Die Benzinpreise in Deutschland sind so teuer wie in kaum einem anderen EU-Land. Nur in Schweden und Finnland müssen Autofahrer laut Statistischem Bundesamt tiefer in die Tasche greifen. Auch wenn die Preise seit den Höchstständen vom März zuletzt wieder leicht gesunken sind, sind sie immer noch deutlich höher als zu Jahresbeginn.

Ambulante Pflegedienste trifft das besonders hart. Sie können und wollen die Fahrten zu Patient:innen nicht reduzieren. Aber teilweise ist es ihnen nicht mehr möglich, neue Aufträge anzunehmen. Auch die Caritas hat zuletzt gewarnt, dass die Versorgung gerade im ländlichen Raum ernsthaft gefährdet sei. 

Pflegedienste haben bei der wirtschaftlichen Planung sehr wenig Spielraum und müssen ihre Kosten langfristig mit Kranken- und Pflegekassen verhandeln. Für unvorhergesehene Entwicklungen wie die hohen Benzinpreise können sie kaum vorsorgen.

Was können Pflegedienste tun? 

Bei kenbi haben wir mehrere Maßnahmen unternommen, um mit den Preissteigerungen umzugehen. Wir sind ein ambulanter Pflegedienst mit 30 Standorten, die sich alle im ländlichen Raum befinden: in Niedersachsen, NRW, Schleswig-Holstein und Hessen. Unsere Dienstfahrzeuge sind über 100 km am Tag unterwegs, durchschnittlich 20.000 km im Jahr. 

Kurzfristig haben wir mehr Poolfahrzeuge angeschafft. Wann immer möglich, fahren wir gemeinsame Touren zu mehreren Patient:innen. In vielen Fällen geht das aber nicht, da sie zu weit voneinander entfernt leben oder die Besuchszeiten zu weit auseinander liegen. Unsere Flotte besteht derzeit zum Großteil aus Hybridfahrzeugen, auch das federt die hohen Benzinpreise zu einem Teil ab. Beides hilft in der derzeitigen Situation aber nur bedingt. Wir verzeichnen Kostensteigerungen von über 40 Prozent für unsere Flotte. 

Umstieg auf E-Autos in der Pflege 

Die größte Stellschraube, um uns unabhängig von den Benzinpreisen zu machen, ist natürlich, unsere Flotte zu elektrifizieren. Wir haben uns schon 2021 auf die Strategie geeinigt, vollständig auf Elektrofahrzeuge umzusteigen. Aber hier gibt es wiederum große Lieferengpässe, weshalb wir hier noch nicht so weit gekommen sind, wie wir es gerne hätten. Wir sind davon überzeugt, dass die Vorteile von Elektroautos in der ambulanten Pflege bei weitem überwiegen: neben der Unabhängigkeit vom Spritpreisen sind das emissionsfreies Fahren und geringere Betriebs- und Wartungskosten. Gerade für Anbieter auf dem Land wie kenbi gibt es hier jedoch auch ein großes Problem: die Ladeinfrastruktur ist bei weitem nicht genug ausgebaut. Für weite Strecken braucht es auch unterwegs Lademöglichkeiten, nicht nur beim Pflegedienst selbst. 

Pflegedienste brauchen stärkere Unterstützung

Was hilft Anbietern in der ambulanten Pflege? Klar ist: die Preise für Patient:innen zu erhöhen, ist keine Option. Aber sowohl die Politik als auch die Kranken- und Pflegekassen können mehr für uns tun. 

Es ist zum einen notwendig, dass feste Entgelte wie die Wegepauschale jetzt schnell nachverhandelt werden. In Niedersachsen liegt die Pauschale gerade zum Beispiel bei nur 4,02 Euro pro Anfahrt. Damit können wir die Kosten nicht decken.

Die Bundesregierung muss zum anderen die Herausforderungen, die sich für die ambulante Pflege ergeben, stärker in den Blick nehmen. Dass Unternehmen, die besonders von den steigenden Preisen betroffen sind, zinsgünstige Kredite gewährt werden, ist nur wenig hilfreich, da diese zurückgezahlt werden müssen. Die Möglichkeiten für Zuschüsse erscheinen zurzeit wie ein Flickenteppich und sind sehr kurzfristig ausgerichtet. Es braucht Maßnahmen, die genauer auf Pflegeunternehmen zugeschnitten sind. 

Unter den derzeitigen Finanzierungsbedingungen müsste sich der Benzinpreis wieder bei 1,50 € einpendeln, um wirtschaftlich agieren zu können. Wann und ob das wieder der Fall sein wird, weiß niemand. Die Lage unterstreicht daher deutlich, wie wichtig es für Branchen wie die ambulante Pflege ist, den Umstieg auf Elektrofahrzeuge zu schaffen. Es muss daher die oberste Priorität sein, die Ladeinfrastruktur auf dem Land auszubauen. 

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