Großes Potenzial, aber geringe Nutzung

Wenn es darum geht, Lösungen zu finden, wie Menschen mit Demenz sowie deren Begleitern unterstützt werden können, wird technischen Lösungen ein großes Potenzial zugeschrieben. In der Tat schreitet die Entwicklung neuer Technologien in diesem Feld mit großen Schritten voran. Eine Auswertung zeigt, dass sich weltweit die Zahl der entwickelten Anwendungen in den letzten fünf Jahren verdoppelt hat mit steigender Tendenz. Allerdings steht diesem technischen Innovationsschub die Tatsache entgegen, dass die Verbreitung dieser Produkte im pflegerischen Alltag noch gering ist. Begründet wird dies mit fehlendem Wissenstransfer sowie unzureichenden Strategien für die Verbreitung dieser Produkte. 

Ebenso fehlt es an Studien, die zuverlässig die Wirksamkeit der technischen Lösungsansätze untersuchen. Es zeigt sich, dass der Weg der neuen Technologien aus den Forschungslaboren in die reale Lebenssituation von Menschen mit Demenz mühsam ist. Fakt ist auch, dass viele der technischen Lösungen, die im Rahmen großer Forschungsprojekte entwickelt werden, nie das Stadium der Marktreife und damit einen Einsatz im praktischen Alltag von Menschen mit Demenz und deren Pflegenden erreichen. Im Folgenden werden vielfältige Anwendungsbereiche technischer Lösungen in diesem Feld kurz beschrieben.

Draußen unterwegs: Sicherheit durch Ortungsgeräte

Zu den bekanntesten und häufig genutzten technischen Hilfsmitteln für Menschen mit Demenz gehören Ortungsgeräte. Dies sind Unterstützungssysteme, mit Hilfe derer der Standort einer Person bei Bedarf lokalisiert werden kann. Einerseits kann so der demenzbetroffenen Person in Notsituationen geholfen werden, andererseits wird den Pflegenden ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Die Position wird anhand geographischer Koordinaten angeben und über das Mobilfunknetz an einen Empfänger übermittelt. 

Das Beispiel der Ortungsgeräte zeigt sehr gut auf, warum technische Hilfen für sich alleine meist nicht ausreichen, um ein bestimmtes Problem zu lösen. In der Regel erfordern sie auch eine soziale Einbettung. Bei einem Ortungsgerät muss z.B. sichergestellt werden, dass dieses immer aufgeladen ist und auch mitgenommen wird. Wenn es zu einem Notfall kommt oder die Person gesucht werden muss, braucht es Menschen, die prompt und zuverlässig reagieren.

Zukunftsmusik: Smarte Lösungen zur Alltagsunterstützung

In der Häuslichkeit reichen die  eingesetzten Lösungen von Assistenzsystemen, die bei einem Sturz alarmieren, über automatisierte Lichtsteuerung, die Komfort und Sicherheit erhöhen bis zu Herdsicherungen, die das Risiko eines Brandes verringern. Ein relativ neuer Anwendungsbereich ist die Unterstützung in der Ausführung von Alltagsaktivitäten. Speziell für Menschen mit Demenz werden interaktive Erinnerungs- und Begleitsysteme (engl. Prompting-Systems) entwickelt. Diese erfassen, welche Aktivität die Person gerade ausübt und geben auf unterschiedliche Art und Weise (nur Ton, mit Bild und Ton etc.) Hinweise, wie diese Tätigkeit ausgeführt werden kann. Die meisten dieser Systeme befinden sich noch in der Erprobung.

Forschungsarbeiten aus Kanada zeigen, dass ein Schlüssel für einen erfolgreichen Einsatz dieser Technologien das Schlagwort „ohne Mühe zu nutzen“ (zero effort technology) ist. Die neuen Lösungen vermögen es, auf der Basis von präzise analysierten Daten zum Nutzer und seiner spezifischen Lebenssituation, autonome Unterstützungsleistungen zu bieten, ohne dass die Person selbst aktiv werden muss. 

