Eine steile These:

„Deutschland hat das beste Gesundheitssystem der Welt, was den freien Zugang zu allen medizinischen Leistungen angeht.“

Mit diesen Worten eröffnete Karl Max Einhäupl, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Charité-Universitätsmedizin Berlin, die Diskussion.

Bei anderen Kriterien liege Deutschland im Vergleich mit anderen europäischen Ländern immerhin noch unten den ersten sechs. Ein freier Systemzugang ist besonders wichtig, weil die deutsche Bevölkerung – im Vergleich zu anderen OECD-Ländern – mit höheren Risikofaktoren zu kämpfen hat. Dazu gehören zum Beispiel chronische Erkrankungen wie Diabetes, die eine höhere Morbidität mit sich bringen. Aber auch der hohe Tabak- und Alkoholverbrauch deutscher Bürger verursacht mehr Folgeerkrankungen genauso wie der Anstieg der Adipositasfälle in den vergangenen Jahren.

Bei der Frage von Zuzahlungen, also der Kosten, die nicht vollständig von der Krankenversicherung getragen werden, steht Deutschland relativ gut da.

Im Jahr 2017 mussten Patientinnen und Patienten etwa 12,4 Prozent der Gesundheitsausgaben selbst tragen. In Schweden betrug der Anteil 15,2, in Lettland, Zypern und Bulgarien dagegen über 40 Prozent.

Als weiteres Kriterium eines gerechten Gesundheitssystems gilt der Anteil der Haushalte mit sogenannten katastrophalen Selbstzahlungen. Damit sind nach der Definition der OECD diejenigen medizinischen Kosten gemeint, die 40 Prozent der gesamten Konsumausgaben eines Haushaltes übersteigen. Hier nimmt Deutschland einen guten Mittelplatz ein. 2018 hatten 3,2 Prozent der Haushalte sehr hohe Ausgaben. Im Durchschnitt sind zwei bis drei Prozent der Haushalte in Slowenien, Irland, Großbritannien, Schweden und Frankreich von solchen Zahlungen betroffen. In Lettland, Ungarn, Portugal, Griechenland, Litauen und Polen liegen die Zahlen dagegen bei über 8 Prozent.

Wie aber sieht es mit der Qualität der medizinischen Leistungen aus? Ländervergleiche, die sich auf unterschiedliche Strukturen beziehen, sind naturgemäß schwierig. Darauf weist Geralt Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft hin. So hat Deutschland nach den OECD-Vergleichen eine hohe Rate an der 30-Tage-Herzinfarkt- und Schlaganfallmortalität nach der Aufnahme in ein Krankenhaus. In diesem Punkt liegt es auf den mittleren Plätzen. Der Grund: In Deutschland bleiben die Patienten mit Herzinfarkt – im Vergleich zum Beispiel zu Dänemark oder Holland – allgemein länger im Krankenhaus. Damit wächst auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie dort versterben.

Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Fakultät Wirtschaft und Management der Technischen Universität Berlin, betont einen weiteren negativen Faktor:

„Im Vergleich zu neun europäischen Ländern hat Deutschland die zweitschlechteste Position in Bezug auf die Bevölkerungsgesundheit. Schlechter steht nur das Vereinigte Königreich da.“

Mit Bevölkerungsgesundheit ist die Sterblichkeit gemeint, die durch Prävention vermeidbar wäre.  Ein Beispiel sind die jährlich circa 30.000 Herzstillstände in den Kliniken, von denen die meisten wohl zu verhindern wären. So werden mehr als ein Drittel der Fälle von Ärzten und Pflegekräften zu spät entdeckt. Andere vergleichbare Länder schulen das medizinische Personal, um solche lebensbedrohlichen Situationen möglichst früh zu entdecken. Die Verknüpfung von Daten könnte eine bessere Gesundheitsversorgung ermöglichen. Aber was man nicht messen kann, lässt sich auch nicht verbessern. Wie so viele andere forderte Geralt Gaß:

„Wir müssen unbedingt die Digitalisierung vorantreiben.“

In der Digitalisierung hinkt Deutschland bekanntlich hinterher. Länder wie Estland, Lettland, Korea in Asien oder die skandinavischen Länder haben hier die Nase vorn.

In Finnland hat jeder Mensch sowie das Gesundheitspersonal vollen Zugang zu den relevanten Gesundheitsdaten.

Das gilt sowohl für die Daten aus dem stationären als auch aus dem ambulanten Bereich. Ein Zustand, von dem Deutschland weit entfernt ist.

Können wir uns unser Gesundheitssystem noch leisten und wie kosteneffektiv ist es? Der Anteil der Gesundheitsausgaben am deutschen Bruttoinlandsprodukt betrug 2020 knapp über 13 Prozent. Obwohl sich die gesundheitliche Situation der Bürger und Bürgerinnen nur marginal verbesserte. Nur die USA erzielten noch höhere Ausgaben. Im EU-Durchschnitt lagen die Gesundheitsausgaben bei 9,9 Prozent.

„Auch die Kosten für die Langzeitpflege sind in Deutschland viel höher als in den skandinavischen Ländern“,

erklärt Michael Müller, health policy analyst bei der OECD in Paris.

Ein großer Kostenfaktor sind die Krankenhausbetten. Europaweit betreibt Deutschland pro Einwohner die meisten. Die skandinavischen Länder weisen nur die halbe Bettenzahl auf, Schweden sogar nur ein Viertel. Sehr ungünstig gestaltet sich in Deutschland das Verhältnis von Pflegepersonal zu Krankenhausbetten Hier steht weniger als eine Vollzeitkraft pro Bett zur Verfügung, während diese Zahl in Dänemark bei mehr als dem Dreifachen liegt. Auch fallzahlbezogen ist die Personaldichte in Deutschland im EU-Vergleich gering. „Wir verschwenden Personal für zu viele Betten und zu viele Behandlungen“, kritisiert der TU-Experte Busse. So liegen deutsche Krankenhäuser zum Beispiel bei Eingriffen an der Wirbelsäule oder beim Gelenkersatz weltweit an der Spitze. Nicht immer empfiehlt sich in solchen Fällen eine Operation. Sie ist jedoch sicher die profitabelste Behandlung. Ein anderes Beispiel für Überversorgung gibt aus der Intensivmedizin – Beatmungsdauer und intensivmedizinische Komplexbehandlung werden sehr gut vergütet. Nicht immer zum Wohl der Patientinnen und Patienten. Alles in allem: Das Zeugnis für Deutschlands Gesundheitssystem fällt recht mittelmäßig aus.

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