auch (wirtschaftlich) erfolgreiche Lebensräume für die zu Pflegenden und die Pflegenden zu schaffen. Mit dieser fundierten Beratung lässt sich die gegebene Asymmetrie zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer ausgleichen. Und mit neuen, kreativen Ideen, mit dem Einsatz alternativer Baustoffe, Schaffung neuer Gebäudegliederungen und einer nachhaltigen Energieversorgung ist es auch möglich, die eng geführten Vorgaben der Sozialhilfeträger umzusetzen und die Richtlinien bei den Investkosten einzuhalten. Das alles zusammen bietet unserer Gesellschaft, die sich um ihre vulnerablen Menschen sorgen will, eine wichtige, die richtige Perspektive. Es ist einen Versuch wert!

(Foto: pixabay)

Veranstaltungstipp Zoom-Webinar Zukunft Gutes Wohnen:

Dr. Stefan Arend im Gespräch mit dem Architekten Jörg Lammert, GEROTEKETEN, im Rahmen der Veranstaltung Zukunft Gutes Wohnen am 02. März.
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