Technik, die Spaß macht

Technik kann nicht nur bei der Kompensation von Defiziten hilfreich sein. Digitale Medien haben auch das Potenzial eine sinnvolle Betätigungsmöglichkeit zu bieten, die Freude bereitet und damit das Wohlbefinden erhöhen. Der Markt hat auf diese Erkenntnis reagiert, so dass die technischen Neuerungen in diesem Bereich rasant voranschreiten. Die Praxis spricht begeistert auf die neuen Produkte an, so dass diese recht schnell einen hohen Verbreitungsgrad erreicht haben. 

Diese neuen digitalen Lösungen bieten spielerische Elemente, die Spaß machen und die Stimmung verbessern. Es handelt sich um einfache elektronische Spiele, die intuitiv zu bedienen sind und schnelle Erfolgserlebnisse zeigen. Sie können alleine oder auch gemeinsam mit anderen ausprobiert werden. Als technisches Medium für diese Spiele erweisen sich Touchscreens aufgrund der einfachen Bedienbarkeit als besonders geeignet.

Mittlerweile gibt es eine Reihe digitaler Angebote, die auf dem deutschen Markt für den spielerischen Einsatz in der Begleitung von Menschen mit Demenz erhältlich sind wie z.B. Memocare (https://memocare.aktivieren.net/) oderMedia4care (https://www.media4care.de). 

Eine andere Technik, die explizit mit der Zielsetzung entwickelt wurde, Menschen mit Demenz Spaß, aber auch gemeinsame Interaktionen in der Gruppe zu ermöglichen, ist die Tovertafel (https://tovertafel.de/). Diese Anwendung basiert auf einer Tischpräsentation über Beamertechnik. Die Lichtprojektionen reagieren auf Hand- und Armbewegungen. Mittels verschiedener Spielemöglichkeiten sollen die Nutzer zur Bewegung animiert werden, um sie körperlich und geistig zu stimulieren und Apathie entgegenzuwirken..

Spielerisch in Bewegung kommen

Unter dem Begriff Serious Games (englisch für ernsthafte Spiele) versteht man digitale Spiele, die nicht primär der Unterhaltung dienen. Dieses Spielekonzept, das Spaß mit ernsten Inhalten verbindet, findet im Gesundheitsbereich immer häufiger Anwendung. Konkrete Anwendungsbereiche bei Demenz sind kognitives Training, Bewegungsförderung sowie Spiele, die die soziale Interaktion stützen. Mit den sogenannten Exergames wird ein neuer Weg beschritten, um Bewegungsübungen entweder in einer virtuellen Welt oder einer Spielumgebung auszuführen. Ziel ist es, neben der Bewegung auch Anregungen für eine kognitive Stimulation zu bieten.

Ein Beispiel ist die Memore Box der Firma Retro Brain R&D GmbH (https://www.retrobrain.de/). Diese in Deutschland entwickelte gestengesteuerte Spielebox et therapeutische Videospiele in Verbindung mit leichten Körperbewegungen. Die Teilnehmenden können kegeln, Motorrad fahren und die Rolle eines Briefträgers übernehmen, der Post in Häuser verteilt. Die Spiele sind so konzipiert, dass sie leicht durchzuführen sind, aber auch Spaß machen. Die Memore Box befindet sich in einer intensiven Erprobung. Bislang konnten positive Effekte für die Stand- und Gangsicherheit, eine Verbesserung der Motorik, Ausdauer und Koordinationsfähigkeit sowie eine Verbesserung der Kommunikation festgestellt werden.

Digitale Zugangswege in der Erinnerungspflege

Ein weiteres Themenfeld, in dem neue Technologien eine wichtige Rolle spielen, ist die Erinnerungspflege. Die neuen Lösungen erlauben es neben persönlichen Erinnerungsmaterialien auch auf den breiten Fundus medialer Materialien zurückzugreifen, die im Erleben der heute alten Menschen eine wichtige Rolle gespielt haben. 

Die umfangreichsten Erkenntnisse zur technikgestützten Erinnerungspflege gibt es aus dem englischen Projekt CIRCA – Computer Interactive Reminiscence und Conversation Aid (http://staff.computing.dundee.ac.uk/nalm/CC_website_at_Dec_2016/index.html).

Grundidee war es, durch die Bereitstellung digitaler Medien den Prozess der Erinnerungspflege zu vereinfachen und damit den Aufwand für die Pflegenden zu reduzieren. Das System ist leicht zu bedienen und erschließt vielfältige Quellen zu kollektiven Gedächtnisinhalten einer Generation. Es gibt Filme, Fotos und Musik mit zeitgeschichtlicher Bedeutung, die vielen Älteren vertraut sind. CIRCA wurde in allen Entwicklungsstufen wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse zeigen, dass durch CIRCA, die Interaktion zwischen Pflegenden und Teilnehmenden sowie deren Lebensqualität verbessert werden kann.

Diese Erfahrungen bestätigen sich in dem kürzlich in Deutschland abgeschlossenen Projekt Interactive Memories (InterMem). https://www.interaktive-technologien.de/projekte/intermem

Intensive Testungen von unterschiedlichen Ausgabemedien führten zu bemerkenswerten Entwicklungen in Bezug auf die Interaktion zwischen den demenziell veränderten Bewohnern und ihren Begleitern. Es konnten bei den Teilnehmenden viele positive Emotionen beobachtet werden, die eng mit dem Erinnern an vergangene Erlebnisse verknüpft waren.

Im Trend: Robotik

Zuletzt richtet sich der Blick auf ein Thema, das aktuell große Aufmerksamkeit erfährt: die Robotik, insbesondere die soziale. Allen bekannt ist die Robbe PARO, ein Veteran in diesem Feld. Ihr Entwickler der Japaner Takanori Shibata forscht seit 1993 an dem therapeutischen Roboter. Seine Idee war es, dass kuscheltierähnliche Roboter einen neuen Interaktionsweg vor allem bei stark kognitiv beeinträchtigten Menschen ermöglichen sollen. Mittlerweile gibt es verschiedene soziale Roboter in Katzen-, Hunde- oder Dinosaurierform. Die Meinungen über deren Einsatz sind zwar divergent, Studienergebnisse belegen aber, dass durch den Einsatz dieser Roboter bei situationsgerechter Begleitung kurzfristig emotionale Zugänge zu Menschen mit Demenz möglich werden. 

Ein weiterer Einsatzbereich von Robotik sind sogenannte Präsenzroboter. Im Projekt Roboland der Hochschule Fulda wurden Telepräsenz-Roboter bei allein lebenden Demenzbetroffenen im ländlichen Raum eingesetzt. 
https://www.hs-fulda.de/pflege-und-gesundheit/forschung/forschungsschwerpunkte/pflegeforschung/roboland

Technisch gesehen handelt es sich um ferngesteuerte Systeme, die mit einem Monitor und einer Webcam für Videotelefonie ausgestattet sind. So können Angehörige virtuell anwesend sein und mit der demenzbetroffenen Person kommunizieren sowie die aktuelle Lebenssituation auf Grundlage der übermittelten Bilder einschätzen. 

Technik und Demenz: ein erstes Fazit

Die Beispiele verdeutlichen die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten technischer Hilfen. Letztlich sind diese jedoch nur Werkzeuge. Inwieweit deren Potenzial eine tatsächliche Hilfe und Unterstützung für den Nutzer darstellt, hängt eng mit der Qualität des Implementierungsprozesses sowie der weiteren Begleitung zusammen. Qualitätsvolle Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz entsteht somit immer aus einem erfolgreichen Zusammenwirken von Technik und zwischenmenschlicher Beziehung.

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